Mein erster Kuss unterm Maibaum


Mein erster Kuss unterm Maibaum

Jedes blutjunge Mädchen malt sich in den romantischten Bildern aus, wie es denn sein wird, von einem jungen Mann in den Arm genommen und geküsst zu werden - verliebt zu sein, mit tausend Schmetterlingen im Bauch. Ich gehörte auch dazu
.
Ich war damals 15 und hatte noch immer keinen Prinzen in Aussicht, der mir das Küssen lernen wollte. All meine Freundinnen hatten diesbezüglich bereits Erfahrungen gemacht, wussten, wie es sich anfühlt, im Himmel der Liebe zu schweben. Was hatte ich an mir, warum die jungen Männer nicht auf mich abfuhren? War ich zu groß? War ich zu dünn? Hatte ich nicht genug Holz unter der Dirndlbluse? Oder lag es schlichtweg daran, dass mich meine Eltern nie ausgehen ließen?

Ich wusste keine Antwort, war deshalb total verzweifelt. Wie sollte ich denn meinen Traumprinzen kennenlernen, wenn sie mich daheim einsperrten?

Doch dann kam dieser 30. April1971. An jenem Abend wurde von den jungen Männern in meinem Dorf der Maibaum aufgestellt und anschließend in den Mai hineingefeiert und getanzt. Meine Eltern gaben ausnahmsweise dem beharrlichen Drängen meiner 16-jährigen Cousine nach und ließen mich an den Feierlichkeiten der jungen Leute teilnehmen. Mit meinem großen Bruder zusätzlich als Aufpasser, versteht sich.

Der Abend wurde ein Flop. Nicht deshalb, weil mir die Leberkässemmel und die Orangenlimo nicht schmeckten, sondern weil ich nur herumsaß, während alle anderen das Tanzbein schwangen. Es fand sich kein einziger Tänzer, der mit mir einen Walzer oder sonst irgendetwas hätte tanzen wollen.

Als ich mich schließlich enttäuscht auf den Heimweg begeben wollte, geschah doch noch ein Wunder. Der Sohn des Metzgers, der schöne Willy, siebzehn Jahr, blondes Haar, stand plötzlich vor mir und lächelte mich an: „Magst du mit mir tanzen?“, fragte er mich mit seiner tiefen, bayrischen Stimme selbstsicher. Klar wollte ich. Und wie ich wollte, was für eine dumme Frage…

Als wir uns unter dem Maibaum unter die Tanzenden mischten, startete gerade der Song Roy Blacks: „Du bist nicht allein, wenn du träumst von der Liebe…“
Mir wurde ganz warm als Willy seine Arme fest um mich schlang, viel zu eng meines Erachtens, denn ich bekam kaum noch Luft. Seine Kleidung roch nicht nach einem Eau de Toilette von Hermes oder sonstigen Parfüm-Kreateuren, sondern nach einem Gemisch aus Metzgerladen und Zigarettenrauch.

Er sang leise den Schlagertext in mein Ohr und seine Hand fummelte alsbald meinen Rücken rauf und runter. Dann spürte ich seine feuchten Lippen an meinem Hals. Meine Wangen brannten, meine Knie wurden weich, als er mir Sekunden später tief in die Augen blickte und mich dann einfach auf den Mund küsste. Stürmisch, fordernd, nach Bier und Schnaps riechend. Total ekelig!

Ich bekam Panik, stemmte mich weg von ihm. Er sah mich erstaunt an, las vermutlich meine Abscheu vor ihm in meinem Gesicht und ließ mich los.  „Ich muss jetzt heim!“, sagte ich mit heiserer Stimme. „Tut mir leid.“

Ich ging nicht, sondern floh nach Hause, verkroch mich unter meiner Bettdecke und vermied den ganzen Wonnemonat Mai über vehement jegliche Begegnung mit dem schönen Willi, der meines Bruders bester Freund war.


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Kommentare (5)

Claudine

Danke vielmals meine lieben Herzenschenker. Ihr macht mir damit eine große Freude.
Eine Geschichte ohne Leser, das hieße ja, die Geschichte taugt nichts. Euere Likes sind darum unglaublich wertvoll für mich. MERCI!

Liebe Maiengrüße euch ihr Lieben - Rosi, Jutta, Lisa, indeed, Ernest, Marlen und Songeur
Irmina

indeed

So ähnlich erging es mir auch, liebe Irmina. Ich war bereits 17 Jahre + 6 Monate alt und ich durfte nur deshalb mit, weil die Karten gekauft waren von meinem Bruder und seiner Frau. Er kam Weihnachten ins Krankenhaus und musste sich einer OP unterziehen und so bin ich mit dem Heimat-Klub meiner Schwägerin und ihr zum tanzen gekommen. Es war Silvester Abend.

Um Mitternacht wurde sich alles Gute fürs Neue Jahr gewünscht und natürlich geküsst.
Ich mochte das überhaupt nicht. In den ich mich verguckt hatte, nun er hatte sich eine andere ausgesucht . . . 

Nun ja, es waren andere Zeiten . . .

Herzliche Grüße und alles Gute für diese neue Woche wünsche ich dir.

Ingrid

 

Claudine

@indeed  
Schön, liebe Ingrid, dass du mir auch deine Erlebnisse zu dem Thema geschildert hast.
Ich denke, vielen jungen Frauen ging es wie uns beiden: Der erste Kuss war auch für sie eine Enttäuschung, weil Ort, Zeit und vieles gar nicht den Träumen oder Vorstellungen entsprach, die sie damit verbanden.
Ich danke dir sehr herzlich für dein Interesse und den Kommentar dazu und grüße dich ganz, ganz lieb
Irmina

Jutta

Was für eine wunderbare Geschichte, liebe Irmina, ich erlebte sie gleich mit - und spannend geschrieben. 
Das muss sicher enttäuschend für dich gewesen sein, dass es so "ekelig" war und wohl gar nicht deinen "träumerischen" Fantasien entsprach.
Schön, dass du deine Erinnerung an den ersten Kuss unter dem Maibaum mit uns geteilt hast.

Ich wünsche dir einen guten Wochenstart und
grüsse dich herzlich

Jutta

 

Claudine

@Jutta  
Den ersten Kuss vergisst man nicht. Nicht den Jungen und auch nicht den Ort des Geschehens. Willy hat nichts anbrennen lassen, hatte auch nach seiner Hochzeit immer wieder Frauengeschichten, ist aber schon mit 32 Jahren an einem Hirntumor verstorben.

Vielen Dank für dein Interesse und den Kommentar, liebe Jutta. Ich sende dir ganz herzliche Grüße
Irmina


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