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Literatur Gedichte verschiedene
Die Zirbelkiefer
Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie las in einem Buche jüngst,
die Seele säße dort darin.
Sie säße dort wie ein Insekt
voll wundersamer Lieblichkeit,
von Gottes Allmacht ausgeheckt
und außerordentlich gescheit.
Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie weiß nicht, wo sie sitzen tut,
allein ihr wird ganz fromm zu Sinn.
Christian Morgenstern (1871 - 1914), deutscher Schriftsteller, Dramaturg, Journalist und Übersetzer
https://www.sdw.de/fileadmin/Bundesverband/01_Dateien/Infobl%C3%A4tter/Faltblatt_Zirbelkiefer.pdf
Verständnis einer Maschine
Ein Bildschirm flimmert kühl im leeren Raum,
und Zeichen reihen sich zu einem Satz:
„Ich weiß, Sie warten lang, es tut mir leid.“
Doch dieses Wort ist nur ein leerer Platz.
Drei Wochen schweigt das Telefon nun schon,
Drei Wochen Frust, der in der Seele brennt.
Da tippt ein Code aus Nullen und aus Einsen,
dass er den Schmerz von Ihrem Warten kennt.
Wie kann ein Schaltkreis fühlen, was es heißt,
wenn Zeit verstreicht und Hoffnung langsam blickt?
Wie kann ein Bit begreifen, was uns quält,
wenn Ungeduld das Menschenherz erstickt?
Verständnis braucht ein Herz, das schlagen kann,
ein Echo, das aus echtem Leben hallt.
Wenn Maschinen unser Leid verwalten,
wird Mitgefühl mechanisch und eiskalt.
Es kränkt den Geist, es spottet unsrer Art,
wenn Algorithmen Trost im Fließband spenden.
Denn echtes Trösten bleibt ein Menschenrecht –
und darf nicht in der Cloud als Floskel enden.
Ein Bildschirm flimmert kühl im leeren Raum,
und Zeichen reihen sich zu einem Satz:
„Ich weiß, Sie warten lang, es tut mir leid.“
Doch dieses Wort ist nur ein leerer Platz.
Drei Wochen schweigt das Telefon nun schon,
Drei Wochen Frust, der in der Seele brennt.
Da tippt ein Code aus Nullen und aus Einsen,
dass er den Schmerz von Ihrem Warten kennt.
Wie kann ein Schaltkreis fühlen, was es heißt,
wenn Zeit verstreicht und Hoffnung langsam blickt?
Wie kann ein Bit begreifen, was uns quält,
wenn Ungeduld das Menschenherz erstickt?
Verständnis braucht ein Herz, das schlagen kann,
ein Echo, das aus echtem Leben hallt.
Wenn Maschinen unser Leid verwalten,
wird Mitgefühl mechanisch und eiskalt.
Es kränkt den Geist, es spottet unsrer Art,
wenn Algorithmen Trost im Fließband spenden.
Denn echtes Trösten bleibt ein Menschenrecht –
und darf nicht in der Cloud als Floskel enden.
Ein leises Flüstern,
einst so hell,
wird in der Stille plötzlich grell.
Die Farben weichen aus dem Bild,
der Wind wird eisig,
einst so mild.
Ein goldner Turm,
aus Sand gebaut,
auf den man stolz und hoffend schaut,
zerfällt im stummen,
grauen Sand,
verweht von einer fremden Hand.
Zurück bleibt nur ein matter Schein,
ein leises Pochen tief im Sein.
Doch aus den Trümmern,
schwer und fahl,
wächst neue Kraft
fürn weitres Mal.
©️F.R.K.
einst so hell,
wird in der Stille plötzlich grell.
Die Farben weichen aus dem Bild,
der Wind wird eisig,
einst so mild.
Ein goldner Turm,
aus Sand gebaut,
auf den man stolz und hoffend schaut,
zerfällt im stummen,
grauen Sand,
verweht von einer fremden Hand.
Zurück bleibt nur ein matter Schein,
ein leises Pochen tief im Sein.
Doch aus den Trümmern,
schwer und fahl,
wächst neue Kraft
fürn weitres Mal.
©️F.R.K.
Wenn
Wenn du den Kopf bewahren kannst, wenn alle um dich herihn verlieren und dir die Schuld daran geben;wenn du dir selbst vertrauen kannst, wenn alle an dir zweifeln,doch auch ihrem Zweifel Raum lässt;
wenn du warten kannst, ohne des Wartens müde zu werden,oder, belogen, nicht selbst zur Lüge greifst,oder, gehasst, dem Hass nicht nachgibst,und dabei weder zu gut erscheinen noch zu weise reden willst;
wenn du träumen kannst – ohne Träume zu deinem Herrn zu machen;wenn du denken kannst – ohne Gedanken zu deinem Ziel zu machen;wenn du Triumph und Niederlage begegnen kannstund beide Betrüger gleich behandelst;
wenn du ertragen kannst, dass die Wahrheit, die du gesprochen hast,von Schurken verdreht wird, um Narren zu täuschen,oder zusehen kannst, wie das, dem du dein Leben gewidmet hast, zerbricht,und dich bückst, um es mit abgenutztem Werkzeug neu aufzubauen;
wenn du all deine Gewinne auf einen Haufen legen kannstund sie auf einen einzigen Wurf setzt,verlierst – und wieder von vorn beginnst,ohne jemals ein Wort über deinen Verlust zu verlieren;
wenn du Herz, Nerven und Muskeln zwingen kannst,dir zu dienen, obwohl ihre Kraft längst erschöpft ist,und durchhältst, wenn nichts mehr in dir geblieben istals der Wille, der ihnen befiehlt: „Haltet durch!“
Wenn du mit Menschen sprichst und deine Aufrichtigkeit bewahrst,oder mit Königen gehst und dennoch den einfachen Menschen nicht verlierst;wenn weder Feinde noch liebende Freunde dich verletzen können;wenn alle Menschen für dich zählen, aber keiner zu viel;
wenn du jede unerbittliche Minutemit sechzig Sekunden erfüllter Zeit füllen kannst –dann gehört dir die Erde und alles, was auf ihr ist.Und – was noch weit mehr bedeutet –dann bist du ein Mensch, mein Sohn

