Sonstiges Das Lied der Straße...
Ein Freund aus der Schweiz, der uns besuchte, erzählte uns aus seinem Leben...
"Es war Sonntagabend. Ich befand mich im Schnellzug, um nach einem Wochenend-Urlaub in die Kaserne zurückzukehren. Ich war sehr müde und schlief ein. Als ich aufwachte, bemerkte ich, dass der Zug bereits in Olten vorbeigefahren und nur noch wenige Kilometer von Bern entfernt war. In Olten hätte ich aber umsteigen müssen, um den Anschlußzug zu erwischen. Da schoß mir durch den Kopf, was einigen Kollegen geschehen war, die am Sonntagabend, fünf Minuten nach Mitternacht in die Kaserne zurückgekehrt waren: Sämtliche Ausgänge während der Woche sowie der darauffolgende Sonntags-Urlaub waren ihnen gestrichen worden.
Nachdem ich in Bern angekommen war, rief ich in die Kaserne an. Man teilte mir mit, jemand werde mich in etwa zwei Stunden abholen. Als ich fast drei Stunden gewartet hatte, war mir klar, dass etwas dazwischen gekommen sein musste, und ich rief nochmals an. Diesmal nahm ein anderer Soldat den Hörer ab. Er zeigte viel weniger Verständnis als der erste und sagte, dass ich unter allen Umständen sofort in die Kaserne zurückkehren müsse. Ich erklärte ihm, dass der letzte Zug bereits abgefahren sei und ich deshalb unmöglich vor sieben Uhr morgens zurücksein könne. Wütend hängte der andere ein.
Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, die Nacht im Bahnhof zu verbringen, als ich Schreie aus der Unterführung hörte. Mein erster Gedanke war, wegzugehen und mich nicht einzumischen. Eine innere Stimme sagte mir aber, dass das nicht richtig war. Ich ging also in die Richtung, aus der der Hilferuf kam. Dort sah ich drei Punks, die ein Mädchen belästigten. Als sie mich sahen, ließen sie von mir ab. Für einen Augenblick waren sie verunsichert. Dies nützte ich aus, nahm meinen ganzen Mut zusammen und schritt entschieden auf sie zu. Das Mädchen lief davon, doch die Punks hatten sich sofort wieder gefangen, kamen provokativ auf mich zu und verlangten Geld.
"Wofür braucht ihr es denn?", fragte ich. Einer von ihnen antwortete, er habe seit zwei Tagen nichts mehr gegessen. Also begann ich, meinen Wochenvorrat auszupacken: Salami, Käse, Biskuits.
An das Treppengeländer lehnend begannen wir zu essen. Einer fing an, aus seinem Leben zu erzählen: von seinen Enttäuschungen, dem eigenen Versagen und der mißlichen Lage, in der er sich jetzt befand. Ich verstand, dass er in erster Linie ein Mensch war, der angehört und akzeptiert werden wollte. Ich versuchte, ihm und seinen Gefährten gegenüber in dieser Haltung zu sein.
Immer wieder gingen Leute an uns vorbei: Heimkehrer, Menschen aus der Drogenszene, Obdachlose, zwielichtige Gestalten. Nach und nach scharte sich eine Gruppe um uns. Einer spielte für mich einige Lieder auf der Gitarre. Er war ein einfacher Typ, und fragte ich ihn, ob er auch eigene Lieder komponiert habe. Nach kurzem Zögern sang er ein trauriges, aber tiefsinniges Lied, ein Lied der Straße, das ich sehr schön fand. Und das sagte ich ihm auch.
Ein Dealer wollte, dass ich ihm einen Kaffee bezahlte. Mehrere Male mußte ich ihm erklären, dass ich nur noch das Geld für die Fahrt nach Olten hatte. Nach einiger Zeit winkte er mir wortlos zu, ihm zu folgen. In der soeben eröffneten Kaffee-Bar - es war inzwischen Morgen geworden - lud er mich zu einer Tasse Kaffee ein.
Als wir wieder herausgingen, waren eineinhalb Stunden vergangen. Wir hatten über das Leben, über den Sinn des Schmerzes und über Gott gesprochen.
Bevor ich den ersten Zug nahm, spielte der 'Musiker' ein weiteres Lied für mich und sagte: "Für die schönen nächtlichen Stunden, die wir verlebt haben". Ich sah ihn dabei zum ersten Mal lächeln.
Als ich um sieben Uhr zwanzig den Kasernenhof betrat, war die gesamte Kompanie beim Gewehrputzen. Ich dachte an die bevorstehende Strafe. Der Oberleutnant erwartete mich in seinem Büro. Die Erfahrung der vergangenen Nacht erfüllte mich mit Freude. Ruhig erzählte ich meinem Vorgesetzten, wie sich alles zugetragen hatte. Entgegen jeglicher militärischer Logik und entgegen meinen Erwartungen glaubte er mir und wünschte mir eine guten Woche." S.N.
