Vorausplanen oder geschehen lassen?


Vorausplanen oder geschehen lassen?
15. August 2026

Guten Tag allerseits!

Eine interessante Fage:

Vorausplanen oder geschehen lassen?
 
Der Total-Planer

ist es nicht ein eigenartiges Phänomen, dass wir immer wieder auf die Behauptung hereinfallen, das Leben (oder ein anderer komplexer Prozess) sei planbar?

Das ist erstaunlich. Ein Plan nach dem anderen scheitert, immer wieder, unzählige Male – und viele von uns halten trotzdem unverdrossen an der Überzeugung fest, das Leben sei planbar.

Wahrscheinlich ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens: Uns einzugestehen, dass wir unser Lebensschiff nicht selbst steuern, wäre zu frustrierend.

Was dem Total-Planer vorschwebt, nennt Christian Ankowitsch Einkaufszettelschema:

"Aufschreiben – losgehen – umsetzen – glücklich werden." [1].
 
Das funktioniert leider nicht. Irgendwo habe ich dazu gelesen:

„Das Nichtbeherrschbare soll beherrscht, das Unvorhersehbare ausgeschlossen werden. Das verstößt gegen Naturgesetze.“
 
Der Real-Planer

Eine Zeitlang war ich Total‑Planer. Im Laufe der Jahre aber bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass wir unser Lebensschiff nur selten selbst steuern.

Wie auch immer der Steuermann heißen mag, ob Gott, Schicksal, Tao, Zufall, das Universum oder die Gene – wir sind es jedenfalls nicht.

Seither versuche ich mich als Real‑Planer.

Real-Planer lassen die Dinge auf sich zukommen und handeln aus der Situation heraus.

Oder, wie es Clint Eastwood, einmal gesagt hat: „Ich reite in die Stadt, der Rest ergibt sich.“

Ausnahmen sind notwendig. Wenn wir morgen verreisen wollen, ist es angebracht, bereits heute in den Fahrplan zu schauen, den Koffer zu packen und eine Fahrkarte zu reservieren.

Bis zum Eintreffen sensationeller neuer Erkenntnisse halte ich mich aber an den Rat von Rolf Dobelli:

„Konzentrieren sie sich auf die wenigen Dinge, die Sie wirklich beeinflussen können – und von denen konsequent nur auf die wichtigsten. Alles andere lassen sie geschehen.“ [2]

Euch allen ein schönes, kühles Wochenende.

Herzliche Grüße,
Kurt
 
***

[1] Ankowitsch, Christian: Dr. Ankowitschs Kleiner Seelenklempner: Wie Sie sich glücklich durchs Leben improvisieren. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2010
 
[2] Dobelli, Rolf: Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen. München: Carl Hanser Verlag, 2011

Kommentare (12)

Globetrotter

Lieber @Kurt20

Ich bin wohl von beidem die Hälfte beim Total Planer gilt bei mir:

-aufschreiben
-losgehen
-Zettel auf dem Küchentisch vergessen

aber unglücklich bin ich deswegen trotzdem nicht. Ich geniesse es einfach jeden Morgen für mich entscheiden zu können, was ich gerne machen möchte, nachdem ich alles getan habe was für mich wichtig ist. Damit meine ich: Kaffee Trinken....etc

Lg Gisela🙋‍♀️

Kurt20

@Globetrotter  


Liebe Gisela,

danke für Deinen Kommentar.

Du schreibst:

„Ich genieße es einfach jeden Morgen für mich entscheiden zu können, was ich gerne machen möchte, nachdem ich alles getan habe, was für mich wichtig ist.“

Das würde ich auch gerne können, liebe Gisela.

Was für mich wichtig ist, weiß ich meistens recht gut. Allein mit der praktischen Durchführung habe ich so meine Schwierigkeiten.

Der innere Widerstand gegen manche Aufgaben, die „eigentlich“ erledigt werden müssten, ist manchmal so stark, dass ich mich nicht zum sinnvollen Handeln aufraffen kann.

