Worte gegen die Stille: Wie ich mich glücklich tippte
Aus Langeweile öffne ich mit fast70 das alte Notebook meines Sohnes und beginne im Pyjama zu schreiben. Aus Erinnerungen an meine Jugend, gescheiterte Prinzen und den alltäglichen Macken.
Man weiß, dass man das Alleinsein im Alter perfektioniert hat, wenn sogar das eigene Haustier die Augen verdreht. Mein Kater Findus, lag träge vor dem Laptop Ich überlegte an diesem Vormittag ausführlich die unschlagbaren Vorteile des Single-Daseins mit fast 70. Immerhin gab es in meinem Haus niemanden mehr, der mir vorschrieb, wann eine Bettdecke ordentlich gefaltet sein musste. Mein Bett durfte den ganzen Tag als Skulptur der Gemütlichkeit überdauern.
Es war elf Uhr morgens an einem heißen Augusttag und ich saß noch immer im Pyjama am Küchentisch. Vor mir stand ein gebrauchtes Notebook, das mir mein Sohn vor zwei Jahren geschenkt hatte, angeblich um Enkel-Fotos anzuschauen. Bisher hatte das Gerät hauptsächlich als teurer Untersetzer gedient.
Da das Fernsehprogramm aber nur die Wahl zwischen einer Talkshow über Fußpilz und der zehnten Wiederholung einer Vorabendserie bot, klappte ich den Laptop schließlich auf. Ein leeres, weißes Dokument öffnete sich, und der Cursor blinkte mich stumm und fast schon hämisch an, als wolle er mich herausfordern.
Um überhaupt in Übung zu kommen, tippte ich zuerst ein altes Rezept für Pflaumenkuchen ab. Doch schon nach wenigen Zeilen wich der Kuchen einer echten Erinnerung. Meine Finger, die anfangs noch reichlich steif im Adler-Suchsystem nach den Buchstaben fahndeten, fanden plötzlich einen ganz eigenen, fließenden Rhythmus. Das Tippen der Tasten klang im stillen Raum wie leiser, gemütlicher Regen.
Ich schrieb über meine erste eigene Wohnung in den 1980er Jahren mit ihren augenfeindlichen, grünen Tapeten. Ich tippte über den typischen Geruch von Linoleum und über den Tag, an dem ich begriff, dass Prinzen auf weißen Pferden meistens ziemlich schnell vom Gaul fallen. Sogar der alte Trennungsschmerz von meiner Scheidung verwandelte sich in humorvolle Zeilen, und unserem mürrischen Postboten dichtete ich spontan eine heimliche Karriere als leidenschaftlicher Tangotänzer an.
Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, war es draußen stockdunkel und bereits fast Mitternacht. Mein Kaffee war eiskalt, aber meine Wangen glühten vor Aufregung. Fünf Seiten voller Leben, alter Witze und kleiner Weisheiten waren entstanden. Das Alleinsein, das sich nach dem Auszug der Kinder manchmal wie eine viel zu große, leblose Wohnung angefühlt hatte, war plötzlich zu meiner ganz persönlichen, gemütlichen Schreibstube geworden.
Ein paar Tage später saß meine beste Freundin Brigitte bei mir am Küchentisch. Im alltäglichen Chaos hatte ich völlig vergessen, den Laptop zuzuklappen. Brigitte, die seit nunmehr 40 Jahren verheiratet war, schob sich die Brille auf die Nase und las still den Text auf dem Bildschirm. Ich hielt den Atem an und befürchtete schon, es mir mit meiner besten Freundin verscherzt zu haben, denn in dem Text ging es um ihren Ehemann Heinz, der sich für einen geborenen Handwerker hielt, während seine Frau beim Herausholen des Werkzeugkoffers vorsorglich schon die Feuerwehr rief. Doch Brigitte starrte nur kurz auf den Monitor, bevor sie laut losprustete und so heftig lachte, dass ihr der Kräutertee aus der Nase stieg. Sie war absolut begeistert, fand uns darin eins zu eins wieder und drängte mich vehement dazu, diese Zeilen zu veröffentlichen.
Obwohl ich die Idee anfangs abtat und mich fragte, wer bitteschön die Geschichten einer Ü60-Frau im Pyjama lesen wollte, war der Funke übergesprungen.
Noch am selben Abend meldete ich mich unter dem Pseudonym „LadySilbermond““ auf einem Seniorenportal an. Mit zitterndem Zeigefinger drückte ich auf den Veröffentlichen-Knopf, während mein Herz klopfte wie seit meiner Jugend nicht mehr.
