Wie ich zum Schreiben kam.
Kein Arbeitgeber in Deutschland wollte mich jemals haben und da ich mich nie vom Jobcenter unter Druck setzen ließ, in eine Behindertenwerkstatt zu gehen, steckten sie mich in eine Weiterbildung. Man kennt das ja; Bewerbungs-Training, Deutsch-Kurs, usw. Ich wohnte damals in Osnabrück und die Akademie, wo ich als Schülerin angemeldet war, konnte ich zu Fuß erreichen. Der Kurs ging drei Monate lang und war ganztägig angelegt. Mit 48 Jahren war ich eine der ältesten Teilnehmer dort.
Das Bewerbungs-Training, das angeboten wurde, war schon nach damaligem Standard veraltet. Niemand schrieb mehr einen ausgiebigen Lebenslauf, sondern listete fein säuberlich nach Stichpunkten auf, was man bisher gemacht hatte. Dabei sollten keine Lücken im Lebenslauf erkennbar sein. Mein Lebenslauf hatte aber Lücken; sehr große sogar. Um die mit plausiblen Aktivitäten zu füllen, musste ich tricksen. Wie erklärte ich die Zeiten, in denen mich mein Ex-Mann in seiner Wohnung eingesperrt hatte? Wie erklärte ich die vielen Wohnungswechsel, weil ich immer wieder in verschiedene Frauenhäuser geflüchtet war, wann immer sich die Gelegenheit zur Flucht bot? Wie erklärte ich einem potentiellen Arbeitgeber, der mich noch nie gesehen hatte, dass ich noch nie in meinem Heimatland gearbeitet hatte, wohl aber im Ausland? Die reale Antwort hätte lauten müssen; GAR NICHT! Kein Arbeitgeber würde das verstehen. Wenn ich irgendwo in der Arbeitswelt irgendeine reale Chance auf Arbeit haben wollte, musste ich PERSÖNLICH bei Firmen vorsprechen, noch bevor ich eine Bewerbung auf den Weg geschickt hatte. Alternativ musste ich mich selbstständig machen. Ich wählte die zweite Version. In welchem Berufszweig wollte ich mich selbstständig machen? - Im Texten und in der Werbung. Ich wollte Werbetexte für Firmen schreiben. Das klang auch für die Akademie und das Jobcenter plausibel und nach einem Intelligenztest, den ich bestand, wurde ich nach Abschluss der Weiterbildungsmaßnahme in ein Businessgründer-Seminar weitervermittelt, das aus EU-Töpfen finanziert wurde.
Während der drei Monate in der Akademie war ich Außenseiterin gewesen. An meinem vorletzten Tag musste ich mich beim Leiter des Businessgründer-Seminars vorstellen. Bevor ich mich auf den Weg machte, gab ich meiner Dozentin bei der Akademie einen versiegelten Umschlag mit der Bitte, ihn während des Unterrichts zu öffnen und der Klasse vorzulesen. Sie versprach es.
Im Umschlag befand sich ein Text, ähnlich einer Karnevals-Büttenrede, mit der ich die gesamte Lehrerschaft der Akademie auf humoristische Weise aufs Korn nahm. Zwei Seiten gereimter Text. Zu diesem Zeitpunkt interessierte es mich nicht mehr, wie man meinen Text aufnahm. Am nächsten Tag endete der Kurs.
Als ich am folgenden Tag in der Akademie eintrudelte, wurde ich mit einem Hallo empfangen, das ich noch nie erlebt hatte. Meine Mitschüler erzählten mir, wie unserer strengen Dozentin die Lachtränen die Wange runterliefen, während sie meinen Text der Klasse vorlas. Mein Text hatte anschließend in der ganzen Akademie die Runde gemacht und keiner der Dozenten, die ich hochgenommen hatte, fühlte sich beleidigt, sondern ich wurde an diesem Tag gebührend gefeiert, was mir wiederum den entsprechenden Auftrieb gab, das Schreiben beruflich einzusetzen.
Liebe Christine, wir hätten hier auch gerne gelacht über Deinen, sicherlich berufsweisenden Text über Deine Akademie. Oder verstehen das nur die
"Insider" ????
Auch diese Schilderung war wieder spannend,
mit Dank, Freude und Gruß
🐞-ladybird