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THEMA: Gedichte Kapitel 38
200 Antwort(en).
Heidi_hl
begann die Diskussion am 05.04.06 (16:25) :
Friedrich Rückert
Der Jasminstrauch
Grün ist der Jasminenstrauch abends eingeschlafen. Als ihn, mit des Morgens Hauch, Sonnenlichter trafen, ist er schneeweiss aufgewacht, "Wie geschah mir in der Nacht?" Seht, so geht es Bäumen, die im Frühling träumen!
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maedel
antwortete am 05.04.06 (17:39):
Das Gänseblümchen
von Heinz Erhardt
Ein Gänseblümchen liebte sehr ein zweites gegenüber, drum rief's: "Ich schicke mit 'nem Gruß dir eine Biene 'rüber !" Da rief das andere: "Du weißt, ich liebe dich nicht minder, doch mit der Biene, das laß sein, sonst kriegen wir noch Kinder !"
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Roby
antwortete am 05.04.06 (17:40):
Hallo Friedrich – das hast du nett gesagt.
Nicht nur Bäume haben Träume
Braun war mein Haar, als mein Herz nicht mehr mitgemacht Nur Sekunden war ich am anderen Ufer der Nacht Ich hab ihn angeschrien, den Sensenmann „Hau ab, verschwinde! Ich bin noch nicht dran!“ Dann war alles weiß wie Schnee als ich aufwachte, nach der OP
Siehst du Friedrich... nicht nur Bäume werden über Nacht weiß...
zwinkert Roby
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Enigma
antwortete am 06.04.06 (08:01):
Mit deinen Augen Einmal war ich dir nah. Ich durchwuchs dein Fleisch. Ich legte meine Lider genau unter deine. Zusammen schlugen wir die Augen auf und ich sah: drei Schritte weiter ein Korbstuhl, darin ein Mann, der Zeitung las. Rainer Malkowski
Aus:Die Herkunft der Uhr, Gedichte (2004, Hanser).
Internet-Tipp: https://www.lyrikwelt.de/autoren/malkowski.htm
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Lollipop
antwortete am 06.04.06 (11:55):
Me no worry, me no care! Me go marry millionaire. When he die, me no cry. Me go marry other guy.
Verf. mir unbekannt
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Heidi_hl
antwortete am 06.04.06 (12:02):
Quelle des obigen englischen Textes:
Schiff, (Friedrich). Maskee. A Shanghai Sketchbook. (Shanghai, Privatdruck, um 1940). 4°, 24 nn. Kartontafeln (= Leporello), grüner OSeidenbezug mit fleuralem Muster, stellenweise berieben, papierbed. etw. gebräunt; insges. jed. schönes Expl. 800,00 EUR Sehr seltenes Leporello mit (21) montierten gedruckten Zeichnungen, die Schiff farbenprächtig handkoloriert hat. Am Impressum vom Künstler numeriert, am Titel signiert. Der österreichische jüdische Künstler (1908-1968) floh rechtzeitig vor den Nazis nach Asien, wo er im kosmopolitischen Shanghai Aufnahme fand und mit seinen karikaturalen Zeichnungen der Demi-Monde, der Seeleute und High Society Erfolg hatte. Seine scharfen Beobachtungen von Alltagsszenen sind mit witzigen Kommentaren versehen "Miss Shanghai: Me no worry, me no care! Me go marry millionaire! If he die - me no cry! Me go marry other guy!!" ('Maskee' bedeutet übrigens im Huang-Chinesisch "Never mind!").
www.abooks.de/TL05/deu/Ant/Roedner843.shtml
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mea
antwortete am 06.04.06 (23:04):
Annegret Kronenberg Gedichte-Garten
Er ist da !
Leise haucht der Frühlingswind "Ich bin angekommen " Und schon haben tausend Blumen , tausend Vögel ihn vernommen.
Sie schmücken sich mit bunten Kleidern , singen froh , man hört es weit. Der kalte Winter ist vergangen , nun beginnt die schönste Zeit.
Süße Düfte sich verbreiten , zieh'n geheimnisvoll ins Land. Liebe quillt aus allen Herzen , raubt so manchem den Verstand.
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Enigma
antwortete am 07.04.06 (08:33):
Zitronenfalter im April
Grausame Frühlingssonne, Du weckst mich vor der Zeit, Dem nur in Maienwonne Die zarte Kost gedeiht! Ist nicht ein liebes Mädchen hier, Das auf der Rosenlippe mir Ein Tröpfchen Honig beut, So muss ich jämmerlich vergehn Und wird der Mai mich nimmer sehn In meinem gelben Kleid.
Eduard Mörike
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maedel
antwortete am 07.04.06 (17:30):
Das erste Veilchen
von Karl Egon Ebert
Als ich das erste Veilchen erblickt, Wie war ich von Farben und Duft entzückt! Die Botin des Lenzes drückt' ich voll Lust An meine schwellende, hoffende Brust.
Der Lenz ist vorüber, das Veilchen ist todt; Rings steh'n viel Blumen blau und roth, Ich stehe inmitten, und sehe sie kaum, Das Veilchen erscheint mir im Frühlingstraum.
(vertont von Mendelsohn-Bartholdy)
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Enigma
antwortete am 08.04.06 (08:04):
Meine Liebe gleicht der Schwalbe
Meine Liebe gleicht der Schwalbe, die zwar ihre Wohnung flieht, aber immer wiederkehret und von neuem ungestöret ihr gewohntes Nest bezieht.
Meine Liebe gleicht der Blume unbeständig grünem Haupt. Hat der Frost es gleich entblößet - wenn der Mai das Eis zerflößet, steht es wieder schön belaubt.
Meine Liebe gleicht dem Schatten, der sich auf den Boden malt, mit dem Schein des Lichts entweicht, aber schnell sich wieder zeigt, wenn das Licht aufs Neue strahlt.
Johann Elias Schlegel
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maedel
antwortete am 08.04.06 (12:13):
Zum Palmsonntag
Die Weidenkätzchen
von Christian Morgenstern
Kätzchen ihr der Weide, wie aus grauer Seide, wie aus grauem Samt! O ihr Silberkätzchen, sagt mir doch, ihr Schätzchen, sagt, woher ihr stammt.
Wollen´s gern dir sagen: Wir sind ausgeschlagen aus dem Weidenbaum, haben winterüber drin geschlafen, Lieber, in tieftiefem Traum.
In dem dürren Baume in tieftiefem Traume habt geschlafen ihr? In dem Holz, dem harten war, ihr weichen, zarten, euer Nachtquartier?
Musst dich recht besinnen: Was da träumte drinnen, waren wir noch nicht, wie wir jetzt im Kleide blüh´n von Samt und Seide hell im Sonnenlicht.
Nur als wie Gedanken lagen wir im schlanken grauen Baumgeäst; unsichtbare Geister, die der Weltbaumeister dort verweilen lässt.
Kätzchen ihr der Weide, wie aus grauer Seide, wie aus grauem Samt! O ihr Silberkätzchen, ja nun weiß, ihr Schätzchen, ich, woher ihr stammt.
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Enigma
antwortete am 09.04.06 (07:34):
Altersstarrsinn Altersstarrsinn. Der Umgang. Mit Durststrecke. Und Nachsicht. Der Brückenschlag. Gemeinsam. Alterswehwehchen. Die Pflegehaft. Mit Grenzbäumen. Und Strafpunkten. Die Menschlichkeit. Einsam. Die Hilflosigkeit. Die Schwäche. Auf Raten. Und Ausgeliefertsein. Das Mitgefühl. Aus Mitleid. Die Ausgeschlossenheit. Der Ausstieg. Aus Umwelt. Und Bevormundung. Ein Wärmeverlust. Zur Unzeit. Das Abstellgleis. Der Zwangskontakt. Mit Altenteilen. Und Belanglosigkeit. Ein Urteilsspruch. Zum Abgang. Der Wegwerfdruck. Der Alleingang. Mit Beschwerden. Und Lustverlust. Die Rückschau. Ein Ausklang. Die Bindungslosigkeit. Die Entfernung. Mit Nachdruck. Und Vorwand. Die Beziehungskiste. Umgeschrieben. Die Abschiebehaft. Die Kündigung. Mit Dauerfolgen. Und Wegwurf. Das Ausgehverbot. Hintertrieben.
Internet-Tipp: https://www.gedichte-brie.de/index.htm
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Enigma
antwortete am 09.04.06 (07:37):
Nachtrag: Der Autor ist Hartmut Brie - she. Internet-Tipp!
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nopi
antwortete am 09.04.06 (10:52):
Mitleidstour
Alt sein, ist der Faulheit Lust, nicht alleine der Gebrechen, Folge ist nicht selten Frust, großes Blatt mit weißen Flächen.
Wer sich aufgibt, hängen läßt, leitet ein den Untergang, übrig bleibt ein kläglich Rest, und ein stotternder Gesang.
Angelastet wird es denen, wie's im Leben nun mal ist, die aktiv sind und nicht gähnen, und das Lernen nicht vergißt.
Mitleid, mit der faulen Brut, wird gefordert für und für, doch ich finde das nicht gut, leb mit so was Tür an Tür.
G. Nopens
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Enigma
antwortete am 09.04.06 (11:00):
:-) Ferdinand von Saar Alter
Das aber ist des Alters Schöne, daß es die Saiten reiner stimmt, daß es der Lust die grellen Töne, dem Schmerz den herbsten Stachel nimmt.
Ermessen läßt sich und verstehen die eigne mit der fremden Schuld, und wie auch rings die Dinge gehen, du lernst dich fassen in Geduld.
Die Ruhe kommt erfüllten Strebens, es schwindet des Verfehlten Pein - und also wird der Rest des Lebens ein sanftes Rückerinnern sein.
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maedel
antwortete am 09.04.06 (11:55):
*grübelgrübel*
Themenwechsel ?
heidi_hl begann mit dem "Jasminstrauch" von Friedrich Rückert.
Warum schreibt man jetzt übers Alter und seine evtl. Folgen ?
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Heidi_hl
antwortete am 09.04.06 (12:05):
Wir 'Senioren' sind halt flexibel :-))
rückblick einer greisin
einst war ich klein war traumgewaltig, voller glauben dann wurd ich gross liess alles, nur den traum nicht rauben
einst war ich gross das leben war ein karussell nun bin ich klein die zeit verging sehr schnell
einst war ich klein, einst war ich gross man sagt: ich sei debil es lebt sich jetzt so hemmungslos jedoch, es lebt sich nicht mehr viel
einst war ich leben, bald bin ich tot werd teil der erde sein, im morgenrot .. im morgenrot
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Enigma
antwortete am 09.04.06 (12:11):
Mögliche Antworten (nicht erschöpfend):
Weil dies kein Themenzentrierter Thread ist (jedenfalls ist er nicht als solcher gekennzeichnet), also alle Themen eingebracht werden können?
Weil wir uns immerhin in einem Seniorenforum befinden und dieses Thema vielleicht auch nicht ausgeklammert werden sollte?
Weil es manchmal vielleicht reizt, mehrere Facetten eines Themas in einer Art von Antwort zu beleuchten?
Außerdem sind wir ja flexibel, wie hl gerade gezeigt hat, und können zu neuen Taten übergehen. :-))
Gruß Enigma
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maedel
antwortete am 09.04.06 (12:36):
na gut ...
Das Alter
Ewig fliegt man nicht als Falter, Eines Tages kommt das Alter. Aus dem Falter wird der Falke, Aus dem Schnucki wird die Alte. Aus dem Jüngling wird der Greis, Ewig ist nur der Verschleiß. Gestern noch mit flotten Flügeln, Heute sind die Runzeln da. Da hilft kein kosmetisch bügeln,
Da hilft auch keine AOK. Wer mit flinkem Fuß gewippt hat, Schlurft nun - mit knarrendem Gelenk. Und Du merkst auf einmal deutlich: Man ist älter als man denkt. Auf des Lebens grüner Wiese Ist das duft'ge Gras gemäht, Abseits jeder Jugendkrise Lebt man funkstill und Diät.
Soll man flennen nun und jammern, Weil man nun mehr ausgeschirrt, Soll man sich an früher klammern, Weil man klammer wird? Ist in dieser engen Runde Auch die Welt nicht mehr so bunt, Freundchen auch die Abendstunde Hat noch manchmal Gold im Mund. Sei vor'm Alter nicht so feige, Ändre einfach dein Programm. Spielt man nicht mehr erste Geige, Bläst man eben auf dem Kamm.
Verfasser: unbekannt
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nopi
antwortete am 09.04.06 (12:52):
Der Blick zurück
Alter ist Zeit, in Bildern gebunden, zerhackt und geschnitten in Tagen in Stunden, in Frohsinn, in Trauer, im Werden im Sterben, um alles was Wert ist, zum Schluß zu vererben.
Die Pappel, sie raschelt und singt mir ihr Lied, sonnendurchflutet und warm ihre Rinde, alles zu seiner Zeit nur geschieht, und Bilder zerfließen wie Worte im Winde.
Das dunkle Wasser glänzt im Mond wie ein Spiegel, dein Antlitz schaut mir entgegen so rein, doch schon schlägt die Tür zu, im eisernen Riegel, und die Stimmen von damals, so winzig und klein.
Mein Tor nun so weit, erbarmungslos offen, und Schritte hallen durch endlose Gassen, begleiten mein Weg im Bangen im Hoffen, und Wünsche von einst, zerfließen verblassen.
Jetzt ist meine Zeit, sie auch zu erkennen, war wert sie, ein Leben mir zu bescheren, mich ständig gegen das Wahre zu stemmen, um am Ende, wies sei, mich selbst zu belehren.
G. Nopens
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Heidi_hl
antwortete am 09.04.06 (12:59):
Der Blick zurück ;-) (entschuldigt, wenn ich auch hier 'eigenes' bringe)
eingebrannt
wenn ich so zurück schaue sehe ich Bilder wie auf einem alten Bildschirm fest eingebrannt in vielen Schichten aufeinander schöne, traurige, böse und gute die traurigen und die bösen sind kaum zu erkennen nur ein leichtes graues Flimmern im Hintergrund des Schönen das dadurch immer schöner wird
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Enigma
antwortete am 09.04.06 (13:21):
"Eigenes" ist doch immer gut.
Aber jetzt hätten wir wirklich schon einen Themen-Thread halb gefüllt. :-))
Jugend ruft das Alter
Auch Du sahst den Sonnenfeuervogel auf den Wolken über goldene Himmel schreiten, Kennst Menschenschwächen, Menschenneid, Hast geliebt und verloren. Du, der Du alt bist, hast geliebt und verloren wie ich Alles was schön ist, doch dem Tod geboren, Bist gefolgt Deiner Fährte im eilenden Frost. Hast erwandert die Hügel bei Nacht, Hast Deinen Kopf entblösst dem lebendigen Himmel, Bist, als der Mittag kam, ins Licht gegangen, Verspürtest Freude wie ich. Obwohl uns Jahre scheiden, sind sie nichts; Jugend ruft das Alter, durch müde Jahre: "Was hast Du gefunden", ruft sie, "Wonach gesucht?" "Was Du gefunden", erwiedert das Alter in Tränen, "Wonach Du gesucht."
Übersetzung nach Dylan Thomas
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Heidi_hl
antwortete am 09.04.06 (14:43):
Meine Antwort:
Leben scheint eine einzige Anstrengung, etwas zu erreichen, dass nicht definiert ist
;-))
Internet-Tipp: https://www.hl-extra.de/gedanken.html#fragmente
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Enigma
antwortete am 09.04.06 (15:40):
... also definieren wir selbst. :-)) Danke für den Link.
Gerechtigkeit
Wenn alle je vier Äpfel hätten, wenn alle gesund und stark wären wie ein Roß, wenn alle gleich wehrlos wären in der Liebe, wenn jeder dasselbe hätte, dann brauchte keiner den andern. Ich danke DIR, daß DEINE Gerechtigkeit Ungleichheit ist; was ich habe und was ich nicht habe, sogar wofür es keine Abnehmer gibt, all das kann doch jemand nötig sein. Es gibt die Nacht, damit es den Tag gibt, es ist dunkel, damit die Sterne leuchten, es gibt die letzte Begegnung und die erste Trennung, wir beten, weil andere nicht beten, wir glauben, weil andere nicht glauben, wir sterben für die, die nicht sterben wollen, wir lieben, weil anderen das Herz erkaltet ist, ein Brief nähert, weil ein anderer entfernt... Ungleiche brauchen einander, sie verstehen am besten, daß alle auf alle angewiesen sind, und ahnen das Ganze.
Jan Twardowski (1915-2006)
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eleisa
antwortete am 09.04.06 (17:28):
Noch einmal ein Frühlingsgedicht.
Jeden Morgen in meinem Garten, öffnen neue Blüten sich dem Tag. Überall ein herrliches Erwarten, das nun länger nicht mehr zögern mag.
Matthias Claudius
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Joan
antwortete am 09.04.06 (18:33):
Auszug aus Madame Chatelets "Rede vom Glück" (Freundin Voltaires) 1747 Zwei Jahe vor ihem Tod
"Versuchen wir also,es uns gutgehn zu lassen,keinerlei Vorurteile zu haben,unsere Pläne zu verwirklichen und sie unserem Glück dienlich zu machen,unsere Leidenschaften durch Neigung zu ersetzen,mit größter Sorgfalt unsere Träume zu bewahren,niemals zu bereuen ,uns von traurigen Vorstellungen fernzuhalten und unseren Herzen nie zu erlauben ,auch nur ein Fünkchen Neigung für jemanden zu bewahren,dessen Nähe schwindet und der aufhört,uns zu lieben.Wenn man alt wird,muß man auf die Liebe eines Tages verzichten, und der Tag sollte der sein,an dem sie uns nicht mehr glücklich macht.Denken wir schliesslich daran, für alles Neue aufgeschlossen zu bleiben und durch geistiges Wachsein ein Glück zu empfinden,das in unseren Händen liegt.Nehmen wir uns vor dem Ehrgeiz in acht und vor allem seien wir uns im Klaren darüber,wo unsere Grenzen sind.Entscheiden wir uns für den Weg,den unser Leben einzuschlagen beliebte und versuchen wir ihn mit Blumen zu säumen ."....
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Enigma
antwortete am 10.04.06 (07:58):
Im Gepäck
Ich habe mitgenommen An den Schuhsohlen Der Kindheit enge Gassen Die sich festklammem an des Berges Grauen Zöpfen
In den Augen Die kleine Minze am Bach Vor dem Olivenbaum
Und im Haar Den zärtlichen Windhauch Damaszener Abende
Ich habe mitgenommen Auf dem nackten Arm Der Sonnenkarawane Spuren Beladen mit der Sehnsucht meiner Urahnen Nach den kühlenden Schatten Friedlicher Oasen
In der Seele Die Reinheit der Propheten Wie sie im Buche steht Und die Wildheit kahler Berge
Ich habe mitgenommen Auf meinen Lippen von Mutter Die Melancholie Und den Durst vom Vater Nach dem Quellfeuer aller Fraun
Adel Karasholi Aus: Wenn Damaskus nicht wäre. Gedichte
Internet-Tipp: https://www.arte-tv.com/de/kunst-musik/buchtipps/Alle_20Rezensionen/A-C/Buchmesse_20Leipzig_202005/811486,CmC=811480.html
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mea
antwortete am 10.04.06 (11:44):
Schneeregen und Kälte hier an der schwäbischen Alb , da braucht man was zum Aufmuntern und schmunzeln .
Ostergedicht !
Wenn die Hasen nicht mehr grasen ,
Denn wer mag schon grüne Eier?
Und stattdessen Ganz besessen
Weinbrand trinken und Liköre ,
Wenn der Krokus Einfach raus muß
Das die Biene ihn betöre ,
Und die Sonne Strahlt mit Wonne ,
Dann naht bald die Osterfeier!
Fridolin Wasserberg
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Enigma
antwortete am 10.04.06 (19:53):
Hallo mea,
ich mag seine Sachen auch sehr gerne.
Veilleicht je noch jemand außer uns? :-)
Fridolin Wasserburg Der Faltenbauch
Im Geäst des Haselstrauchs, Abseits aller Industrie, Ist das Nest des Faltenbauchs, Der in unsre Theorie Vom Entstehen neuer Arten Schwerlich einzufügen ist, Denn er lebt vom silberzarten Lichte, das der Mond ergießt. Ist er prall und voll des Lichtes, Legt er seinen Bauch in Falten, Und als Schlußsatz des Gedichtes Sieht man ihn Siesta halten.
Internet-Tipp: https://www.werle.com/homepage/wasserbg/seite4.htm
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maedel
antwortete am 10.04.06 (22:04):
Arm Kräutchen
Ein Sauerampfer auf dem Damm stand zwischen Bahngeleisen, machte vor jedem D-Zug stramm, sah viele Menschen reisen.
Und stand verstaubt und schluckte Qualm, schwindsüchtig und verloren, ein armes Kraut, ein schwacher Halm, mit Augen, Herz und Ohren.
Sah Züge schwinden, Züge nahen. Der arme Sauerampfer sah Eisenbahn um Eisenbahn, sah niemals einen Dampfer.
das stammt aus der Feder von Joachim Ringelnatz
Internet-Tipp: https://www.ringelnatz.net/index.html
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mea
antwortete am 10.04.06 (23:23):
Zum Wetter passend... Frühlinter
Wer im April spazieren will, was tut er ? Was beginnt er ? Er jubelt : Frühl...Dann schweigt er still und murmelt matt : Frühlinter ! Sein Schuh im Matsch macht quitsch und quatsch , halb Frühling ist's ,halb Winter. Ein bißchen plitsch , ein bißchen platsch, von jedem was : Frühlinter ! Wohin das zielt ? Was das bezweckt ? Es kommt kein Mensch dahinter. Wenn sich ein Kind mit Lust bedreckt , dann frag nicht ,was dahintersteckt. Es ist April : Frühlinter
James Krüss
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mea
antwortete am 10.04.06 (23:54):
Hallo Enigma Ich sehe grad ,dass ich Fridolin Wasserberg statt Fridolin Wasserburg geschrieben hab ,ein Versehen ,aber seine Gedichte sind einfach gut.
Jetzt wünsche ich allen eine gute Nacht ,träumt was Schönes !
Liebe Grüsse
Mea
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Enigma
antwortete am 11.04.06 (07:30):
April Georg Heym Das erste Grün der Saat, von Regen feucht, Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht. Zwei große Krähen flattern aufgescheucht Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.
Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht, So ruhn die Berge hinten in dem Blau, Auf die ein feiner Regen niedergeht, Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.
Internet-Tipp: https://gutenberg.spiegel.de/autoren/heym.htm
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Marieke
antwortete am 11.04.06 (21:02):
mea, Grüße an Dich, bevor ich schlafen gehe...ich wohne auch auf der Schwäbischen Alb! Aber der Schnee schmilzt schneller, als das im tiefen Winter der Fall wäre... Einen guten Frühling!
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mea
antwortete am 12.04.06 (09:14):
Guten Morgen Marieke , ich denke , daß es noch mehr STler hier im Ländle gibt , schön daß man sich hier treffen kann . Ja ,der Frühling...keine Jahreszeit sehne ich so herbei ! Später nochmal ein Gedicht ,wir sind ja hier bei "Gedichte", jetzt gehts zum Einkaufen.
Tschüss sagt Mea
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maedel
antwortete am 12.04.06 (11:10):
Butterblumengelbe Wiesen
Butterblumengelbe Wiesen, sauerampferrot getönt, - o du überreiches Sprießen, wie das Aug dich nie gewöhnt!
Wohlgesangdurchschwellte Bäume, wunderblütenschneebereift - ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume, wie die Brust sie kaum begreift.
Christian Morgenstern
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Enigma
antwortete am 12.04.06 (19:54):
Wohin nach dem letzten Himmel? Die Erde fasst uns nicht mehr.
Sie pfercht uns in den letzten Durchgang, wir reißen uns die Glieder ab, um hindurchzukommen. Wohin sollen wir geh’n nach den letzten Grenzen? Wohin sollen die Vögel fliegen nach dem letzten Himmel?
Mahmoud Darwish
https://www.lyrikwelt.de/autoren/darwish.htm
She. Auch Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://www.raied.com/lit/darwish.htm
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Enigma
antwortete am 14.04.06 (07:52):
Der Ölbaumgarten Gedicht zum Gründonnerstag/Karfreitag
Er ging hinauf unter dem grauen Laub ganz grau und aufgelöst im Ölgelände und legte seine Stirne voller Staub tief in das Staubigsein der heißen Hände.
Nach allem dies. Und dieses war der Schluß.. Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde, und warum willst Du, daß ich sagen muß Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.
Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein. Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein. Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
Ich bin allein mit aller Menschen Gram, den ich durch Dich zu lindern unternahm, der Du nicht bist. O namenlose Scham...
Später erzählte man: ein Engel kam -.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht und blätterte gleichgültig in den Bäumen. Die Jünger rührten sich in ihren Träumen. Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.
Die Nacht, die kam, war keine ungemeine; so gehen hunderte vorbei. Da schlafen Hunde und da liegen Steine. Ach eine traurige, ach irgendeine, die wartet, bis es wieder Morgen sei.
Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern, und Nächte werden nicht um solche groß. Die Sich-Verlierenden läßt alles los, und sie sind preisgegeben von den Vätern und ausgeschlossen aus der Mütter Schooß..
Rainer Maria Rilke Aus: Neue Gedichte (1907)
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Heidi_hl
antwortete am 16.04.06 (12:22):
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Aus: Das Stundenbuch / Buch vom Mönchischen Leben (1899)
Mit einem Ast, der jenem niemals glich, wird Gott, der Baum, auch einmal sommerlich verkündend werden und aus Reife rauschen; in einem Lande, wo die Menschen lauschen, wo jeder ähnlich einsam ist wie ich.
Denn nur dem Einsamen wird offenbart, und vielen Einsamen der gleichen Art wird mehr gegeben als dem schmalen Einen. Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen, bis sie erkennen, nah am Weinen, dass durch ihr meilenweites Meinen, durch ihr Vernehmen und Verneinen, verschieden nur in hundert Seinen ein Gott wie eine Welle geht.
Das ist das endlichste Gebet, das dann die Sehenden sich sagen: Die Wurzel Gott hat Frucht getragen, geht hin, die Glocken zu zerschlagen; wir kommen zu den stillern Tagen, in denen reif die Stunde steht. Die Wurzel Gott hat Frucht getragen. Seid ernst und seht.
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kropka
antwortete am 18.04.06 (21:16):
Die Engel
Sie haben alle müde Münde und helle Seelen ohne Saum. Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde) geht ihnen manchmal durch den Traum.