Es gibt Menschen, denen ein solcher Widerstand fremd ist oder die ihn mit Bravour überwinden. Sie tun, was zu tun ist, ohne Wenn und Aber.

Beneidenswert.

Andere, zu denen ich zähle, müssen sich damit abfinden, dass es ihnen manchmal einfach nicht möglich ist, zu tun, was getan werden müsste.

(Der Zustand gleicht einem Alptraum, in dem wir fliehen wollen, weil uns etwas Schreckliches auf den Fersen ist, wir aber nicht in der Lage sind, auch nur einen Finger zu rühren.)

Was tun? Wir mogeln uns durch.

Bei mir heißt das zum Beispiel:

• Warten, bis die Sache keinen Aufschub mehr duldet (Zahnschmerzen führen mit Sicherheit zum alsbaldigen Handeln),

• hoffen, dass sich die Sache von selbst erledigt (was erstaunlich oft funktioniert),

• die Aufgabe delegieren (elegant),

• oder eine Motivationsansprache an die innere Mannschaft halten (funktioniert manchmal, vergleichbar dem Vorgehen von Fußballtrainern in der Halbzeitpause).

Kompromisse, ich weiß. Aber besteht nicht letztlich das ganze Leben aus Kompromissen ?😉

Bis bald,

herzliche Grüße, Kurt
 

Winterbraut

Lieber Kurt,

als junge Frau habe ich alles verplant - mich auch. Steinböcke ( so einer bin ich) wollen Sicherheit.
Denkste!  Alles kam anders.

Heute plane ich nur noch das, was wirklich wichtig ist. 

Ich kann zwar kein Pferd satteln, um mich von den Dingen überraschen zu lassen, aber mit dem Auto irgendwohin fahren und fremde Menschen treffen,  die genau wie ich den Tag geschehen lassen.

Liebe Grüße 
Ingrid 

Kurt20

@Winterbraut  

17. August 2026
 
Man lernt eben dazu, liebe Ingrid.
 
Dort, wo ich aufgewachsen bin, wurde das Planen ganz großgeschrieben:

Fünfjahrespläne, Perspektivpläne für ganze Industriezweige, Brigadepläne, Einkaufsnetzpläne zur Versorgung der Bevölkerung …
 
Überall Plakate mit Losungen wie:

„Der Plan ist Gesetz – seine Erfüllung Ehrenpflicht!“, „Arbeite mit, plane mit, regiere mit!“, „Gute Planung – hoher Nutzen für alle!“, „Wissenschaftliche Arbeitsorganisation durch genaue Planung!“ oder „Planmäßig voran zum Sozialismus!“
 
Und, hat es funktioniert?
 
Aber es hat geprägt.

Auf die Idee, dass Improvisation oder Spontanität oftmals viel nützlicher sind als starre Planung, kam man als junger Mensch in einer solchen Umgebung nicht.
 
Deshalb galt es später umzulernen. Inzwischen mache ich es genau wie Du: 

„Heute plane ich nur noch das, was wirklich wichtig ist.“
 
Und um es mit Agathe zu sagen:

„Ich fahre gut damit und bin zufrieden.“ 😊
 
Bis bald,
 
herzliche Grüße,
Kurt

werderanerin


Gute Frage, lieber Kurt,

ich bin eigentlich auch ein spontaner Mensch, nur ist das nicht immer so einfach. Ich habe da schon auch Ansprüche, z.B. eine Reise (vorher) einigermaßen gut zu durchdenken, zu planen.
Einfach mit Rucksack los und gut ist, sich treiben lassen...toll...aber so einfach ist das nicht mehr.

Ich möchte schon auch ein bequemes Quartier, schön sollte es sein, in einer wunderbaren Umgebung, mit viel Natur, nicht zu überlaufen...und und und

Naja, was soll ich schreiben - denke noch an meine jungen Jahre zurück, wo wir an der Ostsee nur getrampt sind, das kreuz die quer ...mein Vater durfte das nicht wissen, nur war es ja "damals" völlig normal. Heute - (fast) niemand trampt mehr...Spontanität ade !

Ich würde mich als einen anpassungsfähigen Menschen, mit planerischen Ambitionen bezeichnen, der auch viel Freude an Spontanität hat !