"Es war Sonntagabend. Ich befand mich im Schnellzug, um nach einem Wochenend-Urlaub in die Kaserne zurückzukehren. Ich war sehr müde und schlief ein. Als ich aufwachte, bemerkte ich, dass der Zug bereits in Olten vorbeigefahren und nur noch wenige Kilometer von Bern entfernt war. In Olten hätte ich aber umsteigen müssen, um den Anschlußzug zu erwischen. Da schoß mir durch den Kopf, was einigen Kollegen geschehen war, die am Sonntagabend, fünf Minuten nach Mitternacht in die Kaserne zurückgekehrt waren: Sämtliche Ausgänge während der Woche sowie der darauffolgende Sonntags-Urlaub waren ihnen gestrichen worden.
Nachdem ich in Bern angekommen war, rief ich in die Kaserne an. Man teilte mir mit, jemand werde mich in etwa zwei Stunden abholen. Als ich fast drei Stunden gewartet hatte, war mir klar, dass etwas dazwischen gekommen sein musste, und ich rief nochmals an. Diesmal nahm ein anderer Soldat den Hörer ab. Er zeigte viel weniger Verständnis als der erste und sagte, dass ich unter allen Umständen sofort in die Kaserne zurückkehren müsse. Ich erklärte ihm, dass der letzte Zug bereits abgefahren sei und ich deshalb unmöglich vor sieben Uhr morgens zurücksein könne. Wütend hängte der andere ein.
Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, die Nacht im Bahnhof zu verbringen, als ich Schreie aus der Unterführung hörte. Mein erster Gedanke war, wegzugehen und mich nicht einzumischen. Eine innere Stimme sagte mir aber, dass das nicht richtig war. Ich ging also in die Richtung, aus der der Hilferuf kam. Dort sah ich drei Punks, die ein Mädchen belästigten. Als sie mich sahen, ließen sie von mir ab. Für einen Augenblick waren sie verunsichert. Dies nützte ich aus, nahm meinen ganzen Mut zusammen und schritt entschieden auf sie zu. Das Mädchen lief davon, doch die Punks hatten sich sofort wieder gefangen, kamen provokativ auf mich zu und verlangten Geld.
"Wofür braucht ihr es denn?", fragte ich. Einer von ihnen antwortete, er habe seit zwei Tagen nichts mehr gegessen. Also begann ich, meinen Wochenvorrat auszupacken: Salami, Käse, Biskuits.
An das Treppengeländer lehnend begannen wir zu essen. Einer fing an, aus seinem Leben zu erzählen: von seinen Enttäuschungen, dem eigenen Versagen und der mißlichen Lage, in der er sich jetzt befand. Ich verstand, dass er in erster Linie ein Mensch war, der angehört und akzeptiert werden wollte. Ich versuchte, ihm und seinen Gefährten gegenüber in dieser Haltung zu sein.
Immer wieder gingen Leute an uns vorbei: Heimkehrer, Menschen aus der Drogenszene, Obdachlose, zwielichtige Gestalten. Nach und nach scharte sich eine Gruppe um uns. Einer spielte für mich einige Lieder auf der Gitarre. Er war ein einfacher Typ, und fragte ich ihn, ob er auch eigene Lieder komponiert habe. Nach kurzem Zögern sang er ein trauriges, aber tiefsinniges Lied, ein Lied der Straße, das ich sehr schön fand. Und das sagte ich ihm auch.
Ein Dealer wollte, dass ich ihm einen Kaffee bezahlte. Mehrere Male mußte ich ihm erklären, dass ich nur noch das Geld für die Fahrt nach Olten hatte. Nach einiger Zeit winkte er mir wortlos zu, ihm zu folgen. In der soeben eröffneten Kaffee-Bar - es war inzwischen Morgen geworden - lud er mich zu einer Tasse Kaffee ein.
Als wir wieder herausgingen, waren eineinhalb Stunden vergangen. Wir hatten über das Leben, über den Sinn des Schmerzes und über Gott gesprochen.
Bevor ich den ersten Zug nahm, spielte der 'Musiker' ein weiteres Lied für mich und sagte: "Für die schönen nächtlichen Stunden, die wir verlebt haben". Ich sah ihn dabei zum ersten Mal lächeln.
Als ich um sieben Uhr zwanzig den Kasernenhof betrat, war die gesamte Kompanie beim Gewehrputzen. Ich dachte an die bevorstehende Strafe. Der Oberleutnant erwartete mich in seinem Büro. Die Erfahrung der vergangenen Nacht erfüllte mich mit Freude. Ruhig erzählte ich meinem Vorgesetzten, wie sich alles zugetragen hatte. Entgegen jeglicher militärischer Logik und entgegen meinen Erwartungen glaubte er mir und wünschte mir eine guten Woche." S.N.