Fast gleichen sie einander alle; in Gottes Gärten schweigen sie, wie viele, viele Intervalle in seiner Macht und Melodie.
Nur wenn sie ihre Flügel breiten, sind sie die Wecker eines Winds: als ginge Gott mit seinen weiten Bildhauerhänden durch die Seiten im dunklen Buch des Anbeginns
Rainer Maria Rilke aus dem "Buch der Bilder"
Internet-Tipp: https://www.onlinekunst.de/rilke/engel.html
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kropka
antwortete am 18.04.06 (21:20):
Die Visite
Als ich aufsah von meinem leeren Blatt, stand der Engel im Zimmer.
Ein ganz gemeiner Engel, vermutlich unterste Charge.
Sie können sich gar nicht vorstellen, sagte er, wie entbehrlich Sie sind.
Eine einzige unter fünfzehntausend Schattierungen der Farbe Blau, sagte er,
fällt mehr ins Gewicht der Welt als alles, was Sie tun oder lassen,
gar nicht zu reden vom Feldspat und von der Großen Magellanschen Wolke.
Sogar der gemeine Froschlöffel, unscheinbar wie er ist, hinterließe eine Lücke, Sie nicht.
Ich sah es an seinen hellen Augen, er hoffte auf Widerspruch, auf ein langes Ringen.
Ich rührte mich nicht. lch wartete, bis er verschwunden war, schweigend.
Hans Magnus Enzensberger
ach, wanda, danke für deine empfehlung! köstlich!! https://kartki.onet.pl/931,kartki.html?&OKA=6
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Enigma
antwortete am 19.04.06 (09:13):
DIE AMSELN HABEN SONNE GETRUNKEN Die Amseln haben Sonne getrunken, Aus allen Gärten strahlen die Lieder, In allen Herzen nisten die Amseln, Und alle Herzen werden zu Gärten Und blühen wieder. Nun wachsen der Erde die großen Flügel, Und allen Träumen neues Gefieder, Alle Menschen werden wie Vögel Und bauen Nester im Blauen. Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge, Und rauschen Gesänge zur hohen Sonne, In allen Seelen badet die Sonne, Alle Wasser stehen in Flammen, Frühling Bringt Wasser und Feuer Liebend zusammen. Max Dauthendey Aus: Der Garten der Poesie. Gedichte
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Literaturfreund
antwortete am 19.04.06 (09:19):
dradio.de URL: https://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/486897/
LYRIK-KALENDER vom 19.04.2006
Mitte der 1970er Jahre geschrieben, antizipiert dieses Gedicht über alte Männer ein demografisches Phänomen der Gegenwart des 21. Jahrhunderts. Den Alten, dem dominanten soziologische Milieu der Zukunft, wird ein Gruppenbild gewidmet. Eine Spezies, die funktionslos geworden zu sein scheint, sieht sich bei ihrem eigenen Verschwinden zu.
Karl Krolow Diese alten Männer
Diese alten Männer, die niemand mehr ansieht, Hausierer mit Phantasie, reale Nullen, bei Abschaffung ihres Lebens, unter Bäumen im Park wartend auf nichts anderes als auf Vergangenheit - eine Landkarte aus Staub. Versteckte Sätze leben in ihnen weiter im trockenen Mund. Einige haben ein schönes Gesicht für Augenblicke. Beinahe körperlos, sagt man. Wer weiß etwas von diesen schmalen Figuren, die sich entfernen?
(K.K.: Der Einfachheit halber. Suhrkamp Verlag. 1977)
Der Dichter Karl Krolow (1915-1999), der bei Abfassung des Gedichts kurz vor Vollendung seines siebzigsten Lebensjahrs stand, wirbt um Verständnis für jene Einzelgänger, die in privat-lebensweltlicher wie auch metaphysischer Hinsicht obdachlos geworden sind. Die "versteckten Sätze" in ihrem Mund deuten auf ein Geschehen in der Vergangenheit, das unausgesprochen geblieben ist. Am Ende wird den Wartenden im Park eine Art Grazie zugeschrieben. Die "schmalen Figuren, / die sich entfernen", erhalten im Medium des Gedichts ihre Würde zurück. © 2006 Deutschlandradio
URL.: ein anderes Krolow-Gedicht von der eigenen Freizeit...
Internet-Tipp: https://www.hoelderlin.de/kritik/krolow.jpg
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Enigma
antwortete am 20.04.06 (17:08):
Glaubensbekenntnis
ich glaube an gott der die welt nicht fertig geschaffen hat wie ein ding das immer so bleiben muß der nicht nach ewigen gesetzen regiert die unabänderlich gelten nicht nach natürlichen ordnungen von armen und reichen sachverständigen und uniformierten ich glaube an gott der den widerspruch des lebendigen will und die veränderung aller zustände durch unsere arbeit durch unsere politik ich glaube an jesus christus, der recht hatte als er "ein einzelner der nichts machen kann" genau wie wir an der veränderung aller zustände arbeitete und darüber zugrunde ging an ihm messend erkenne ich wie unsere intelligenz verkrüppelt unsere phantasie erstickt unsere anstrengung vertan ist weil wir nicht leben wie er lebte jeden tag habe ich angst daß er umsonst gestorben ist weil er in unseren kirchen verscharrt ist weil wir seine revolution verraten haben in gehorsam und angst vor den behörden ich glaube an jesus christus der aufersteht in unser leben daß wir frei werden von vorurteilen und anmaßung von angst und haß und seine revolution weitertreiben auf sein reich hin ich glaube an den heiligen geist der mit jesus christus in die welt gekommen ist an die gemeinschaft aller völker und unserer verantwortung für das was aus unserer erde wird- ein tal voll jammer hunger und gewalt oder die stadt gottes ich glaube an den gerechten frieden der herstellbar ist, an die möglichkeit eines sinnvolleren lebens für alle menschen an die zukunft dieser welt Gottes
Dorothee Sölle
Internet-Tipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Dorothee_S%C3%B6lle
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Marina
antwortete am 20.04.06 (19:14):
Mein Atem geht
Mein Atem geht - was will er sagen?
Vielleicht: Schau! Hör! Riech! Schmeck! Greif! Lebe! Vielleicht: Gott atmet in dir mehr als du selbst. Und auch: In allen Menschen, Tieren, Pflanzen atmet Er wie in dir. Und so: Freude den Sinnen! Lust den Geschöpfen! Friede den Seelen!
Kurt Marti
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Enigma
antwortete am 21.04.06 (08:23):
Hallo Marina,
schön, von Dir und auch von Marti zu lesen. :-)
Ich habe noch zwei von Zenetti gefunden, die mir auch was sagen:
Lothar Zenetti: Einmal
Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen für den Schnee und den Wind, den Vogelflug und das Gras und die Schmetterlinge, für die Luft, die wir geatmet haben, und den Blick auf die Sterne und für alle die Tage, die Abende und die Nächte.
Einmal wird es Zeit, dass wir aufbrechen und bezahlen. Bitte die Rechnung. Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht: Ich habe Euch eingeladen, sagt der und lacht, soweit die Erde reicht: Es war mir ein Vergnügen!
Hier wird gebaut: Eine Kirche. Baustelle der Zukunft. Schauplatz kommender Ereignisse. Unbefugte haben Zutritt. Niemand ist an der Leine zu führen. Spielende Kinder sind erwünscht. Es darf gelacht werden. Bürger, entfaltet eure Anlagen. Das Betreten des Rasens ist angeboten. Hier wird gebaut: eine Kirche. Baustelle der Zukunft. Schauplatz kommender Ereignisse. Lothar Zenetti
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Enigma
antwortete am 21.04.06 (09:41):
Ich kann nicht widerstehen.Er muss hier auch noch rein, zumal er wohl auch ein Freund von Dorothee Sölle war, mit ihr korrespondiert hat:
Ernesto Cardenal
Hört mich, ihr Weltbewohner nach Psalm 49
Hört mich, alle Völker, merkt auf, ihr Weltbewohner, Plebejer und Adlige, Proletarier und Millionäre, ihr Leute aller sozialen Klassen, ich will in Sprüchen reden, in weisen Worten, begleitet von Harfenspiel: »Weshalb sollte ich mich vor jenen fürchten, die ihr Vertrauen in Banken setzen und Sicherheit von Versicherungspolicen erhoffen?
Das Leben läßt sich nicht mit einem Scheck kaufen, seine Aktien stehen so hoch, daß sie für Geld nicht zu haben sind.
Immer leben und niemals das Grab sehen – diese Police kann niemand kaufen!
Sie glaubten, sie lebten ewig und wären immer an der Macht. Alle Länder und allen Besitz, den sie zusammengeraubt, versahen sie mit ihren Namen, sie nahmen den Städten die Namen und gaben ihnen ihre eigenen.
Ihre Denkmäler standen auf allen Plätzen, aber wer erwähnt sie heute noch? Ihre Denkmäler wurden umgestürzt und die Bronzetafeln herausgerissen. Ihr Palast ist jetzt ein MausoIeum. Verlier nicht die Geduld, wenn du jemanden reich werden siehst, wenn er viele Millionen besitzt, den Ruhm seines Hauses vermehrt und ein »starker Mann« genannt wird: Im Tode wird er keine Macht mehr haben und keine Parteien. Selbst wenn zu seinen Lebzeiten die amtliche Presse verkündet: »Dich wird man ewig rühmen, denn du bist glückselig«, so wird er trotzdem sterben und das Licht nicht mehr sehen.
Aber der Mensch auf der Höhe seines Ruhmes, der alle Macht in Händen hat, der dicke, ordenbehängte Bonze sieht nicht, war los ist, er lacht und glaubt, er würde niemals sterben; er weiß nicht, daß er jenen Tieren gleicht, die zu sterben verurteilt sind am Tag des Festes.
Aus: Ernesto Cardenal Das Buch der Liebe, Lateinamerikanische Psalmen, Wuppertal, 1981, 10.Auflage
Mehr über Ernesto Cardenal:
https://www.nicaraguaportal.de/index.php?id=cardenal
Man muss ich vorstellen, dass dieser Mann, inzwischen 81jährig, im März 2006 noch unterwegs war mit der Grupo Sal zu einer Konzertlesung - she. Internet-Tipp:
Internet-Tipp: https://www.grupo-sal.de/cont_programm07.html
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Marina
antwortete am 22.04.06 (12:08):
Ja, liebe Enigma, das sind Leute, die etwas bewirkt haben auf der Welt und vor denen wir uns nur noch ziemlich klein fühlen, ich jedenfalls. Erich Fried gehört auch dazu, meine ich. :-)
Zu guter Letzt
Als Kind wußte ich: Jeder Schmetterling den ich rette jede Schnecke und jede Spinne und jede Mücke jeder Ohrwurm und jeder Regenwurm wird kommen und weinen wenn ich begraben werde
Einmal von mir gerettet muß keines mehr sterben Alle werden sie kommen zu meinem Begräbnis
Als ich dann groß wurde erkannte ich: Das ist Unsinn Keines wird kommen ich überlebe sie alle
Jetzt im Alter frage ich: Wenn ich sie aber rette bis ganz zuletzt kommen doch vielleicht zwei oder drei?
Erich Fried
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mea
antwortete am 23.04.06 (06:39):
Was es ist
Es ist Unsinn sagt die Vernunft Es ist was es ist sagt die Liebe
Es ist Unglück sagt die Berechnung Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst Es ist aussichtslos sagt die Einsicht Es ist was es ist sagt die Liebe
Es ist lächerlich sagt der Stolz Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht Es ist unmöglich sagt die Erfahrung Es ist was es ist sagt die Liebe
Erich Fried
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Heidi_hl
antwortete am 23.04.06 (10:04):
Letzte Warnung
Wenn wir nicht aufhören uns mit unseren kleinen täglichen Sorgen und Hoffnungen unserer Liebe unseren Ängsten unserem Kummer und unserer Sehnsucht zu beschäftigen dann geht die Welt unter.
Und wenn wir aufhören uns mit unseren kleinen täglichen Sorgen und Hoffnungen unserer Liebe unseren Ängsten unserem Kummer und unserer Sehnsucht zu beschäftigen dann ist die Welt untergegangen
(Erich Fried)
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gardy
antwortete am 23.04.06 (12:27):
Holder Lenz
Nun ist sie wieder da, die schöne Zeit, die ich so innig liebe. Ach, wenn die bunte Herrlichkeit doch unvergänglich bliebe!
Zu wenig ist ein Augenpaar, um alles Glück zu sehen. Wo gestern Trieb und Knospe war, heut zarte Blumen stehen.
Warum nur eilt im schönen Mai nach vielen dunklen Tagen, der Lenz an uns so schnell vorbei, willst du ihn nicht mal fragen?
Heinz Schulte
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mea
antwortete am 23.04.06 (13:14):
Liebe gibt es umsonst
Ich muß es nochmals sagen : Das Glück hat nicht viel zu tun mit Reichtum und Besitz . Das Glück kommt niemals per Postscheck und Girokonto . Kaufen kannst du Unterhaltung und Freizeitgestaltung , aber ein zufriedenes , freies Herz , das erst Freude an dem schenkt , was du alles hast , das kannst du nicht kaufen , niemals und nirgendwo .
Es ist unbezahlbar !
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"Frühling " rufen . "Sonne " rufen . Sich fangen lassen vom Licht , diesem Wunder , und vom Leben .
Sieh die Lerche , wie sie hoch am Himmel singt . Weißt du warum ? Weil sie keine Miete zahlen muß . Sieh in den Himmel und singe , weil dir die Sonne umsonst scheint .
Aus "Vergiß die Freude nicht " von Phil Bosmans
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mea
antwortete am 23.04.06 (23:48):
Möchte noch empfehlen , mal googeln : Phil Bosmans , er schreibt wunderschöne Verse . Liebe Grüsse Mea
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Enigma
antwortete am 24.04.06 (07:40):
Guten Morgen und @mea Ja, Glück (was immer das auch für das Individuum bedeutet, denn das definiert ja jeder für sich) ist häufig nicht an materielle Werte gebunden, ähnlich wie ein anderes wichtiges Gut, die Gesundheit.
Was sagt Karl Krolow dazu?
Karl Krolow Ziemlich viel Glück
Ziemlich viel Glück Gehört dazu, Daß ein Körper auf der Luft Zu schweben beginne Mit Brust, Achsel und Knie Und auf dieser Luft einem anderen Körper begegne, Wie er Unterwegs.
Die Atmosphäre macht Zwei innige Torsen aus ihnen. Unbemerkt beschreibt ihr Entzücken Zärtliche Linien in Baumkronen. Eine ganze Zeit noch Ist Ihr Flüstern zu vernehmen, Und wie sie einander Das schenken, Was leicht an Ihnen ist.
Glücklichsein beginnt immer Ein wenig über der Erde.
Und Eva Strittmatter?
Strittmatter, Eva Werte
Die guten Dinge des Lebens Sind alle kostenlos: Die Luft, das Wasser, die Liebe. Wie machen wir das bloß, das Leben für teuer zu halten Wenn die Hauptsachen kostenlos sind? Das kommt vom zu frühen Erkalten. Wir genossen nur damals als Kind Die Luft nach ihrem Werte Und Wasser als Lebensgewinn, Und Liebe, die unbegehrte, Nahmen wir leichtherzig hin. Nur selten noch atmen wir richtig Und atmen zeit mit ein. Wir leben eilig und wichtig Und trinken statt Wasser Wein. Und aus der Liebe machen Wir eine Pflicht und Last. Und das Leben kommt dem zu teuer, Der es zu billig auffaßt.
She. auch Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://www.mdr.de/doku/archiv/232389.html
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Enigma
antwortete am 24.04.06 (07:52):
Bei mir selbst
Die meisten Menschen wollen die Welt verändern, nur nicht sich selbst. Die anderen müssen sich verändern. Die da oben, sagen die unten. Die da unten, sagen die oben. Die Männer, sagen die Frauen. Die Frauen, sagen die Männer. Wir fangen an zu drohen und Druck zu machen. Wir begreifen so schwer, dass keiner ein Recht hat, andere zur Änderung zu zwingen. Nur Überzeugung, Freundschaft, Vorbild und Einsicht kann andere zur Änderung bringen. Der Mensch ist das einzige Wesen, das sich selbst bewusst zu verändern vermag. Wenn sich die Menschen nicht ändern, ändert sich nichts. Die Welt verändern? Das fang' ich immer wieder an - bei mir selbst.
Phil Bosmans
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Marina
antwortete am 24.04.06 (10:46):
Hier noch einmal Erich Fried:
Was mich mutlos macht ist daß es so schwer ist zu sehen wohin ein Weg geht zum Recht und zur sicheren Zukunft aber was mir dann wieder Mut macht ist daß es so leicht ist zu sehen wo Unrecht geschieht und das Unrecht zu hassen
Und auch wenn es nicht leicht ist gegen das Unrecht zu kämpfen so verliert man dabei doch nicht so leicht seine Richtung denn das Unrecht leuchtet so grell und verbreitet so starken Geruch daß keiner die Spur des Unrechts verlieren muß
Wenn der Weg zum Recht und zur Zukunft dunkel ist und verborgen dann halte ich mich an das Unrecht das liegt sichtbar mitten im Weg und vielleicht wenn ich noch da bin nach meinem Kampf mit dem Unrecht werde ich dann ein Stück vom Weg zum Recht erkennen
Quelle: Erich Fried "Gesammelte Werke", Gedichte 2, Berlin 1993
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Enigma
antwortete am 25.04.06 (08:35):
Danke Marina!
Und von mir auch noch einmal Mahmud Darwish „... die wichtigste poetische Stimme Palästinas..“):
Wir lieben das Leben Auch wir lieben das Leben, wo wir nur können. Wir tanzen zwischen zwei Märtyrergräbern, zwischen ihnen pflanzen wir Für die Veilchen Palmen oder errichten ein Minarett. Wir lieben das Leben, wo wir nur können, Und stehlen dem Seidenwurm einen Faden, um einen Himmel uns aufzuspannen und die Abreise einzuzäunen. Wir öffnen das Gartentor, damit der Jasmin als schöner Tag auf die Straßen hinausgeht. Wir lieben das Leben, wo wir nur können. Wenn immer wir uns niederlassen, säen wir rasch wachsende Pflanzen, Wenn immer wir uns niederlassen, ernten wir einen Toten. Wir blasen auf der Flöte die Farbe der fernen Ferne, malen auf den Staub des Weges ein Wiehern Und schreiben unseren Namen Stein für Stein Blitz, erhelle die Nacht für uns, erhell sie ein wenig. Wir lieben das Leben, wo wir nur können. Mahmud Darwish Aus: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung
Darwish hat zeitweise in Israel gelebt und auch in Ramallah. Er grenzt nicht aus! She. auch Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://www.osnabrueck.de/politik/22873.html
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Marina
antwortete am 25.04.06 (09:16):
Enigma, ich danke Dir sehr für dieses Gedicht, aber wenn Du so etwas postest, zwingst Du mich, bei Fried zu bleiben. :-)
Ein Jude an die zionistischen Kämpfer - 1988
was wollt ihr eigentlich? Wollt ihr wirklich die übertreffen die euch niedergetreten haben vor einem Menschenalter in euer eigenes Blut und in euren eigenen Kot?
Wollt ihr die alten Foltern jetzt an die anderen weitergeben mit allen blutigen dreckigen Einzelheiten mit allem brutalen Genuss der Folterknechte wie unsere Väter sie damals erlitten haben?
Wollt jetzt wirklich ihr die neue Gestapo sein die neue Wehrmacht die neue SA und S.S. und aus den Palästinensern die neuen Juden machen?
Aber dann will auch ich weil ich damals vor fünfzig Jahren selbst als ein Judenkind gepeinigt wurde von euren Peinigern ein neuer Jude sein mit diesen neuen Juden zu denen ihr die Palästinenser macht
Und ich will sie zurückführen helfen als freie Menschen in ihr eigenes Land Palästina aus dem ihr sie vertrieben habt oder in dem ihr sie quält ihr Hakenkreuzlehrlinge ihr Narren und Wechselbälge der Weltgeschichte denen der Davidstern auf euren Fahnen sich immer schneller verwandelt in das verfluchte Zeichen mit den vier Füßen das ihr nun nicht sehen wollt aber dessen Weg ihr heut geht!
Erich Fried
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Enigma
antwortete am 26.04.06 (07:22):
Hallo Marina,
wenn so etwas Gutes dabei herauskommt, lohnt es sich ja direkt, sich zu "zwingen". :-))
Aber jetzt mal wieder anders. Das hier fiel mir in die Hände:
Heimweh
Ich hörte heute morgen am Klippenhang die Stare schon. Sie sangen wie daheim, und doch war es ein andrer Ton. Und blaue Veilchen blühten auf allen Hügeln bis zur See. In meiner Heimat Feldern liegt in den Furchen noch der Schnee. In meiner Stadt im Norden stehn sieben Brücken, grau und greis, an ihre morschen Pfähle treibt dumpf und schütternd jetzt das Eis. Und über grauen Wolken es fein und engelslieblich klingt - und meiner Heimat Kinder verstehen, was die erste Lerche singt.
Agnes Miegel
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burlala
antwortete am 26.04.06 (09:32):
Liebe/r Enigma, die »schönen Worte« von Agnes Miegel glorifizierten einst in einem Poem den »größten Mörder« aller Zeiten, den sogenannten, frei gewählten, dann selbsternannten Führer des »Dritten Reiches«. Viele Menschen wissen das nicht und befördern diese »Poetin« in eine Region, wo sie eigentlich nicht hingehört. Doch Jene, die es wissen, die immer noch im Geiste, des oben erwähnten denken, fühlen sich bestätigt. Recherchiere bitte einmal in die Richtung von 1930 - 1945 über Agnes M. Sonst mag ich Deine Beiträge. Liebe Grüße Richard
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Enigma
antwortete am 26.04.06 (09:58):
Hallo burlala,
das war mir tatsächlich nicht bekannt. Ich werde, wie von Dir vorgeschlagen, recherchieren. Dadurch sehe ich sie natürlich auch "mit neuen Augen". Danke für den Hinweis. Auch liebe Grüße Helga
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burlala
antwortete am 26.04.06 (10:10):
Antrag: Umbenennung der Agnes Miegel-Straße
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
wir beantragen:
Die Agnes-Miegel-Straße wird umbenannt. Vorschlag: Lilli Bechmann-Rahn-Straße. Lilli Bechmann-Rahn stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Fürther Familie. Im Nationalsozialismus wurde ihr von der Erlanger Philosophischen Fakultät der Doktortitel aberkannt.
Begründung:
Die besonders in Vertriebenenkreisen hoch angesehene Agnes Miegel, "Mutter Ostpreußens" genannt, wurde u.a. in die "Sektion für Dichtung"der "Preußischen Akademie der Künste" berufen. In der Folge wurden der Schriftstellerin zahlreiche Preise und Auszeichnungen verliehen, so u.a. 1939 das "Ehrenzeichen der Hitlerjugend". Die NS-Frauenschaftlerin bedankte sich auf ihre Weise: 1940 trat Miegel der NSDAP bei.
Aus Miegels Feder stammen auch Hymnen auf Adolf Hitler: "Neid hat er und Bruderhaß gestillt. Unsere Herzen, hart von Not und Krieg, hat mit seinen glühenden, glaubensvollen Worten er durchpflügt wie Ackerschollen, bis ein neuer Frühling auf uns stieg".
Die Popularität der Schriftstellerin wurde auch durch die Befreiung vom NS-Faschismus nicht gebrochen. In Bad Nenndorf, wo Agnes Miegel nach Krieg und Faschismus lebte, wurde sie zur Ehrenbürgerin ernannt. Zahlreiche Straßen und Schulen erhielten den Namen der mit dem Naziregime eng verstrickten Ostpreußin. Nicht nur in der einschlägigen neofaschistischen Presse wird die Miegel heute noch geehrt. Die im Umfeld der "Landsmannschaft Ostpreußen"beheimatete "Agnes-Miegel-Gesellschaft" führt regelmäßig ihre "Agnes-Miegel-Tage" durch. Ein in Münster beheimatetes "Agnes-Miegel-Kuratorium" verleiht regelmäßig eine "Agnes-Miegel-Plakette".
Eine jährlich an ostdeutsche Dichter zu verleihende Plakette gleichen Namens war während des Nazi-Regimes von der "NS-Kulturgemeinde" gestiftet worden.
Im "Biographischen Lexikon zum Dritten Reich" (Hermann Weiß, Hg., Fischer-Verlag 1998) heißt es über Agnes Miegel u.a.: Für die Nazis war es "ein Gewinn", diese "seit über dreißig Jahren etablierte und bekannte Heimatdichterin“ in der Deutschen Dichterakademie als Aushängeschild präsentieren zu können. In der Folge zeigten sich in den Werken der ,Mutter Ostpreußens’ "Elemente einer mythologisierenden Blut-und-Boden-Romantik, die eine Affinität zu nationalsozialistischen Ideen erkennen lassen".
Mit freundlichen Grüßen
gez. Bußmann
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burlala
antwortete am 26.04.06 (10:12):
»Agnes Miegel«
Internet-Tipp: https://gruene-liste-erlangen.de-antrag
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Marina
antwortete am 26.04.06 (12:07):
Burlala, danke für deinen interessanten Beitrag und Deine Aufklärung. Ich habe daraufhin mal in meiner Literaturgeschichte nachgesehen, wie sie da beschrieben wird. Es gibt nur einen einzigen Satz über sie, ansonsten wird sie einfach übergangen und Deine Kritik voll bestätigt. Der Satz lautet: „Ein besonders trauriges Kapitel stellt das literarische Schaffen von Autorinnen wie Agnes Miegel, Gertrud von Le Fort und Ina Seidel dar, deren Werke zahlreiche Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus aufweisen.“ Aus: Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Metzler Verlag 2001, S. 446
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Enigma
antwortete am 26.04.06 (12:11):
@burlala
Danke für die Informationen. Ich kannte Agnes Miegel bisher eigentlich nur durch das Gedicht "Die Frauen von Nidden". Ihre NS-Vergangenheit war mir nicht bekannt. Umso wichtiger, das jetzt zu erfahren. Wieder jemand, der zwar schöne Worte findet, aber die falsche Überzeugung gelebt hat. Sehr traurig! Damit ist sie für mich aber auch als Dichterin erledigt.
Wurde dem Antrag eigentlich stattgegeben?
Der letzte Link funktioniert nicht bei mir.
