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Unvergessliche Jahre
Der fliegende Paul.
Fritz stand am Küchentisch und packte belegte Brote und Obst in seinen Fahrradkorb. Gleich würde seine Verabredung kommen und dann sollte es ein schöner Tag werden. Er holte das Rad aus dem Keller, sah auf seine altmodische Taschenuhr und stellte fest, er war wie immer viel zu früh zum Aufbruch fertig.
Auf der Bank vor dem Haus sitzend gingen seine Gedanken zurück, da wo alles begann.
Es war ein herrlicher Herbsttag, kein Wölkchen am Himmel, die Straßengeräusche erträglich. Fritz fuhr gemächlich zum Dorfsee.
Was heißt See, Kinderplatsche wurde das Wässerchen genannt. Er grüßte hier und da über den Gartenzaun, rief ein fröhliches -Guten Morgen- und genoß die Stille.
Als er in die Nähe des kleinen Bootssteges kam, sah er einige Kinder aufgeregt laufen sie riefen komm her, halt dich fest, nein nicht da.
Was war das, auf dem Wasser ein schwarzers Paket, das unterging, wieder hochkam und dann weg war. Fritz ließ sein Rad fallen, riß den Helm vom Kopf
und rannte ins Wasser auf die Stelle zu wo er das Schwarze gesehen hatte.
Er griff zu, bekam das Ding nicht sofort zu fassen, ein Stück Stoff verfing sich in seinen Armen. Er erfaßte das Paket, hob es hoch und hielt das zappelnde, umsichschlagende Etwas fest. Er rief den Kindern zu, lauft rüber, die Leute sollen die Feuerwehr rufen.
Dann schleppte er den Haufen schwarzen Stoffes zum Ufer. Jetzt sah er, er hatte einen Jungen vor sich. Wie ging das Ding blos auf das der Junge um den Hals hatte. Ein Klettverschluß, na endlich. Er legte den Jungen auf die Seite, zog die Zunge weit noch vorn, damit er sie nicht verschluckte, und redete beruhigend auf ihn ein. Allzuviel Wasser hatte er nicht geschluckt, er fing an zu husten, zu keuchen und zu japsen.
Die Feuerwehr hielt mit kwietschenden Bremsen vor ihnen, zwei Feuerwehrmänner knieten sich in den Sand um sich um den Jungen zu kümmern.
Langsam kam Fritz zu sich, er ging zum nahegelegenen Baumstamm um Atem zu holen. Erst jetzt merkte er das seine Kleider tonnenschwer waren.
Ein junger Mann vom THW stand vor ihm und bot seine Hilfe an. Fritz hatte die Feuerwehr mit dem Kind nicht wegfahren hören, ebenso das Kommen des THW.
Er sollte mit zur Beobachtung in die nahegelegene Klinik. -Nein iwo mir fehlt nichts.- Doch der Junge Mann ließ nicht locker, redete was von Unfallversicherung. Fritz willigte ein.
Aber wo war sein Fahrrad? Am Busch stand es. Und der Helm? Weg, hatte jemand gemaust. Zuschauer hatten sich eingefunden zum Gaffen, nicht zum Helfen.
Im Auto zog der Helfer Fritz die nassen Kleider aus, stopfte sie in einen blauen Sack, wickelte ihn in eine Decke, verstaute das Rad und sie verließen den Ort des Geschehens. Das Rad und die nasse Kleidung blieben in der Obhut des THW.
Da Fritz ein ordentlicher Mensch war, hatte er die Reißverschlüsse in seiner Jacke zugezogen, so das sein Wohnungsschlüssel und alles andere nicht verloren waren. Nur der Personalausweis der war hin. Doch das war erstmal unwichtig.
In der Klinik steckte ihn eine nette Schwester ins Bett, Protest wurde überhört. Der Arzt kam, untersuchte ihn, klopfte ihm auf die Schulter, Glück gehabt, alles in Ordnung. Was hörte Fritz: Nein sie gehen nicht nach Hause bleiben sie mal bis morgen früh hier.
Am nächsten Morgen fragte Fritz nach den Jungen. Der sollte noch einen Tag länger bleiben. Also ging er eine Etage tiefer ins Zimmer 121. Als Fritz die Tür öffnete, verschwand der schwarze Kopf unter der Bettdecke, das nur die Nase rausguckte. Fritz setzte sich auf den Stuhl und wartete. Langsam tauchte sein Gegenüber auf. Stumm sahen sie sich an. Dann ertönte ein leises: Danke das sie mich gerettet haben.
Fritz freute es das zu hören.
Er erfuhr das der Knabe Paul hieß, erst ein halbes Jahr hier wohnte, garnicht schwimmen könne, den Kindern zeigen wollte mit dem Batman-Kostüm könne jeder übers Wasser gehen.
Soso dachte Fritz, ist ja noch Mal gutgegangen. Er drückte das Kerlchen ganz fest, ist schon gut, ein Glück das ich zur rechten Zeit gekommen bin.
Dann sagten sie Aufwiedersehen mit dem Versprechen Schwimmen zu lernen.