Damit fahre ich ziemlich gut, es lässt mir so manches offen...,  auch die Möglichkeit, zu ganz spontanen "Ausreißern".

Schwarz oder weiß gibt es also für mich nicht !

Kristine

Kurt20

@werderanerin

16. August 2026 

Liebe Kristine,

Danke für Deinen Kommentar.

Wer spontan ist, gehört zwangsläufig ins grüne Feld. Warum?

Unvorhergesehene Situationen überall und in jedem Augenblick. Keine davon wäre durch vorausschauende Planung zu bewältigen.

Um spontan sein zu können, muss man zuerst wissen, was Sache ist.

Nicht, was sein könnte, was wir vermuten, was uns Politiker, Meteorologen, Schwiegermütter, Pfarrer oder Wahrsagerinnen prognostizieren.

Das hat keinen Wert. Es kann stimmen oder auch nicht. Es kann eintreffen oder auch ganz anders kommen.

„Damit kann ich nicht arbeiten“, ruft der Real‑Planer. „Ich muss wissen, was ist, erst dann kann ich entsprechend handeln, erst dann kann ich auch spontan sein.“

Der Wagen verliert Öl (gestern noch nicht), der Backenzahn schmerzt (erst seit heute vier Uhr), Du hast eine Million im Lotto gewonnen (eher selten, bitte lass es mich wissen), …

„Damit kann ich arbeiten“, sagst Du und machst Dich ans Werk.

Daraus folgt (für mich): Spontanität und vorausschauende Planung (rot‑oranges Feld) vertragen sich nicht. Und:

Immer dann, wenn Du spontan handelst, bist Du zwangsläufig eine Real‑Planerin.

Es gibt Schlimmeres, liebe Kristine! 😉

Herzliche Grüße,
Kurt

Roxanna

Längst, lieber Kurt hat mich das Leben eines Besseren belehrt. Das, was ich mal als junge Frau geplant hatte, ist später ganz anders gekommen. Lebenspläne kann man schon machen, aber ob sie sich erfüllen, hängt von vielem ab, was sich selten "kontrollieren" lässt. Der "Steuermann" plant eben oft ganz anders. Mit Glück kann man manchmal darin einen Sinn erkennen, aber das gelingt nicht immer. Pläne machen bedeutet ja auch, eine gewisse Kontrolle haben zu wollen. Ich finde mich heute in einer Situation wieder, die so ganz sicher nicht geplant war, aber ich versuche damit zurechtzukommen. 

Schwierig wird es, sich darüber mit Menschen austauschen zu wollen, denen es bisher gelungen ist, ihre Pläne umzusetzen. Die glauben das nämlich nicht, dass es auch anders kommen kann und dann kommen solche Sätze. Ja, da muss man doch nur ........ Hier muss höllisch aufgepasst werden, dass das nicht in Selbstzweifel mündet.

Clint Eastwood war ein weiser Mann 😁: Ich reite in die Stadt, der Rest ergibt sich. So ist man doch für alle Eventualitäten gerüstet.

Eine Reise muss natürlich schon geplant werden, denn da hat man sich ja auch an Termine zu halten und trotzdem weiß man auch hier nicht, ob vielleicht nicht doch noch etwas dazwischen kommt, mit dem uns das Leben so "gerne" überrascht.

Endlich hat es mal jemand zugegeben😁, dafür danke ich dir und grüße herzlich

Brigitte

Kurt20

@Roxanna  

16. August 2026 

Liebe Brigitte, 

danke für Deinen Kommentar.

Die Annahme, dass Erfolg oder Glück das Ergebnis von Planung seien, beruht auf Selbsttäuschung. 

Wenn jemand das Glück hatte, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, in die richtige Familie hineingeboren zu werden, gute Gene geerbt zu haben und viele tausend weitere kleine und große glückliche Zufälle zu erleben, hat der/die gut reden. 

Solche Menschen neigen dazu anzunehmen, sie selbst hätten ihr positives Schicksal bewirkt.