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Marina
antwortete am 26.04.06 (12:28):
Hallo Enigma, ich habe mich auf die Suche begeben, weil der Link mich sehr interessiert hat. Hier ist der richtige:
Internet-Tipp: https://www.gruene-liste-erlangen.de/antrag/2001/miegel.htm
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hanscastorp
antwortete am 26.04.06 (13:45):
Mit Respekt vor den vielen Gedichtseiten, in denen ich auch manches mir noch Unbekannte fand, werde ich künftig ab und an eine Gedicht beisteuern, das mir gut gefiel.
Zum Einstieg:
Zwiesprache mit Rabbi Nachmann
1 Komm und schau, Denken ist der Anfang aller Dinge.
2 Um im Kampfe zu bestehen, dachte er an jedem Morgen: nur dieser eine Tag sei ihm noch gegeben.
3 Kundig des Flüsterns, vernahm er die Gesänge der Kräuter, die Rede des Feldes ging ein in die seine.
4 Das Jenseits nahm er herüber ins Diesseits, ließ es in ihm walten, sein größerer Teil war schon dort.
5 Gott hatte Verlangen nach der Wildnis des Herzens wie nach einer Oase, die den Durst stillt.
6 Er wohnte in einem Haus, dessen Fenster auf den Friedhof gingen, das Haus des Lebens, wie ihn die Juden nennen.
7 Nichts fällt ins Leere, auch nicht die Worte und die Stimme des Menschen.
Cyrus Atabay
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Marina
antwortete am 26.04.06 (15:08):
Sehr schön Dein Gedicht. Hier noch etwas aus dem Persischen:
Komm, o Frühling meiner Seele, Welten wieder mache neu! Licht am Himmel, Glanz auf Erden, hoch und nieder mache neu! Setze mit dem Sonnenknaufe blau der Lüfte Turban auf, Und der Fluren grünen Kaftan, holder Chidher, mache neu. Mache Wiesen frisch von Kräutern und von Sprossen Haine jung, Rosen-Schnürbrust und der Lilie schlankes Mieder mache neu. Schmelze mit dem Hauch des Winters Helm und Panzer, mit dem Blick Brich den Frostspeer; unsern Frieden, Weltbefrieder, mache neu. Ohne Ostwind ist die Luft tot und der Rosen Odem stockt. Aus dem Schlummer weck' den Ostwind, sein Gefieder mache neu! Roll' in Donnern, geuß aus Wolken auf die Erde Moschusflut, Laß von Kopf zu Fuß uns baden, alle Glieder mache neu! Pinie schlägt im Winde Pauken, Platanus mit Händen Takt. Hauch der Liebe, deine Traumdüft' unterm Flieder mache neu! Reben ringeln sich an Ulmen zur Verehrung Gottes auf, Veilchen küssen Staub; Lenzandacht, o Gebieter. mache neu! Hyanzinthe kost mit Tulpen, und von Rosen Nachtigall, Turtel girret süße Weisen; Parsilieder mache neu! Zünd' in Blüten Opferfeuer, Weihrauchglut in Düften an, Und als Flöten alle Gräser, Rohr' und Rieder mache neu! Laß die Blätter Zungen spitzen, Liebesfragen auf der Flur Zu verhandeln, ihren Scharfsinn für und wider mache neu! Hörst du? Frühluft, Frühroth, Frühlicht ruft: Steh früh im Frühling auf, Freund, mit Frühtau deines Geistes Augenlider mache neu, Daß du Lenzgeheimnis schauest! Blumenschmelz ist Alchimie: Festgeschmeid' im bunten Feuer, rüst'ger Schmieder, mache neu!
Mewlana Dschelaleddin Rumi. (Übersetzt von Friedrich Rückert)
Internet-Tipp: https://gutenberg.spiegel.de/rueckert/mewlana/mewlana.htm
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Enigma
antwortete am 26.04.06 (16:44):
Bin wieder da. :-) @Marina Danke für Link und Gedicht. @hanscastorp Ja bitte, wenn Du kannst, wäre es schön, mehr von Dir zu lesen. Ich hatte übrigens auch einzelne Gedichte von Atabay gelesen. Eines, das mir auch gut gefallen hatte, stelle ich jetzt ein:
Schutzfarben
Da habe ich mich verstellt um meine Verfolger zu täuschen da habe ich mich totgestellt um dem Henker zu entkommen da habe ich mir die Gedanken meiner Häscher geborgt: und doch war in all der Zeit der Traum, den ich träumte, unversehrt, in all der Zeit in der ich die Schäden litt so weit, daß ich mir selbst unkenntlich wurde, indes mein Traum mich erkannte. - Cyrus Atabay -
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hanscastorp
antwortete am 26.04.06 (17:28):
Risse des Himmels
Im Labor der Träume Wird das Lied dieser Stunde gehämmert
Stunde des flüchtigen Doms Stunde der Zahlenkette Auf die alle Sterne gereiht sind
Einsame Stunde der Stirn Unter dem nächtlichen Messer Das aus den Rissen des Himmels ragt
Im Labor der Träume Stirbt der Tod
Johannes Poethen 1956
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Enigma
antwortete am 26.04.06 (19:29):
Gefällt mir.
FLÜSTERNDE DÖRFER
Obwohl unsere Städte ständig versuchen uns den Himmel vertrauter zu machen indem sie Aussichtspunkte Balkone Terrassen bereitstellen Obwohl sie behaupten man sehe von oben den womöglich zärtlichsten Punkt im All eine übergroße Murmel mit blauem Zentrum und sie uns Treppen und Aufzüge hochlocken uns die Sicherheiten zeigen Geländer und Netze die Schönheit der Leuchtreklamen Laster so klein dass wir uns selber riesig vorkommen Obwohl wir vom Lärm da unten fast schon betört sind hören wir manchmal das Flüstern der Dörfer und manchmal glauben wir etwas davon und springen wie Supermann
Silke Scheuermann Aus: Der zärtlichste Punkt im All. Gedichte She. auch Internet-Tipp!
PS Bist Du Fan vom "Zauberberg"?
Internet-Tipp: https://www.hugendubel.de/Detail.aspx?gid=1467748
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burlala
antwortete am 27.04.06 (09:07):
Liebe Enigma (alias Helga) auf deine Frage, ob die Agnes-Miegel-Straße in Erlangen umbenannt wurde? Die Antwort aus Erlangen: STADT ERLANGEN Bürgermeister und Presseamt Büro für aktive Bürgerinnen und Bürger Brigitte Bänsch Schuhstraße 30 D-91052 Erlangen
Sehr geehrter Herr Eickstädt, hiermit komme ich zurück auf meine E-Mail vom 26.04.06, in der ich Ihnen den Eingang Ihres Anliegens bestätigt hatte. Mir liegt nun die Stellungnahme des Fachbereiches vor und ich möchte Sie darüber informieren. Frau Jacobsen vom Amt für Stadtentwicklung und Stadtplanung teilte mir mit, dass die Agnes-Miegel-Straße mit Beschluss des Umwelt-, Verkehrs- und Planungsausschusses vom 05.02.2002 NICHT umbenannt wird. Für Fragen steht Ihnen Frau Jacobsen unter der Rufnummer 86-13 11 gerne zur Verfügung. Sehr geehrter Herr Eickstädt, ich bedauere Ihnen keine andere Antwort geben zu können.
Mit freundlichen Grüßen I. A.
Brigitte Bänsch
Liebe Grüße Richard (alias burlala)
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Enigma
antwortete am 27.04.06 (14:02):
Hallo burlala (Richard),
das tut mir leid, dass die Initiative keinen Erfolg hatte. Da ist bei uns (ich wohne in einer Stadt im Ruhrgebiet) eine ähnliche Sache anders, nämlich mit Erfolg, gelaufen. Als durch einen Zeitungsartikel über die nationalsozialistische Vergangenheit des Namensgebers der Schule berichtet wurde, haben die Gremien beschlossen, die Schule umzubenennen. Heute trägt sie den Namen von Anne Frank. Das passierte in den Neunziger Jahren.
Vielleicht probiert Ihr es noch einmal?
Auch liebe Grüße Helga
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Marina
antwortete am 27.04.06 (15:18):
Natureingang (frei nach Geoffrey Chaucer)
Ach wenn April mit milden Schauern des Lebens dürre Adern bis zur Wurzel badet und Zephyrs süßer Atemhauch die Triebe all in Wald und Feld zu kurzem Dauern ladet und schon die junge Sonne halb den Bogen vom Widder bis zum Stiergehörn durchzogen und wenn Erinnerung aus fließendem Verfall den Blick erhebt: wie Vögel nachts mit offnen Augen schlafen – o dann beginnt die Zeit auch mir den Sinn zu weiten: Vergangenheit die nicht gelebt Winter da wir uns nicht trafen sind nichtig wenn ein altes Herz sich neu erhebt.
Noch mit gebrochnen Lyren und vom Frost verstimmten Saiten: auf deinem Ufer blumenreich entfaltet von Gezeiten muss ich mit Sonnenlicht gerüstet dir entgegenreiten. © Wolfgang Hilbig Entstanden: 2001 Aus: unveröffentlichtem Manuskript
Internet-Tipp: /seniorentreff/de/J2dCscDWw
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Enigma
antwortete am 29.04.06 (18:38):
Hallo Marina, sorry, ich konnte nicht eher. Gefällt mir sehr gut: "(frei nach Geoffrey Chaucer)".
Ich stelle jetzt ein Gedicht von Robert Frost in Übersetzung ein. Der Originaltext kann dem Internet-Tipp entnommen werden. Es soll eine Übersetzung von Paul Celan geben. Ich weiß aber nicht genau, wer die nachfolgende Version übersetzt hat. Vielleicht gibt es jemanden, der das weiß und uns mitteilen kann. :-))
Robert Frost Die verpasste Straße
Zwei Straßen gingen ab im gelben Wald, Und leider konnte ich nicht beide reisen, Da ich nur einer war; ich stand noch lang Und sah noch nach, so weit es ging, der einen Bis sie im Unterholz verschwand;
Und nahm die andre, grad so schön gelegen, Die vielleicht einen bessern Weg versprach, Denn grasbewachsen kam sie mir entgegen; Jedoch, so weit es den Verkehr betraf, So schienen beide gleichsam ausgetreten,
An jenem Morgen lagen beide da Mit frischen Blättern, noch nicht schwarz getreten. Hob mir die eine auf für'n andern Tag! Doch wusste ich, wie's meist so geht mit Wegen, Ob ich je wiederkäm, war zweifelhaft.
Es könnte sein, dass ich dies seufzend sag, Wenn Jahre und Jahrzehnte fortgeschritten: Zwei Straßen gingen ab im Wald, und da – Wählt' ich jene, die nicht oft beschritten, Und das hat allen Unterschied gemacht.
Internet-Tipp: https://www.ottosell.de/pynchon/frost.htm
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dirgni
antwortete am 29.04.06 (22:11):
Hallo Enigma,
ich hab mich im Netz ein wenig umgesehen:
obige Überseztung ist von Eric Boerner. https://home.arcor.de/berick/illeguan/english2.htm
von Walter A. Aue findest Du eine Übersetzung auf Seite https://myweb.dal.ca/waue/Trans/Frost-Road.html
und von Paul Celan: https://www.geocities.com/Athens/Chariot/3474/trans/trans_en.htm#page15
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Enigma
antwortete am 30.04.06 (08:23):
Hallo dirgni,
da hätte ich ja auch fleißiger suchen können. :-)) Danke, dass Du das freundlicherweise für mich besorgt hast. So kann ich dann auch noch die Übersetzung von Celan einstellen:
Robert Frost DER UNBEGANGENE WEG
In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander, und ich, betrübt, daß ich, ein Wandrer bleibend, nicht die beiden Wege gehen konnte, stand und sah dem einen nach so weit es ging: bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.
Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener, und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt, denn er war grasig und er wollt begangen sein, obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten, sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.
Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte. Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf! Doch wissend, wie's mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt, erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.
Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr: Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander, und ich - ich schlug den einen ein, den weniger begangnen, und dieses war der ganze Unterschied.
Übersetzung: Paul Celan
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mea
antwortete am 01.05.06 (08:04):
Ich wünsche allen einen wunderschönen "Guten Morgen im Wonnemonat Mai " Die Sonne lacht vom blauen Himmel was wollen wir mehr !
Mailied
Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne ! Wie lacht die Flur !
Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch ,
Und Freud und Wonne Aus jeder Brust . O Erd , o Sonne ! O Glück , o Lust !
O Lieb , o Liebe , So golden schön , Wie Morgenwolken Auf jenen Höhn !
Du segnest herrlich Das frische Feld , Im Blütendampfe Die volle Welt .
Johann Wolfgang von Goethe
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Enigma
antwortete am 01.05.06 (10:29):
Hallo mea,
Dir und den anderen Foristen auch einen schönen "Maientag". :-)
Keine Chance
Sechs Meter Asphalt, zwanzig Autos in einer Minute, ein Pferdefuhrwerk. Die Bärenraupe weiß nichts von Autos, sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist, weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds. Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst. Sie hat Lust auf Grün. Man müßte hinüber. Keine Chance. Sechs Meter Asphalt. Sie geht los, geht los auf Stummelfüßen, zwanzig Autos in der Minute, geht los ohne Hast, ohne Furcht, ohne Taktik. Fünf Laster, ein Schlepper, ein Pferdefuhrwerk, geht los, und geht und geht und geht und kommt an.
Rudolf Otto Wiemer
Die Nachkommen von Wiemer haben für ihn eine schöne Homepage eingerichtet. Und wenn auch kommerzielle Interessen dabei sicher nicht ausgeschlossen sind (was ich für legitim halte), so zeigt es doch m.E. auch, dass sie ihm ein ehrendes Gedenken bewahren wollen - she. Internet-Tipp! -
Internet-Tipp: https://www.rudolf-otto-wiemer.de/14201.html
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Marina
antwortete am 01.05.06 (11:07):
Danke für die schönen Gedichte. Das von Robert Frost fand ich besonders schön, sogar philosophisch, einerseits fast existentialistisch, andererseits erinnerte es mich an „Herkules auf dem Scheideweg“. Deshalb hier noch ein kleines Gedicht mit der Thematik und ein Link zu dem Mythos von Herkules. Mit einem schönen Bild.
Am Scheideweg Ich wollt dir die Stirn küssen und dir sagen: hab Dank! Aber da war ein Licht in deinen Augen wie Morgenglut auf unerklommenen Bergwäldern; und dem haben wir folgen müssen, schweigend.
Richard Dehmel
Internet-Tipp: https://www.unet.univie.ac.at/~a9725261/Scheideweg.htm
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Marina
antwortete am 01.05.06 (11:08):
Und ein besonders schönes Mai-Gedicht schenke ich Euch auch: -:)
Lyrisches Intermezzo I
Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Knospen sprangen, Da ist in meinem Herzen Die Liebe aufgegangen. Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Vögel sangen, Da hab ich ihr gestanden Mein Sehnen und Verlangen.
Heinrich Heine
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hanscastorp
antwortete am 01.05.06 (12:20):
WIE TRIFFT ES DEIN HERZ
Immer ist von den Veilchen die Rede, Die der blaue Frühling bringt, Und nicht von den Gräsern, die der späte Donauwind in einander verschlingt Im März. Kelche, o, blasse, entblühen dem Rasen - Wie trifft es dein Herz! Und die ersten mageren Bienen Suchen nach ihnen und blasen Ihren Gesang noch ganz still, Anfang April.
Dann wird es lauter, Dann strotzt es im Licht. Grün rauschen die Bäume, Die Wasser an schwellenden Ufern vorbei. Hell tönt das Geschrei Der Sumpfdotterblumen Im Donaudickicht Im Mai.
Georg Britting
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Marina
antwortete am 01.05.06 (12:55):
Lieber Hans Castorp, Deine Texte sind sehr schön, aber Du solltest bei modernen Autoren unbedingt immer die Quelle angeben, sonst könntest Du Probleme mit den Urheberrechtsbestimmungen kriegen. Selbst mit Quellenangabe ist das nicht so ganz ohne, ich bin da auch manchmal etwas unvorsichtig. :-)
Guck mal im untenstehenden Link: "Zitate von Autoren sind bis 70 Jahre nach deren Ableben urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung/ Veröffentlichung kann also Unterlassungs- und Schadenersatz-Ansprüche zur Folge haben."
Internet-Tipp: https://www.rettet-das-internet.de/zitate.htm
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Enigma
antwortete am 01.05.06 (14:08):
Hallo Marina, schönen Dank für das Gedicht, den Link und das wirklich noch schönere Bild. Der arme Herakles: Vor solch eine Wahl gestellt... :-))
Sehr schön, das Maigedicht von Heine. Ich habe auch eines, mit einem hochwirksamen Zauber, allerdings nicht so ganz ernst zu nehmen, eher etwas ironisch:
Hermann Löns Liebeszauber
Und willst und willst du mich nicht lieben, O Maienzeit, o Süßigkeit, Das soll und soll mich nicht betrüben, O Maienzeit, o Bitterkeit; Ich weiß das edle Kräutlein blühn, Habmichlieb, das Kräutlein grün, Kräutlein grün, Blümlein rot Hilft bei Liebesnot. Zur Liebe will ich dich bekehren O Maienzeit, o Süßigkeit, Du kannst und kannst es mir nicht wehren, O Maienzeit, o Bitterkeit; Ich weiß das edle Kräutlein blühn, Habmichlieb, das Kräutlein grün, Kräutlein grün, Blümlein rot Hilft bei Liebesnot. Und hab’ und hab’ ich es gefunden, O Maienzeit, o Süßigkeit, So bleibst und bleibst du mir verbunden, O Maienzeit, o Bitterkeit; Ich weiß das edle Kräutlein blühn, Habmichlieb, das Kräutlein grün, Kräutlein grün, Blümlein rot Hilft bei Liebesnot.
So, jetzt wißt Ihr Bescheid, mit den Kräutlein...:-)))
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mea
antwortete am 02.05.06 (00:17):
Zum Lieben sind wir nie zu alt
Zum Lieben sind wir nie zu alt ! Wohl dem , der drob nicht streitet . Und solang er durchs Dasein wallt , Von Liebe ist geleitet !
Ob jünger , älter um manch Jahr ! Wird Lieb' um das sich kümmern ?! Was tut's , ob hier und dort ein Haar Am Scheitel grau mag schimmern?!
Frägt Liebeslust , frägt Liebesleid , Ob Kümmernisse haben In's Antlitz mit dem Pflug der Zeit Manch Furche schon gegraben ?!
Ohn' Liebe leben wäre arg ! Drum altert nicht die Liebe ! Und so lang Kraft noch webt im Mark , Besel'gen ihre Triebe !
Es liebt der Mensch , so lang er leibt Und gleicht darin der Linde , Die immer junge Triebe treibt Trotz - tausendjähr'ger Rinde !
Sidonie Grünwald-Zerkowitz (1852-1907) Aus " Das Gretchen von heute "
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mea
antwortete am 02.05.06 (10:12):
Hallo Marina ,als ich gestern deinen Link las (01.05.06.12.55 )bin ich etwas erschrocken..... Heute kommt in " Plusminus " dazu vielleicht Interessantes , Thema : Internet...Dubiose Abmahnungen....Urheber-und Lizenzrechte....mal sehen , ob es auch uns betrifft ? LG Mea
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hema
antwortete am 02.05.06 (10:46):
Das Veilchen
Ei Veilchen, liebes Veilchen so sag doch endlich an warum gehst du ein Weilchen den Blumen all voran?
Weil ich bin gar so kleine drum komm ich vor dem Mai. Denn käm ich nicht alleine, gingst du an mir vorbei !
Quelle: ???
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Marina
antwortete am 02.05.06 (11:01):
Frühlingsglaube Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und weben Tag und Nacht, Sie schaffen an allen Enden. O frischer Duft, o neuer Klang! Nun, armes Herze, sei nicht bang! Nun muß sich alles, alles wenden. Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muß sich alles, alles wenden.
Ludwig Uhland
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Enigma
antwortete am 02.05.06 (13:39):
Jetzt schwelgen wir aber...:-)
Hölty, Ludwig Christian (1748-1776) Mailied
Der Anger steht so grün, so grün, die blauen Veilchenglocken blühn und Schlüsselblumen drunter. Der Wiesengrund ist schon so bunt, und färbt sich täglich bunter. Drum, komme, wem der Mai gefälllt, und freue sich der schönen Welt und Gottes Vatergüte, die diese Pracht hervorgebracht, den Baum und seine Blüte.
vertont von Schubert
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Marina
antwortete am 06.05.06 (09:40):
Siehe, auch ich - lebe
Also ihr lebt noch, alle, alle, ihr, am Bach ihr Weiden und am Hang ihr Birken, und fangt von neuem an, euch auszuwirken, und wart so lang nur Schlummernde, gleich - mir.
Siehe, du Blume hier, du Vogel dort, sieh, wie auch ich von neuem mich erhebe... Voll innern Jubels treib ich Wort auf Wort... Siehe, auch ich, ich schien nur tot. Ich lebe!
Christian Morgenstern
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Enigma
antwortete am 06.05.06 (16:18):
Kurt Tucholsky, 1890 - 1935
Erst wollte ich mich dir in Keuschheit nahn. Die Kette schmolz. Ich bin doch schließlich, schließlich auch ein Mann, Und nicht aus Holz.
Der Mai ist da. Der Vogel Pirol pfeift. Es geht was um. Und wer sich dies und wer sich das verkneift, Der ist schön dumm.
Denn mit der Seelenfreundschaft ? liebste Frau, Hier dies Gedicht Zeigt mir und Ihnen treffend und genau: Es geht ja nicht.
Es geht nicht, wenn die linde Luft weht und Die Amsel singt ? Wir brauchen alle einen roten Mund, Der uns beschwingt.
Wir brauchen alle etwas, das das Blut Rasch vorwärtstreibt ? Es dichtet sich doch noch einmal so gut, Wenn man beweibt.
Doch heller noch tönt meiner Leier Klang, Wenn du versagst, Was ich entbehrte öde Jahre lang ? Wenn du nicht magst.
So süß ist keine Liebesmelodie, So frisch kein Bad, So freundlich keine kleine Brust wie die, Die man nicht hat.
Die Wirklichkeit hat es noch nie gekonnt, Weil sie nichts hält. Und strahlend überschleiert mir dein Blond Die ganze Welt.
:-))
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Marina
antwortete am 07.05.06 (10:35):
Frühling
Über Hecken schaun bunte Sträuße Apfelblüten, Schneeball und Syringen. Blonde Mädels bummeln singend durch den Frühling. Mit dem Goldstaub eines frühen Schmetterlings spielt die Sonne. Lerchen steigen jubelnd in den Äther. In die Einsamkeit der Höhen flüchte ich vor diesem lauten Feiern. Unter mir im Glanz der Sonne weitet sich das buntgeschmückte Land. Doch bis zum höchsten Gipfel dringt ein Klingen, leises Flüstern. Immer stärker wird das Raunen und zum Jauchzen wächst der Ruf Frühling, Frühling! Kehre traurig diesem Feste Pans den Rücken und verkrieche mich im Dunkel schwarzer Tannen.
Hermann Harry Schmitz
Internet-Tipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Harry_Schmitz
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Enigma
antwortete am 07.05.06 (16:51):
Ja Marina, den mag ich auch, den Hermann Harry Schmitz. :-)
Und den hier kennt wahrscheinlich jeder:
Wilhelm Busch Wer sich der Poesie vermählt...
Wie wohl ist dem, der dann und wann Sich etwas Schönes dichten kann! Der Mensch, durchtrieben und gescheit, Bemerkte schon seit alter Zeit, Daß ihm hienieden allerlei Verdrießlich und zuwider sei... Im Durchschnitt ist man kummervoll Und weiß nicht, was man machen soll.- Nicht so der Dichter. Kaum mißfällt Ihm diese altgebackne Welt, So knetet er aus weicher Kleie Für sich privatim eine neue Und zieht als freier Musensohn In die Poetendimension, Die fünfte, da die vierte jetzt Von Geistern ohnehin besetzt. Hier ist es luftig, duftig, schön, Hier hat er nichts mehr auszustehn... So auch der Dichter.- Stillbeglückt Hat er sich was zurechtgerdrückt und fühlt sich nun in jeder Richtung Befriedigt durch die eigne Dichtung. Doch guter Menschen Hauptbestreben Ist, andern auch was abzugeben. Der Dichter, dem sein Fabrikat Soviel Genuß bereitet hat. Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn, Auch andern damit wohlzutun; Und muß er sich auch recht bemühn, Er sucht sich wen und findet ihn; Und sträubt sich der vor solchen Freuden, Er kann sein Glück mal nicht vermeiden... Und rauschend öffnen sich die Spalten Des Manuskripts, die viel enthalten. Die Lippe sprüht, das Auge leuchtet... "Vortrefflich!" ruft des Dichters Freund; Dasselbe, was der Dichter meint; Und, was er sicher weiß zu glauben, Darf sich doch jeder wohl erlauben. Wie schön, wenn dann, was er erdacht, Empfunden und zurechtgemacht... Oh, wie beglückt ist doch ein Mann, Wenn er Gedichte machen kann!
Vorausgesetzt, dass sie sich trauen, wären sicher auch beglückt die Frauen. :-))
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Marina
antwortete am 07.05.06 (23:24):
Ja, und das Copyrightgesetz und Geldabschneider hier im Netz macht Frauen wieder kreativ, so dass der Musenkuss sie rief zu finden selber einen Reim, und holde Dichtkunst, oh wie fein, erblühet neu aus ihrer Feder und drängt hinaus aus dem Katheder, will sich entfalten wie die Blüte des Frühlings, dienen dem Gemüte, auf dass es fröhlich darf genesen von deutschem Abmahnerunwesen. Denn merke: eigner Dichtung Kunst versagt dem Abmahner die Gunst. Nicht möglich ist’s dem Beutelschneider zu schröpfen mich für Werke meiner Hirnwindungen, dortselbst entsprungen, und mühsam daraus abgerungen. Drum freut euch, denn das Abmahnwesen kann gerne meine Werke lesen, verdient nichts an dem eignen Geist, der größte Ärger hier ist meist, dass es vergeblich sucht nach Beute, denn im ST die böse Meute versagt ihm unehrlichen Lohn und überschüttet es mit Hohn.
:-)))
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mea
antwortete am 08.05.06 (00:05):
Hallo Marina !
Super !! Dein Gedicht ! richtig so !
Ich bringe hier ein's von meinem Mann , da hab ich ja das Urheberrecht .
Frühlingserwachen !