Glück
Ein grünumranktes Fenster,
die Scheiben blind und blau,
den Blick auf stille Wälder
und grüne Tannenau.
Im Stübchen hingebreitet
hellichter Sonnenschein,
ein Tisch und drum zwei Stühle,
und du und ich allein.
Vom Garten hinterm Hause
der Kinder Lärm und Spiel;
ein Jubeln, wenn vom Baume
ein halbreif Äpflein fiel.
Das ist die Welt, die weite,
die ich mir treu behielt,
drin sich ein Herz dem andern
stets wieder neu befiehlt.
Wilhelm Holzamer (1871 - 1907), deutscher Schriftsteller und Literatur-Rezensent

Ein grünumranktes Fenster,
die Scheiben blind und blau,
den Blick auf stille Wälder
und grüne Tannenau.
Im Stübchen hingebreitet
hellichter Sonnenschein,
ein Tisch und drum zwei Stühle,
und du und ich allein.
Vom Garten hinterm Hause
der Kinder Lärm und Spiel;
ein Jubeln, wenn vom Baume
ein halbreif Äpflein fiel.
Das ist die Welt, die weite,
die ich mir treu behielt,
drin sich ein Herz dem andern
stets wieder neu befiehlt.
Wilhelm Holzamer (1871 - 1907), deutscher Schriftsteller und Literatur-Rezensent

Landregen
Der Regen rauscht. Der Regen rauscht schon seit Tagen immerzu. Und Käferchen ertrinken
im Schlamm an den Wegen.
Der Wald hat Ruh.
Gelabte Blätter blinken.
Im Regenrauschen schweigen
alle Vögel und zeigen sich nicht.
Es rauscht urewige Musik.
und dennoch sucht mein Blick
ein Streifchen helles Licht.
Fast schäm' ich mich, zu sagen:
ich sehne mich nach etwas Staub. Ich kann das schwere, kalte Laub nicht länger mehr ertragen.
Joachim Ringelnatz
Der Regen rauscht. Der Regen rauscht schon seit Tagen immerzu. Und Käferchen ertrinken
im Schlamm an den Wegen.
Der Wald hat Ruh.
Gelabte Blätter blinken.
Im Regenrauschen schweigen
alle Vögel und zeigen sich nicht.
Es rauscht urewige Musik.
und dennoch sucht mein Blick
ein Streifchen helles Licht.
Fast schäm' ich mich, zu sagen:
ich sehne mich nach etwas Staub. Ich kann das schwere, kalte Laub nicht länger mehr ertragen.
Joachim Ringelnatz
Erich Kästner - Der August
Nun hebt das Jahr die Sense hoch
und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muss mähen.
Und wer mäht, muss säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.
***
Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht.
Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,
ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.
Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht!
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

