Warum ich mich auf das Alter freue, obwohl es völlig absurd wird.
Ich nicht.
Ich habe eher Angst davor, was mir dann alles passieren wird.
Denn wenn ich mir anschaue, was heute schon täglich schiefläuft, möchte ich gar nicht wissen, wie die nächsten zwanzig Jahre aussehen.
Ich bin 68 — und ich sehe mich schon mit achtzig in irgendeinem Sessel sitzen und völlig selbstverständlich Gespräche mit Gegenständen führen.
Nicht weil ich verwirrt bin.
Sondern weil die Gegenstände inzwischen alle reden.
Mein Kühlschrank wird mir erklären, dass der Käse gesundheitlich nicht mehr vertretbar ist.
Meine Uhr wird melden, dass ich heute nur 4.812 Schritte gemacht habe.
Und mein Blutdruckmessgerät wird klingen wie ein enttäuschter Lehrer.
„Das haben wir aber schon besser hinbekommen.“
Früher hatten alte Menschen einen Gehstock.
Ich werde vermutlich zwölf Ladekabel besitzen.
Und keines wird passen.
Überhaupt glaube ich, dass Altwerden heute völlig anders wird als früher.
Meine Großmutter wurde alt.
Ich werde Softwareupdates erhalten.
Irgendwann sitze ich beim Arzt und höre:
„Die Hüfte sieht gut aus.
Aber Ihr Betriebssystem ist leider nicht mehr kompatibel.“
Und dann bekomme ich vermutlich ein Abo-Modell für meine Knie.
Monatlich kündbar.
Wer weiß das schon.
Außerdem stelle ich fest, dass sich meine Vorstellung vom Alter ständig verschiebt.
Mit zwanzig dachte ich:
Mit fünfzig ist man alt.
Mit fünfzig dachte ich:
Mit siebzig ist man alt.
Heute denke ich:
Alt sind immer die anderen.
Ein erstaunlich stabiles Konzept.
Vermutlich werde ich mit neunzig im Rollator sitzen, auf einen Hund zeigen und sagen:
„Der da wirkt auch nicht mehr ganz jung.“
Das Schöne am Älterwerden ist nämlich:
Man wird zunehmend immun gegen Unsinn.
Früher wollte ich Menschen beeindrucken.
Heute freue ich mich über eine funktionierende Kaffeemaschine und eine gute Matratze.
Die Ansprüche verändern sich.
Und ehrlich gesagt:
Das wirkt deutlich entspannter.
Ich glaube sogar, dass das Alter oft unterschätzt wird.
Man hat weniger Zeit.
Aber dafür deutlich weniger Lust, sie mit Idioten zu verschwenden.
Eine fantastische Entwicklung.
Irgendwann erreicht man vermutlich einen Punkt, an dem man völlig angstfrei Dinge sagen kann wie:
„Nein.“
Oder:
„Das interessiert mich nicht.“
Oder:
„Ich komme nicht, weil ich lieber Kartoffelsalat esse.“
Das ist keine Unhöflichkeit.
Das ist Lebenserfahrung.
Außerdem freue ich mich auf die Freiheit, endgültig seltsam werden zu dürfen.
Momentan muss man sich gelegentlich noch erklären.
Später nicht mehr.
Wenn ich mit fünfundachtzig fotografierend durch die Gegend laufe, fremde Wolken dokumentiere, irgendwo in Georgien ein Rezept für Teigtaschen suche, zu Hause Socken stricke, anschließend ein Regal baue und nachts eine Geschichte über einen philosophischen Dackel schreibe, wird niemand fragen:
„Warum machst du das?“
Alle werden sagen:
„Ach, lass sie.
In dem Alter darf man das.“
Dabei werde ich innerlich exakt derselbe Mensch sein wie heute.
Nur mit besseren Ausreden.
Und vielleicht ist das überhaupt das Geheimnis.
Man wird älter.
Der Rücken diskutiert häufiger mit.
Die Knie melden sich ungefragt.
Man braucht plötzlich Licht, um Dinge zu lesen, die früher problemlos sichtbar waren.
Aber der Mensch innen drin bleibt erstaunlich ähnlich.
Immer noch neugierig.
Immer noch voller Ideen.
Immer noch bereit, sich über völlig absurde Dinge kaputtzulachen.
Vielleicht sogar mehr als früher.
Denn irgendwann versteht man:
Das Leben wird nicht ernsthafter.
Man wird nur besser darin, die Komik zu erkennen.
Und falls das Alter tatsächlich irgendwann kommt und anklopft, werde ich vermutlich die Tür öffnen und sagen:
„Komm rein. Aber zieh bitte die Schuhe aus — meine Knie reagieren empfindlich auf Besuch ohne Benehmen.“
Illustrationen mittels KI erstellt
Kommentare (14)
@Phryne
Zu perfekt? Keine Sorge. Frag mal meinen Staubsauger, mein Auto oder meine Waage. Die sehen das völlig anders. 😄
Ich bin 68 — und ich sehe mich schon mit achtzig in irgendeinem Sessel sitzen und völlig selbstverständlich Gespräche mit Gegenständen führen.
Muss nicht sein, meine Liebe! Du kannst auch fit und munter sein und Dich auf die nächsten 20 Jahre (oder so) freuen.
Lass' Dich überraschen 😉.
Herzliche Grüße
Kurt
@Kurt20
Das hoffe ich doch! 😄
Wobei ich die Gespräche mit dem Kühlschrank vorsichtshalber trotzdem schon übe. Man weiß ja nie, welche technischen Anforderungen das Alter noch an uns stellt.
So dachte ich mit 60 auch.
Es gibt Mitmenschen die mit 90 Marathon laufen.
Andere sind schon seit 20 Jahren nicht mehr da.
Ich freue mich über das Leben und mir ist klar geworden,
nur das heute ist wichtig!
@Sam0
Genau deshalb habe ich beschlossen, mich heute zu freuen und die Gespräche mit meinem zukünftigen Kühlschrank erst einmal auf später zu verschieben. 😄
Eine sehr bewegende , einfühlsame Geschichte über das Älter werden . Ich mag deinen wirklich sehr guten Schreibstill . 😌 . Je älter wir werden , desto mehr Geschichten hat man zu erzählen . L . g . Seesternchen .💦⚓️🌟
@Seesternchen
Und das Schöne ist: Die besten schreibt das Leben meistens selbst. Man muss nur aufpassen, dass man sie nicht vergisst 😄
@hockey
Ich passe schon auf. 😄 Aber nur so weit, dass das Leben noch Überraschungen hat – und Du nicht denkst, ich würde schon innerlich im Sessel sitzen.
Hallo !
Für mich bist du eine Kunstfigur !
Zu perfekt.............................
👼
Phry👄