Das Land ist wie mit grünem Flaum bezogen . Die leichte Briese ist schon richtig lau . Und hat mein Blick mich nicht getrogen Seh' ich dazwischen Farben , gelb und blau . Die ganze Scala seh' ich schon , Wie zufällig mit leichter Hand gemacht . Ich sehe Farben hier in jedem Ton , Ein Anblick , daß mein Herz vor Freude lacht . Vom Himmelsdom hör' ich es zart ertönen , Noch etwas zaghaft ist der Lerche Sang , Ich muß mich erst daran gewöhnen , Ein Falter taumelt dort die Wiese lang . Glückstrunken werf' ich mich in die Arme Der grad' erwachten Mutter Erde Und blinzle in die Sonn' , die warme , Hoffend , daß endlich Frühling werde .
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Enigma
antwortete am 08.05.06 (08:54):
Na also!
Aber Ihr habt vergessen, Euer Copyright-Zeichen anzugeben. :-)))
Joachim Ringelnatz Zu einem Geschenk
Ich wollte Dir was dedizieren Nein, schenken; was nicht zuviel kostet, Aber was aus Blech ist, rostet Und die Messinggegenstände oxydieren. Und was kosten soll es eben doch. Denn aus Mühe mach ich extra noch Was auch hinzu, auch kleine Witze. Wär' bei dem, was ich besitze, Etwas Altertümliches dabei Doch was nützt Dir meine Lanzenspitze! An dem Bierkrug sind die beiden Löwenköpfe schon entzwei Und den Buddha mag ich selber leiden. Und du sammelst keine Schmetterlinge Die mein Freund aus China mitgebracht. Nein das Sofa und so große Dinge Kommen überhaupt nicht in Betracht. Außerdem gehören sie nicht mir. Ach, ich hab' die ganze letzte Nacht Rumgegrübelt, was ich Dir Geben könnte. Schlief deshalb nur eine Allerhöchstens zwei von sieben Stunden, Und zum Schluß hab' ich doch nur dies kleine Lumpige beschißne Ding gefunden. Aber gern hab ich für dich gewacht. Was ich nicht vermochte, tu du's: Drücke du Nun ein Auge zu. Und bedenke Daß ich Dir fünf Stunden Wache schenke. Laß mich auch in Zukunft nicht in Ruh
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Marina
antwortete am 08.05.06 (19:14):
Frühling der Seele
Aufschrei im Schlaf; durch schwarze Gassen stürzt der Wind, Das Blau des Frühlings winkt durch brechendes Geäst, Purpurner Nachttau und es erlöschen rings die Sterne. Grünlich dämmert der Fluß, silbern die alten Alleen Und die Türme der Stadt. O sanfte Trunkenheit Im gleitenden Kahn und die dunklen Rufe der Amsel In kindlichen Gärten. Schon lichtet sich der rosige Flor.
Feierlich rauschen die Wasser. O die feuchten Schatten der Au, Das schreitende Tier; Grünendes, Blütengezweig Rührt die kristallene Stirne; schimmernder Schaukelkahn. Leise tönt die Sonne im Rosengewölk am Hügel. Groß ist die Stille des Tannenwalds, die ernsten Schatten am Fluß.
Reinheit! Reinheit! Wo sind die furchtbaren Pfade des Todes, Des grauen steinernen Schweigens, die Felsen der Nacht Und die friedlosen Schatten? Strahlender Sonnenabgrund.
Schwester, da ich dich fand an einsamer Lichtung Des Waldes und Mittag war und groß das Schweigen des Tiers; Weiße unter wilder Eiche, und es blühte silbern der Dorn. Gewaltiges Sterben und die singende Flamme im Herzen.
Dunkler umfließen die Wasser die schönen Spiele der Fische. Stunde der Trauer, schweigender Anblick der Sonne; Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden. Geistlich dämmert Bläue über dem verhauenen Wald und es läutet Lange eine dunkle Glocke im Dorf; friedlich Geleit. Stille blüht die Myrthe über den weißen Lidern des Toten.
Leise tönen die Wasser im sinkenden Nachmittag Und es grünet dunkler die Wildnis am Ufer, Freude im rosigen Wind; Der sanfte Gesang des Bruders am Abendhügel.
Georg Trakl
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Enigma
antwortete am 09.05.06 (17:54):
Danke, Marina
Und jetzt komme ich auch mit einer Mehrfachbegabung, die nicht neu ist, aber für mich doch interessant:
William Blake:
The Garden of Love I went to the Garden of Love, And saw what I never had seen; A Chapel was built in the midst, Where I used to play on the green. And the gates of this Chapel were shut And "Thou shalt not," writ over the door; So I turned to the Garden of Love That so many sweet flowers bore. And I saw it was filled with graves, And tombstones where flowers should be; And priests in black gowns were walking their rounds, And binding with briars my joys and desires.
William Blake: Der Garten der Liebe
Ich begab mich zum Garten der Liebe und sah, was noch nie ich gesehn: Eine Kirche gebaut in der Mitte, wo ich pflegte zum Spielen zu gehn. Und die Pforte der Kirch' war verschlossen und "Du Sollst Nicht" graviert überm Tor; So ging ich zum Garten der Liebe, wo Blumen blühten zuvor. Und ich sah ihn gefüllt mit Gräbern und statt Blumen Grabsteine nur, wo schwarze Pastoren, dem Rundgang verschworen, mit Dornen verstricken mein Lust und Entzücken. Übersetzt von Walter A. Aue
Hier kann man etwas mehr über den Übersetzer erfahren: https://myweb.dal.ca/waue/index.html
Und hier sind Kopien des Malers (und auch Kupferstechers) Blake zu bewundern: https://www.reproarte.com/K%c3%bcnstler/William_Blake/index.html Davon gefallen mir schon einige, und nicht nur wegen des materiellen Wertes.
Wer noch mehr über Blake wissen will - she. Internet-Tipp! -
Internet-Tipp: https://www.william-blake.de/
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Marina
antwortete am 15.05.06 (18:17):
In einem anderen Thread ist von Flüchtlingen, Asylanten und der "Saat des Fremdenhasses" die Rede. Aus diesem Anlass möchte ich ein Gedicht von Brecht einstellen. Auch er war im Exil wie viele andere Deutsche, die in unseligen Zeiten in anderen Ländern ihre Zuflucht fanden.
Über die Bezeichnung Emigranten (1937)
Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten. Daß heißt doch Auswanderer. Aber wir Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß Wählend ein anderes Land. Wanderten wir doch auch nicht Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer. Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte. Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns aufnahm. Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen Warten des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling Eifrig befragend, nichts vergessend und nicht aufgebend Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend. Ach, die Stille der Stunde täuscht uns nicht! Wir hören die Schreie Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen Über die Grenzen. Jeder von uns Der mit zerissenen Schuhn durch die Menge geht Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt. Aber keiner von uns Wird hier bleiben. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Bertolt Brecht
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Enigma
antwortete am 15.05.06 (18:56):
Da passen auch diese Überlegungen:
Brecht: GEDANKEN ÜBER DIE DAUER DES EXILS
I
Schlage keinen Nagel in die Wand Wirf den Rock auf den Stuhl Warum vorsorgen für vier Tage? Du kehrst morgen zurück.
Laß den kleinen Baum ohne Wasser. Wozu noch einen Baum pflanzen? Bevor er so hoch wie eine Stufe ist Gehst du froh weg von hier.
Zieh die Mütze ins Gesicht, wenn Leute vorbeigehn! Wozu in einer fremden Grammatik blättern? Die Nachricht, die dich heimruft Ist in bekannter Sprache geschrieben
So wie der Kalk vom Gebälk blättert (Tue nichts dagegen!) Wir der Zaun der Gewalt zermorschen Der an der Grenze aufgerichtet ist gegen die Gerechtigkeit.
II
Sieh den Nagel in der Wand, den du eingeschlagen hast: Wann, glaubst du, wirst du zurückkehren? Willst du wissen, was du im Innersten glaubst?
Tag um Tag Arbeitest du an der Befreiung Sitzend in der Kammer schreibst du.
Willst du wissen, was du von deiner Arbeit hältst? Sieh den kleinen Kastanienbaum im Eck des Hofes Zu dem du die Kanne voll Wasser schlepptest!
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Marina
antwortete am 16.05.06 (19:15):
Danke Enigma, zwischen diesen beiden Gedichten hatte ich geschwankt, welches ich einstellen soll. So haben wir sie nun beide. :-) Hier kommt noch ein Exilautor:
Kleines Gespräch mit unerwartetem Ausgang
"Der Herrgott saß auf Wolkenkissen und sah sich seine Erde an. Was braust herauf? Sieh da, das is'n Aeroplan.
Ein Offzier grüßt freundlich lächelnd. 'Gestatten! Schwaben Nummer Vier!' - und die Propeller surren fächeln - 'Wir sind nu hier!'
Was sagen Sie zu unserm Siege? Wir brachen spielend den Rekord. Wozu? Wir brauchen das zum Kriege...' 'Zum Krieg? Zum Mord!'
'Erlauben Sie, Sie sind zu schwächlich...' 'Und wer gab euch das viele Geld -?' 'Das Volk! Das Volk war es hauptsächlich Vom Rhein zum Belt.'
'Das Volk? Hat es so krumme Nacken? Ist denn bei euch das Volk so dumm?' Hier lachte Gott aus vollen Backen. Man kippte um."
Kurt Tucholsky
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Enigma
antwortete am 17.05.06 (08:19):
Danke Marina,
auch vor 1933- 1945 haben ja Deutsche ihr Land verlassen (müssen), u.a. Georg Herwegh und auch sein ursprüngliches Vorbild Heinrich Heine, mit dem die Herweghs später in Paris soziale Kontakte pflegten. Von Heine haben wir hier schon viel gelesen. Von Herwegh möchte ich das folgende Gedicht einstellen:
O Freiheit, Freiheit Freiheit, Freiheit! Nicht wo Hymnen schallen, In reichgeschmückten fürstlichen Arkaden - Freiheit! Du wohnst an einsamen Gestaden Und liebst die Stille, wie die Nachtigallen. Du fliehest das Geräusch der Marmorhallen, Wo trunkne Schlemmer sich im Weine baden, Du läßt in Hütten dich zu Gaste laden, Wo Tränen in die leeren Becher fallen. Ein Engel nahst du bei verschlossnen Türen, Stellst lächelnd dich an deiner Treuen Bette Und horchst der himmlischen Musik der Kette. Nicht stolze Tempel wollen dir gebühren, Drin wir als Opfer unsern Stolz dir bieten - Wärst du die Freiheit, wenn wir vor dir knieten?
Georg Herwegh
Mehr über das Leben und Wirken von Herwegh she. Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://www.schule.de/schulen/GHO/fachbereiche/deutsch/herwegh.htm
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Marina
antwortete am 17.05.06 (10:45):
Ja Enigma, gut, dass Du darauf hinweist, dass es Verfolgung und Gründe zur Flucht schon vorher gab. Dann stelle ich noch ein Gedicht von Georg Weerth ein, der wie Herwegh und Heine zu den Dichtern des Vormärz gehörte und vorübergehend wegen seines sozialistischen Engagements inhaftiert wurde.
Die deutschen Verbannten in Brüssel
Und in den Kaffeehäusern von Brüssel, Da saßen sie und weinten Und hingen die Paletots an die Wände Und tranken Mokka mit Zucker und Kognak Und seufzten und jammerten sehr - wenn Dein sie gedachten, germanische Heimat!
Verbannte waren's. Der Zorn des Sechsunddreißigeinigen deutschen Bundestag-Gottes verstieß sie - Stieß sie hinaus, die Geächteten, Lieblos hinaus in des Auslands Weiche, sammetgepolsterte Sessel.
Sinnend schaut ich sie oft; und entsetzt dann Hört ich, wie laut sie zu klagen Erhoben: "O weh uns! Nimmer Essen wir jetzt mehr deinen Pumpernickel, Westfalen! und Posen, deine Kapusta!
Nicht mehr rauschen die Fichten uns deiner Seligen Steppen, o Uckermark! Nicht mehr Fühlen den Biß wir deiner Kasernen-Wanzen, o Preußen! Und nicht mehr Sinken entzückt wir an deine Gänsebrüste, ambrosisches Pommern!
Nicht mehr tönet der Männer der Bernsteinküst liberales Gejammer Erfreulich ins Ohr uns! - Nicht mehr Werden wir Dome erbaun und Betrinken mit euch uns, ihr Heiligen Kölner!
Ferne die Heimat! Ferne ja alles, was Reiz noch dem Leben verlieh und das Dasein Köstlich machte - und traurig Sitzen wir, ach, wir großen, blonden Teutonen nun unter den kleinen Bräunlichen Belgiern!
Müssen Burgunder trinken und Leid'gen Champagner und Austern Essen, Ostender, Fasanen und tête de Veau en tortue und was sonst noch Bietet die Fremde an kaum wohl Genießbaren Sachen!
Müssen statt lieblich deutscher Vergißmeinnicht-Kinder des Auslands Schwarzumlockte brennende Rosen jetzt küssen und Tanzen Cancan am Sabbat, wo sonst wir Brünstig gebetet in Odins ragenden Tempeln.
Müssen allein jetzt wandern den dorn'gen Lebensweg, nicht länger bewacht von Väterlichen Gendarmen, die gern uns Stets daheim geschützt vor der Pest Moderner Ideen und Hochverrätrischer Tollheit!
Ach! Verlassen sind wir; und ihr nur Nehmet noch Anteil an uns, ihr teuren Vaterländ'schen Spione und du, o Repräsentant der preuß'schen Nation, du Hehrer, gewaltiger Graf, du Henckel von Donnersmarck!!" -
Also sangen sie wohl in Brüssel, die Deutschen Verbannten; - ich hört sie Klagen im Café des Arts und Im Café Suisse und im Café der Tausend Säulen - und Wehmut Drang durch die liebende Brust mir.
Georg Weerth (1822-1856)
Mehr über ihn hier:
Internet-Tipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Weerth
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Enigma
antwortete am 17.05.06 (16:56):
Gefällt mir gut, Marina, sowohl das Gedicht als auch die Information per Internet-Tipp!
Jetzt komme ich aber wieder auf eine ganz andere Schiene. Der Name Fritz Eckenga ist sicher ziemlich bekannt. Mir gefallen einige seiner Gedichte sehr gut. Und nachdem ich heute um 10.50 Uhr im Radio (WDR 2 - Kabarett) ihn und seinen “Fußballmanager A” hören konnte, kam ich auf die Idee, Herrn Eckenga anzuschreiben und ihn um Erlaubnis zum Einstellen von Gedichten hier im Seniorentreff zu bitten. Ich schrieb um 11.08 Uhr und um 12.54 hatte ich seine Antwort und die Erlaubnis, die übrigens sehr, sehr nett formuliert war . Er schickte mir zwei Gedichte mit. Das erste passt in ein Seniorenforum sicher besonders gut, stammt aus seinem neuesten Buch und heißt: “Das Methusalem-Kompott” :-)):
Das Methusalem-Kompott
Wer wird warten, wenn ich gehe? Wer wird gehen, wenn ich bleib? Wer wird schieben, wenn ich stehe? Wer wird lesen, wenn ich schreib?
Wer wird mich im Knast besuchen, respektiv Seniorenstift? Wer backt mir nen Marmorkuchen? Wer hilft mir in‘ Treppenlift?
Wer reicht mir die Schnabeltasse? Wer spielt mit mir dressed to kill? Wer schiebt mich auf die Terrasse, wenn ich eine rauchen will?
Wer bringt mir den Stuhl mit Pfanne, hebt mich trotz der Flatulenz, samstags in die Badewanne, für die Fußballkonferenz?
Sechzehn Zeilen letzte Fragen. Och, das ging ja ganz schön flott. Muss noch einen Titel tragen: Das Methusalem-Kompott.
So – jetzt noch die Rechnung schicken: info@imalterfit. Macht dreihundert schlanke Mücken, speichern, senden, weg damit!
Honorar – und niemals Rente! Bis zum letzten Altersreim! Nichts Püriertes! Nur al dente! Kommt mir nicht mit Haferschleim!
Fritz Eckenga
Das zweite hat mit Fußball zu tun (ich hatte um ein Fußballgedicht gebeten): Und das geht so:
Herrgott, hilf Horst!
Lass uns tiefe Räume finden, lass uns eng und sicher stehn, lass die Kräfte uns nicht schwinden, lass uns freie Männer sehn.
Lass uns hinten keinen kriegen, mach, dass uns das Glück mal lacht, lass uns heute vorne liegen, mach, dass Horst heut einen macht.
Horst traf sonst aus allen Lagen, links wie rechts und früh wie spät. Trifft heut keinen Möbelwagen, wenn er direkt vor ihm steht.
Horst hat jetzt seit dreizehn Wochen, keinen für uns reingehaun, Horst hat voll die Pest am Knochen, ist nur noch am Scheiße baun.
Herrgott, Horst darf nicht versieben! Gib ihm eine Möglichkeit! Loben wolln wir Dich und lieben: Hoch die Tür, das Tor mach weit!
Fritz Eckenga
Beide Gedichte aus:: "Du bist Deutschland? Ich bin einkaufen", Edition Tiamat, Berlin 2006.
Und hier kann, wer will, hören, was er heute in der “Westzeit” zu sagen hatte: https://www.wdr.de/radio/wdr2/westzeit/kabarett/151942.phtml
Internet-Tipp:
Internet-Tipp: https://www.eckenga.de/
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Marina
antwortete am 18.05.06 (15:50):
Wunderbar, danke Enigma. Köstlich auch der Titel seines neuen Buches „Du bist Deutschland? Ich bin Einkaufen“. Immer am Puls der Zeit. :-)
Und dass Du Dir die Mühe machst, die Leute anzuschreiben, finde ich wirklich sehr verdienstvoll. Da ich mich dazu nicht aufraffe, muss ich wegen der Abmahnhaie wieder etwas Gesetzteres einstellen. :-) Hier etwas von Johann Christian Günther, das, wie ich meine, auch schon fast satirische Qualitäten hat:
Auf die Verstellung derer Frauenzimmer
Mädchen, stellt euch nicht so spröde Und entflieht uns nicht so fern! Scheint gleich euer Antlitz blöde, Hat es doch das Herze gern. Küßt man euch, so heißt es dahlenTändeln, albern sein; Ich versteh wohl, das sind Schalen, Darum wollt ihr nur den Kern.
Wenn wir etwan Rosen brechen Und in Busen stehlen gehn, Wollt ihr flugs mit Nadeln stechen Und den Galgen gleich erhöhn; Ja, ihr flucht wohl um die Wette Und entlauft uns bis zum Bette, Nur damit wir schärfer stehn.
Meint nicht, daß es niemand merke, Wie es euch geheim verdreußt, Wenn man zu dem süßen Werke Gar zu fromm und christlich heißt; Denn da könnt ihr bei den Schwestern Dessen Einfalt gut verlästern, Der sich gar zu feig erweist.
Wenn ihr uns den Mund entrücket, Wollt ihr nur gezwungen sein, Wenn man den nun ernstlich drücket, Hört man keine Feuer schrein. Kurz, ihr pfleget in dem Lieben Nie kein Wasser zu betrüben, Sondern plumpt mit uns hinein.
Johann Christian Günther (1695-1723)
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Enigma
antwortete am 19.05.06 (07:28):
Liebe Marina,
ich stelle gerne auch etwas "Gesetzteres" ein, besonders, wenn es so nett ist wie das Gedicht von Johann Christian Günther. Glücklicherweise finde ich auch viele Sachen schön von Dichtern, die nicht (mehr) dem Urheberrecht unterliegen. :-)
Und so antworte ich Günther jetzt mit Günther: :-))
Die verworfene Liebe Ich habe genug. Lust, Flammen und Küße Sind giftig und süße Und machen nicht klug. Komm, selige Freyheit und dämpfe den Brand, Der meinem Gemüte die Weisheit entwand. Was hab ich getan! Jetzt seh ich die Triebe Der törichten Liebe Vernünftiger an; Ich breche die Fessel, ich löse mein Herz Und hasse mit Vorsatz den zärtlichen Schmerz. Was quält mich vor Reu? Was stört mir vor Kummer Den nächtlichen Schlummer? Die Zeit ist vorbei. O köstliches Kleinod, o teurer Verlust! O hätt ich die Falschheit nur eher gewußt! Geh, Schönheit, und fleuch! Die artigsten Blicke Sind schmerzliche Stricke; Ich mercke den Streich. Es lodern die Briefe, der Ring bricht entzwei Und zeigt meiner Schönen: Nun leb ich recht frei. Nun leb ich recht frei Und schwöre von Herzen, Daß Küssen und Scherzen Ein Narrenspiel sei; Denn wer sich verliebet, der ist wohl nicht klug. Geh, falsche Syrene, ich habe genug! Johann Christian Günther (1695-1723)
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Marina
antwortete am 20.05.06 (13:32):
Seepferdchen
Als ich noch ein Seepferdchen war, Im vorigen Leben, Wie war das wonnig, wunderbar Unter Wasser zu schweben. In den träumenden Fluten Wogte, wie Güte, das Haar Der zierlichsten aller Seestuten Die meine Geliebte war. Wir senkten uns still oder stiegen, Tanzten harmonisch umeinand, Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand, Wie Wolken sich in Wolken wiegen. Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn Auf dass ich ihr folge, sie hasche, Und legte mir einmal im Ansichziehn Eierchen in die Tasche. Sie blickte traurig und stellte sich froh, Schnappte nach einem Wasserfloh, Und ringelte sich An einem Stengelchen fest und sprach so: Ich liebe dich! Du wieherst nicht, du äpfelst nicht, Du trägst ein farbloses Panzerkleid Und hast ein bekümmertes altes Gesicht, Als wüsstest du um kommendes Leid. Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnass! Wann war wohl das? Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen? Es ist beinahe so, dass ich weine - Lollo hat das vertrocknete, kleine Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.
Joachim Ringelnatz: (1883 - 1934)
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Enigma
antwortete am 22.05.06 (08:59):
Antonin Sova (1864-1928) Teiche
Die Teiche Böhmens sind wie Silberschalen, Gebettet in das satte Grün der Auen, Auf ihre Spiegel Wolkenschatten fallen. Wie traumverschleiert sanfte Augen schauen Die Schnepfe klagt im Röhricht nah dem Rande, Und Enten Regenbogenflügel breiten, Gereckt den Hals mit kupfergrünem Bande, Entflirrt der Zug in sonndurchglühte Weiten. Der Kalmus atmet: lau und linde steigen Die Grummetdüfte nach dem heißen Tage, In sanftgekühlten Wellen schwingt das Schweigen. Und etwas seufzt darin wie die ewige Klage.
(Ü.: Paul Eisner)
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Literaturfreund
antwortete am 22.05.06 (09:41):
Enigma: Dank für den Hinweis auf Antonín Sova. Ich fand eine reimlose Übersetzung der „Teiche“.
Antonín Sova: Teiche (Übersetzung von Josef Mühlberger)
Die Teiche Böhmens sind geschmolznes Silber, das aus den Schatten unter Wolken funkelt; gebettet in das satte Grün der Wiesen, sind sie der Landschaft friedvoll stille Augen. Die Schnepfe wehklagt aus dem Schilf des Ufers, die Wasserente tändelt mit den Regenbogenfarben in ihrem grünlich schimmernden Gefieder und schwingt sich in den glühnden Sonnenstaub der Weite; im herben Duft des Kalmus steigt die Kühle, weht mit dem süßen Hauch des Grummets übers Land, der kühle Frieden atmet in den Wellen, und etwas steigt daraus wie ew'ge Wehmut. * (Aus: Linde und Mohn. Tschechische Lyrik aus 1000 Jahren. Übertragen von Josef Mühlberger. Nürnberg 1962. S. 41)
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Enigma
antwortete am 22.05.06 (10:25):
Hallo Literaturfreund,
die von Dir eingestellte Übersetzung ist auch sehr, sehr schön. Hast Du zufällig auch ein Gedicht von Jan Neruda (nach dem Pablo Neruda sich benannt hat)? Leider ist es mir bisher nicht gelungen, im "Netz" etwas zu finden.
Danke und Gruß Enigma
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Literaturfreund
antwortete am 22.05.06 (12:59):
JAN NERUDA: IM LAND DES KELCHES (Übersetzt von Josef Mühlberger)
Anderswo scheint die Sonne - bei uns ist's kalt. Anderswo weht ein Wind - bei uns ist Sturm erwacht. Anderswo ist man fröhlich und wird gelacht, unserem Herzen tut das Leid Gewalt.
O Gott, wie herb schufst da unser Land! Herb ist der Acker, hart des Bauern Hand, herb die Berge, die Täler können nie fröhlich sein,' herb sind die Felder, herb unser Wein, herb was gewesen, erinnern fällt schwer, herb die Zukunft, hoffnungsleer, herb das Lied des Volkes, herb unsre Rede geht, herb unsrer Lippen Fluch, und bitter das Gebet.
Nirgendwo anders konnte die wunderliche Legende entstehn: Zur weißen Kapelle im Waldtal siehst du Herrn Jesus gehn, täglich liest er dort die heilige Messe allein. Die Glocke klingt von selbst. Die Winde singen. Täglich opfert sich Herr Jesus aufs neue in Brot und Wein.
Nirgendwo anders konnte diese Legende entstehn als im Land, wo Tod und Hoffnung sich vereinten, in dem herben Land, wo ringsum die Höhn zum Kelch der Bitternis versteinten. * Jan Nerudas (1834-1891) Gedicht »Im Land des Kelches« steht in dem Gedichtband »Friedhofsblumen« (1858) und ist der Ausdruck des Schmerzes über die nationale Unfreiheit. Das Sinnbild des Kelches ist ein religiöses und politisches Symbol: es ist der husitischen Bewegung entnommen, der Antwort auf die größte tschechische Demütigung; doch wird es zugleich Sinnbild des Leidens schlechthin. Traditionell Volkstümliches verbindet sich hier wie so oft bei den Tschechen mit Religiösem und Sozialem. * Man findet tatsächlich keine Gedichte vom Neruda im Netz!
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Enigma
antwortete am 22.05.06 (16:25):
Danke, Literaturfreund!
Ein ehemaliger Chef war immer der Ansicht, dass man nicht alles wissen könnte, aber wissen müßte, wer es weiß.....:-)) Das hat sich mal wieder bewahrheitet!
Jetzt kenne ich zumindest ein Gedicht von Jan Neruda,dessen Kurzbiografie ich vorher gelesen hatte.
Das Gedicht klingt schon sehr resigniert oder schicksalsergeben für mich. Was für eine Formulierung:"... Nirgendwo anders konnte diese Legende entstehn als im Land, wo Tod und Hoffnung sich vereinten....". Danke noch einmal!
