Literatur Schöne Lyrik

Thomas1959
Thomas1959
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Thomas1959
als Antwort auf Sirona vom 25.07.2026, 09:19:59

Super, dass noch jemand Lenau kennt!
Sirona
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
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Abendbilder
Nikolaus Lenau

1. Friedlicher Abend senkt sich auf's Gefilde;
sanft entschlummert Natur, um ihre Züge
schwebt der Dämmrung zarte Verhüllung,
und sie lächelt, die holde:
Lächelt, ein schlummernd Kind in Vaters Armen,
der voll Liebe zu ihr sich neigt; sein göttlich Auge
weilt auf ihr, und es weht sein Odem
über ihr Antlitz.

2. Stille wird's im Walde; die lieben kleinen
Sänger prüfen schaukelnd den Ast,
der durch die Nacht dem neuen Fluge sie trägt,
den neuen Liedern entgegen.
Bald versinkt die Sonne; des Waldes Riesen
heben höher sich in die Lüfte, um noch
mit des Abends flüchtigen Rosen sich ihr
Haupt zu bekränzen.

3. Schon verstummt die Matte; den satten Rindern
selten nur enthallt das Geglock am Halse,
und es pflückt der wählende Zahn nur lässig
dunklere Gräser.
Und dort blickt der schuldlose Hirt der Sonne
sinnend nach; dem Sinnenden jetzt entfallen
Flöt' und Stab, es falten die Hände sich
zum Stillen Gebete.


 
Sirona
Sirona
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Sirona
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Begegnung – H. Heine

Wohl unter der Linde erklingt die Musik,
da tanzen die Burschen und Mädel,
da tanzen zwei, die niemand kennt,
sie schaun so schlank und edel.

Sie schweben auf, sie schweben ab,
in seltsam fremder Weise;
sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
das Fräulein flüstert leise:

»Mein schöner Junker, auf Eurem Hut
schwankt eine Neckenlilie,
die wächst nur tief in Meeresgrund -
ihr stammt nicht aus Adams Familie.

Ihr seid der Wassermann, Ihr wollt
verlocken des Dorfes Schönen.
Ich hab Euch erkannt, beim ersten Blick,
an Euren fischgrätigen Zähnen.

Sie schweben auf, sie schweben ab,
in seltsam fremder Weise,
sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
der Junker flüstert leise:

»Mein schönes Fräulein, sagt mir, warum
so eiskalt Eure Hand ist?
Sagt mir, warum so nass der Saum
an Eurem weißen Gewand ist?

Ich hab Euch erkannt, beim ersten Blick,
an Eurem spöttischen Knickse -
du bist kein irdisches Menschenkind,
du bist mein Mühmchen, die Nixe.

Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus
es trennen sich höflich die beiden.
Sie kennen sich leider viel zu gut,
suchen sich jetzt zu meiden.


 
Roxanna
Roxanna
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Roxanna
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Spaziergang

 

Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an –
 
und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen ...
wir aber spüren nur den Gegenwind.


Rainer Maria Rilke



Roxanna
Roxanna
Roxanna
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RE: Schöne Lyrik
geschrieben von Roxanna

Sachliche Romanze
von Erich Kästner


Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.



Roxanna
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