Universität als Perspektive


Universität als Perspektive

Mein Zuhause war die alte Universität in der Hofstallgasse. Ich bezahlte keine Miete, denn es war keine wirkliche Wohnung, sondern nur eine Post-Adresse bei meinem Freund Dieter. Dieter war mein Lieblingsmensch. Wir hatten uns in der Aula bei einer Zigarettenpause vor der Uni-Bibliothek kennengelernt.

Weil Dieter mit Alkohol nichts am Hut hatte, ließ er mir hin und wieder eine Bouteille guten Weines zukommen. Es waren Aufmerksamkeiten, die er fallweise für Botengänge von Dozenten bekam. Manchmal delegierte er diese Wege und den Wein an mich. Er verschaffte mir Zugang zur Uni-Bibliothek indem er mich als Gastleser eingetragen ließ. So wurde ich stolzer Besitzer eines Ausweises, der mir erlaubte, mich dort aufzuhalten. Bei Schlechtwetter war das ein nicht zu unterschätzender Vorteil für einen Obdachlosen wie mich.
 
Ich hatte Dieter viel zu verdanken, er war an der Uni nicht nur Portier, sondern auch das allseits geschätzte Faktotum in diesem historischen Gebäudekomplex, der vom Festspielhaus über den Grünmarkt und der Kollegienkirche bis zum Furtwängler-Park reicht.
 
Dieter hatte es zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Dazu gehörte ein Auto namens Grauschimmel. So nannte er den alten Ford, den er einem englischen Studenten abgekauft hatte. Das Auto war grau und unscheinbar, aber zuverlässig wie sein Besitzer. In früheren Jahren – immerhin sei er schon fünfzig – erzählte Dieter, sei er ein begeisterter Motorradfahrer gewesen. Seine verstorbene Frau Gisela habe ihn auf den Reisen durch halb Europa begleitet. Todesmutig sei sie gewesen, meinte er traurig lächelnd und schwärmte davon, wie er auf seiner Horex mit ihr im Beiwagen auf der Strada del Sole bis nach Sizilien gefahren war.
Dieter wurde wehmütig, einziger Trost schien seine Tochter zu sein. Sie führte ihm den Haushalt und arbeitete in der Uni-Mensa. Gerne hätte ich sie näher kennen gelernt, aber sie wollte nicht. Manchmal schenkte sie mir eine Essensmarke, mehr war nicht drin.
 
Als Dieter von seiner Gisela und der Beiwagenmaschine erzählte, war ich elektrisiert. In den Laubengängen zwischen Aula und Kollegienkirche, beim Durchgang zum Grünmarkt und dem Lagerraum der Marktfahrer, stand doch diese total verstaubte alte Beiwagenmaschine und rostete vor sich hin. Niemand schenkte dem Gefährt und dem umliegenden Gerümpel Beachtung. Es war der Ort, der mir als Tagesdepot für meine wenigen Habseligkeiten diente.
Aus den Pneus der Maschine war die Luft gewichen, in den ledernen Satteltaschen steckten ölverschmierte Putzlappen. Der Beiwagen schien intakt zu sein, er war gut abgedeckt. Unter einer Staubschicht konnte ich sogar den Namen des Herstellers lesen: Horex-Regina. stand auf der Segeltuch-Abdeckung, die mit Ösen an sechs seitlichen Nippeln befestigt war.

Ich hatte Dieter darauf angesprochen und er erlaubte mir kopfschüttelnd, aber sonst nicht weiter nachfragend, seine alte Maschine auf Vordermann zu bringen, wenn ich wollte.

Der Beiwagen war innen erstaunlich gut erhalten, er hatte einen sehr bequemen Sitz aus rotem Leder und der war klappbar. Hinter der Lehne befand sich ein Hohlraum für Gepäck, darüber eine Vorrichtung zur Befestigung eines Reisekoffers. Ziemlich ausgeklügelt, dachte ich, jeder Zentimeter ist ausgenutzt. Das kam meinem Plan zugute, den Beiwagen als meinen neuen Schlafplatz zu adaptieren.

Ich montierte die Sitzlehne ab, verschob sie nach hinten und machte quasi einen Liegesitz mit Polster draus. Durch die Ausnützung des kleinen Hohlraumes im Kopfbereich erlangte der Innenraum des Beiwagens eine akzeptable Länge. Voilà, es ging sich knapp aus. Ich war zufrieden, mir ging es schon lange nicht mehr um Komfort. Ich wollte meine Ruhe.


Es war Sonntag, friedlich und still. Viel zu früh, um mein neues Domizil zu verlassen. Die Glocke von Sankt Blasius schlug acht Mal. Der Sonntag war der einzige Tag der Woche, an dem das Geschepper der Marktleute ausblieb. Keine stinkenden Laster in den engen Gassen der Altstadt, keine laut diskutierenden Fahrer, kein Lärm von herunterkrachenden Bordwänden. Ich krabbelte aus dem Beiwagen und machte erst einmal ein paar Dehnungsübungen. Danach packte ich meinen Kulturbeutel und begab mich hinüber nach Sankt Peter zum Brunnen.
 