Und jetzt komme ich - herum um die Tschechen - :-)) zurück auf das schöne Gedicht, das Marina eingestellt hat, und in Anbetracht der kommenden Weltmeisterschaft lasse ich Ringelnatz auch was zum Thema Fußball sagen:
Ringelnatz, Joachim (1883-1934) Fußball
Wo sind die Beine von Schulze? Wem gehört denn das Knie? Wirr wie lebendige Sulze Mengt sich die Anatomie. Ist das ein Kopf aus Australien? Oder Gesäß aus Berlin? Jeder versucht Repressalien, Jeder läßt keinen entfliehn. Hat sich der Schiedsrichter bemeistert, Lange parteilos zu sein; Aber nun brüllt er begeistert: "Schulze, stell ihm ein Bein!" Kannst du dich über ihn werfen Just wie im Koi, dann tu's.
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Marina
antwortete am 23.05.06 (15:09):
Wieder etwas gelernt. Jan Neruda kannte ich nicht. Sehr witzig, das Fußball-Gedicht. ob das der Lehmann vor kurzem gelesen hat? :-)
Hier ein Gedicht, das ich zufällig beim Googeln auf der Suche nach Gedichten entdeckt habe, vielleicht ähnlich melancholisch wie Jan Neruda:
Schwarzer Stein auf weißem Stein
Ich werde sterben in Paris, mit Wolkenbrüchen, schon heut erinnre ich mich jenes Tages. Ich werde sterben in Paris, warum auch nicht, an einem Donnerstag vielleicht, wie heut, im Herbst. Ein Donnerstag wird sein; denn heut, am Donnerstag, da ich dies sage, tun mir meine Knochen weh; noch nie wie heute hab ich mich allein und meinen Weg erblickt von unserm Ende her. Tot ist César Vallejo. Eingeschlagen habt ihr auf ihn. Er hat euch nichts getan. Mit einem Stock gabt ihr ihm Saures, Saures mit einem Tau. Die Donnerstage sind seine Zeugen, Zeugen seine Knochen, der Regen, die Verlassenheit, die Strassen ... César Vallejo (übersetzt von H.M. Enzensberger)
Und hier noch ein Artikel über Vallejo:
Internet-Tipp: https://www.matices.de/22/22rvalle.htm
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Enigma
antwortete am 23.05.06 (17:00):
Hallo Marina,
nicht nur der Jens Lehmann hat das gelesen, sondern wahrscheinlich auch viele andere Fußballer! Aber der Lehman sicher auch.;-))
Da hast du aber gut gesucht! Ein oder zwei Gedichte von César Vallejo kannte ich von einer Seite von J. Beilharz, einem Deutschen, der selbst schreibt und auch übersetzt. Ich suche mal den Link. Der von Dir eingegebene ist wirklich sehr informativ. Danke! Ja, Du hast recht. Das Gedicht ist sehr melancholisch..... In der Zwischenzeit habe ich noch einmal über Jan Neruda nachgedacht und möchte noch einmal kurz auf ihn zurückkommen. Inzwischen denke ich nämlich, dass, wenn er auch sein Land und dessen Situation nicht idealisierte, sondern realistisch beschrieb, er doch, als Person, als Literat, als Journalist, nicht resignierte, sondern - ganz im Gegenteil - versuchte, den Menschen immer nahe zu sein, wie seine folgende Aussage zeigt: "Es ist vor allem notwendig, daß wir lernen, die Menschen zu verstehen, daß wir ihre Nöte, Ihre Freuden und Leiden studieren, wir brauchen also z.B. in der Hauptsache getreue Erzählungen aus dem Leben, Bilder von Menschen aller Schichten, Sammlungen wahrhaftiger Beispiele einer nicht erdachten und wirklichen Erfahrung." (Diesen Satz habe ich natürlich irgendwo abgeschrieben).:-)) War es so, dass ihn also das wirklich leidvolle Schicksal seines Landes mit den ständig wechselnden Machtverhältnissen traurig machte, nicht aber „das Leben und die Menschen an sich“? Ich weiß es natürlich auch nicht, und er kann es uns nicht mehr sagen....
Seine'Kleinseitner Geschichten' habe ich mir inzwischen bestellt (gab`s gebraucht und günstig bei Amazon), weil ich sehr neugierig bin auf diese Schilderungen ,die eine liebevolle Beschreibung des Alltags von Prager Bürgern sein sollen.
Und damit hier auch ein Gedicht steht, stelle ich eines von Jiri Wolker ein, dessen Werke nicht mehr dem Urheberrechtsschutz unterliegen, weil er - leider - früh verstorben ist.:
Der Briefkasten
Der Briefkasten an der Straßenecke ist nicht einfach irgendein Ding. Er blüht blau, und alle Leute sind ihm zugetan, vertrauen sich ihm gänzlich an, werfen Briefe hinein von zwei Seiten, von der einen die traurigen, von der andern die heitren. Die Briefe sind weiß wie Blütenstaub und warten auf Züge, auf Schiffe und auf einen Menschen, daß er sie in die Fernen ausstreut wie Hummel und Wind, dorthin, wo Herzen sind, roten Blütennarben, versteckt in rosiger Hülle. Und ist ein Brief am Ziele, wachsen Früchte drauf, süße oder herbe. Jiri Wolker
Mehr zu Jiri Wolker - she. Internet-Tipp! - Und durch diesen Link bin ich auch weitgehend auf “die Tschechen” gekommen.
Internet-Tipp: https://www.vykoupil.de/homewalkts_frame.htm
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Enigma
antwortete am 23.05.06 (17:22):
Nachstehend ein weiteres Gedicht von Vallejo und die versprochene Fundstelle. Dort findet man noch viele Gedichte von ausländischen Poeten, teils in deutscher Übersetzung, teils in der Originalsprache:
CÉSAR VALLEJO
ES GIBT IM LEBEN SO SCHWERE SCHLÄGE Es gibt im Leben so schwere Schläge ... ich kanns nicht verstehn. Schläge wie Gottes Zorn. Als ob vor ihnen alles, das Treibgut jedes Leids, in den Brunnen der Seele schwemmte ...! Ich kanns nicht verstehn. Es kommt selten. Aber es kommt ... sie öffnen tiefe Gräben im stolzesten Gesicht und auf dem stärksten Rücken. Vielleicht sind sie die Rosse barbarischer Attilas oder die schwarzen Boten, die der Tod uns schickt. Sie sind der tiefe Fall des Christus in unsrer Seele, eines angebeteten Glaubens, den das Geschick beschimpft. Diese blutigen Schläge sind das Knistern eines Brotes, das in der Tür des Ofens uns verbrennt. Und der Mensch ... so arm ... so arm! Er hebt die Augen wie einer, der eine Hand auf der Schulter fühlt, er hebt die irren Augen, und alles, was er gelebt hat staut sich im Schacht des Blicks wie eine Pfütze von Schuld. Es gibt im Leben so schwere Schläge ... ich kanns nicht verstehn.
Internet-Tipp: https://www.jbeilharz.de/
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Marina
antwortete am 24.05.06 (14:56):
Danke Enigma. Dann stelle ich noch einen Link ein mit der Schilderung einer Begegnung zwischen Vallejo und Beilharz. Wir hatten Beilharz schon einmal bei anderen Übersetzungen hier, war das nicht Sylvia Plath? Ich finde dieses letzte Gedicht entsetzlich düster, er muss eine Menge Schlimmes erlebt haben. Sprachlich toll, sehr eindringlich und bei aller Düsternis leidenschaftlich.
Hier ein anderes Gedicht:
Tod der Armen Es ist der Tod, der Trost und Leben schenkt; Er ist das Ziel, das einzig Hoffnung macht, Ein Elixier, das uns berauschend tränkt, Und Mut gibt, durchzuhalten bis zur Nacht, Durch Sturm und Schnee ist er das schwache Licht, Für uns am dunklen Horizont entzündet; Ist jene Bleibe, die das Buch verspricht, wo man zur Rast ein Mahl und Schlummer findet, Ein Engel, dessen Finger lockend zeigen Den Schlaf und Träume, die uns übersteigen; Armen und Nackten er ein Bett bereitet; Der Götter Ruhm, der Speicher, der nie leer, Der Armen Beutel, Heimat von jeher, Das Tor, das uns zu fremden Himmeln leitet!
Charles Baudelaire (1821-1867)
Und hier der Link:
Internet-Tipp: https://www.jbeilharz.de/poetas/vallejo/guillen-vallejo.html
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Enigma
antwortete am 25.05.06 (08:55):
Hallo Marina,
ja, über Beilharz hatten wir es schon einmal. Und der „Tod der Armen“ paßt absolut in unsere „Düsternis-Serie“.
Aber der heutige Tag ist ja geprägt vom Gedanken der Auferstehung. Und da habe ich vor einiger Zeit ein Gedicht gelesen, das für mich zu diesem Thema passt und das man in einigen Predigten und auch als Lied in Gesangbüchern wiederfinden kann. (Darum mache ich mir hier auch über die Urheberrechte, die ich nicht eindeutig feststellen konnte, keine Gedanken, da Text und Lied bereits einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden). Es ist jedenfalls für mich einer der schönsten Texte in Gedichtform überhaupt. Außerdem bin ich der Meinung, dass dieses Gedicht , das von einem nach meinem Empfinden absolut ungewöhnlichen Mann namens Fritz Rosenthal, der 1935 aus Deutschland nach Palästina emigrierte und sich später Schalom Ben-Chorin nannte, geschrieben wurde, von ihm für alle Menschen gedacht war. Wenn man bedenkt, dass das Gedicht 1942 entstanden ist und weiß, was in diesen Jahren geschah, ist es umso erstaunlicher, was dieser Mann an Versöhnungsbereitschaft und Liebe schon zu diesem Zeitpunkt ausstrahlte.
Schalom Ben-Chorin "Das Zeichen" [1942]
Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt. Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering, in der trübsten Zeit. Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht. Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.
Später setzte Schalom Ben Chorin seine Bemühungen um einen christlich-jüdischen Dialog in Wort und Tat aktiv fort. Und viele seiner Bücher sind im lokalen und auch im Internet-Buchhandel zu beziehen.
Mehr über Schalom Ben Chorin she. Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Schalom_Ben-Chorin
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Marina
antwortete am 25.05.06 (11:10):
Danke Enigma, daas Gedicht kenne ich tatsächlich auch als Kirchenlied.
Dann setze ich zu Ehren des heutigen Tages ein Himmelfahrtsgedicht von einem anderen jüdischen Dichter ein:
Himmelfahrt
Der Leib lag auf der Totenbahr, Jedoch die arme Seele war, Entrissen irdischem Getümmel, Schon auf dem Wege nach dem Himmel.
Dort klopft' sie an die hohe Pforte, Und seufzte tief und sprach die Worte: Sankt Peter, komm und schließe auf! Ich bin so müde vom Lebenslauf - Ausruhen möcht ich auf seidnen Pfühlen Im Himmelreich, ich möchte spielen Mit lieben Englein Blindekuh Und endlich genießen Glück und Ruh!
Man hört Pantoffelgeschlappe jetzund, Auch klirrt es wie ein Schlüsselbund, Und aus einem Gitterfenster am Tor Sankt Peters Antlitz schaut hervor.
Er spricht: »Es kommen die Vagabunde, Zigeuner, Polacken und Lumpenhunde, Die Tagediebe, die Hottentotten - Sie kommen einzeln und in Rotten, Und wollen in den Himmel hinein Und Engel werden und selig sein. Holla! Holla! Für Galgengesichter Von eurer Art, für solches Gelichter Sind nicht erbaut die himmlischen Hallen - Ihr seid dem leidigen Satan verfallen. Fort, fort von hier! und trollt euch schnelle Zum schwarzen Pfuhle der ewigen Hölle.«
So brummt der Alte, doch kann er nicht Im Polterton verharren, er spricht Gutmütig am Ende die tröstenden Worte: »Du arme Seele, zu jener Sorte Halunken scheinst du nicht zu gehören - Nu! Nu! Ich will deinen Wunsch gewähren, Weil heute mein Geburtstag just Und mich erweicht barmherzige Lust - Nenn mir daher die Stadt und das Reich, Woher du bist; sag mir zugleich, Ob du vermählt warst? - Ehliches Dulden Sühnt oft des Menschen ärgste Schulden; Ein Ehmann braucht nicht in der Hölle zu schmorn, Ihn läßt man nicht warten vor Himmelstoren.«
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Marina
antwortete am 25.05.06 (11:13):
Fortsetzung:
Die Seele antwortet: Ich bin aus Preußen, Die Vaterstadt ist Berlin geheißen. Dort rieselt die Spree, und in ihr Bette Pflegen zu wässern die jungen Kadette; Sie fließt gemütlich über, wenns regent - Berlin ist auch eine schöne Gegend! Dort bin ich Privatdozent gewesen, Und hab über Philosophie gelesen - Mit einem Stiftsfräulein war ich vermählt, Doch hat sie oft entsetzlich krakeelt, Besonders wenn im Haus kein Brot - Drauf bin ich gestorben und bin jetzt tot.
Sankt Peter rief: »O weh! o weh! Die Philosophie ist ein schlechtes Metier. Wahrhaftig, ich begreife nie, Warum man treibt Philosophie. Sie ist langweihg und bringt nichts ein, Und gottlos ist sie obendrein; Da lebt man nur in Hunger und Zweifel, Und endlich wird man geholt vom Teufel. Gejammert hat wohl deine Xantuppe Oft über die magre Wassersuppe, Woraus niemals ein Auge von Fett Sie tröstend angelächelt hätt - Nun sei getrost, du arme Seele! Ich habe zwar die strengsten Befehle, Jedweden, der sich je im Leben Mit Philosophie hat abgegeben, Zumalen mit der gottlos deutschen, Ich soll ihn schimpflich von hinnen peitschen - Doch mein Geburtstag, wie gesagt, Ist eben heut, und fortgejagt Sollst du nicht werden, ich schließe dir auf Das Himmelstor, und jetzo lauf Geschwind herein - Jetzt bist du geborgen! Den ganzen Tag, vom frühen Morgen Bis abends spät, kannst du spazieren Im Himmel herum und träumend flanieren Auf edelsteingepflasterten Gassen. Doch wisse, hier darfst du dich nie befassen Mit Philosophie; du würdest mich Kompromittieren fürchterlich - Hörst du die Engel singen, so schneide Ein schiefes Gesicht verklärter Freude, - Hat aber gar ein Erzengel gesungen, Sei gänzlich von Begeistrung durchdrungen, Und sag ihm, daß die Malibran Niemals besessen solchen Sopran - Auch applaudiere immer die Stimm Der Cherubim und der Seraphim, Vergleiche sie mit Signor Rubini, Mit Mario und Tamburini - Gib ihnen den Titel von Exzellenzen Und knickre nicht mit Reverenzen. Die Sänger, im Himmel wie auf Erden, Sie wollen alle geschmeichelt werden - Der Weltkapellenmeister hier oben, Er selbst sogar, hört gerne loben Gleichfalls seine Werke, er hört es gern, Wenn man lobsinget Gott dem Herrn Und seinem Preis und Ruhm ein Psalm Erklingt im dicksten Weihrauchqualm.
Vergiß mich nicht. Wenn dir die Pracht Des Himmels einmal Langweile macht, So komm zu mir; dann spielen wir Karten. Ich kenne Spiele von allen Arten, Vom Lanzknecht bis zum König Pharo. Wir trinken auch - Doch apropos! Begegnet dir von ungefähr Der liebe Gott, und fragt dich: woher Du seiest? so sage nicht aus Berlin, Sag lieber aus München oder aus Wien.«
Heinrich Heine
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Marina
antwortete am 25.05.06 (13:19):
Und da Himmelfahrt eigentlich ein christliches und nicht jüdisches Fest ist, hier noch ein Gedicht von einer Christin:
Christi Himmelfahrt
Er war ihr eigen drei und dreißig Jahr. Die Zeit ist hin, ist hin! Wie ist sie doch nun alles Glanzes bar, Die öde Erd', auf der ich atm' und bin! Warum durft' ich nicht leben, als sein Hauch Die Luft versüßte, als sein reines Aug' Gesegnet jedes Kraut und jeden Stein? Warum nicht mich? Warum nicht mich allein O Herr, du hättest mich gesegnet auch!
Dir nachgeschlichen wär' ich überall Und hätte ganz von fern, Verborgen von gebüschesgrünem Wall, Geheim betrachtet meinen liebsten Herrn. Zu Martha hätt' ich bittend mich gewandt Um einen kleinen Dienst für meine Hand: Vielleicht den Herd zu schüren dir zum Mahl, Zum Quell zu gehn, zu lüften dir den Saal – Du hättest meine Liebe wohl erkannt.
Und draußen in des Volkes dichtem Schwarm Hätt' ich versteckt gelauscht, Und deine Worte, lebensreich und warm, So gern um jede andre Lust getauscht; Mit Magdalena hätt' ich wollen knien, Auch meine Träne hätte sollen glühn Auf deinem Fuß; vielleicht dann, ach, vielleicht Wohl hätte mich dein selig Wort erreicht: Geh hin, auch deine Sünden sind verziehn!
Umsonst! Und zwei Jahrtausende nun fast Sind ihrem Schlusse nah', Seitdem die Erde ihren süßen Gast Zuletzt getragen in Bethania. Schon längst sind deine Märtyrer erhöht, Und lange Unkraut hat der Feind gesät; Gespalten längst ist deiner Kirche Reich, Und trauernd hängt der mühbeladne Zweig An deinem Baume; doch die Wurzel steht.
Geboren bin ich in bedrängter Zeit; Nach langer Glaubensrast Hat nun verschollner Frevel sich erneut; Wir tragen wieder fast vergeßne Last, Und wieder deine Opfer stehn geweiht. Ach, ist nicht Lieben seliger im Leid? Bist du nicht näher, wenn die Trauer weint. Wo Drei in deinem Namen sind vereint, Als Tausenden in Schmuck und Feierkleid?
'S ist sichtbar, wie die Glaubensflamme reich Empor im Sturme schlägt, Wie Mancher, der zuvor Nachtwandlern gleich, Jetzt frisch und kräftig seine Glieder regt. Gesundet sind die Kranken; wer da lag Und träumte, ward vom Stundenschlage wach; Was sonst zerstreut, verflattert in der Welt, Das hat um deine Fahne sich gestellt, Und jeder alte, zähe Firnis brach.
Was will ich mehr? Ist es vergönnt dem Knecht, Die Gabe seines Herrn Zu meistern? Was du tust, das sei ihm recht! Und ist dein Lieben auch ein Flammenstern, Willst läutern du durch Glut, wie den Asbest, Dein Eigentum von fauler Flecken Pest: Wir sehen deine Hand und sind getrost, Ob über uns die Wetterwolke tost, Wir sehen deine Hand und stehen fest.
Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)
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Marina
antwortete am 25.05.06 (14:00):
Nachtrag: Die beiden "jüdischen" Gedichte gefallen mir besser als das "christliche". :-)
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Enigma
antwortete am 26.05.06 (07:25):
Hallo Marina, ich glaube, mir auch. Aber ich schiebe schnell noch eines nach, bevor der Tag schon ganz und gar - jedenfalls für dieses Jahr - vergangen ist:
Gott im Mittelalter
Und sie hatten Ihn in sich erspart und sie wollten, dass er sei und richte, und sie hängten schließlich wie Gewichte (zu verhindern seine Himmelfahrt) an ihn ihrer großen Kathedralen Last und Masse. Und er sollte nur über seine grenzenlosen Zahlen zeigend kreisen und wie eine Uhr Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk. Aber plötzlich kam er ganz in Gang, und die Leute der entsetzten Stadt ließen ihn, vor seiner Stimme bang, weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk und entflohn vor seinem Zifferblatt. Geschrieben Juli 1907 in Paris Rainer Maria Rilke (1875-1926)
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Enigma
antwortete am 30.05.06 (07:46):
Marina Cvetaeva Gebet
Schenk mir, Christus, doch ein Wunder, Jetzt, sofort, bei Tagesanbruch! O lass mich sterben, in dieser Stunde, Solang noch das Leben für mich wie ein Buch.
Halt mir nicht klug das Wort entgegen: »Dulde, noch ist's nicht so weit.« Du hast mir selbst – so viel gegeben! Ich möchte jetzt gehn – alle Wege zugleich!
Vor allem: als Zigeunermädchen Raubzüge machen mit Gesang; Als Amazone Kriege bestehen; Für alle leiden bei Orgelklang;
Im schwarzen Turm die Sterne deuten; Kinder aus dem Dunkel führn... Das Gestern zur Legende weiten, Mich jeden Tag im Wahn verirrn.
Ich lieb das Kreuz, die Seide, Lerchen Und meiner Seele schnelle Bahn. Nach einer Kindheit wie im Märchen, Schenk mir den Tod mit siebzehn Jahrn!
26. September 1909 Tarussa
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Marina
antwortete am 30.05.06 (14:26):
Und nach so viel Schreiberei über Handke und Heine, hier noch ein Gedicht, speziell für den Schorsch, damit er Heine endlich schätzen lernt: :-)
Doktrin
Schlage die Trommel und fürchte dich nicht, Und küsse die Marketenderin! Das ist die ganze Wissenschaft, Das ist der Bücher tiefster Sinn.
Trommle die Leute aus dem Schlaf, Trommle Reveille mit Jugendkraft, Marschiere trommelnd immer voran, Das ist die ganze Wissenschaft.
Das ist die Hegelsche Philosophie, Das ist der Bücher tiefster Sinn! Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit, Und weil ich ein guter Tambour bin.
Heinrich Heine
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kropka
antwortete am 30.05.06 (16:21):
ein Gruß an Schorsch! Ich bin sicher er schätzt Heine :-) Von vier Uhr bis sieben Im Herz, wie im Spiegel, ein Schatten, Auch unter den Leuten – alleine geblieben... Der Tag geht nur langsam von statten Von vier Uhr bis sieben! Ich brauch keine Menschen – sie lügen Und werden grausam bei Dämmerung. Ich könnte weinen. Zur Schnur Haben die Finger das Tüchlein gewrungen. Hab ich dich beleidigt – verzeih, Doch bitt ich, mich nicht zu betrüben! – Ich spüre unendliche Traurigkeit Von vier Uhr bis sieben.
Marina Cvetaeva (1892 – 1941)
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Enigma
antwortete am 30.05.06 (17:43):
Ich bin auch (fast) sicher, dass der schorsch Heine mag, auch so z.B.:
Ein Weib
Sie hatten sich beide so herzlich lieb, Spitzbübin war sie, er war ein Dieb. Wenn er Schelmenstreiche machte, Sie warf sich aufs Bett und lachte.
Der Tag verging in Freud und Lust, Des Nachts lag sie an seiner Brust. Als man ins Gefängnis ihn brachte, Sie stand am Fenster und lachte.
Er ließ ihr sagen: O komm zu mir, Ich sehne mich so sehr nach dir, Ich rufe nach dir, ich schmachte - Sie schüttelt' das Haupt und lachte.
Um sechse des Morgens ward er gehenkt, Um sieben ward er ins Grab gesenkt; Sie aber schon um achte Trank roten Wein und lachte.
Heinrich Heine
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kropka
antwortete am 01.06.06 (07:42):
Jetzt wohin?
Jetzt wohin? Der dumme Fuß will mich gern nach Deutschland tragen; doch es schüttelt klug das Haupt mein Verstand und scheint zu sagen:
„Zwar beendigt ist der Krieg, doch die Kriegsgerichte blieben, und es heißt, du habest einst viel Erschießliches geschrieben.“
Das ist wahr, unangenehm wär’ mir das Erschossenwerden; bin kein Held, es fehlen mir die pathetischen Gebärden.
Gern würd’ ich nach England gehen. wären dort nicht Kohlendämpfe und Engländer - schon ihr Duft gibt Erbrechen mir und Krämpfe.
Manchmal kommt mir in den Sinn nach Amerika zu segeln, nach dem großen Freiheitsstall, der bewohnt von Gleichheitsflegeln -
Doch es ängstigt mich ein Land, wo die Menschen Tabak käuen, wo sie ohne König kegeln, wo sie ohne Spuknapf speien.
Rußland, dieses schöne Reich könnte mir vielleicht behagen, doch im Winter könnte ich dort die Knute nicht ertragen.
Traurig schau ich in die Höh’, wo viele tausend Sterne nicken - aber meinen eignen Stern kann ich nirgends dort erblicken.
Hat im güldnen Labyrinth sich vielleicht verirrt am Himmel wie ich selber mich verirrt in dem irdischen Getümmel. -
Heinrich Heine
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Enigma
antwortete am 01.06.06 (09:00):
Heinrich Heine Nachtgedanken
Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht, Ich kann nicht mehr die Augen schließen, Und meine heißen Tränen fließen. Die Jahre kommen und vergehn! Seit ich die Mutter nicht gesehn, Zwölf Jahre sind schon hingegangen; Es wächst mein Sehnen und Verlangen. Mein Sehnen und Verlangen wächst. Die alte Frau hat mich behext, Ich denke immer an die alte, Die alte Frau, die Gott erhalte! Die alte Frau hat mich so lieb, Und in den Briefen, die sie schrieb, Seh ich, wie ihre Hand gezittert, Wie tief das Mutterherz erschüttert. Die Mutter liegt mir stets im Sinn. Zwölf Jahre flossen hin, Zwölf lange Jahre sind verflossen, Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen. Deutschland hat ewigen Bestand, Es ist ein kerngesundes Land, Mit seinen Eichen, seinen Linden Werd ich es immer wiederfinden. Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr, Wenn nicht die Mutter dorten wär; Das Vaterland wird nie verderben, Jedoch die alte Frau kann sterben. Seit ich das Land verlassen hab, So viele sanken dort ins Grab, Die ich geliebt - wenn ich sie zähle, So will verbluten meine Seele. Und zählen muß ich - Mit der Zahl Schwillt immer höher meine Qual, Mir ist, als wälzten sich die Leichen Auf meine Brust - Gottlob! Sie weichen! Gottlob! Durch meine Fenster bricht Französisch heitres Tageslicht; Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, Und lächelt fort die deutschen Sorgen.
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kropka
antwortete am 01.06.06 (10:37):
Berichterstattung
Wovon sollen wir berichten die nie verfolgt waren, die nie ihre Heimat verloren, die nie vor Gaskammern standen?
Wovon sollen wir berichten die nichts erlebt haben als Mittelmäßigkeit, die nichts getan haben als Durchschnittliches?
Wovon sollen wir berichten die nichts zu erwarten haben als bereits Gehabtes?
