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ruegenrabe .

hat das Thema Drama der Wildnis im Forum fuer Autoren und Herausgeber eröffnet
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Tragödie der Wildnis

Es war Winter, und über die endlosen Weiten der Sibirischen Taiga, fegte ein eisiger, melancholisch heulender Schneesturm hinweg. Seit Tagen beherrschte dieser alles und wie so oft,
war kein Ende  abzusehen. Das geheimnisvolle Pfeifen jener  Nordwinde, was ihr klagendes Stöhnen zeitweise übertönte, kündigte Dramen an wie sie nur die Wildnis hervorbringt. Doch wer mit dieser lebt,
egal ob Mensch oder Tier, wird seine ihm vorbestimmte Rolle in einem solchen Stück spielen; bis zum bitteren Ende. So auch mussten es die Bewohner einer kleinen Siedlung erfahren, welche wie verschlafen im Herzen dieses riesigen Waldes lag. Obwohl im neunzehnten Jahrhundert, schien hier alles wie zu Zeiten Zar Peter des Großen. Bei ihnen gingen die Uhren langsamer.
Was sich in ihrer Lebensweise widerspiegelte und dem Umfeld seinen schwermütigen Ausdruck verlieh. Passend dazu, nagte an den vermoosten alten Blockhütten, in denen sie wohnten, die Vergänglichkeit. Zwar aus mächtigen Stämmen gebaut, ächzte deren Gebälk unter der Schneelast ihrer Dächer, und hin und wieder, drang der Sturm durch das schon rissige Holz – bis in die Stuben. Wie eh und je, wenn in den Wintermonaten die Nächte nicht enden wollten, fanden sich  einige Siedlungsbewohner zur geselligen Runde bei ihrem Nachbarn ein. Dieses Mal - kamen sie zum allein lebenden Alexander, dem Wilderer. Jener, ein tabuloser Wolfshasser, der kürzlich vom Fallenstellen zurückkehrte, fesselte gerne seinen Besuch mit blutigen Jagdgeschichten. So wie andere als Trophäen, Geweihe
oder die Eckzähne vom Keiler an den Wänden hatten, sah man bei ihm Wolfsköpfe. Doch galt er als guter Gastgeber und bei Wodka, Speck und Brot, erklangen nun die alten Lieder der Taiga.
Sie tranken und sangen, weinten und lachten, bis der Morgenstern aufging.
Weil ausreichend Selbstgebrannter aufgetischt wurde, mündete das maßlose Trinken einzelner bald ins Uferlose. Nach alt Russischer Art, hielten diese erst inne, wenn sie betrunken neben der Tafel knieten
und sich selbst das Glas nicht mehr nachfüllen konnten. Um es mit einer treffenden Redewendung auszudrücken: „Sie soffen die Steine aus der Erde.“ Wie auch Alexander, welcher nicht ahnte,
dass ihn der Schatten des Verderbens umhüllte. Bei einer Auszeit dann,
wo jener auf dem Fußboden sitzend dem Sekundenschlaf erlag, stand ihm der kalte Schweiß auf der Stirn. Träumte er doch vom Tod und dass der säuselnde Wind durch den Kaminschornstein die Worte rief: „Alexander, Alexander, die Geister der von dir getöteten Kreaturen finden keinen Frieden. Sie werden dich holen und das, noch bevor der Morgen graut.“ Diesem eigentlich sonst unerschrockenen Mann, fröstelte vor Schaudern. Denn der moralischen Blutspur wegen, welche er hinter sich herzog, prophezeite ihm so sein Unterbewusstsein ein baldiges Ableben. Das laute Zuschlagen einer Tür unterbrach dann den Alptraum. Mit aschfahlem Gesicht allmählich zu sich kommend, starrte jener nun
wie versteinert in die leblosen Augen, der von Wand auf ihn herab schauenden, präparierten Wolfsköpfe. Dabei gaukelte ihm sein getrübter Blick vor, dass diese sich bewegen. Weil aber weder - dem Aberglaube, noch überhaupt unerklärlichen Dingen zu getan, blieb er blind für all die Warnungen aus der Schattenwelt. Mit dem Griff nach der Wodkaflasche, die neben ihm auf dem Fußboden lag, wandte Alexander sich dann wieder dem Trinkgelage zu. Laut lachend, dem durch seine Träume angekündigtem Unheil zu prostend, riss dieser nun die Haustür auf und brüllte gegen den Sturm:
„Wo seit ihr Geister der Verdammnis, ihr wollt meine Seele, da kommt ihr zu spät, ich habe keine mehr. Also zieht weiter - Boten der Hölle!“ Sich eine Filzjacke über die Schulter hängend, ging er anschließend nach draußen um die Latrine aufzusuchen. Diese hinter dem Haus stehende, aus einem primitiven Bretterschuppen hergerichtete Einrichtung, sollte jener aber nie erreichen. Denn weil betrunken, wie ein lebender Toter durch den üppigen Schnee stapfend, vergaß der Mann die hier in der Wildnis gebotene Vorsicht. Selbst das warnende Gebell seines Hundes, welcher angekettet vor seiner Hütte wie hysterisch kläffte, vermochte dies nicht zu ändern. Doch alles hat seinen Preis und wie aus dem Nichts kommend, baute sich ein mächtiger Schatten vor ihm auf. Es war ein Bär. Allein durch die Tatsache, dass im Dunkeln der weiße Schnee diesen für Alexander sichtbar werden ließ, zog er sein schweres Jagdmesser aus seinem Stiefelschaft und schleuderte es dem Tier entgegen. Obwohl von dessen ungeheurer Gestalt nicht weit entfernt, verfehlte er sein Ziel. Viel schlimmer aber war, jener Hirschfänger blieb irgendwo, für ihn unerreichbar in der Holzwand der Latrine stecken. Nach diesem missglückten Versuch gegen die tödliche Erfüllung der Prophezeiung anzukämpfen, lernte jener nun selbst, dabei nach Hilfe rufend, die Todesangst kennen. Eine Angst, wie sie alle seine Jagdopfer erfuhren. Jetzt, das Ende vor Augen, versagte bei ihm jegliche Reaktion. Dann brach ihm ein Prankenhieb des Bären die Wirbelsäule. Vielleicht hätte man Alexander noch zur Hilfe eilen können, aber der wütende Wind erstickte seine Schreie und das gesellige Beisammensein der Gäste, lies viel zu spät unter ihnen eine böse Ahnung aufkommen. So wurde es für diesen Wilderer die Nacht, die keinen Morgen kennt. Als es langsam hell wurde, der fallende Schnee bedeckte längst den schwer von Blut durchtränkten Weg zur Latrine, machten sich endlich einige auf die Suche nach ihrem Gastgeber. Anfangs noch umher blödelnd, was diesem alles an Groteskem zugestoßen sein könnte, verstummte ihr Witz allmählich. Auch wenn es keiner aussprach, irgendwo war da ein mulmiges Gefühl. Was jene dann hinter dem Haus entdeckten, ließ sie erstarren. Denn außer einem Arm, dessen verkrallte Faust noch die Filzjacke Alexanders hielt, war von ihm selbst nichts mehr da. Sich schüttelnd, dabei schlagartig nüchtern werdend, erbrachen einige bei diesem Anblick ihren Mageninhalt. Schnell machte der Schrecken, das hier ein Mensch von wilden Tieren zerfetzt wurde, in der Siedlung die Runde. Wer laufen konnte, eilte trotz beißenden Windes im Zwielicht des erwachenden Morgens an die Stelle des Geschehens. Für die Alten unter ihnen waren sofort Wölfe für diese Bluttat schuldig. Denn nur sie, so wussten jene zu berichten, lassen von ihrem Riss immer was zurück. Ob ihre Behauptung nun der Wahrheit entsprach oder nicht; sie saß als Tatsache in den Köpfen der Leute fest. Ein in die Jahre gekommenes schmächtiges Kräuterweib trat aus der Menge. Sie gehörte zu der Sorte mystischer Frauen,
deren Namen man nur flüstert. Konnte sie doch Hellsehen und wie man glaubte, sogar mit den Toten sprechen. Ihr eigenartiger Blick, die weißen Haare, so wie ihr pergamentartiges von Falten durchzogenes Gesicht, untermauerten diese These noch. Wegen dem was jenes Mütterchen dann sagte, aber vor allem wie sie es sagte, warf sich über die dort Anwesenden der Mantel der Furcht und des Aberglaubens. Anfangs murmelte sie nur mit heiserer Stimme etwas vor sich hin. Wurde aber dann lauter und rief mit erhobenen Händen gen Himmel: „Ich sage euch! Alexander wird als Wolf wieder kommen und so wie sich die Tiere vor ihm fürchten mussten, werden sich dann die Menschen vor ihm fürchten. Wenn ein Wolfsgeheul dieser Siedlung ungewöhnlich nahe kommt, ist er zurück.