Die theologische Fakultät war also mein ungewollter Hausherr geworden. Über dem Kreuzgewölbe des Laubengangs befanden sich die Büros des erzbischöflichen Institutes für Dogmatik. Der Leiter war Frühaufsteher und beobachtete mich manchmal, wenn ich frühmorgens meine Behausung verließ. Ich wusste, dass er Priester ist und vertraute auf seine Nächstenliebe. Er grüßte immer dezent zurück, ohne sich jemals auf ein Gespräch einzulassen. Damit konnte ich gut leben. Hauptsache war, dass er meine Anwesenheit tolerierte. Vermutlich wurde er aus mir nicht schlau.

Vor einiger Zeit, an einem dieser unsäglichen Dauerregentage, trafen wir uns zufällig in der Universitätsbibliothek. Ich glaubte, ein leichtes Hochziehen seiner Augenbrauen bemerkt zu haben. Amüsiert über seinen ratlos wirkenden Gesichtsausdruck, versuchte ich, mich in ihn hineinzudenken.

„Was, zum Kuckuck, macht ein Sandler in einer Uni-Bibliothek?”, könnte er sich in diesem Moment gefragt haben. Vielleicht verfiel er auch ins übliche Klischeedenken, das sozial Gescheiterten von vornherein jede Bildungsnähe abspricht. Wenn er gewusst hätte, dass ich diese hochehrwürdigen Räume für meine geistig-seelische Hygiene benützte, hätte er vielleicht doch einmal mit mir gesprochen.

Um den profanen Alltag eines Nichtsesshaften zu bewältigen, waren keine hochgebildeten Menschen nötig. Dazu hatte ich andere, die mir halfen, zum Beispiel die Patres von Sankt Peter. Sie fragten nicht – sie urteilten nicht. Sie gaben Hoffnung ohne Ansehen der Person.


©text & foto by ferdinand
 
 

Kommentare (5)

U. Petri

Hallo, lieber Ferdinand,
ich weiß garnicht, warum Du mir nach unserem Mal-Ausflug "entgangen" bist. . . Jetzt also "wieder entdeckt" mit allen Beiträgen.
Da erzählst Du ja viel von Dir- von dem eigenwilligen Werdegang bis zum heutigen "Schreiberling".  Anschaulich und mit Humor - macht Spaß! 😉
So haben wir ST-ler (innen...) ja sicher noch manches von Dir zu erwarten.
Viel Schwung und gute Laune dazu -  mit oder ohne Spaziergang 🌻
Mit herbstlichem Gruß
Ursula

Eisenwein

@U. Petri  
Hallo liebe Ursula!

Ja, so ist es, wenn so viele Schreiberlinge im Netz herumgeistern.😉 Da kann man schon mal die Übersicht verlieren.
Und plötzlich ist man wieder "drin” - geht mir auch so - zum beispiel bei deinen Collagen vom Friedensreich Hundertwasser.

Sei gegrüßt
Ferdinand
 

U. Petri

@Eisenwein  Guten Morgen Ferdinand,
es freut mich, daß Dir etwas von meinen Malereien besonders gefällt. Ja, der Kalender von Hundertwasser lockte mich, Neues zu bilden. Die Farben und Formen auf dunklem Untergrund. . .
Freuen wir uns, im ST immer wieder Bekanntes und Unbekanntes zu entdecken.
Mit herbstlichen Grüßen
Ursula

Rosi65


Versuche mich immer in Deine Erzählungen hineinzuversetzen, lieber Eisenwein.

Sicher müssen Nichtsesshafte, neben Robustheit, Leidensfähigkeit und Flexibilität auch ganz besondere Überlebenstechniken entwickeln, um nicht vollständig unterzugehen. Auch ihre sensible Antenne der Menschenkenntnis ist sicher sehr ausgeprägt.

Habe mich nämlich schon immer gewundert, dass ich, obwohl doch so viele andere Passanten gleichzeitig auf der Einkaufsmeile unterwegs waren, oft zielstrebig um einen Obolus gebeten wurde. Das mag natürlich Zufall sein.
Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, diese hilfsbedürftigen Menschen ahnen irgendwie, dass ich ihnen niemals solch eine kleine Bitte abschlagen würde.😉

Viele Grüße
   Rosi65

Eisenwein

@Rosi65  

Hallo Rosi, es freut mich, dass du dich in meine Geschichten aus einem turbulenten Leben hineinversetzen kannst.
Du bist eben ein Menschenfreund!
 Bleib so, wie du bist - die armen Schlucker auf der Straße werden es dir hoffentlich danken.

Liebe Grüße
Ferdinand
 

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