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zum ersten Betriebskindergarten in der DDR
60 Jahre Kindertagesstätte "Max und Moritz"
Teil 1:
"Das war ein Ereignis!"
"Das war ein Ereignis!" war nicht nur der Titel in der Betriebszeitung des VEB Sachsen-Werk Radeberg, als am 8. Februar 1954 der erste neu erbaute Betriebskindergarten auf dem Gebiet der DDR eröffnet wurde. Vom "alten" Kindergarten an der Dresdener Straße waren die Kinder nach dem Mittagessen zum Betriebsgelände gezogen. Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es mit Musik durch das Werksgelände zum "neuen" Kindergarten am Robert-Blum-Weg. Fast jedes Kind hatte ein kleines Glöckchen mit, ein fröhlicher Zug an einem ereignisreichen Tag. Walter Piduch, verantwortlich für das Sozialwesen im Sachsen -Werk, empfing die Kinderschar, ihre Eltern und weitere Gäste, unter ihnen der Werkdirektor Märtin. Fast schon prophetisch seine Worte aus heutiger Sicht, wenn er alle Anwesenden bat, dafür zu sorgen, dass das unter großer Anstrengung Errichtete "erhalten bleiben möge". Danach Durchschneiden des Bandes und mit einem symbolisch großen Schlüssel wurde die Haupteingangstür geöffnet.
Ob Kind oder Mutter und Vater, alle waren begeistert von einem Ort, den manche im Überschwang des Ereignisses mit einem Paradies verglichen. Und das war es auch, denn neun Jahre nach dem Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs war ein solcher moderner Neubau nicht nur ein regionales Ereignis. Und für die Kinder ein zweites Erlebnis. Es gab zur Kaffeezeit kostenlos Kakao und Pfannkuchen, in einer Zeit der Lebensmittelmarken und des noch "immer hungrig sein" als Alltagserlebnis. Kostenlose Kinderbetreuung, heute fast ein Zauberwort, war eines der Markenzeichen in jenen Jahren. Dazu kamen die Dinge, an die man sich schnell gewöhnt hatte. Öffnungszeiten von früh 6 Uhr ab, Frühstück und Mittagessen ohne Lebensmittelmarkenabgabe, Spielen und Freizeiterlebnisse ohne den Geldbeutel der Eltern wesentlich zu belasten. "Die Zufriedenheit der Mütter, die ihre Kinder gut aufgehoben wissen, ist ein nicht zu unterschätzender Faktor ihrer Arbeitsleistung", ist sogar heute noch in einem Bundestagsbericht zu lesen. Das spielte auch schon damals eine Rolle.
Angefangen hatte es 1946 als ein SMAD - Befehl das "Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schulen als Einheitsschule" die Vorschulerziehung nach sowjetischen Vorbild als Teil der Schule einordnete. Was für Radeberg bedeutete, dass der sowjetische Generaldirektor Fomin anordnete, im neuen Kulturhaus an der Dresdener Straße im Erdgeschoss Möglichkeiten für die Betreuung von zunächst 60 Kindern zu schaffen. Auch hier keine Elternkosten und keine Lebensmittelmarken. Dann die "Erste Durchführungsbestimmung zur Verordnung über die Einrichtungen der vorschulischen Erziehung und Horte" vom 20. September 1952. Inzwischen hatte auch die Stadt Radeberg über 400 Kinderbetreuungsplätze geschaffen. Am 20. November 1952 kam es im Sachsenwerk Radeberg unter Kulturdirektor Wolfgang Bergold zu der Auftaktberatung an deren Ende der neue Betriebskindergarten stand.
Es wurde zu einer fulminanten Leistung der damaligen, aufbauwilligen Werksangehörigen und vieler Radeberger. In einer ersten, heute würde man sagen "DDR-typischen" Initiative zeichneten die Sachsenwerker Verpflichtungen zu fast 1400 freiwilligen Arbeitsleistungen und sammelten Geldspenden in Höhe von 4305 Mark. Am 21. April 1953 der feierliche Spatenstich, am 13. Oktober Richtfest. Trotz der Ereignisse des 17. Juni, die Bauarbeiter des Kindergartens legten die Arbeit nicht nieder(!), und der vielen sozialpolitischen und ökonomischen Probleme jener Wochen und Monate, konnte der Betriebskindergarten an jenem 8. Februar 1954 übergeben werden. Auch hier damalige Symbolik. Der Tag wurde ausgewählt, da sich das Jugendgesetz der DDR zum vierten Male jährte. Doch das war sicher den meisten der Beteiligten relativ egal. Entscheidend war, es gab etwas völlig Neues. Und das war nicht nur die eigene Kindergartenküche. Die Sanitäranlagen auf dem damals bestmöglichsten Stand, obwohl Materialmangel Tagesgespräch war. Dazu Kinderspielzeug in "Hülle und Fülle". Neben privaten Direktspenden auch nochmals Geldspenden für das Spielzeug von über 3400 Mark und natürlich die Unterstützung des Betriebs. Für den Aufbau wurden 46169,03 Mark aus dem "Kultur-und Sozialfonds" des Betriebes zur Verfügung gestellt. Der höchste Posten außer den laufenden Unterhaltungskasten für das Klubhaus. Dem ereignisreichen Tag des Jahres 1954 folgten dann der Bau der Kinderkrippe mit dem damaligen Novum einer "Wochenkrippe" und der Ausbau weiterer Hortplätze. Radeberg hat bis heute seine Kraft für eine gediegene Vorschulerziehung eingesetzt. Doch dazu an anderer Stelle mehr.
Liebe DDR- Leser(Freunde).
Diesen Artikel konnte ich in der Taheszeitung "Sächsische Zeitung" Ende August 2014 platzieren. Er brachte mir sehr viel Lob der älteren Generation ein. Aus der Chefetage der "SZ" gab es nur ein Kommentar: Zuviel positive DDR. So macht man heute Geschichte. Haweger, der genau 40 Jahre in der DDR lebte.
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