Gerhard Rombach
https://home.swipnet.se/GerhardR/index.htm https://gerhardsblog.blogspot.com/
Internet-Tipp: https://home.swipnet.se/GerhardR/index.htm
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kropka
antwortete am 01.06.06 (18:55):
Dem ehemaligen Georg-Büchner-Preisträger und verhinderten Heinrich-Heine-Preisträger P e t e r H a n d k e einige Verse aus dem "Wintermärchen":
Sie haben dir übel mitgespielt, Die Herren vom hohen Rate. Wer hieß dich auch reden so rücksichtslos Von der Kirche und vom Staate!
Ach! hättest du nur einen andern Text Zu deiner Bergpredigt genommen, Besaßest ja Geist und Talent genug, Und konntest schonen die Frommen!
Geldwechsler, Bankiers, hast du sogar Mit der Peitsche gejagt aus dem Tempel — Unglücklicher Schwärmer, jetzt hängst du am Kreuz Als warnendes Exempel!
Aus: Heinrich Heine: Sämtliche Schriften
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Enigma
antwortete am 02.06.06 (08:31):
Hallo kropka, die Seite von Gerhard Rombach gefällt mir mit den Gedichten und den schönen Bildern.
Georg Herwegh Heimweh
O Land, das mich so gastlich aufgenommen, O rebenlaubumkränzter, stolzer Fluß – Kaum bin ich eurer Schwelle nah gekommen, Klingt schon mein Gruß herb wie ein Scheidegruß. Was soll dem Auge eure Schönheit frommen, Wenn diese arme Seele betteln muß? Er ist so kalt, der fremde Sonnenschein; Ich möchte, ja ich möcht zu Hause sein! Die Schwalben seh ich schon im stillen Flug Die Häuser – nur das meine nicht – umschweben; O warme Luft, und doch nicht warm genug, Verpflanzte Blumen wieder zu beleben! Der Baum, der seine jungen Sprossen schlug, Was wird dem Fremdling er im Herbste geben? Vielleicht ein Kreuz und einen Totenschrein – Mich friert, mich friert! ich möcht zu Hause sein! –
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kropka
antwortete am 02.06.06 (09:36):
enigma, HEIMAT IST, WO DAS HERZ WEH TUT
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Enigma
antwortete am 03.06.06 (07:46):
Hallo kropka,
Den Satz verstehe ich nicht so genau. Wenn man sie nicht hat?
Georg Trakl In der Heimat
Resedenduft durchs kranke Fenster irrt; Ein alter Platz, Kastanien schwarz und wüst. Das Dach durchbricht ein goldener Strahl und fließt Auf die Geschwister traumhaft und verwirrt. Im Spülicht treibt Verfallnes, leise girrt Der Föhn im braunen Gärtchen; sehr still genießt Ihr Gold die Sonnenblume und zerfließt. Durch blaue Luft der Ruf der Wache klirrt. Resedenduft. Die Mauern dämmern kahl. Der Schwester Schlaf ist schwer. Der Nachtwind wühlt In ihrem Haar, das mondner Glanz umspült. Der Katze Schatten gleitet blau und schmal Vom morschen Dach, das nahes Unheil säumt, Die Kerzenflamme, die sich purpurn bäumt.
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Literaturfreund
antwortete am 03.06.06 (15:19):
Letzter Rückblick: Ich glaube nicht, dass man Handke "übel mitgespielt" hat; man hat ihm Recht getan, wo er glaubte, er könne jedem Leser und Nachdenker in Deutschland vorschreißen, dass RECHT RECHTS und DREIST heißt, weil er nichts mehr zur Kenntnis nahm, was ihm und seiner ethnischen Ideologie nicht Recht gab. *
Hier: Eine lyrische Übung, die man Deutsch-Abiturienten stellen kann (ohne die Erklärungen dazu und ohne Handke-Reminiszenz): eine besondere "Biographie", als literaturgeschichtliche Analyse.
Von "dradio.de" - LYRIK-KALENDER vom 02.06.2006
Die lyrische Lebensbilanz eines Dichters wird oft in einem hohen Ton oder einer sentimentalen elegischen Geste vorgetragen. Nichts davon bei dem 1952 in Detmold geborenen Erzähler und Lyriker Hans-Ulrich Treichel: Er setzt diese poetischen Üblichkeiten außer Kraft - mit der ihm eigenen Leichtigkeit, milden Ironie und sanften Melancholie.
Hans-Ulrich Treichel: Biographie
Es war nicht Mühsal gewesen, nicht Plage, es dauerte nicht neunzig und auch keine siebzig Jahr, es war nicht köstlich gewesen, auch nicht von Übel, da war nur manchmal ein Schmerz in den Adern, ein Pochen im Schädel, der Himmel riß nicht auf, der Teppich blieb von der Sintflut verschont.
(H.-U. Treichel: Gespräch unter Bäumen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2002)
Anklänge an die berühmten poetischen Lebensrückblicke von Matthias Claudius ("Der Mensch"), Hölderlin ("Lebenslauf") oder Hermann Hesse ("Altern") sind erhalten geblieben. Treichel rückt indes die Dimensionen zurecht. Sein lyrisches Subjekt hat nur Negationen und Dementi zu bieten und nur einen unsensationellen Lebenslauf zu vermelden, gewöhnliche Gefühle und moderate Stimmungen. In der frechen Wendung vom Teppich, der von der "Sintflut verschont" bleibt, wird das Lebensschicksal seines Helden am Ende noch banalisiert.
Internet-Tipp: URL: https://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/505077/
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Marina
antwortete am 03.06.06 (17:49):
Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist's Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon. Wer glaubt aber, dass du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor dir in deinem Grimm? Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Aus Psalm 90 (Übersetzung von Martin Luther)
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kropka
antwortete am 03.06.06 (19:06):
Heinrich Heine
Mein Kind, wir waren Kinder Mein Kind, wir waren Kinder, Zwei Kinder, klein und froh; Wir krochen ins Hühnerhäuschen, Versteckten uns unter das Stroh. Wir krähten wie die Hähne, Und kamen Leute vorbei - Kikereküh! sie glaubten, Es wäre Hahnengeschrei. Die Kisten auf unserem Hofe Die tapezierten wir aus, Und wohnten drin beisammen, Und machten ein vornehmes Haus. Des Nachbars alte Katze Kam öfters zum Besuch; Wir machten ihr Bückling und Knickse Und Komplimente genug. Wir haben nach ihrem Befinden Besorglich und freundlich gefragt; Wir haben seitdem dasselbe Mancher alten Katze gesagt. Wir saßen auch oft und sprachen Vernünftig, wie alte Leut, Und klagten, wie alles besser Gewesen zu unserer Zeit; Wie Lieb und Treu und Glauben Verschwunden aus der Welt, Und wie so teuer der Kaffee, Und wie so rar das Geld! - - - Vorbei sind die Kinderspiele, Und Alles rollt vorbei - Das Geld und die Welt und die Zeiten, Und Glauben und Lieb und Treu.
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Enigma
antwortete am 04.06.06 (08:26):
Kindheit Rainer Maria Rilke
Es wäre gut viel nachzudenken, um von so Verlornem etwas auszusagen, von jenen langen Kindheit-Nachmittagen, die so nie wiederkamen - und warum? Noch mahnt es uns -: vielleicht in einem Regnen, aber wir wissen nicht mehr was das soll; nie wieder war das Leben von Begegnen, von Wiedersehn und Weitergehn so voll wie damals, da uns nichts geschah als nur was einem Ding geschieht und einem Tiere: da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre und wurden bis zum Rande voll Figur. Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt und so mit großen Fernen überladen und wie von weit berufen und berührt und langsam wie ein langer neuer Faden in jene Bilder-Folgen eingeführt, in welchen nun zu dauern uns verwirrt.
Aus:Neue Gedichte
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Literaturfreund
antwortete am 04.06.06 (09:43):
J.W. von Goethe:
Und doch haben sie recht, die ich schelte: Denn daß ein Wort nicht einfach gelte Das müßte sich wohl von selbst verstehn. Das Wort ist ein Fächer! Zwischen den Stäben Blicken ein Paar schöne Augen hervor. Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor, Er verdeckt mir zwar das Gesicht, Aber das Mädchen verbirgt er nicht, Weil das Schönste was sie besitzt, Das Auge, mir ins Auge blitzt.
*
Das "Wort als Fächer", den kann man zu vielerlei nutzen kann, wenn man es "versteht".
Goethes Gedicht ist aus dem "Buch Hafis" seines "West-Östlichen Divans"; Motive der Liebe, des Lieds und der Schönheitsempfindung ins Zentrum rückt, welches das "Auge" ist.
* Na, das ist wohl ein Hai-Tai-CHI-Fächerli..! Hilfe, jetzt wird die Wohnung ausgeräumt! - Wer da ungeniert zukuckt, muss es auch noch bezahlen.
Internet-Tipp: https://www.schader-stiftung.de/docs/faecher_gewinne_april05_gross.jpg
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Enigma
antwortete am 07.06.06 (16:37):
Für kropka: Hallo Ewa, das folgende Gedicht möchte ich besonders für Dich hier einstellen:
Ingeborg Drewitz Die Wurzel meiner Hoffnung
Die Wurzel meiner Hoffnung ist fast nicht auszumachen, sie ist ein dünnes, dünnes Fädchen, fast schon abgetrennt von einer kräftigen Wurzel. Aber vielleicht ist für mich das Entscheidende, daß ich nicht aufgebe, daß ich nicht aufzugeben bereit bin. Für mich ist es quasi eine moralische Selbstverpflichtung, dieses Leben, das zunächst einmal einfach gegeben ist,einzubringen, den Vernichtungsprozessen und Hoffnungslosigkeiten zu widerstehen, zu helfen, soweit die eigenen Kräfte reichen und manchmal übersteigt es auch die eigenen Kräfte. Solange ich lebe, habe ich nicht einfach nur zu atmen, sondern diese Art Kraft, die ich durchs Atmen aufnehme, habe ich auch nach außen zu tragen.
Es wäre zu schön, wenn wir das immer könnten. :-)
Schenkst Du uns auch noch ein Gedicht?
Liebe Grüße Enigma
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Marina
antwortete am 07.06.06 (22:19):
Noch ein Gedicht für Kropka :-):
Überlass es der Zeit
Erscheint dir etwas unerhört, Bist du tiefsten Herzens empört, Bäume nicht auf, versuchs nicht mit Streit, Berühr es nicht, überlass es der Zeit.
Am ersten Tage wirst du feige dich schelten, Am zweiten lässt du dein Schweigen schon gelten, Am dritten hast du's überwunden; Alles ist wichtig nur auf Stunden, Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter, Zeit ist Balsam und Friedensstifter.
Theodor Fontane (1819-1898)
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Enigma
antwortete am 08.06.06 (15:28):
Ja, 80 wäre sie tatsächlich geworden in diesem Jahr, Marilyn Monroe. Und da ist mir kürzlich aufgefallen, dass der Udo (ja, der Lindenberg) sie auch besungen hat.Ihr erinnert Euch sicher! Und wenn er früh genug da gewesen wäre, hätte er sie auch gerettet. Sagt er... :-)
Good bye, Norma Jean
Good bye, Norma Jean ich habe dich nie gekannt als du gegangen bist war ich noch ein Kind und jetzt frag ich den Pförtner vom Filmatelier ob er mir sagen kann wo ich deine Spuren find Oh, Norma Jean, du hast gelebt wie eine Katze im rauhen Wind deine zarte Haut verbrannte im heißen Studiolicht du warst zu schwach für den Sturm der auf den Hollywood-Bergen weht ich hätte dich gerettet doch ich kam viel zu spät Die Reklamelettern hoch oben über der Filmstadt haben schon so viele erschlagen die stärker warn als du Ach, du hättest aus Stahl sein sollen doch du warst nur aus Fleisch und Blut selbst im Tod ließen sie dir keine Ruh Und weiter wurdest du gejagt von den geilen Pressehunden und die Schlagzeile war: Man hat dich nackt gefunden Ja, du warst zu schwach für den Sturm der auf den Hollywood-Bergen weht ich hätte dich gerettet doch ich kam viel zu spät Good bye, Norma Jean ich habe dich oft gesehn vielleicht erinnerst du dich ich saß in Reihe zehn der Junge mit den Pickeln für den du immer noch viel mehr bist als irgendein Sex-Objekt das man einmal benutzt und vergißt Oh, Norma Jean, du hast gelebt wie eine Katze im rauhen Wind deine zarte Haut verbrannte im heißen Studiolicht du warst zu schwach für den Orkan der auf den Hollywood-Bergen weht ich hätte dich gerettet doch ich kam viel zu spät So gern hätt ich dich gerettet doch ich kam viel zu spät (Good Bye, Marilyn)
Eingestellt mit freundlicher Genehmigung von Udo Lindenberg und des Telefunken-Label der Warner-Musik Group Deutschland
Internet-Tipp: https://www.udo-lindenberg.de/startseite.47.htm
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Literaturfreund
antwortete am 09.06.06 (12:00):
Nach den letzten so ergreifenden Texten wieder was Aktuelleres, Banaleres:
Auf das Spiel einer Fußball-Mannschaft Von Johannes R. Becher
In sich vollendet jeder, aber nie Vergessend, daß ein jedes Einzelspiel Nur einen Sinn hat und nur ein, ein Ziel: Den Sieg des Ganzen - also spielen sie
- ein nie Zuwenig und ein nie Zuviel - Elfstimmig ihre kühne Melodie. Ein Spiel zwar, aber ernsthaft, und gleichwie Ein Bei-Spiel, zeigen sie uns ihren Stil.
Die Stürmerreihe zieht das Feld entlang. Wie abgelöst vom Boden und im Fluge, Beflügelt von der ganzen Mannschaft Kraft.
Ein Fußballspiel - und gleichfalls eine Fuge. Zusammenhang wird zum Zusammenklang. Der Sieg des Ganzen - aller Meisterschaft.
*
(Johannes R. Becher: Gesammelte Werke. 18 Bände. Hrsg. vom Johannes-R. Becher-Archiv der Akademie der Künste der DDR. Band 6: Gedichte 1949-1958. (c) Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1973)
Internet-Tipp: https://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/507092/
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Enigma
antwortete am 09.06.06 (16:43):
Hallo Literaturfreund,
kann es sein, dass Du auch manchmal ein Spötter bist?? :-) Aaaber: Was wir an Heine so liebeln, dürfen wir Dir nicht verübeln....:-))
So, und jetzt, kurz vor dem "Anpfiff" noch was zur "Schönsten Nebensache der Welt":
so ein tag
vor dem spiel gab es viel geschwafel der coach bemalte die schiefertafel mit kurven und linien, die niemand verstand
entschlossen traten sie aufs feld, alle mann, wie mans heute wieder macht hand in hand und warfen ihr koennen
ins gewicht, doch trafen sie einfach die bude nicht, egal ob lang gefackelt oder schlichtweg blind abgedrueckt
das war mal wieder einer dieser tage so schoen,er moechte nie vergehen hiesz es beim Gegner auf nachfrage
stan lafleur aus: die welt auf dem fusz
Ob uns in einigen Stunden Costa Rica das auch sagen könnte, auf Nachfrage? Ja, ja, bin ganz schnell wech jetzt....:-))
Eingestellt mit Erlaubnis von Gregor Koall She. Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://www.koall-verlag.de
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Enigma
antwortete am 09.06.06 (20:22):
Die "Nachfrage" haben wir uns erspart, vor allem dank ihm:
miroslav klose
seine ersten wm-tore schoss er noch aus einem pfaaelzischen bezirksliga- match heraus: wo sich die maedels
kichernd über den schuechternen jungen unterhielten, der nach jedem treffer einen angenwinkelten salto
sprang. die eigenen spruenge nicht begreifend waehlte er den direkten weg zwischen zwei verteidigern, die
vom blitz seiner raschen aktion geblendet stirn an stirn aufeinander prallten; alter grusz der verdutzten
stan lafleur die welt auf dem fusz
Infos zu stan lafleur: she. Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Stan_Lafleur
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Marina
antwortete am 11.06.06 (16:51):
Der Mann auf der Bergkuppe
Auf einer Bergkuppe steht ein Mensch allein Und schreit gen Himmel, gegen den Wind, zur Sonne hin, gegen Wolken und Regen bei Nacht, im Mondenschein und Sternengefunkel – er schreit.
Wenn du ihn hören könntest, würdest du dies hören: Ich bin ein Mensch, ein Bürger des Staates, hier wurde ich geboren – mein Vater, und meine Kinder auch Ich liebe dieses Land – ich will es nie verlassen. Es ist meine Heimat. Ich möchte ein normales Leben Hier und gleichberechtigt sein. Ich kann dieses Land mit aufbauen. Und eine Zukunft für meine Kinder. Doch wo sind meine Rechte? Hört mich denn keiner?. Der Staat will mich nicht - keiner kümmert sich um mich. Bin ich nicht Bürger hier – warum hört mich keiner?
Ich hör’ ihn schreien – und bin beunruhigt. In seinem Schreien höre ich das Echo Mir bekannter Agonien, Agonien meines Volkes - Sein Schmerz ist mein Schmerz Ich fühl’ mich gezwungen, ihm zu antworten. Ich muss etwas tun – kann ihm nicht abwenden Ich höre ihn schreien im Wind , auch in der Nacht Bei Sonnenaufgang – ich höre ihn.
Kann ich denn was tun – ich bin allein? Ich wende mich um Hilfe an dich - Wir müssen etwas gegen dieses Schreien tun. Sein Schmerz ist real – wir kennen doch Schmerzen – Ist er nicht ein Bürger dieses Staates?
Also sag’ ich zu dir, bitte, hör’ zu! Hörst du nicht, wie dieser Mensch schreit? Was sollen wir tun?
Du aber antwortest mir: „Warum sollen wir etwas tun? Er hat seine Rechte – kümmre dich nicht darum! Und außerdem: er schreit auf arabisch –
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Marina
antwortete am 11.06.06 (16:54):
Fortsetzung
Wir verstehen ihn ja gar nicht – wir sprechen hebräisch. Wir sind Juden und dies hier ist ein jüdischer Staat. Die Feinde des Staates sprechen arabisch. Sie verschwören sich gegen uns - Vielleicht ist er ein Feind des Staates. Und außerdem: du sprichst englisch. Wer bist du eigentlich, dass du solch eine Forderung stellst? Du bist anscheinend neu hier – du weißt nicht, was hier los ist. Du bist falsch informiert – geh!
Hartnäckig besteh’ ich darauf: bitte warte und höre! Er schreit jetzt – er schreit noch immer. Ich versuche, es für dich zu übersetzen. Da muss etwas dran sein, Würde er sonst noch immer schreien? Hörst du nicht den Schmerz in seiner Stimme?
Dann nennst du den Holocaust, den Zionismus und die PLO Und mit deiner unheiligen Trinität versuchst du, Mich zum Schweigen zu bringen.
Und hier zögere ich – es widert mich an, in dieser Richtung weiterzugehen , mir bleibt aber keine Wahl: ich muss es dir sagen: Wenn dich das Schreien dieses Mannes nicht anrührt, dann sind die sechs Millionen ( einschließlich – und pass auf – einige aus meiner und aus deiner Familie ) umsonst gestorben – vergeblich – sage ich. Und wenn dein Zionismus dich taub macht Für das Schreien dieses Menschen, dann
Wünscht der Gott, der irgendwo in diesem Lande wohnen soll, deinen Zionismus in seinem Königreich nicht - und wenn du in seinem Schreien nur die PLO hörst dann ist es dein eigenes Schreien, was du hörst - und nicht seines.
Nun bist du verärgert und wendest dich ab, du bist empört, du fühlst dich selbstgerecht - und peinlich berührt. Schnell willst Du vergessen, dass wir dieses Gespräch führten. Aber oben auf dem einsamen Gipfel des Berges Schreit der Mann noch immer voll Schmerz Und so lange er schreit Kann ich nicht ruhen – und so lange ich nicht ruhen kann Wird dein Zorn dich nicht schützen.
Deshalb ruf’ ich dir zu: richte dich selbst! Ich behaupte nicht, dass ich das Recht habe, dich zu richten Die Zeit der Richter in Israel ist längst vorbei. Aber ich sage: achte auf deinen Zorn!
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Marina
antwortete am 11.06.06 (16:55):
Fortsetzung
Wenn du nicht das Schreien dieses Menschen hören kannst Dann höre auf deinen Zorn! Du musst nicht ärgerlich sein, Wenn sein Schreien dir nichts bedeutet.
Ich aber sage zu dir, meinem Volk: wenn die Herzen deiner Führer verhärtet sind, dann musst du neue Führer finden. Ist keiner unter euch, der das Schreien des Mannes auf der Bergkuppe hört? Drum sage ich: wir brauchen in Israel eine neue Vision . Noch seh’ ich nicht deutlich, doch die Saat liegt in dir Und auch in ihm. Aber nicht mit Zorn ist sie zu bewässern Sondern allein mit Tränen des Erbarmens.
Oh Israel, du musst weinen, um diesen Mann, der auf der Bergspitze seinen Schmerz hinausschreit. Gott hilft einem Volke nicht, das nur um sich selbst weint.
Debora Reich (dt. Ellen Rohlfs)
Internet-Tipp: https://www.friedensfrauen.de/1/show_entry.php?cat=1&par=&key=135
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Enigma
antwortete am 12.06.06 (07:32):
Da hast Du was Gutes gefunden, Marina... Danke!
Nevfel Cumart (1996) fast ein rundbrief
ich bin in erster linie mensch schlicht und ergreifend ein mensch danach erst: türke ausländer betroffener benachteiligter ausgestoßener... warum also keine liebesgedichte?
Eingestellt mit Erlaubnis von Herrn Cumart. https://www.cumart.de/
She. Auch Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://www.lyrikwelt.de/autoren/cumart.htm
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Literaturfreund
antwortete am 12.06.06 (14:55):
Im "dradio.de" eine Erinnerung an einen schon fast vergessenen "Lehrer" (im LYRIK-KALENDER 11.06.2006):
Du oder ich oder wer Von Hans Peter Keller
Jeder lebt von sich getrennt. Sieht er sich draußen, zieht er nicht den Hut. Obschon es ihm auf den Nägeln brennt. Gut.
Besser einen Umweg machen. Wenns geht, auf du mit Bettler Strolch Polizist oder was sonst zum Lachen vorhanden ist.
Narren setzen nachts auf die Glücksfontänen auf die Sterntraufen. Du oder ich oder wer: sollten wir Tränen kaufen?
(Aus: Extrakt um 18 Uhr. Limes Verlag, Wiesbaden 1975)
Der Begegnung mit sich selbst sieht dieser Autor mit gedämpften Erwartungen entgegen. Denn zunächst gilt es ganz nüchtern und lakonisch die Ich-Spaltung und Selbstentfremdung zu konstatieren. Der vom Niederrhein stammende Hans Peter Keller (1915-1989), der als Kriegsteilnehmer die Skepsis gelernt und nach 1945 Philosophie studiert hatte, arbeitete als Lektor, Literaturlehrer und freier Schriftsteller. Sein Befund zur Lage des Subjekts ist desillusionierend:
Das lyrische Subjekt des um 1958/59 entstandenen Gedichts vertraut auf "Umwege" und Maskeraden. Ob ihm allerdings die Fraternisierung mit den Helden der Straße, mit den Vertretern der Ordnung und der Unordnung weiterhilft, bleibt offen. Auch bleibt fraglich, ob die Rolle des Narren, der sich "Glücksfontänen" erfindet, zur Stabilisierung des Ich beiträgt. Ihren Dichterkollegen Hans Peter Keller hat Hilde Domin einmal einen "Realisten" genannt, der "fatale Lebenslagen" poetisch zu benennen versteht.
Internet-Tipp: URL: https://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/507094/
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Marina
antwortete am 12.06.06 (18:49):
Ach der Keller. Dass sich an den nochmal jemand erinnert, hätte ich auch nicht gedacht. Wir kennen ihn ja. Aus der Buchhändlerklasse. :-) Die "Fraternisierung mit den Helden der Straße" kann ich mir bei ihm gar nicht vorstellen. Ich habe von dem meistens nichts verstanden, weil er so abgehoben geredet hat. Aber vielleicht war ich auch zu doof dazu. :-) Literaturfreund, wenn du "URL" vor den Kurzlink setzt klappt das nicht mit dem Anklicken. Am besten immer vorher ausprobieren. :-) Hier der Kurzlink zum Anklicken.
Internet-Tipp: https://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/507094/
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Marina
antwortete am 12.06.06 (18:55):
Trost.
Wann dich die Lästerzunge sticht, So laß dir dies zum Troste sagen: Die schlechtesten Früchte sind es nicht, Woran die Wespen nagen.
Gottfried August Bürger (1747 -1794)
Das widme ich Peter Handke zum Trost. :-) (keine Bange, es war mein letzter Beitrag zu ihm, aber das habe ich zufällig eben gefunden und fand es gerade so passend).
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Marina
antwortete am 13.06.06 (18:29):
Hier kommt Heines Prolog zur "Harzreise" (s. auch "Heine lebt"):
Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, Weiße, höfliche Manschetten, Sanfte Reden, Embrassieren - Ach, wenn sie nur Herzen hätten! Herzen in der Brust, und Liebe, Warme Liebe in dem Herzen - Ach, mich tötet ihr Gesinge Von erlognen Liebesschmerzen.
Auf die Berge will ich steigen, Wo die frommen Hütten stehen, Wo die Brust sich frei erschließet, Und die freien Lüfte wehen.
Auf die Berge will ich steigen, Wo die dunklen Tannen ragen, Bäche rauschen, Vögel singen, Und die stolzen Wolken jagen.
Lebet wohl, ihr glatten Säle! Glatte Herren, glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf euch niederschauen.
Heinrich Heine
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Enigma
antwortete am 14.06.06 (23:45):
Aus gegebenem Anlass: :-))
Der Ball
Du Runder, der das Warme aus zwei Händen im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie sein Eigenes; was in den Gegenständen nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,
zu wenig Ding und doch noch Ding genug, um nicht aus allem draußen Aufgereihten unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten: das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug
noch Unentschlossener: der, wenn er steigt, als hätte er ihn mit hinaufgehoben, den Wurf entführt und freiläßt -, und sich neigt und einhält und den Spielenden von oben auf einmal eine neue Stelle zeigt, sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,
um dann, erwartet und erwünscht von allen, rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur, dem Becher hoher Hände zuzufallen.
Rainer Maria Rilke
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Marina
antwortete am 16.06.06 (16:51):
Hier ein Gedicht von meinem Favoriten für den nächsten Heine-Preis:
Hochseil
Wir turnen in höchsten Höhen herum, selbstredend und selbstreimend, von einem Individuum aus nichts als Worten träumend.
Was uns bewegt - warum? wozu? - den Teppich zu verlassen? Ein nie erforschtes Who-is-who im Sturzflug zu erfassen.