Vielleicht wird er euch und euer Vieh verschonen. Vielleicht aber auch nicht. Gnade uns Gott, wenn jener als Wolf so blutig lebt – wie einst als Mensch.“ Dann schlug sie mit ihren knöchrigen Fingern dreimal das Orthodoxische Kreuz in die Luft und verschwand. Von Stund ab, achteten jetzt die Siedlungsbewohner wieder mehr darauf, zu Nacht eine brennende Öllampe ins Fenster zu stellen. Solch ein Licht hielt zwar wilde Tiere von ihrem Hof fern, doch die Angst vor dem, was das Kräuterweib da prophezeit hatte, nahm es ihnen nicht. Alexander war nun tot. Doch hinterließ er der Wildnis ein grausames Erbe. Denn in den Fallen und Schlingen, die im Wald von ihm aufgestellt blieben, starben weiter Tiere. Sogar die letzte Kugel, welche dieser mit der Büchse auf eine hochträchtige Wölfin abfeuerte, verursachte über seinen Tod hinaus, unsagbares Leid. Eigentlich nur ein Streifschuss, hatte ihr jenes Geschoss das Fell auf der Schädelplatte bis zum Knochen runter, und dann weiter die halbe Rückendecke aufgerissen. Es war eine Wunde welche nie heilen würde. Vor Schmerzen, doch auch weil die Zeit nahte ihren Nachwuchs zu gebären, zog sie sich bei Ausklang desselbigen Tages noch - in eine Erdhöhle zurück. Gegen alle Regeln, bescherte ihr das Mutterglück aber nur ein weibliches Junges. Wegen schwachem Puls, fast eine Totgeburt, säuberte und wärmte sie den Welpen in ihrem Kummer und so fing sein kleines Herz - doch noch richtig an zu schlagen. Ob es segensreich für jene Wölfin war, jetzt schwer verletzt,  Nachwuchs zu bekommen? Wohl eher nicht. Denn bis zum Ende ihres Leidensweges kam alles noch heftiger. Nicht mehr Jagen könnend, da nahezu bewegungsunfähig durch das Anschwellen der vom Frost befallenen Wunden, verließ sie kaum ihren Bau. Quälte die Wölfin der Durst, dann kroch diese nie weiter wie zum Höhleneingang um ihn mit Schnee zu stillen. So dahin vegetierend, wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis durch den Hungertod erst das Muttertier und anschließend das Junge verenden würde. Doch da war noch ihr Partner. Ein stattlicher Rüde und Vater des Welpen. Von Kampfspuren gezeichnet, ließ seine Erscheinung, was das Durchsetzungsvermögen in der Natur betrifft, keine Fragen offen. Er  sorgte für Nahrung. Übernahm aber auch in vielem die Muterrolle für das Junge. Wenn die Wölfin dieses säugte, legte sich der Rüde manchmal dazu. Als wüsste er wie schlimm es um seine Gefährtin steht, sah er sie wie nachdenklich an und reinigte ihr behutsam das vom Wundwasser verklebte Fell mit der Zunge. So vergingen Tage und Wochen. Während die Wölfin dabei langsam an Lebenskraft verlor, gedieh ihr Welpe hingegen prächtig. Aus dem Säuglingsalter raus, brauchte er keine Muttermilch mehr. Sondern Fleisch. Fleisch, dass der Rüde von gerissenen Beutetieren auch herbei schleppte. Umso mehr der junge Wolf an Größe zu nahm,
desto grober wurde jetzt sein Spielverhalten. Beim Umhertollen mit dem Vater, lehrte der ihm Kämpfen und Töten, aber auch Regeln, die das Überleben in der Wildnis erst möglich machen. Während beide ihre Lebenslust auslebten, sah die Wölfin dem passiv zu. Der Schmerzen wegen war dieser nicht vergönnt daran teil zu haben. Doch, wenn der Rüde mit dem Welpen um sie herum sprangen und es ihr Zustand erlaubte, freute sie sich mit ihnen. Aber wer im Fahrwasser der negativen Schicksalsschläge schwimmt, für den sind die Glücksmomente schnell aufgebraucht. So ereilte jener Wolfsfamilie dann auch das Schlimmste, was noch passieren konnte. Denn