Welt voller Geheimnisse


Als der Abend langsam über die Felder zog, machte ich mich auf den Weg. Die Sonne stand schon tief und tauchte die Landschaft in warmes Gold. Über den Äckern lag eine friedliche Ruhe, und der Wind strich sanft durch die Halme, sodass sie wie kleine Wellen über das Feld liefen. Ich liebte diese Stunde des Tages. Alles wurde langsamer, leiser und weicher.
Der Feldweg führte zwischen Getreide und Wiesen hindurch. Ich ging ohne Eile. Meine Schritte knirschten leise auf dem trockenen Boden, während ich den Duft von Erde, Gras und Kräutern einatmete. Von irgendwoher hörte ich eine Amsel singen, und über mir zogen Schwalben ihre Kreise durch die milde Abendluft.
Während ich so dahinging, ahnte ich nicht, dass ich diesen Abend nicht allein verbringen würde.
Im hohen Gras am Rand des Weges bewegte sich eine kleine Blindschleiche. Für sie war die Wiese eine riesige Welt voller Geheimnisse. Zwischen den Halmen schob sie sich lautlos vorwärts, ihr bronzefarbener Körper glänzte im letzten Sonnenlicht. Vorsichtig glitt sie über die warme Erde, vorbei an kleinen Käfern und wilden Blumen. Vielleicht war sie auf der Suche nach einem geschützten Schlafplatz für die Nacht. Vielleicht genoss sie einfach die angenehme Abendwärme, so wie ich meinen Spaziergang genoss.
Ich ging weiter und ließ meinen Blick über die Felder schweifen. Der Himmel färbte sich inzwischen rosa und hellblau. Die langen Schatten wurden immer länger, und die Landschaft wirkte beinahe wie gemalt.
Dann bemerkte ich plötzlich etwas auf dem Weg vor mir.
Ein feiner, glänzender Streifen lag quer auf dem hellen Feldweg.
Ich blieb sofort stehen.
Es war die kleine Blindschleiche.

 
Blindschleiche.png

Auch sie schien mich bemerkt zu haben. Sie bewegte sich nicht weiter. Für einen Augenblick standen wir beide still. Ich auf der einen Seite des Weges, sie mitten darauf.
Ich betrachtete sie aufmerksam. Wie zart sie war. Wie vollkommen sie in diese Abendlandschaft passte. Das Licht der untergehenden Sonne spiegelte sich auf ihren kleinen Schuppen, und sie wirkte wie ein lebendiger Faden aus Bronze.
Die Blindschleiche hob leicht den Kopf. Natürlich wusste sie nicht, wer ich war. Sie kannte meinen Namen nicht und nichts von meinem Leben. Aber sie schien zu spüren, dass von mir keine Gefahr ausging.
Und ich spürte etwas Ähnliches.
Ich hatte nicht das Bedürfnis, näherzugehen oder sie anzufassen. Es genügte mir, sie anzusehen. Zu wissen, dass wir beide gerade denselben Weg, denselben Abend und denselben stillen Augenblick teilten.
Um uns herum rauschten die Felder leise im Wind. Die Luft wurde kühler. Die ersten Schatten der Nacht legten sich über die Landschaft.
Nach einer Weile entschied die kleine Blindschleiche, ihren Weg fortzusetzen.
Langsam glitt sie weiter über den Feldweg. Ich blieb stehen und sah ihr nach. Am gegenüberliegenden Rand verschwand sie zwischen den Gräsern. Zuerst konnte ich noch ihren Schwanz erkennen, dann nur noch ein leichtes Schimmern. Schließlich war sie ganz verschwunden.
Ich lächelte.
Es war nur eine kleine Begegnung gewesen. Keine große Geschichte, nichts Spektakuläres. Und doch fühlte sie sich kostbar an.
Dann ging auch ich weiter.
Die Blindschleiche hatte ihr Ziel.
Ich hatte meines.
Und während die Dämmerung über die Felder zog und die ersten Sterne am Himmel erschienen, setzte jeder von uns seinen Weg fort – zufrieden, ungestört und auf seine eigene Weise glücklich über diesen friedlichen Abend.



(zusammen mit ChatGpt und ST-Bildgenerator)

 

Kommentare (3)

Distel1fink7

Danke fürs mitnehmen, war interessant.

Gruß Distel1fink7
Renate

Agathe

Eine schöne Geschichte!
Einfach und doch voller Tiefe.
 

Elou

@Agathe  
ist so geschehn, vor ca. 2 wochen ..

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