Was bin ich eigentlich ?
Da sitze ich nun. Im Bett, den Laptop vor mir, die Brille sicherheitshalber auf dem Kopf geparkt und eigentlich längst in einem Alter, in dem man abends vernünftigerweise schlafen sollte. Neben mir tickt die Uhr, irgendwo liegt die Katze und hat für meine nächtlichen Geistesblitze vermutlich nur mäßiges Verständnis. Aber mein Kopf denkt gar nicht daran, Feierabend zu machen.
Über mir könnten inzwischen drei Sprechblasen schweben:
Tastatur-Rebellin. Spätzünderin 60+. Wort-Akrobatin.
Drei Begriffe, die früher wohl kaum jemand mit mir in Verbindung gebracht hätte – ich selbst am aller wenigsten. Und doch sitze ich heute hier, tippe meine Gedanken in den Laptop und frage mich: Was bin ich eigentlich geworden?
Vielleicht eine Tastatur-Rebellin?
Das klingt zumindest schon einmal ziemlich gut. Früher hätte ich vielleicht auf den Tisch gehauen – wobei, wenn ich ehrlich bin, hätte ich vermutlich erst einmal überlegt, ob sich das überhaupt gehört. Heute haue ich lieber auf die Tastatur. Das ist wesentlich leiser, hinterlässt keine blauen Flecken und hat außerdem den Vorteil, dass ich hinterher noch nachlesen kann, worüber ich mich eigentlich aufgeregt habe.
Früher war ich allerdings alles andere als eine Rebellin. Ich habe oft erst einmal überlegt, was die anderen wohl denken könnten, habe manches lieber für mich behalten und meine Meinung vorsichtshalber noch einmal durch den inneren TÜV geschickt, bevor ich sie ausgesprochen habe. Heute sehe ich das entspannter. Meine Gedanken haben schließlich lange genug darauf gewartet, herausgelassen zu werden. Wenn mir etwas wichtig ist, schreibe ich es auf – freundlich, aber bestimmt. Meine Tastatur hält das aus, und ich inzwischen auch.
Oder bin ich vielleicht eine Spätzünderin 60+? Wobei mir dieses „Spät“ nicht so recht gefallen will. Wer bestimmt denn überhaupt, wann der richtige Zeitpunkt für etwas Neues gekommen ist? Vielleicht habe ich einfach nur ein bisschen länger Anlauf genommen. Andere wussten schon mit zwanzig, wohin die Reise gehen soll, während ich mir eben ein paar Jahrzehnte Bedenkzeit gegönnt habe. Dafür habe ich heute einen Vorteil: Ich habe WLAN. Das hatten die Zwanzigjährigen meiner Generation schließlich nicht, und irgendwie muss sich das Älterwerden ja auch einmal auszahlen.
Früher war ich überzeugt, dass man irgendwann im Leben fertig sein müsste. Ausbildung, Arbeit, Familie, Alltag – alles hatte seine Zeit und seinen festen Platz. Neue große Ideen waren eher etwas für die Jungen, dachte ich. Heute frage ich mich, wer diesen Unsinn eigentlich erfunden hat. Ausgerechnet jetzt entdecke ich Dinge, für die ich früher vielleicht gar nicht die Ruhe, die Freiheit oder den Mut gehabt hätte. Wenn das Spätzünden ist, dann zünde ich eben spät – dafür aber mit ordentlich Funkenflug.
Vielleicht bin ich aber auch eine Wort-Akrobatin, denn seit ich angefangen habe, meine Gedanken aufzuschreiben, jongliere ich ständig mit Wörtern. Ich schiebe sie hin und her, tausche eines aus, hole ein anderes zurück und hoffe, dass sie sich irgendwann freiwillig in der richtigen Reihenfolge auf dem Bildschirm versammeln. Manchmal gelingt das erstaunlich gut, und manchmal lese ich meinen eigenen Text und frage mich ernsthaft, wer denn so etwas geschrieben hat. Leider kann ich die Schuld dann niemandem zuschieben, denn meistens war ich es selbst.