Wenn sie behaupten, man könne jede Unwägbarkeit aus dem Weg räumen, indem man „richtig“ plant, sind sie auf dem Holzweg. 

Nur weil es das Schicksal gut mit ihnen gemeint hat, schwingen sich einige von ihnen dazu auf (ich betone: einige, bei Weitem nicht alle), über andere, die weniger Glück hatten im Leben, zu urteilen oder sogar ungefragt Ratschläge zu erteilen: „Ja, da muss man doch nur …“ 

Das ist arroganter Unsinn. 

Solche Menschen haben entweder keine Ahnung vom Leben oder wollen das eigene Ego auf Kosten anderer aufpolieren. Das muss man sich nicht
anhören.

Du schreibst: „Hier muss höllisch aufgepasst werden, dass das nicht in Selbstzweifel mündet“.

Genau. Ein weiterer Grund, solchen Menschen aus dem Weg zu gehen.

Herzliche Grüße,
Kurt
 

Agathe

Real planen, das mache ich auch. 
Wir können nicht alles planen,
doch nach Möglichkeit
ist eine Bewegung erforderlich.
Ich fahre gut damit und bin zufrieden.
 

Kurt20

@Agathe  

16. August 2026

Hallo Agathe,

Du neigst also auch in Richtung Real-Planerin und schreibst: „Ich fahre gut damit und bin zufrieden.“

Ganz meine Erfahrung.

Aber auch als Real-Planer oder Real-Planerin hat man es nicht leicht.

Hier nur ein bekanntes Phänomen von vielen, die das Real-Planer-Dasein schwierig machen:

Es geht darum, etwas, was nicht planbar ist, einfach geschehen zu lassen.

Manchmal, wenn wir das versuchen, kann uns der Drang, etwas tun zu müssen, den kalten Schweiß auf die Stirn treiben.

Innere Stimme drängen uns: „Tu was!“, „Du musst handeln!“

Die Hände in den Schoß zu legen und den Dingen ihren Lauf zu lassen, das fällt uns verdammt schwer, obwohl es in vielen Fällen die beste Entscheidung wäre.

„Oft ist es besser, die merkwürdigen Launen des Partners einfach auszusitzen, statt jedes Mal großen Rabatz zu machen.“ [3] 😉

Sich treiben zu lassen will gelernt sein. Es ist wohl eher Geschmackssache, ob wir uns damit anfreunden können oder nicht.

Wenn ja, werden wir durch fortgesetztes Üben immer besser in dieser Kunst und können nach und nach den Lauf der Dinge zur Kenntnis nehmen, ohne in die Speichen zu fassen; kühl und in aller Gelassenheit.

Nicht immer, „aber immer öfter“. 😉

Bis demnächst,
herzliche Grüße,
Kurt

*** 
 
[3] Ebart, Michael; Klotzek, Timm: Planen oder treiben lassen? Wie man merkt, ob man sich zu viel oder zu wenig Gedanken um sein Leben macht. München: Heyne Verlag, 2012.

Songeur

Hallo Kurt,

ich plane noch unsere Reisen und meine/unsere Wanderungen - sonst nichts. 

Was früher war ist gestrichen, da nur noch uninteressant. 😎

Herzliche Grüße
Hubert


 

Kurt20

@Songeur  

16. August 2026

Hallo Hubert, 

schön von Dir zu lesen.
 
Frühmorgens erwachen, möglichst unversehrt und mit nicht allzu schlechter Laune. Abwarten, was der Tag bringt und dann von Fall zu Fall entscheiden, was zu tun oder zu lassen ist.

Diese Methode erscheint mir erstrebenswert.

Oliver Burkeman beschreibt sie sinngemäß so: „Ich werde diese Brücke überqueren, wenn ich sie erreicht habe.“
 
Wenn Du schreibst, „ich plane noch unsere Reisen und meine/unsere Wanderungen, sonst nichts“, bist Du dem Burkeman-Prinzip wahrscheinlich schon näher als ich.

Beneidenswert; ich arbeite daran, mit Dir gleichzuziehen 😉.

Bis demnächst,
herzliche Grüße
Kurt 

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