wieder einmal auf Beutejagd, kam der Rüde von da nicht mehr zurück. Auf seinem Streifzug im morgendlichen Nebel, stürzte dieser in die vereiste Grotte eines Bergmassivs und riss sich den Bauch auf. Weil seelisch miteinander kommunizierend, wurde die Wölfin zeitgleich unruhig. Spürte sie doch dessen langen Todeskampf. Hilflos, mit rasendem Puls vor ihrem Bau hin und her laufend, grollte sie weinerliche Laute, welcher Trauer, aber auch ihre Hoffnungslosigkeit darüber zum Ausdruck brachten, dass ihr Junges noch eine Zukunft hat. Am Abend dann, unter dem brennenden Himmel einer Götterdämmerung, durchbrach das Heulen der Wölfin die Stille des Waldes. Es war der Abschiedsgesang an den Gefährten. Der beklemmende Tonfall ihrer Stimme entfachte dabei eine Aura, welche den Welpen völlig verunsicherte. Weil dieses Unbehagen schürte, was ihm die langen Schatten der Bäume bedrohlich erscheinen lies, beobachtete er Anfangs die Mutter - um zu verstehen. Doch überwog die Angst. Darum Schutz suchend, lief dieser bald zu ihr und schmiegte sich an sie. Aber ein letztes Mal sollte es sein, dass die Wölfin ihn liebkoste, sowie zur Nacht beim Schlafen wärmte. Am Firmament blitzten kalt die Sterne, als sie vom Welpen unbemerkt die Höhle verließ und in Begleitung des schweigenden Mondes nach etwas Fressbarem suchte. Allein ihres Jungen wegen, war diese geschundene Kreatur überhaupt dazu fähig. Nur für sich selbst; weil die Qualen an Leib und Seele zunahmen, käme solch ein Energieaufwand kaum in Frage.
Sie hätte den Bau nie mehr verlassen. Sie wäre einfach gestorben. Jetzt aber - vom Mutterinstinkt getrieben, lief die Wölfin durch das Dunkel der Taiga, zu einem gefrorenen Wasserfall. Da jenes Eisgebilde sonst einen See speiste, wo diese in Ufernähe - einst, Hasen, Mäuse, und andere Säuger  zu Fangen wusste, führte die Erinnerung sie hier her. Auf jeden Laut achtend, dabei die Gegend abschnuppernd, vernahmen ihre Ohren unter der Schneedecke auch bald die von Kleinnagern vertrauten Geräusche. Den Erfolg ahnend, wurde es schon hell, als die Wölfin nun nach ihnen scharrte. Dann erschreckte sie ein bis dahin, für sie unbekanntes, metallisches Klicken.
Gepaart mit diesem, durchfuhr blitzartig ihrem rechten Vorderlauf, der stechend heiße Schmerz einer Quetschung. Wie vom Schock benommen wankte die Wölfin. Krümmte sich und stieß  einen erbitternden Schrei in die Morgenstille. Dieser war so entsetzlich, das überall dort,
wo das Echowiederhall ihn hintrug, alles Vogelgezwitscher in den Bäumen verstummte.
Um ihr Leid zu mindern, versuchte sie das  Bein vom Boden anzuheben, und so zu entlasten. Aber es ging nicht. Die Wölfin war in einer unter dem Schnee verborgenen Tellerfalle geraten. Mit ihrem tierischen Verstand, nach der sie befreihenden Lösung suchend, sah diese nun manchmal zum Himmel auf. Nur, - war letzteres bedeutungslos. Denn für Tiere - bleibt er nur ein Himmel.
Jener gibt  ihnen weder Hoffnung, noch einen Gott, den sie hätte anflehen können. Als der endende Tag dann die erblassten Sonnenstrahlen verschlang, war die Wölfin bereit - das sonst unmögliche sich selbst abzuverlangen.  Sie biss ihren in der Falle gequetschten Vorderlauf ab. Am ganzen Leib zitternd, den blutenden Stumpf leckend, zeichnete hierbei die Verzweiflung deren Mimik. Wie sollte es auch anders sein. Zwar wieder frei, spielte sie nun im letzten Akt von ihrem Lebensdrama. Von weit her, kaum hörbar, vernahm diese im Abendlicht dann den vertrauten Ruf ihres einst angestammten Wolfsrudels.