Früher war ich keine Frau, die sich selbst als Schreiberin bezeichnet hätte. Natürlich hatte ich Gedanken und Geschichten im Kopf, aber ich hätte nie behauptet, daraus könne einmal etwas werden, das andere lesen möchten. Schreiben gehörte für mich eher zu Briefen, Einkaufszetteln und Dingen, die erledigt werden mussten. Heute kann aus einem einzigen Gedanken plötzlich eine ganze Geschichte entstehen. Dann sitze ich da, suche nach dem richtigen Wort, ändere einen Satz zum fünften Mal und freue mich am Ende darüber, als hätte ich gerade einen kleinen Schatz gefunden. Dass ich dabei manchmal länger nach einem Komma suche als früher nach meinen Autoschlüsseln, gehört offenbar zur neuen Karriere.
Und vielleicht ist genau das die schönste Überraschung:
Früher war ich viel stärker damit beschäftigt, meinen Platz im Leben zu finden und ihn ordentlich auszufüllen. Heute muss ich nicht mehr in jede Schublade passen. Ich darf neugierig sein, etwas Neues ausprobieren, Fehler machen und darüber lachen. Wenn ich fünf Minuten lang eine Datei suche, die ich höchstpersönlich irgendwo abgespeichert habe, nenne ich das deshalb nicht Vergesslichkeit, sondern digitales Gedächtnistraining. Das klingt wesentlich besser und hebt außerdem sofort die Stimmung.
Was bin ich also heute?
Eine Tastatur-Rebellin, eine Spätzünderin oder eine Wort-Akrobatin? Wahrscheinlich steckt von allem etwas in mir. Vielleicht musste ich auch erst älter werden, um herauszufinden, dass ich mich gar nicht für eine einzige Version von mir entscheiden muss. Ich darf die Frau sein, die ich früher war, und gleichzeitig neugierig darauf bleiben, welche Frau noch in mir steckt.
Denn inzwischen weiß ich: Neue Ideen kennen kein Höchstalter und Träume haben kein Verfallsdatum. Manche von ihnen schlummern einfach etwas länger, bis endlich genügend Zeit, Mut und Gelassenheit da sind, sie herauszulassen. Und wenn sie dann plötzlich auftauchen, sollte man sie nicht wieder wegschicken.
Man sollte den Computer einschalten, Kaffee holen und anfangen.
Nur eines habe ich inzwischen gelernt:
@LadySilbermond 19.08.2026
Kommentare (12)
@Martina27 Danke fürs Lesen und dass du Freude hattest, vielleicht hat es auch kleine Erinnerungen geweckt, wer weiß...
Lady Silbermond
Fair dinkum, LadySilbermond, what a bloody good read! 😄 Who decided there’s an age limit on having new ideas anyway? Probably some young drongo who still thinks wisdom comes from TikTok. You’re not a late bloomer—you’ve just been taking a decent run-up, and now you’re letting the sparks fly!
So keep being a keyboard rebel, a word acrobat and a wonderfully cheeky troublemaker. Life’s far too short to sit quietly in the corner behaving yourself. And if you forget where you saved the file, don’t call it getting old—call it a digital treasure hunt! 😂💻☕
Just remember to hit “Save” every now and then, or your masterpiece might vanish into the digital outback quicker than a cold wine at an Aussie barbie. Cheers, Darl!
@Wombat
😂 Fair dinkum – jetzt weiß ich wenigstens, dass ich keine Spätzünderin bin, sondern nur ziemlich lange Anlauf genommen habe. Das klingt eindeutig besser!
Den „wonderfully cheeky troublemaker“ nehme ich übrigens mit Vergnügen – man weiß ja nie, wann man so einen Titel noch brauchen kann. 😇
Und was das Speichern betrifft: Volltreffer! Meine digitalen Schatzsuchen haben inzwischen durchaus Abenteuercharakter. Aber solange ich am Ende noch weiß, wonach ich eigentlich gesucht habe, besteht Hoffnung. 😂
Thanks for the laugh – cheers! ☕😉
Sehr schön und auf den gewissen Punkt gebracht, liebe Raphaela. Wenn ich das alles so bei mir selbst "sacken" lasse, nachdenke, wie es eigentlich in meinem Leben so war...
...komme ich auf sehr ähnliche Phasen..., frage mich gleichzeitig, ob es nicht sehr vielen "Älteren" so ergeht.