Wer von so hoch zu Boden blickt, der sieht nur Verarmtes, Verirrtes. Ich sage: wer Lyrik schreibt, ist verrückt, wer sie für wahr nimmt, wird es.
Ich spiel mit meinem Astralleib Klavier, vierfüßig - vierzigzehig - Ganz unten am Boden gelten wir für nicht mehr ganz zurechnungsfähig.
Die Loreley entblößt ihr Haar am umgekippten Rheine... Ich schwebe graziös in Lebensgefahr grad zwischen Freund Hein und Freund Heine.
Peter Rühmkorf
Mir wird immer unverständlicher, warum er noch nicht dafür vorgeschlagen wurde. Er ist geradezu prädestiniert dafür. :-)
Internet-Tipp: https://www.jhelbach.de/lorelei/loreleyb.htm#Hochseil
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Enigma
antwortete am 17.06.06 (08:45):
Ich unterstütze Deinen Favoriten mit, Marina... :-)
Und kann nicht widerstehen, hier noch mal Heine einzustellen:
Kleines Volk
In einem Pißpott kam er geschwommen, Hochzeitlich geputzt, hinab den Rhein. Und als er nach Rotterdam gekommen, Da sprach er: »Juffräuken, willst du mich frein? »Ich führe dich, geliebte Schöne, Nach meinem Schloß, ins Brautgemach; Die Wände sind eitel Hobelspäne, Aus Häckerling besteht das Dach. »Da ist es so puppenniedlich und nette, Da lebst du wie eine Königin! Die Schale der Walnuß ist unser Bette, Von Spinnweb sind die Laken drin. »Ameiseneier, gebraten in Butter, Essen wir täglich, auch Würmchengemüs, Und später erb ich von meiner Frau Mutter Drei Nonnenfürzchen, die schmecken so süß. »Ich habe Speck, ich habe Schwarten, Ich habe Fingerhüte voll Wein, Auch wächst eine Rübe in meinem Garten, Du wirst wahrhaftig glücklich sein!« Das war ein Locken und ein Werben! Wohl seufzte die Braut: ach Gott! ach Gott! Sie war wehmütig, wie zum Sterben - Doch endlich stieg sie hinab in den Pott. * Sind Christenleute oder Mäuse Die Helden des Lieds? Ich weiß es nicht mehr. Im Beverland hört ich die schnurrige Weise, Es sind nun dreißig Jahre her.
Heinrich Heine
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Marina
antwortete am 19.06.06 (22:49):
:-)) Ich bin immer wieder "von den Socken", wie modern Heine ist. À la Mäuse - hier ist keine Frage, wer "die Helden des Lieds" sind:
Katz und Maus
Die Katze spricht: Ich bin nicht so, wie alle Welt vermutet. Ich töte Mäuse, ja, jedoch mit einem Herz, das blutet. Mit einem Herz, das zuckt und schreckt, mit einem Herz, das leidet - Mit meinem Herz? Nein, dem der Maus! Denn wenn uns etwas scheidet, die Maus und mich, dann ist es das: Ich bin der Fresser. Sie ist Fraß.
Robert Gernhardt
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Enigma
antwortete am 20.06.06 (17:40):
Ursula Krechel: Kleine Geschichte eines populären Ballspiels
Als der Fußball erfunden wurde War der Tennisball noch sehr klein Als der Fußball erfunden wurde Hatte er gleich elf Jünger (Gegner ebenso) Als der Fußball erfunden wurde Zog man mächtig vom Leder Als der Fußball erfunden wurde Baute man ihm keine Hütten und Paläste 1 Stadion genügte. Freier Platz, Hinterhof Rasen oder Nichtrasen war zweckdienlich Als der Fußball rund erfunden war (vormals Eine mit weichem Leder bezogene Ochsenblase) Gedachte man der Stangen und Latten Die er irrtümlich traf, wenn er das Tor verfehlte Als der Fußball erfunden wurde Da wurde gejubelt, was das Zeug hielt Als der Fußball erfunden wurde Schmolz ein Schneeball in der hohlen Hand Auch Ausschreitungen, zuweilen heftig Werden aus Fußballbegeisterung begangen Lärmen und Biertrinken folgen auf dem Fuß Siehe auch Fußbad, Fußbekleidung, Fußpilz.
Internet-Tipp: https://www.ndrkultur.de/ndrkultur_pages_std/0,2513,OID1846428,00.html
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marie2
antwortete am 21.06.06 (19:04):
Fußball (nebst Abart und Ausartung)
Der Fußballwahn ist eine Krank- heit, aber selten, Gott sei Dank! Ich kenne wen, der litt akut an Fußballwahn und Fußballwut. Sowie er einen Gegenstand in Kugelform und ähnlich fand, so trat er zu und stieß mit Kraft ihn in die bunte Nachbarschaft. Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel, ein Käse, Globus oder Igel, ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar, ein Kegelball, ein Kissen war, und wem der Gegenstand gehörte, das war etwas, was ihn nicht störte. Bald trieb er eine Schweineblase, bald steife Hüte durch die Straße. Dann wieder mit geübtem Schwung stieß er den Fuß in Pferdedung. Mit Schwamm und Seife trieb er Sport. Die Lampenkuppel brach sofort. Das Nachtgeschirr flog zielbewußt der Tante Berta an die Brust. Kein Abwehrmittel wollte nützen, nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen, noch Puffer, außen angebracht. Er siegte immer, 0 zu 8, und übte weiter frisch, fromm, frei mit Totenkopf und Straußenei. Erschreckt durch seine wilden Stöße, gab man ihm nie Kartoffelklöße. Selbst vor dem Podex und den Brüsten der Frau ergriff ihn ein Gelüsten, was er jedoch als Mann von Stand aus Höflichkeit meist überwand. Dagegen gab ein Schwartenmagen dem Fleischer Anlaß zum Verklagen. Was beim Gemüsemarkt geschah, kommt einer Schlacht bei Leipzig nah. Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen durch Publikum wie wilde Bienen. Da sah man Blutorangen, Zwetschen an blassen Wangen sich zerquetschen. Das Eigelb überzog die Leiber, ein Fischkorb platzte zwischen Weiber. Kartoffeln spritzten und Zitronen. Man duckte sich vor den Melonen. Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse. Dann donnerten die Kokosnüsse. Genug! Als alles dies getan, griff unser Held zum Größenwahn. Schon schäkernd mit der U-Boots-Mine, besann er sich auf die Lawine. Doch als pompöser Fußballstößer Fand er die Erde noch viel größer. Er rang mit mancherlei Problemen. Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen? Dann schiffte er von dem Balkon sich ein in einen Luftballon. Und blieb von da an in der Luft, verschollen. Hat sich selbst verpufft. -? Ich warne euch, ihr Brüder Jahns, vor dem Gebrauch des Fußballwahns! Joachim Ringelnatz
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marie2
antwortete am 21.06.06 (19:06):
Und hier etwas zeitgemäßes
WM Begegnung Schweden - England 2:2:
Nein, die Manieren bleiben einwandfrei. Überall Fernseher! - Schaumama. Besserwisser genießen Steilpässe. Sie sind vermutlich schon recht genügsam. Jeder Vollidiot wirbelt lieber vor dem Fernseher. Die Welt ist sich einig: Wir schummeln uns ins Finale!
Generiert für Sie durch den Poesie-Automaten des Kunst- und Kulturprogramms der Bundesregierung zur FIFA WM 2006™ in Zusammenarbeit mit dem OK FIFA WM 2006. Mehr unter poesieautomat.zeit.de.
Marie
Internet-Tipp: https://www.zeit.de/fussball/poesieautomat
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Marina
antwortete am 23.06.06 (19:57):
Zur Abwechlsung mal wieder ein Kontrastprogramm :-)
Eilt die Sonne nieder zu dem Abend
Eilt die Sonne nieder zu dem Abend, Löscht das kühle Blau in Purpurgluten, Dämmrungsruhe trinken alle Gipfel.
Jauchzt die Flut hernieder silberschäumend, Wallt gelassen nach verbrauster Jugend, Wiegt der Sterne Bild im Wogenspiegel. Hängt der Adler, ruhend hoch in Lüften, Unbeweglich wie in tiefem Schlummer; Regt kein Zweig sich, schweigen alle Winde.
Lächelnd mühelos in Götterrhythmen, Wie den Nebel Himmelsglanz durchschreitet, Schreitet Helios schwebend über Fluren. Feucht vom Zaubertau der heil'gen Lippen Strömt sein Lied den Geist von allen Geistern Strömt die Kraft von allen Kräften nieder
In der Zeiten Schicksalsmelodien, Die harmonisch ineinander spielen Wie in Blumen hell und dunkle Farben.
Und verjüngter Weisheit frische Gipfel, Hebt er aus dem Chaos alter Lügen Aufwärts zu dem Geist der Ideale.
Wiegt dann sanft die Blumen an dem Ufer, Die sein Lied von süßem Schlummer weckte, Wieder durch ein süßes Lied in Schlummer.
Hätt ich nicht gesehen und gestaunet, Hätt ich nicht dem Göttlichen gelauschet, Und ich säh den heil'gen Glanz der Blumen,
Säh des frühen Morgens Lebensfülle, Die Natur wie neugeboren atmet, Wüßt ich doch, es ist kein Traum gewesen.
Bettina von Arnim
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Enigma
antwortete am 24.06.06 (19:36):
Und schon wieder ein Kontrastprogramm: Anknüpfend an den Beitrag von marie2 habe ich auch den Generator benutzt und folgendes fabriziert:
WM Begegnung Deutschland - Schweden 2:0:
Der Massensport hat eine Nebenwirkung. Wohin das Auge blickt nur Breitensport. Und rundherum herrscht riesige Verwirrung. Denn Fußball ist viel mehr als nur ein Wort.
URL wie von marie angegeben. Und da es ja der Generator gemacht hat, steht es auch nicht unter "Eigener Lyrik".
Na, sehen wir mal weiter.....:-))
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Marina
antwortete am 25.06.06 (10:37):
Ihr habt mich überzeugt. :-) Das ist eine wirklich nette Spielerei und klappt hervorragend. :-) Hier etwas zu Argentinien-Mexiko 2:1:
"Bei jedem Fehlpass sind wir live dabei. Selbst Kuchen ist mit Fußball dekoriert. Und nicht mehr lange - bald ist es vorbei. Und jeder Fan ist völlig fasziniert."
Würde aber auch zu Deutschland-Argentinien (später) passen, wie die meisten anderen auch. :-)
Aber hier der entsprechende Haiku, der passt nicht zu allen anderen :-):
"Rafael Marquez schießt und schießt den Ball ins Tor. Daumenlutschen hilft!"
Daumenlutschen beim Torschießen, tolle Leistung. :-))
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Enigma
antwortete am 25.06.06 (18:09):
Und noch eines, bevor alles vorbei ist.... :-)
Lutz Rathenow: Die Lust am Spiel
Einfach zusehen und alles besser wissen. Sich aufregen, weil ein Spieler nicht kapiert wohin er den Ball treten muß. Zu sanft oder zu hart schießen sie. Wie soll einer zuschauen, was die rumbolzen. Die sollten lernen vor dem Fernseher so ein Match zu ertragen. Der Ball ist nicht rund, wenn einer ihn tritt. Die kapieren nichts - doch Tor! Toor! Freude, schöner Fußballfunken. Wir haben ein Tor. Wir siegen. Verdient. Unsere Jungen, ganz prima. Mein letzter Wunsch, Herr Pfarrer, kurz vor dem Ende eines Spiels, nach dem alles entscheidenden Tor einfach wegtrippeln, ohne Schmerz, den Fernseher bis zuletzt im Blick.
aus dem neuen Band Lutz Rathenows: Gelächter, sortiert, Gedichte, Verlag Ralf Liebe, ehemals Landpresse Verlag. Eingestellt mit Erlaubnis von Lutz Rathenow
She. auch Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://www.poetenladen.de/lutz-rathenow.html
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Literaturfreund
antwortete am 27.06.06 (14:05):
Von den großen, kommunistischen, in der früheren DDR verbliebenen Dichtern ist nur noch Volker Braun “lebendig”. Auch nach der Zerstörung des Sozialismus „gefällt ihm die Sache der Besiegten“ (in: „Das Theater der Toten“); eine seltene Zeile im Repertoire der vom Westen Gedemütigten.
Der LYRIK-KALENDER des dradio.de bringt heute, 27.06.2006:
Volker Braun: MARLBORO IS RED. RED IS MARLBORO
Nun schlafen, ruhen … Und liegst lächelnd wach. Das ist mein Leib nur, der noch unterwegs ist Auf irgendwelchen Straßen, ah wohin. Das Unbekannte wolltest du umfangen. Jetzt kenn ich alles das. Es ist die Wüste. Die Wüste, sagst du. Oder sag ich Wohlstand. Genieße, atme, iß. Öffne die Hände. Nie wieder leb ich zu auf eine Wende.
(V. B.: Lustgarten, .Preußen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1996. S. 147) * dradio.de kommentiert so:
"So oder so - die Erde wird rot", sang einst der Dichter Wolf Biermann, als er noch mit seiner geliebten "Oma Meume" den Kommunismus "siegen" lassen wollte. Diese Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen, wenn auch in anderer Weise, als sich das der historische Materialismus und der junge Biermann erträumten. Die Erde erstrahlt tatsächlich in kräftigem Rot, auf allen Kontinenten begegnet man einer Ikone der Männlichkeit: dem Marlboro-Mann. Das Gedicht des 1940 geborenen Volker Braun zitiert im Titel des 1991/92 entstandenen Gedichts diese Maxime der kapitalistischen Weltgesellschaft: "Red is Marlboro".
Ein melancholisches Ich spricht vom orientierungslosen Unterwegssein "auf irgendwelchen Straßen", vom Treibenlassen in purer Faktizität. Die utopische Zuversicht aus den Tagen der Wende 1989, als Volker Braun euphorisch "Volkseigentum plus Demokratie" in der DDR beschwor, ist endgültig verflogen. Sie weicht einer lakonischen Bestandsaufnahme des Lebens im real existierenden Kapitalismus. S. URL.:
Internet-Tipp: https://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/511858
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Marina
antwortete am 30.06.06 (15:20):
Robert Gernhardt ist tot. Mir tut das sehr, sehr leid. Nun ist er doch seiner Krankheit erlegen. Und ich dachte, er hätte sich einigermaßen erholt, da er vor kurzem noch Gastprofessor hier war. Traurig! Im Link-Tipp gibt es einen Nachruf von der SZ.
Hier noch ein Gedicht von ihm:
Lagebeurteilung
Wollte immer schnell abtreten. Bin wohl bestimmt zum Weilen: Wie soll denn den, der so langsam vergeht, jemals das Ende ereilen?
Robert Gernhardt
Internet-Tipp: https://www.sueddeutsche.de/,tt3m1/kultur/artikel/545/79466/
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Enigma
antwortete am 03.07.06 (12:47):
Danke Marina!
Ich habe kürzlich ein Gedicht von Liliencron gelesen, das mir gefallen hat. Es hat auch mit dem Tod zu tun. Hier ist es:
Ballade in U-dur
Es lebte Herr Kunz von Karfunkel Mit seiner verrunzelten Kunkel Auf seinem Schlosse Punkpunkel In Stille und Sturm. Seine Lebensgeschichte war dunkel, Es murmelte manch Gemunkel Um seinen Turm. Täglich ließ er sich sehen Beim Auf- und Niedergehen In den herrlichen Ulmenalleen Seines adlichen Guts. Zuweilen blieb er stehen Und ließ die Federn wehen Seines Freiherrnhuts. Er war just hundert Jahre, Hatte schneeschlohweiße Haare Und kam mit sich ins klare: Ich sterbe nicht. Weg mit der verfluchten Bahre Und ähnlicher Leichenware! Hol sie die Gicht! Werd ich, neugiertrunken Ins Gartengras hingesunken, Entdeckt von dem alten Halunken, Dann grunzt er plump: Töw Sumpfhuhn, ick wil di glieks tunken In den Uhlenpfuhl zu den Unken, Du schrumpliger Lump. Einst lag ich im Verstecke Im Park an der Rosenhecke, Da kam auf der Ulmenstrecke Etwas angemufft. Ich bebe, ich erschrecke: Ohne Sense kommt mit Geblecke Der Tod, der Schuft. Und von der andern Seite, Mit dem Krückstock als Geleite, In knurrigem Geschreite, Kommt auch einer her. Der sieht nicht in die Weite, Der sieht nicht in die Breite, Geht gedankenschwer. Hallo, du kleine Mücke, Meckert der Tod voll Tücke, Hier ist eine Gräberlücke, Hinunter ins Loch! Erlaube, daß ich dich pflücke, Sonst hau ich dir auf die Perücke, Oller Knasterknoch. Der alte Herr, mit Grimassen, Tut seinen Krückstock fest fassen: Was hast du hier aufzupassen, Du Uhu du! Weg da aus meinen Gassen, Sonst will ich dich abschrammen lassen zur Uriansruh! Sein Krückstock saust behende Auf die dürren, gierigen Hände, Die Knöchel- und Knochenverbände: Knicksknucksknacks. Freund Hein schreit: Au, mach ein Ende! Au, au, ich lauf ins Gelände Nach Haus schnurstracks. Noch heut lebt Herr Kunz von Karfunkel Mit seiner verrunzelten Kunkel Auf seinem Schlosse Punkpunkel In Stille und Sturm. Seine Lebensgeschichte ist dunkel, Es murmelt und raunt manch Gemunkel Um seinen Turm. Detlev von Liliencron (1844-1909)
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Marina
antwortete am 15.07.06 (20:53):
Worauf es ankommt
Es kommt im Augenblick nicht darauf an wann es war daß die Unterdrückerregierung in Israel sich verwandelt hat in eine Verbrecherregierung
Aber es kommt darauf an zu erkennen daß sie jetzt eine Verbrecherregierung ist
Es kommt auch nicht mehr darauf an darüber zu streiten nach welchem Vorbild sie ihre Verbrechen begeht Diese verbrechen selbst tragen sichtbar die Spur ihres Vorbilds
Aber es kommt darauf an nicht nur klagend oder erstaunt den Kopf zu schütteln über diese Verbrechen sondern endlich etwas dagegen zu tun
Es kommt nicht darauf an was man ist Moslem, Christ, Jude, Freigeist: Ein Mensch der ein Mensch ist kann nicht schweigen zu dem was geschieht
Erich Fried 6.5.1921 - 22.11.1988
Gut, dass das Gedicht nicht von mir ist. Sonst würde man mich jetzt als antisemitisch bezeichnen. Für die, die es noch nicht wissen: Erich Fried war Jude.
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Enigma
antwortete am 18.07.06 (09:29):
GEBET
Ich kann nicht hassen. Sie schlagen mich. Sie treten mich mit Füßen. Ich kann nicht hassen. Ich kann nur büßen Für dich und mich. Ich kann nicht hassen. Sie würgen mich. Sie werfen mich mit Steinen. Ich kann nicht hassen. Ich kann nur weinen Bitterlich.
ILSE BLUMENTHAL-WEISS Aus: Jüdisches Schicksal in deutschen Gedichten; herausgegeben von Sigmund Kaznelson, Jüdischer Verlag, Berlin, 1959, S. 378
Internet-Tipp: https://dan4u.de/zuklampen/autorendetails.php4?wkid=1151241141&id=3&usess=&qx=
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kropka
antwortete am 18.07.06 (15:37):
ROBERT GERNHARDT Sonett vom Versuch eines amerikanischen Pressesprechers, einem irakischen Kind den Krieg zu erklären:
Mein liebes Kind, wir wollen dich befreien. Das heißt: Wir müssen dich zuvor beschießen. Wenn du das so verstehst: Als das Begießen des Pflänzchens Freiheit, wirst du uns verzeihen.
Mein Kind, dir blüht die Mutter aller Bomben. Wenn sie dich trifft, dann nimm das nicht persönlich. Wenn du sie triffst, so grüße sie versöhnlich: Wo keiner bohrt, kann niemand was verplomben.
Das meint: Wenn wir dir deine Stadt zerhauen, dann mit dem Zweck, sie schöner aufzubauen. Sofern du tust, mein Kind, was dir geheißen,
wirst du schon bald das Reich der Freiheit schauen. Du zweifelst noch? Uns kannst du blind vertrauen: Wer dich beschießt, muss dich nicht noch bescheissen. https://www.greenpeace-magazin.de/magazin/inhalt.php?id=62 Heute, am 18.Juli 2006 ist sein letzter Gedichtband «Später Spagat» erschienen: S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 120 S.,Euro 14,90 ISBN 3-10-025509-7
Internet-Tipp: https://www.zeit.de/dpa/generatedSite/iptc-bdt-20060717-14-dpa_12218108.xml
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Marina
antwortete am 18.07.06 (22:49):
Danke Kropka. Schön, dass du wieder da bist. :-)
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Enigma
antwortete am 19.07.06 (07:57):
... das sehe ich genau so wie Marina. :-)
@Marina und kropka Was haltet Ihr davon, wenn wir unsere letzten drei Gedichte in einen neuen Thread übernehmen? Ich wünsche mir nämlich schon seit einiger Zeit, dass wir mal Material sammeln (Lyrik, Kurzprosa o.ä.) zum Thema: "Literatur über (gegen) Krieg, Unterdrückung, Heimatverlust ..." Ich eröffne mal einfach.....
Nun aber noch ein Gedicht hier:
Träume
Behalte dir Träume! Denn wenn Träume sterben, ist dein Leben verarmt. Du gleichst einem Vogel mit gebrochenem Flügeln.
von Langston Hughes
Internet-Tipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Langston_Hughes
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kropka
antwortete am 17.08.06 (21:39):
"Kinderlied" von Günter Grass
Wer lacht hier, hat gelacht? Hier hat sich’s ausgelacht. Wer hier lacht, macht Verdacht, dass er aus Gründen lacht.
Wer weint hier, hat geweint? Hier wird nicht mehr geweint. Wer hier weint, der auch meint, dass er aus Gründen weint.
Wer spricht hier, spricht und schweigt? Wer schweigt, wird angezeigt. Wer hier spricht, hat verschwiegen, wo seine Gründe liegen.
Wer spielt hier, spielt im Sand? Wer spielt, muss an die Wand, hat sich beim Spiel die Hand gründlich verspielt, verbrannt.
Wer stirbt hier, ist gestorben? Wer stirbt, ist angeworben. Wer hier stirbt, unverdorben ist ohne Grund verstorben.
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kropka
antwortete am 18.08.06 (14:15):
Das KINDERLIED (1958 geschrieben) ist mein Lieblingsgedicht von Günter Grass und ich habe es schon seit Jahren in "meiner Sammlung". https://www.tour-literatur.de/Links/links_autoren/grass_links.htm
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kropka
antwortete am 07.09.06 (10:04):
..Lieblingsgedicht?.. Liebe?.. :-)) .."Märchen"?..
Aber niemals die Hoffnung aufgeben..
zeichen der liebe
deine augen wie ozeane habe alles überschwemmt
deine worte wie rosen die stechen
deine gedanken, erhaben wie sterne sind erloschen
die unschuld deiner hände ist jetzt atheist
dein versprechen wie honig klebt noch an allem.
Natalia Domagala 113 (Liebes-)Gedichte bitte 4 cl von deiner liebe für meinen tee
https://www.tenea-verlag.de/verlagsprogramm/index.php?titel_ID=253
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Enigma
antwortete am 07.09.06 (21:00):
Dorothee Sölle Definitionen des Erwachsenseins
Gott fluchen am morgen ihn loben am abend Kluge zehen haben das tanzen anfangen die finger spitzen Ein lehrer werden die leidenschaft für die ungeschickten genausein für die die sprachlos gemacht worden sind genauwerden mit ihnen Arbeiten so dass das ergebnis jederzeit im prozess aufscheint lieben so dass das ergebnis jederzeit auch im schmerz leuchtet den morgenstern sehen er bleibt nicht ewig aus das glück nicht nur vom hörensagen kennen es anfassen mit verbrannten händen
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kropka
antwortete am 07.09.06 (23:02):
Du bist nicht da, ich habe keine Lust zu schlafen. Du bist nicht da, und ich bin nicht so gerne wach. Du bist nicht da, ich bin bei neunundneunzig Schafen. Du bist nicht da, die Decke neben mir ist flach.
Bald wirst du da sein, und ich werde gerne schlafen. Bald wirst du da sein, und ich bin kein mueder Rest. Bald wirst du da sein, alle Boote sind im Hafen. Bald wirst du da sein und das Wachsein wieder Fest.
Fritz Eckenga: Du da
Aus: 'Die liebenden Deutschen' herausgegeben von Steffen Jacobs
https://www.zweitausendeins.de/r.cfm?Nr=2806
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Enigma
antwortete am 09.09.06 (18:59):
Der Leser
Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten, das nur das schnelle Wenden voller Seiten manchmal gewaltsam unterbricht?
Selbst seine Mutter wäre nicht gewiss, ob er es ist, der da mit seinem Schatten Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten, was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis
er mühsam aufsah: alles auf sich hebend, was unten in dem Buche sich verhielt, mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend anstießen an die fertig-volle Welt: wie stille Kinder, die allein gespielt, auf einmal das Vorhandene erfahren; doch seine Züge, die geordnet waren, blieben für immer umgestellt.
Rainer Maria Rilke, Sommer 1908 (vor dem 2.8.), Paris
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kropka
antwortete am 10.09.06 (11:13):
So wälz ich ohne Unterlaß, Wie Sankt Diogenes, mein Faß. Bald ist es Ernst, bald ist es Spaß; Bald ist es Lieb, bald ist es Haß; Bald ist es dies, bald ist es das; Es ist ein Nichts und ist ein Was. So wälz ich ohne Unterlaß, Wie Sankt Diogenes, mein Faß.
Genialisch Treiben Von Johann Wolfgang von Goethe
© 2006 Deutschlandradio
Internet-Tipp: https://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/538563/
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Enigma
antwortete am 11.09.06 (13:52):
Wie deine grüngoldnen Augen funkeln, Wald, du moosiger Träumer! Wie deine Gedanken dunkeln, Einsiedel, schwer von Leben, Saftseufzender Tagesversäumer!
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben Wies Atem holt und voller wogt und braust Und weiter zieht und stille wird und saust.
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben Hoch droben steht ein ernster Ton, Dem lauschten tausend Jahre schon Und werden tausend Jahre lauschen Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen
Peter Hille
Internet-Tipp: https://www.onlinekunst.de/baumgedichte/hille_baum.html
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kropka
antwortete am 11.09.06 (23:43):
Danke Enigma. Ein so schönes Gedicht!..