Fritz wurde nach Hause gefahren, der Alltag hatte ihn wieder. Dachte er.
Nix da. Am Nachmittag erschien ein Reporter vom Lokalblättchen und war enttäuscht, das nicht mehr passiert war. Fritz warnte ihn, ja nichts zu schreiben, was nicht wahr war. Der Bürgermeister kam und redete was von einer Belohnung, nein rief Fritz nie und nimmer höchstens einen neuen Personalausweis, den bekam er, und vom Besitzer des Fahrradgeschäftes einen neuen Helm.
Fritz und Paul waren die Attraktion für vier Wochen, dann legte sich das Interesse.
Auch ein anderer Besuch stand vor der Tür. Ein großer Feldblumenstrauß
wurde ihm gereicht, hinter dem Paul zum Vorschein kam, selbst gepflückt, gefällt er ihnen. Am Fuße der Treppe Pauls Mama.
Fritz erfuhr einiges über Paul und beschloß, um den werde ich mich kümmern.
Von da an war Fritz voll beschäftigt. Schwimmen beibringen, ordentlich Radfahren, nein ein Fahrrad hatte Paul nicht, das holten sie bei der nächsten Versteigerung vom Fundbüro, pünklich zur Schule gehen, im Winter im Keller in der kleinen Werkstatt alles ausprobieren was ein Jungenherz höher schlagen läßt.
Und natürlich so oft es ging zur Platsche radeln. Am Jahresgedenktag immer egal was der Himmel meinte.
Das war heute auf den Tag fünf Jahr her. Fritz sah zum Ende der Straße ob Paul um die Ecke kam. Ja da kam er. Er saß nicht etwa auf dem Rad, er lag, das Kinn auf dem Lenker und volles Tempo was die Pedale hergaben.
Ein richtiges Rennrad hatte Paul gejubelt als es vor ihm stand.
Er hielt vor Fritz, na wie bin ich, pünktlich nicht.
Sie fuhren los, Paul voraus, Fritz immer noch in Gedanken.
Als er über die Herkunft von Paul einiges in Erfahrung gebracht hatte,
besann er sich auf seine Schreibkünste, mehrere Briefe gingen hin und her, dann machte sich Fritz auf den Weg. So ganz wohl war ihm nicht, aber nun mußte er da durch. Er stand einem Mann in mittleren Jahren gegenüber und machte ihm klar, das es mit einem monatlichen Scheck, zum Geburtstag und Weihnachten einer Extrazahlung nicht getan sei. Es müßte schon persönlicher sein. So kamen ab da die Geschenke direkt nach Hause. Paul durfte einen Wunsch äußern. Das Rennrad gehörte auch dazu. Kommende Woche hatte Paul seinen 15. Geburtstag. Wie befürchtet stellte er schon lange Fragen nach seinem Vater. Wieder hatte Fritz es in die Hand genommen. Am Monatsende würde Paul seinem Vater gegenüberstehn.
Das Pauls Mama beizubringen, war ein hartes Stück Arbeit gewesen.
Ohne ihre Zustimmung wäre nichts daraus geworden. Wie hatte Fritz gesagt:
Wir leben nicht im Mittelalter.
Paul hatte sich verändert. Fritz wußte die Zeit kam wo er loslassen mußte.
Paul fing an mit seinen Freunden um die Häuser zu ziehen, er kam nicht mehr so oft zu Fritz. Ja er wurde erwachsen.
Langsam kamen sie ihrem Ziel näher. Die Platsche hatte sich verändert, war vom Schilf fast zugewachsen, den Steg hatte die Gemeinde gleich nach dem Vorfall entfernen lassen, es badeten auch keine Kinder mehr hier. Das Dörfchen war zur Kleinstadt geworden, viele Häuschen drumherum waren gebaut, junge Familien zugezogen, die Schule erweitert, und ein Spaßbad gab es. Das war der Knüller.
Als Fritz und Paul an ihrem Platz ankamen trauten sie ihren Augen nicht.
Eine kleine Imbißhütte stand da. Ein freundliches Gesicht lachte sie an und erklärte, hier laufen so viele Jogger entlang und die Leute gehen um den See spazieren, da dachte ich Brötchen und Trinken geht immer.
Vor dem Hüttchen ein schmaler langer Tisch -wie sie im Biergarten stehen-
rechts und links eine lange Bank.
Fritz bestellte Brötchen, für Paul eine Limo, für sich Kaffee.
Er wollte warten und das Bestellte mitnehmen, der junge Mann sagte nein
das bringe ich selbstverständlich.
Fritz und Paul setzten sich, da kam schon das Gewünschte.
Als der junge Mann das Tablett hinstellte, meine er zu Paul gewandt, du hast aber einen tollen Großvater, wer fährt heute noch mit seinem Enkel um den See. Paul antwortete, wir sind nicht Großvater und Enkel, dabei griff er über den Tisch und zog fritzens Hand bis zur Mitte,
-- wir sind Freunde --
Freunde für's ganze Leben, und drückte die Hand von Fritz ganz fest.
Fritz erwiderte den Druck mit einem dicken Kloß im Hals und feuchten Augen.
Liebe Grüße
advise
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