Urunga – wo sich die Flüsse treffen


Urunga – wo sich die Flüsse treffen
Ich wohne in Urunga, einem kleinen Ort an der mittleren Nordküste von New South Wales, dort, wo der Bellinger River und der Kalang River zusammenkommen und gemeinsam ins Meer fließen. Ein unscheinbarer Punkt auf der Landkarte – aber für mich ist es ein Ort voller Bedeutung. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Eindruck.

Es war später Nachmittag, als ich damals zum ersten Mal den langen Boardwalk entlangging. Die Sonne hing tief, tauchte alles in warmes Gold, die Luft roch salzig und nach warmem Holz. Die Mangroven standen still, als hörten sie zu. Und ich hörte auch – auf diesen Ort, auf mich selbst. Urunga sprach nicht laut. Es flüsterte. Und was es mir sagte, war: Hier kannst du bleiben.
 

Ich war eigentlich nur auf der Durchreise, auf der Suche nach einer kleinen Auszeit vom Stadtlärm, vom Getriebensein. Doch irgendetwas blieb. Vielleicht war es die Gelassenheit, mit der hier die Zeit vergeht. Oder der stille Rhythmus der Gezeiten, der das Leben hier prägt. Vielleicht war es auch das Gefühl, dass die Menschen, die hier leben, nichts beweisen müssen – weder sich selbst noch anderen.

In den ersten Tagen saß ich morgens oft auf einer kleinen Holzveranda, trank Kaffee, schaute dem Wasser beim Kommen und Gehen zu. Ich begann, tiefer zu atmen. Und irgendwann wusste ich: Ich will nicht mehr zurück.

Ich habe mich nicht entschieden, in Urunga zu leben. Es war, als hätte der Ort mich gewählt. Als hätte er seine Arme geöffnet und gesagt: Bleib doch einfach. Heute bin ich immer noch hier. Ich sehe, wie sich der Himmel über den Flüssen täglich verändert – manchmal rosa, manchmal stürmisch grau. Ich spüre den leichten Wind, der vom Meer herüberzieht. Ich höre die Vögel, sehe Reiher, Pelikane, manchmal Delfine in der Flussmündung.

Es ist kein aufregendes Leben. Aber es ist mein Leben. Und es beginnt jeden Tag aufs Neue – dort, wo sich die Flüsse treffen.
 

Neulich habe ich meine Nichte Alena mit zum Angeln genommen. Sie ist 28, hat ein großes Herz und keine Geduld – eine herrliche Kombination. Ich zeigte ihr, wie man die Angelrute richtig hält und war gerade dabei, ihr zu erklären, dass das Warten dazugehört, da hatte sie schon den ersten Snapper am Haken. Keine zehn Minuten später zog sie den zweiten raus. Ich stand nur da und lachte. Manchmal fließt eben auch das Glück mit der Strömung – und bleibt an genau der richtigen Stelle hängen.

Ein paar Tage später stand ich frühmorgens am Steg, als ein alter Fischer sich neben mich stellte. Grauhaarig, wettergegerbtes Gesicht, ein ruhiger Blick. Er nickte mir zu und sagte: „Du bist nicht von hier, oder?“ „Doch,“ antwortete ich. „Jetzt schon.“
Er grinste, schaute aufs Wasser und meinte: „Wenn du den Fluss riechen kannst, bevor du ihn siehst, dann bist du angekommen.“ Ich sagte nichts. Ich musste auch nichts sagen. Ich roch das Wasser. Und ich wusste: Er hatte recht.

Kommentare (1)

sorya

Toller Ort wo Du wohnst. Als ich die Videos anschaute und Deinen Bericht las, bekam ich gerade Fernweh. War als ich noch jünger war zweimal in Australien in den Ferien. Habe beides mal alles selber organisiert. War irrsinnig toll. Geniesse das Leben dort und danke für Deinen tollen Beitrag.

Sorya

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