MENSCHEN KÖNNEN DAS
einfach verschwinden plötzlich einfach nicht mehr da sein weg sein fort sein ohne nachsendeauftrag postlos fort sein ihr haus einebnen die spuren im staub verwehn abschliessen gehen ohne blick zurück und weg sein nicht mehr erreichbar sein sich dem vergessen anfreunden lächelnd gehn oder traurig mit glitzerndem blick die augen ganz weit geöffnet und leise ganz leise dem anderen deuten dass dies eine treffen für eine zeitlang oder für immer das letzte war sich umdrehn und gehn und nicht mehr da sein das unausgesprochene lang schon mit sich herumgetragene nächte durchwachte eine wort nun einfach nicht sagen zum trotz oder spott einfach behalten und mit sich nehmen und keinen abdruck und keinen versuch eines echos am ort hinterlassen nur gehen sich wenden und gehen und weg sein fort sein für kurz oder immer das können nur menschen
festketten muss man sich an die welt dass man nicht ebenso einfach ebenso plötz lich nicht mehr
Marcel Diel
https://www.literaturbuero-rlp.de/lib/htm/service/autoren-des-monats/diel_marcel.htm
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Enigma
antwortete am 12.09.06 (08:02):
Hallo kropka,
ja, das können sie, die Menschen, gehen.... und kommen oder auch wiederkommen, so etwa:
Von den Gästen
Was einer ist, was einer war, beim Scheiden wird es offenbar.
Ruft er "Auf Nimmerwiedersehn", dann laß ihn frohen Herzens gehn.
Sagt er: "Leb wohl, so leid mir's tut", dann sei mal lieber auf der Hut.
Tut er nur "Tschau, bis dann dann" brommen, dann will das Arschloch wiederkommen.
(Robert Gernhardt)
oder auch so:
Wiederkommen bringt Freud
»Wiederkommen bringt Freud« - So schrieb in längst erblühtem Mai, Du kannst es lesen, es steht dabei, Eine Braut ihrem Bräutigam. Die Braut nicht wurde sein Weib - Er hat gelebt, ein einsamer Mann. Aus seinem Nachlaß kaufte ich dann Das Buch mit dem hoffenden Wort. Nun geb ich's dir, mein Kind - Es trägt dies Blatt ein Menschengeschick; Wir aber hoffen noch auf Glück - Ja, Wiederkommen bringt Freud. Theodor Storm: Gedichte
;-))
PS Die Gedichte von Marcel Diel gefallen mir übrigens ausgesprochen gut.
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kropka
antwortete am 12.10.06 (12:57):
Du mußt mit dem Obstbaum reden.
Erfinde eine neue Sprache, die Kirschblütensprache, Apfelblütenworte, rosa und weiße Worte, die der Wind lautlos davonträgt.
Vertraue dich dem Obstbaum an wenn dir ein Unrecht geschieht.
Lerne zu schweigen in der rosa und weißen Sprache.
Hilde Domin
(Gesammelte Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1987)
© 2006 Deutschlandradio
Internet-Tipp: https://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/548174/
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Enigma
antwortete am 15.10.06 (08:28):
Hallo kropka,
ja, das finde ich auch gut, ebenso wie dieses hier:
Rose Ausländer Sprache
Halt mich in deinem Dienst lebenslang in dir will ich atmen Ich dürste nach dir trinke dich Wort für Wort mein Quell Dein zorniges Funkeln Winterwort Fliederfein blühst du in mir Frühlingswort Ich folge dir bis in den Schlaf buchstabiere deine Träume Wir verstehn uns aufs Wort wir lieben einander
Aus: dies., Im Aschenregen die Spur deines Namens. Gedichte und Prosa 1976. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH 1976.
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Enigma
antwortete am 22.10.06 (10:20):
Edwin Bormann: Goethe-Quintessenzen Allen zitatenbedürftigen Gemütern gewidmet (1885) Ihr naht euch wieder? In die Ecke, Besen! Luft! Luft! Clavigo! Meine Ruh’ ist hin. Der König rief: Ich bin ein Mensch gewesen; Das Ewig-Weibliche, das war mein Sinn: Ein deutscher Mann mag keine Franzen leiden, Der andre hört von allem nur das Nein. Ich weiß nicht, nur die Lumpen sind bescheiden, Ein Werdender wird immer dankbar sein. Mir graut’s vor dir, der Kasus macht mich lachen, und Marmorbilder stehn und sehn mich an; Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen, Der Morgen kam, kühl bis ans Herz hinan. Prophete rechts – mein Herz was soll das geben? Du sprichst ein großes Wort gelassen aus; Das Wasser rauscht ins volle Menschenleben, Ich denke dein, so oft er trank daraus. Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen: Der Page lief, man sieht doch wo und wie. Was hör ich draußen? Fräulein, darf ich’s wagen? Grau, teurer Freund, ist alle Theorie. Heißt mich reden, schwankende Gestalten! Man merkt die Absicht, dunkler Ehrenmann! Durch Feld und Wald lasst mir herein den Alten; Ich kenn’ dich, du siehst mich lächelnd an. Ich sah ihn stürzen, himmlisches Behagen! Der Knabe kam und ward nicht mehr gesehn. Die Sonne sinkt, du musst es dreimal sagen – Dies ist die Art, mit Hexen umzugehn. Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen, Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern... Es muss sich dabei doch was denken lassen?! Ergo bibamus! Ist des Pudels Kern.
Siehe auch Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://virtuelleschuledeutsch.at/literatur2/weimar_parodie_vtfg_index.htm
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kropka
antwortete am 22.10.06 (21:05):
Edwin Bormann - Schiller Quintessenz Allen zitatenbedürftigen Gemütern gewidmet
Fern von Madrid, auf seines Daches Zinnen, In seiner Kaiserpracht saß König Franz. Wie wird mir? brüllt er mit vergnügten Sinnen; Was ist das Leben ohne Liebesglanz? Der Helm ist mein! Das ist das Los des Schönen In seines Nichts durchbohrendem Gefühl; Und will der Lorbeer hier sich nicht gewöhnen - Platz! Platz! 0 unglücksel'ges Flötenspiel!
Leicht beieinander wohnen die Gedanken. Du hast's erreicht, Oktavio! spricht Zeus. So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken, Denn nur die Liebe ist der Liebe Preis. Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder, 0 Königin, das Leben ist doch schön! Das aber denkt ganz wie ein Seifensieder: Max, bleibe bei mir! bleib, der Mohr kann gehn!
Blendwerk der Hölle, du bist blaß, Luise! Was ist der langen Rede kurzer Sinn? Ein Augenblick gelebt im Paradiese, Das ist die Stelle, wo ich sterblich bin. Und sieh, er zählt die Häupter seiner Lieben, Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an: Kurz ist der Schmerz, das Phlegma ist geblieben, Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.
Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken, Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit; Spät kommt ihr, doch ihr kommt, den Leu zu wecken, Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit. Der Lebende hat Recht, den Leib zu malen; Wer wagt es, was die innre Stimme spricht? Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen! Unsinn, du siegst, und Minna kennt mich nicht!
(Bei dieser 1883 erstmals erschienen Parodie montiert Borman nach Art des Centos Zitate aus dem Werk Schillers zu einem neuen Text.)
und: Ich weiß, daß ich nichts weiß.. Liebe Enigma, d a n k e ! schön
https://www.enigma.de/ecard/
Internet-Tipp: https://www.erlangerliste.de/parodie/lenore.html
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Magistra
antwortete am 23.10.06 (10:24):
Herr K. pflegte fast alle Fragen seiner Schüler zu beantworten. Ein Schüler fragte Herrn K., ob es von ihm Parodien gäbe. "Nein, nicht von mir, aber über mich", antwortete der Meister. Ein schreibender Jüngling fragte Herrn K., ob es einen Genius gäbe, der entscheide, bei welchem Dichter Parodien erlaubt seien. "Finden doch selbst Goethe und Schiller ihre Parodisten, ob als Flöte oder Triller!" Herr K. schmunzelte, als er sagte: "Ich rate dir nachzudenken, ob dein Schreiben je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst Parodien." "Ja?", wollte der interessierte Jungpoet beipflichten: "Sie haben Glück, Parodien gibt es keine für Ihre Gedichte ohne Reime." "Das mag der Genius der Poesie entscheiden! - Aber, oh", sagte Herr K., "vielleicht finde ich für die Gedichte, die du mir gestern gabst, aber keine Parodien, sondern handfeste Emendationen und geklaute Zitate." "Wie darf ich diese Antwort interpretieren?" - "Gilt dies allgemein, meine ich?", fragte ein anderer Schüler. Aber eine präzise Auskunft über die Qualität der ihm übergegebenen Texte gab der Herr K. vor den Schülern nicht. "Fragt nur meinen Meisterschüler Heiner! Bei dem gerät jedes Gedicht zur Parodie." Er grüßte und stieg mit seiner Freundin Marie B. alleine in den Horch und fuhr mit ihr in das 60 Stadien von Augsburg entfernte E. "Und wenn er dort noch ein Gedicht zu dem, was er sagte, schreibt, in Reimen, meine ich - dann glaub' ich ihm, dass er nicht nur ein Herr K. ist, sondern auch ein Dichter", murmelte einer namens Thomas ungläubig.
* Aus: B.B.: Geschichten vom Herrn Keuner. Zürcher Fassung. Frankfurt im Mai 2004. S. 138. - Diese ?Zürcher Fassung? ist die Urschrift der Keuner-Parabeln, von der Brecht selber für die erste Veröffentlichung abwich; drei Geschichten sonderte er aus; so auch dieser Disput über Parodien, die so stark an die Geschichte erinnert ?Die Frage, ob es einen Gott gibt".
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Enigma
antwortete am 23.10.06 (14:53):
@kropka Ja, das ist das genaue Gegenstück. :-) Und da Magistra bereits Brecht zu Wort kommen ließ, möchte ich auch noch eine Brecht-Parodie zu "Wanderers Nachtlied" beisteuern:
Bertolt Brecht: Liturgie vom Hauch (1924)
Einst kam ein altes Weib einher Die hatte kein Brot zum Essen mehr Das Brot, das fraß das Militär Da fiel sie in die Goss', die war kalte Da hatte sie keinen Hunger mehr. Darauf schwiegen die Vöglein im Walde Über allen Wipfeln ist Ruh In allen Gipfeln spürest du Kaum einen Hauch.
Da kam einmal ein Totenarzt einher Der sagte: Die Alte besteht auf ihrem Schein Da grub man die hungrige Alte ein So sagte das alte Weib nichts mehr Nur der Arzt lachte noch über die Alte. Auch die Vöglein schwiegen im Walde Über allen Wipfeln ist Ruh In allen Gipfeln spürest du Kaum einen Hauch.
Da kam einmal ein einziger Mann einher Der hatte für die Ordnung keinen Sinn Der fand in der Sache einen Haken drin Der war eine Art Freund für die Alte Der sagte, ein Mensch müsse essen können, bitte sehr Darauf schwiegen die Vöglein im Walde Über allen Wipfeln ist Ruh In allen Gipfeln spürest du Kaum einen Hauch.
Da kam mit einemmal ein Kommissar einher Der hatte einen Gummiknüppel dabei Und zerklopfte dem Mann seinen Hinterkopf zu Brei Und da sagte auch dieser Mann nichts mehr Doch der Kommissar sagte, dass es schallte: Und jetzt schweigen die Vöglein im Walde Über allen Wipfeln ist Ruh In allen Gipfeln spürest du Kaum einen Hauch.
Da kamen einmal drei bärtige Männer einher Die sagten, das sei nicht eines einzigen Mannes Sache allein. Und sie sagten es so lang, bis es knallte Aber dann krochen Maden durch ihr Fleisch in ihr Bein Da sagten die bärtigen Männer nichts mehr. Darauf schwiegen die Vöglein im Walde Über allen Wipfeln ist Ruh In allen Gipfeln spürest du Kaum einen Hauch.
Da kamen mit einemmal viele Männer einher Die wollten einmal reden mit dem Militär Doch das Militär redete mit dem Maschinengewehr Und da sagten alle die Männer nichts mehr. Doch sie hatten auf der Stirn noch eine Falte. Darauf schwiegen die Vöglein im Walde Über allen Wipfeln ist Ruh In allen Gipfeln spürest du Kaum einen Hauch.
Da kam einmal ein großer roter Bär einher Der wusste nichts von den Bräuchen hier, das brauchte er nicht als Bär. Doch er war nicht von gestern und ging nicht auf jeden Teer Und der fraß die Vöglein im Walde. Da schwiegen die Vöglein nicht mehr Über allen Wipfeln ist Unruh In allen Gipfeln spürest du Jetzt einen Hauch.
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kropka
antwortete am 24.10.06 (11:40):
Danke Enigma und Magistra! Dann bleiben wir bei B. Brecht und bleiben bei S p r a c h e...
Das Wiedersehen - Bertolt Brecht
Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: "Sie haben sich gar nicht verändert." "Oh!" sagte Herr K. und erbleichte.
https://www.schoolwork.de/forum/thema_143.html
Finster war's, der Mond schien helle Auf die grünbeschneite Flur, Als ein Wagen blitzesschnelle Langsam um die runde Ecke fuhr. Drinnen saßen stehend Leute Schweigend ins Gespräch vertieft, Als ein totgeschoßner Hase Auf dem Wasser Schlittschuh lief Und ein blondgelockter Knabe Mit kohlrabenschwarzem Haar Auf die grüne Bank sich setzte, Die gelb angestrichen war.
(Variante aus: Volksthümliches aus dem Königreich Sachsen. Auf der Thomasschule gesammelt von Oskar Dähnhardt. Bd. 1. Leipzig: Teubner, 1898.)
Internet-Tipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Oxymoron_(Sprache)
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Enigma
antwortete am 24.10.06 (20:10):
Na, dann will ich auch nochmal:
Julius Stettenheim Im Concert (1893)
Du bist wie eine Blume, - Ein wundervoller Text, Das ist das Lied der Lieder, Das hat mich schier behext! Ich finde auf dem Programme Des Dichters Namen nicht, Es ist gewiß von Goethe, So deutsch, so tief, so schlicht. „Das Liedchen ist von Heine.“ Ein Jude machte das Lied? Jetzt find’ ich’s ganz abscheulich, Ich bin Antisemit.
https://www.berliner-wespen.de/Einfuehrung/Personen.htm
She. auch Internet-Tipp!
Internet-Tipp: https://www.luise-berlin.de/lexikon/Mitte/s/Stettenheim_Julius.htm
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kropka
antwortete am 25.10.06 (23:05):
Schillers Lob der Frauen (A. W. Schlegel) Parodie
Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe, Flicken zerissene Pantalons aus; Kochen dem Manne die kräftigen Suppen, Putzen den Kindern die niedlichen Puppen, Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.
Doch der Mann, der tölpelhafte Find't am Zarten nicht Geschmack. Zum gegornen Gerstensafte Raucht er immerfort Tabak; Brummt, wie Bären an der Kette, Knufft die Kinder spat und fruh; Und dem Weibchen nachts im Bette, Kehrt er gleich den Rücken zu. usw.
August Wilhelm Schlegel
https://www.math.uni-bonn.de/people/hmathe/ausgaben/ausgabe21/parodien.html
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kropka
antwortete am 26.10.06 (09:36):
..dann noch einmal ZWEI Großen, die ich sehr schätze und achte: B. Brecht und R. Gernhardt:
Deutsche! Frei nach Bertolt Brecht rate ich euch Wählet recht: Von den Zielen die wichtigen Von den Mitteln die richtigen Von den Zwängen die spärlichen Von den Worten die ehrlichen Von den Taten die herzlichen Von den Opfern die schmerzlichen Von den Wegen die steinigen Von den Büchern die meinigen.
Robert Gernhardt https://netschool.de/akt/archive/a_000045.htm
https://zeus.zeit.de/text/2000/40/200040_umfrage.xml
Bertolt Brecht Geschichten vom Herrn K
Mühsal der Besten "Woran arbeiten Sie?" wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: "Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor."
https://www.litera.ru/slova/perevody/bertolt_brecht.html
Internet-Tipp: https://zeus.zeit.de/text/2000/40/200040_umfrage.xml
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Karl
antwortete am 27.10.06 (10:17):
Hallo Heidi,
wollen wir ein neues Kapitel aufschlagen?
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Enigma
antwortete am 30.10.06 (07:40):
Zum „Mignon-Lied“:
(...)„Eine weitere Parodie aus ersten Hälfte des 19. Jhdts ist Johann Konrad Nännys Gedicht “Das Roman – Land”. Hier macht sich der Autor über die Publikationsflut, das zahlenmäßige Anwachsen des Lesepublikums, das institutionalisierte Rezensentenwesen und die numerische Zunahme dilettierender Autoren lustig. Dabei stellt sich allerdings das amüsante Problem, dass ja auch Nänny selbst zu dieser unüberschaubaren Menge von Schreibenden gehört.“(....)
Text entnommen: - she. Internet-Tipp! - Johann Konrad Nänny: Das Roman-Land (1840) Kennst du das Land, wo man Romane schreibt Mehr als der Wind am Himmel Wolken treibt? Wo voll Genie sogar die kleinste Stadt Sich selber druckt ihr eignes Morgenblatt? Kennst du es wohl? Dahin dahin Möcht ich mit dir, geliebter Leser ziehn! Kennst du das Haus zum großen Tintenfass, Doch sei gewarnt, die Säle sind noch nass; Im größten hängt die Feder, spitz und scharf, Womit Kritik die Gegner niederwarf. Kennst du es wohl? Dahin dahin Möcht ich mit dir, geliebter Autor, ziehn! Kennst du den Berg Montblanc von Druckpapier? Der Führer sitzt schon auf dem Müllertier! Die Leser, wimmelnd, klettern hinten drein, Sie jauchzen schon: wie schön wird’s oben sein. Kennst du es wohl? Dahin dahin Möcht ich mit dir, geliebter Rezensente, ziehn!
Internet-Tipp: https://vdeutsch.eduhi.at/literatur2/weimar_parodie_vtfg.htm
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iris1
antwortete am 07.11.06 (15:05):
NEHM SE´N ALTEN
Die Statistik zeigt´s dem Kenner Es gibt mehr Frauen als wie Männer´ Drum rat ich allen Frau´n Sich beizeiten umzuschau´n. Doch bitte sich begnügen Es kann nicht jede ´n schönsten kriegen Schaun se nicht so wählerisch Nur nach dem der jung und frisch.
Nehm se´n Alten, nehm se´n Alten, So nen alten, wohlbestallten So´n Beamten mit Pension Sehr begehrt ist die Person. Nehm se´n Alten, nehm se´n Alten, Ist er´n bisschen aufgefrischt Ist er besser oft wie´n junger Und stets besser als wie nischt.
Ist so´n Mann auch kein Adonis Wenn´s man bloß ´ne Mannsperson ist Ging die Schönheit auch perdu Um so mehr schaut man auf SIE. Droht vielleicht ´ne Glatze? Nun, einer kriegt´se einer hat´se Oder hat er ´n Doppelkinn? Gut, dann greift man doppelt hin.
`n junger läßt sich schwer bezwingen Wenn se den Pantoffel schwingen `n alter gibt ihnen `s Portemonnaie Macht die Betten, kocht Kaffee. ´n junger küsst zwar heiß und mächtig Doch ´n alter küsst bedächtig Was ihm fehlt an Temperament Das ersetzt er durch Talent.
Nehm se´n Alten, Nehm se´n Alten Der ist froh, wenn sie´n behalten ´n junger küßt oft unbedacht heiß und schnell, drum geben sie acht. Nehm se´n Alten, Nehm se´n Alten, Der küßt voller Liebesqual, Denn der denkt bei jedem Kusse "Huch, ist vielleicht das letztemal."
OTTO REUTTER (1870-1931)
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Enigma
antwortete am 07.11.06 (18:17):
Ernst Stadler Dämmerung in der Stadt 1911 Der Abend spricht mit lindem Schmeichelwort die Gassen In Schlummer und der Süße alter Wiegenlieder, Die Dämmerung hat breit mit hüllendem Gefieder Ein Riesenvogel sich auf blaue Firste hingelassen.
Nun hat das Dunkel von den Fenstern allen Glanz gerissen, Die eben noch beströmt wie veilchenfarbne Spiegel standen, Die Häuser sind im Grau, durch das die ersten Lichter branden Wie Rümpfe großer Schiffe, die im Meer die Nachtsignale hissen.
In späten Himmel tauchen Türme zart und ohne Schwere, Die Ufer hütend, die im Schoß der kühlen Schatten schlafen, Nun schwimmt die Nacht auf dunkel starrender Galeere Mit schwarzem Segel lautlos in den lichtgepflügten Hafen.
Internet-Tipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Stadler
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kropka
antwortete am 07.11.06 (22:34):
Menschen bei Nacht
Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht, und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so mußt du bedenken: wem.
Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, das von ihren Gesichtern träuft, und haben sie nachts sich zusammengesellt, so schaust du eine wankende Welt durcheinandergehäuft. Auf ihren Stirnen hat gelber Schein alle Gedanken verdrängt, in ihren Blicken flackert der Wein, an ihren Händen hängt die schwere Gebärde, mit der sie sich bei ihren Gesprächen verstehn; und dabei sagen sie: Ich und Ich; und meinen: Irgendwen.
Rainer Maria Rilke
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Engelchen
antwortete am 07.11.06 (22:51):
Rainer Maria Rilke: Der Nachbar
Fremde Geige, gehst du mir nach? In wieviel Städten schon sprach deine einsame Nacht zu meiner? Spielen dich hunderte? Spielt dich einer?
Giebt es in allen großen Städten solche, die sich ohne dich schon in den Flüssen verloren hätten? Und warum trifft es immer mich?
Warum bin ich immer der Nachbar derer, die ich bange zwingend zu singen und zu sagen: Das Leben ist schwerer als die Schwere von allen Dingen. * (Aus: Das Buch der Bilder)
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kropka
antwortete am 07.11.06 (23:23):
EPILOG
"Man muß nie verzweifeln, wenn etwas verloren geht, ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück; es kommt alles noch herrlicher wieder. Was abfallen muß, fällt ab; was zu uns gehört, bleibt bei uns, denn es geht alles nach Gesetzen vor sich, die größer als unsere Einsicht sind und mit denen wir nur scheinbar im Widerspruch stehen. Man muß in sich selber leben und an das ganze Leben denken, an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte, denen gegenüber es nichts Vergangenes und Verlorenes gibt. -"
Brief von Rainer Maria Rilke an Friedrich Westhoff, Rom, 29. April 1904
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Engelchen
antwortete am 07.11.06 (23:30):
SUMMA Das Abendmahl
Sie sind versammelt, staunende Verstörte, um ihn, der wie ein Weiser sich beschließt und der sich fortnimmt denen er gehörte und der an ihnen fremd vorüberfließt. Die alte Einsamkeit kommt über ihn, die ihn erzog zu seinem tiefen Handeln; nun wird er wieder durch den Wald wandeln, und die ihn lieben werden vor ihm fliehn.
Er hat sie zu dem letzten Tisch entboten und (wie ein Schuß die Vögel aus den Schoten scheucht) scheucht er ihre Hände aus den Broten mit seinem Wort: sie fliegen zu ihm her; sie flattern bange durch die Tafelrunde und suchen einen Ausgang. Aber e r ist überall wie eine Dämmerstunde. * Rainer Maria Rilke, 19.6.1903, Paris
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kropka
antwortete am 07.11.06 (23:36):
wunderschön. ich danke dir. schlafe gut!
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Enigma
antwortete am 08.11.06 (07:44):
Guten Morgen,
ich danke Euch auch. Und noch einmal geht es weiter mit Rilke:
Für Erika
I.
So schweige nun. Auch ich will schweigen, denn wo wäre irgend Rede diesem Schweben? Schon hast Du ja dem leise neigenden fühlenden Winde fühlend nachgegeben.
Befürchte nichts, er wird nie wilder sein; doch, da uns Kräfte rätselhaft umkreisen, schließt sich um uns ein Kreis: Gewalt ist ein Entschlossenstes im Stärksten wie im Leisen.
2
Ob ich regnen kann, ich weiß es nicht, über Dir Du sanfteste der Matten. Vielleicht bin ich nur der Wolkenschatten, der Dein Glühendliegen unterbricht.
Bin der Wind, der diese Wolke treibt, bin ihr leicht verwandeltes Volumen, bin die Macht, die Deinen klaren Blumen schattige Verhaltung einverleibt.
3
Stille, wehende Wiese, was Du auch je verlörst -, wisse die Paradiese, denen Du zugehörst.
Fühle die kühleren Haine, die Dich umgeben rings, und bestärke das reine Schwanken des Schmetterlings.
4
Ja: jedes Bild ist Mauer. Laß uns ohne daß wir ein Bild bemühn, vertrauter sein. Ich denke zärtlich nur, wie ich Dich schone -, Du aber winde eine Blumenkrone und wirf sie in den nächsten Bach hinein.
Nichts ist verloren, alles giebt sich weiter. Verschwende an den unbekannten Freund die Freude Deiner täglichen Begleiter und alles, was Dich heimlich macht und heiter, bis zu der Luft, die Dir die Hände bräunt.
5
Vielleicht vom Abendsonnenschein belebt, wird das Erwarten selber zur Vollendung; da geben sich die Fernen ohne Blendung - vielleicht vom Abendsonnenschein belebt.
Vielleicht vom Abendsonnenschein belebt, erscheinen diese Perlen lang getragen, obwohl sie gestern noch im Meere lagen - vielleicht vom Abendsonnenschein belebt.
Vielleicht vom Abendsonnenschein belebt, sind wir die Gleichen und die immer Neuen -, und doch ist dieses Freuen unser Freuen, vielleicht vom Abendsonnenschein belebt.
6
Daß uns das Sternbild nicht fehl, halten wir uns am Entlegnen; wo sie dem Schicksal begegnen, machen die Sterne kein Hehl
aus ihrer Neigung, zu regeln, was sich in ihnen gewahrt -, über den wagendsten Segeln stehn sie als Zeichen der Fahrt.
Welche Dein werbender Bogen Dir auch gewinnen mag: fühle Dich einbezogen, stärke die Sterne bei Tag.
7
(Daß sie Dir einmal entgelten, tief in die Nächte gepflanzt, daß Du zu älteren Welten mit vergänglichem Herzen standst!)
Aus: Die Gedichte 1922 bis 1926 (Briefwechsel in Gedichten zwischen Rainer Maria Rilke und Erika Mitterer, aus der sechsten Antwort, Ragaz, 21./ 22. Juli 1924)
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