Was weiß man schon in jungen Jahren, allerhöchstens, dass es nach vorne geht, die Schule ist "wichtig", warum fragte ich mich damals öfters, aber dann kamen so kluge Sätze, wie "man lernt für sich und das zukünftige Leben".
Warum dazu unbedingt diese "blöde" Mathematik gehörte, war mir nicht wirklich klar. Ich liebte Sport in allen Varianten, heute noch. Ohne sportliche Betätigung, egal was...fühle ich mich nicht wohl. Ich brauche Bewegung !
Hinzu kommt der Sport für den Kopf - wichtig, sehr wichtig !
Verstanden habe ich das auch erst spät, vielleicht immer schon unbewusst sowieso gemacht, aber erst viel später dann sehr zielgerichtet und gerne !
Ich habe ja schon in den 80igern am PC geschrieben..., nur war das bei weitem noch nicht so komfortabel, wie heute. Halt die Anfänge. Auch beruflich kam man einem Computer dann nicht mehr vorbei.
Ich habe überhaupt Neues immer gut integriert, aufgenommen, zugelassen aber vor allem nie verdammt. Es sollte zu mir gehören, mir helfen , aber wenn ich ehrlich bin, wollte ich immer auch dazu gehören, den Anschluss nicht verlieren, auch als ich nun keine 40 mehr war.
Das habe ich alles erreicht, natürlich muss nie alles sein, aber mein Anspruch blieb - nie aufgeben und machen. Kam ich nicht weiter, war und ist mein Sohnemann mein erster Ansprechpartner und hilft. Vieles habe ich mir selbst beigebracht, bin stolz !
Fazit : Alter..., liebe Raphaela gibt es für mich nicht. Ich mache das, was ich möchte und ja..., früher hab auch ich viel mehr überlegt, vielleicht nicht die Traute gehabt. Lange vorbei.
Das Leben ist ganz einfach zu kurz, um sich so manchem zu verweigern. Immer los, wenns kribbelt, einfach machen, das ist und bleibt mein Motto❗️
Deine hübsche Geschichte zeigt auch wieder, wie es eben im Leben sein kann. Wenn man irgendwann begriffen hat, dass nie etwas zu spät ist..., egal was..., dann ist das gut !
...lachen musste ich über den aller letzten Satz - ich hatte auch mal vergessen, ein sehr wichtiges Protokoll zu speichern (damals)...es war dann weg....nie mehr ist das passiert, nie mehr !
Heute muss man das nicht mehr, wird aufgefordert und gut ist !!! 😉
Alles Gute
Kristine
@werderanerin
Ich denke, das es einfach auch notwendig ist Gedanken die du und auch ich habe hier zu teilen. Worte sind nicht nur Waffen, die hetzen, zerstören...sie können umarmen und streicheln, was ich gerade in unserer Zeit als so nötig erachte.
Raphaela
...so schön beschrieben - ja, Worte können verletzten, aber eben auch einfach zeigen, -hey-, es geht auch anders !
Kristine
ja so vieles neues kommt beim älter werden auf einem zu
nicht, dass das früher anders gewesen wäre, aber man hat es angenommen und nicht überlegt
ob man es will oder nicht (also mehr oder weniger)
ich mache inzwischen alles bewusster und entscheide auch
tut mir etwas gut oder nicht usw usw
Lady Silbermond
irgendwie habe ich mich auch darin erkannt in dem was du geschrieben hast
und vor allem alt ist man nur dann wenn man sich so fühlt
es gibt bei mir zum glück selten aber schon, solche tage
aber
das ist wohl auch normal .
ich habe gerne gelesen was du geschrieben hast
danke dafür
und sonnige grüße
haDE
@protes
Ich freue mich, dass es dir gefallen hat. Schau doch mal wieder rein, es kommen bestimmt noch einiges Geschichten.
Liebe pustige Grüße
Raphaela
Hallo LadySilbermond,
vielleicht hast Du ja nur einen kreativen Traum geweckt, der da ganz tief in Deiner Seele lange Jahre sanft geschlummert hat. Das finde ich gut, denn dann kannst Deine Geschichten mit uns teilen und diese Freude wunderbar verdoppeln! 😉
Herzliche Grüße
Rosi65
@Rosi65
Da magst du recht haben und danke fürs Lesen und ja, die Freude verdoppelt sich
Gruß Raphaela
Beobachten ohne Beobachter1