Es war wieder mal so weit. Jene Bruderschaft rief zur wilden Jagt. Wie gerne hätte sie sich gemeldet und wäre ihnen gefolgt. Doch anders als sonst, was wohl auch der Furcht vor dem manchmal aufkommenden Kanibalismus unter ihres Gleichen geschuldet war, antwortete sie nicht.
Da jetzt verkrüppelt, hätte genau dies an ihr geschehen können. Die Wildnis - die natürliche Auslese, kennt da keine Gnade. Mit einem Rest Leben in den Adern und ohne etwas Fressbares gefangen zu haben, machte sich die Wölfin hinkend dann auf den Heimweg. Es war nicht zu erwarten, dass dieses von Hunger und Krankheit gezeichnete Wesen, den  beschwerlichen Weg bis zu ihrem Bau schaffen würde. Dafür sprach auch die Tatsache, dass  jener an Länge für sie zu nahm.
Denn jetzt, nur noch auf drei Beine, musste die Wölfin Schneewehen, Gräben, und auch teilweise umgestürzte Bäume, weitläufig umgehen. Anfangs sorgte sie noch dafür, keine Blutspur im Schnee zu hinterlassen. Aber umso kraftloser sie wurde, desto öfter konnte sie dies nicht verhindern.    …………………………………………….
 
 
 
hat das Thema Denen der Himmel nicht hilft. im Forum Literatur eröffnet

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Denen der Himmel nicht hilft.
 
Es war September, als ich auf der Rügeninsel Urlaub machte und dort beim wandern entlang der langen Strände, sowie vereinsamten Waldwege, die Ruhe suchte.
Der Zufall wollte es, dass ich hierbei einen an einer Kirche angrenzenden kleinen Friedhof entdecke. Beim Durchschlendern jener Stätte, fielen mir im Sonnenlicht die gusseisernen Buchstaben eines drei Gräber zierenden Grabsteines ins Auge.
Sie waren auf ihm fest verankert und ergaben den Wortlaut:“ Denen der Himmel nicht hilft“. In den Stein selbst, hatte man ein Kreuz eingraffiert, an dem sich drei Rosen windend hoch rankten und über dessen Querbalken tief nach unten hingen.
Dann abermals aus gusseisernen Buchstaben, stand unterhalb der Gravur für jede Rose noch ein Name. Blacho, Carmen und Cindy. Das war alles. Gedankenlos,
weil melancholisch angehaucht, verweilte ich wohl zulange vor deren Gräbern.
Denn ein altes Mütterchen, die unweit von mir auf einer Bank saß, fragte mich vorsichtig: “Entschuldigen Sie mein Herr, sie stehen so in sich gekehrt vor dieser schlichten Grabstätte, kennen sie die Personen die dort beerdigt liegen“? Ich verneinte ihre Frage. Gab aber der  betagten, wohl gut neunzig Jahre alten Greisin zu verstehen,
das jene, doch eigentlich Namenlose Gräber, auf mich stark Geächtet wirken.
Ja, das ist so gewollt erwiderte sie. Ein jüdischer Arzt hat es gesponsert und so
herrichten lassen. Falls ihnen etwas daran liegt, zu erfahren warum, setzen sie sich
zu mir, ich erzähle es ihnen. Nun, zu hören was diese alte Dame wohl zu berichten weiß, war für mich eine Abwechslung, welche ich nicht missen wollte. Denn Zeit
war genug und die von ihr spirituelle Ausstrahlung, schürte meine Neugierde.
Noch nach Jahren dieser Begegnung, kreiste mir ihre Geschichte im Kopf herum.
Die so -  begann:
Der Sommer war längst vorbei und der kalte nächtliche Herbstregen, machte die Strassen  in Binz, einem Badeort im Herzen Rügens, menschenleer. Wie so oft schon,
stand Carmen verträumt, in Schlafsachen auf ihren Mann wartend, fröstelnd am
Fenster. Sie starrte auf den feuchten Asphalt, welcher im Zwielicht der Laternen silbrig schimmerte  und wo sich langen Schatten  wie ein  müstisch bedrohliches Zeichen
nieder ließen. In dieser von Bäumen und Häuserecken geschaffene Schwarzmalerei, versuchte Carmen hin und wieder ihr Schicksal raus zu lesen. Wohl wissend................
 
 
 

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