Glück Friedgard Seiter Es ist beinah eine kitschige
Geschichte, aber sie hat mich doch nicht losgelassen: die Sache mit dem
großen Glück für die dicke Frau Hanneberg. Sie erinnerte ein
bißchen an einen Laubfrosch: aufgedunsen und wabbelig, mit
strähnigen, weißblonden Haaren, ewigen Laufmaschen, zipfeligen
Röcken. Eine „Schlampe“ eben. Auch die Tochter war ein
aufgeschwemmtes Kind, vollgestopft mit Süßigkeiten, aber sie sei
sehr gescheit, hieß es. Die Nachbarn munkelten, es
sei furchtbar unordentlich in der Wohnung. „Sie müssen mal sehn, was
für Gerümpel die auf dem Speicher hat ...“, wie eben Nachbarn
so reden. Daß der Mann eine Geliebte hatte, schien allen selbstverständlich
- „bei d e r Frau!“ Die Geliebte war eigentlich
derselbe Typ Frau: blond und mollig, aber gepflegt. Sie war seine Kollegin
gewesen, hatte sich wegen des Geredes versetzen lassen. Eines Tages wurde die Ehe der
Hannebergs geschieden und er heiratete seine Geliebte. Und damit begann das
große Glück für Frau Hanneberg. Lange Zeit bekamen wir sie
nicht mehr zu Gesicht, hatten sie vergessen, wie das mit ferneren Bekannten so
ist. Eines Tages, ich führte
gerade unseren Hund Gassi, wurde ich von einer Dame gegrüßt, die mir
begegnete. „Wer war denn das? Die kenn ich doch nicht, wieso
grüßt die mich?“ Ich führte Hasso zu seinem Lieblingsbaum
- auf einmal traf es mich wie ein Blitz: das war die geschiedene Frau Hanneberg! Eine Dame mit einem sehr
teuren , weichen Hut, elegantem Kostüm, gepflegter Frisur - was war da
geschehen? Ich nahm mir vor, sie anzusprechen, wenn ich sie wieder sehen
würde - die Neugier ließ mir keine Ruhe, muß ich gestehen. Gleich am nächsten Tag
ergab sich die Gelegenheit, beim Einkaufen in der Stadt. Ich war
müdegehetzt, weil ich verzweifelt nach einer bestimmten Pulloverfarbe
gesucht hatte, die dies Jahr nicht „in“ war. Ich gönnte mir in
meinem Lieblingscafe einen Cappucino - da kam sie herein. Sie sah mich gleich,
zögerte ein wenig - ich winkte ihr aufmunternd zu und merkte, daß
sie sehr gerne auf meinen Tisch zusteuerte. „Wie geht es Ihnen,
Frau Hanneberg, Sie sehen ja blendend aus!“ „Nicht mehr Hanneberg, bitte, ich
heiße jetzt Müller. Einfach Müller.“ „Oh, Sie sind wieder
verheiratet - herzlichen Glückwunsch“, es kam mir wirklich von
Herzen, so, wie sie aussah. „Danke, ja, Sie
können schon von Glück sprechen“, meinte sie. „Ich bin
nur gekommen, um die Wohnung aufzulösen, dann gehe ich zu meinem Mann
zurück nach Wiesbaden.“ Es klang sehr stolz und selbstbewußt -
nie hatte sie diesen Eindruck auf mich gemacht. Von selbst fing sie an, zu
erzählen: “Ich habe ihn im Krankenhaus kennen gelernt. Ich
mußte wegen einer Schilddrüsenoperation in die Klinik. Als ich
aufstehen durfte, ging ich im Garten des Krankenhauses jeden Tag ein
bißchen länger spazieren. Da sprach er mich an. Er war sehr nett und
fragte mich aus, wollte alles von mir wissen und hörte sehr aufmerksam zu. Als ich ihm von meiner
Scheidung erzählte, fragte er, warum mein Mann mich verlassen hatte. Da
erzählte ich ihm, wie es war. Mein Mann war karrierebewußt, das ging
ihm über alles. Wir waren zunächst sehr verliebt, dann erwartete ich
ein Kind und mein Mann war entsetzt. Er wollte, daß ich es „wegmachen“
lasse, Kinder paßten nicht in seinen Lebensplan. Aber ich habe mich
eisern gewehrt dagegen. Von dem Moment an, als das
Kind geboren war, hat er mich weitgehend ignoriert. Ich war nur noch
Haushälterin und Putzfrau. Er war sehr viel weg, fast jeden Abend eine
andere Veranstaltung, Vorträge, Tagungen - oder was er für Ausreden
erfand, um nicht daheim sein zu müssen. Erst, als sich herausstellte,
daß unsere Tochter hochintelligent war, begann er, sich für sie zu
interessieren - aber gleich so stark, daß er sie mir vollkommen entfremdete.
Er bestach sie - Sie wissen, wie leicht das bei Kindern ist - mit Reisen,
Geschenken, er verwöhnte sie nach Strich und Faden - sie lebt jetzt bei
ihm und seiner neuen Frau. Ich war zu gar nichts mehr
nütze, es ist Ihnen sicher aufgefallen, daß ich mich nicht mehr
gepflegt habe - ich war todunglücklich, am liebsten wäre ich
gestorben. Die
Schilddrüsenkrankheit war wohl eine Folge meines seelischen Zustandes. Und
durch die Operation fing für mich ein vollkommen neues Leben an. Herr Müller nahm mich,
nachdem wir beide entlassen waren, mit zu sich nach Hause. Er ist ziemlich viel
älter als ich, aber noch sehr aktiv und unternehmungslustig. Er hat eine
schöne Villa in Wiesbaden, er hatte einen eigenen Betrieb, den er
übergeben hat und lebt finanziell sorgenfrei. Er heiratete mich schon nach
wenigen Wochen und stattete mich vollkommen neu aus. „Schmeiß alles
weg“ sagte er, als er meine ollen Klamotten sah.“ Sie schwieg und sah mich
strahlend an. Eine ganz neue Frau: sie hatte einen Menschen gefunden, der sie
achtete und liebte. Sie war glücklich. |