Am nächsten Morgen schlich ich wie eine Kriminelle zum Laptop und öffnete die Seite. Zu meiner absoluten Verblüffung erwarteten mich dort viele Herzen, von Menschen, die meine Geschichte in der Nacht gelesen hatten.
Ich starrte auf den Bildschirm, und eine kleine, heiße Träne der Rührung stahl sich über meine Wange, um direkt auf der Leertaste zu landen. Ich war zwar allein in meinem Haus, aber durch diese geschriebenen Buchstaben war ich plötzlich auf eine ganz neue Weise mit der Welt verbunden. Meine Worte schlugen unsichtbare Brücken zu anderen Gleichalterigen , die irgendwo da draußen saßen, vielleicht ebenfalls im Pyjama und mit einer Katze auf dem Schoß, und einfach darauf warteten, gemeinsam zu lachen.
Ich wischte die Träne weg, lächelte und drückte Findus, der leise protestierte, weil ich seine Pfote kurz als Maus-Ersatz zweckentfremdet hatte. Während ich das nächste Wort in die Tastatur tippte, dachte ich bei mir, dass die "Königin des ungemachten Bettes" soeben eine neue Beschäftigung gefunden hatte und mein ganz persönliches, neues Abenteuer, begonnen.
@LadySilbermond 08/2026
Das Bild ist wieder mit KI generiert
Kommentare (10)
@Aurora borealis
danke dir! Das geht runter wie Öl. Es freut mich riesig, dass dir mein Schreibstil gefällt. Aber seien wir mal ehrlich: Die Realität liefert einfach die besten Vorlagen. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof, und die Sache mit den Prinzen musste einfach mal ungeschönt gesagt werden. Ich passe ab jetzt auf jeden Fall penibel auf, dass mir beim Schreiben nicht selbst die Gäule durchgehen.
Mit lieben Gruß
Raphaela - LadySilbermond
Guten Abend, liebe Lady Silbermond, mir geht es ähnlich, wie meinen
Vorschreiber/innen. Ich hoffe, noch viel von Dir zu lesen.
Wenn ich dann über mein Leben nachdenke und wie ich mich mühe,
Alleinsein nicht mit Einsamkeit zu verwechseln, erkenne ich Parallelen.
Leider kann ich nicht so erfrischend posten wie Du!
In Zukunft lächle ich, wenn ich die "Skulptur der
Gemütlichkeit" in meinem Schlafzimmer sehe....
Ich freue mich auf noch viele Beiträge!
Klara39-Susanne
@Klara39 Es freut, mich, dass du beim Lesen Einiges für dich mit in den Alltag nehmen kannst und ja, die nächste Geschichte folgt bald.
Ich fühle mich demütig, wenn ich sehe wie viele hier lesen und vielleicht ein Lächeln mit in den Tag nehmen.
Raphael- LadySilbermond
......Du hast ein fantastisches Erlebnis bzw.Erinnerung mit uns geteilt und ich hoffe, wie unsere "werderanerin", dass wir noch eine Geschichten von Dir, liebe Lady Silbermond, lesen können,
mit Freude grüßend
🐞ladybird-Renate
@ladybird
Ich freue mich sehr über den Zuspruch und ja, es war nicht die letzte Geschichte
🌸 Raphaela
Du schreibst aber auch herzerfrischend
Ich habe es gerne gelesen. Der Laptop hat nur drauf gewartet zum Leben geweckt zu werden. Wie seine Benutzer. Es Grüsst Cornelis
Das ist wohl ein so positives Beispiel, wie man sich regelrecht glücklich schreiben kann, egal, wie jung man ist. Was ist schon eine Zahl "70" - nix !
Ganz wunderbar und vor allem zeigt es auch, wie gut so manches Detail auf dem Papier geschrieben, der Wahrheit entsprach..., nur redet man eben nicht darüber.
Ich gehe mal davon aus, dass du noch immer fleißig schreibst...
Alles Gute
wünscht
Kristine
@werderanerin danke für deinen lieben Kommentar und ja, ich schreibe immer noch. Vielleicht werde ich die ein oder andere Geschichte hier noch teilen.
Lieben Gruß
Raphaela - LadyySilbermond
Liebe Raphaela,
ich würde mich freuen, hin und wieder so tolle
Geschichten / Ereignisse zu lesen. Macht Spaß !
Herzlichst
Kristine
Authentisch, rührend und doch witzig.
Einfach wunderschön geschrieben.
Der Satz: "über den Tag, an dem ich begriff, dass Prinzen auf weißen Pferden meistens ziemlich schnell vom Gaul fallen" hat dir einen besonderen Platz in meinem Herzen gesichert. Wie auch andere solche weise Bemerkungen.
Ich mag deinen Schreibstil.
Ein Genuss!
Aurora borealis