Treibgut
Treibgut
Manche Ideen fühlen sich anfangs an, als müsste man nur die Hand ausstrecken, um sie zu greifen. Doch kaum sitzt man vor dem leeren Blatt, lösen sie sich auf wie eine Fata Morgana. Der ersehnte Schreibfluss versiegt, bevor er überhaupt begonnen hat. Das Gehirn scheint leer geräumt, die Gedanken kreisen, ohne irgendwo anzukommen.
„Ich muss hier raus“, sage ich laut, als könnte ich mich selbst damit überzeugen.
Der Fluss hat mir schon öfter geholfen. Vielleicht trägt er heute nicht nur Wasser, sondern auch einen Gedanken heran.
Zwischen Auwald und Ufer windet sich ein schmaler Trampelpfad. Ich steige die Böschung hinunter. Ein warmer Sommerwind fährt durch die Kronen von Pappeln und Birken, als spiele er auf einem unsichtbaren Instrument. Dazu das unaufhörliche Murmeln des Wassers – eine Melodie, die älter ist als jeder Mensch.
Nach wenigen Minuten versperrt eine umgestürzte Schwarzerle den Weg. Noch steckt Leben in ihrem Holz, obwohl sie längst gefallen ist. Ich steige über den Stamm. Dahinter wird der Pfad schmaler, feucht und rutschig. Das Dickicht schließt sich beinahe hinter mir, als wollte es die Welt aussperren.
Dann öffnet sich der Blick.
Der Fluss beschreibt eine sanfte Kurve. In ihrem Schutz hat sich eine kleine Sandbank gebildet. Das Wasser eilt nicht mehr. Es flüstert nur noch, gluckst, murmelt und scheint mit sich selbst zu sprechen.
Mitten im hellen Sand erhebt sich ein gewaltiger Wurzelstock. Er wirkt wie die Skulptur eines vergessenen Bildhauers. Irgendwo weit flussaufwärts muss ein Hochwasser den Baum aus dem Erdreich gerissen haben. Nun liegt er hier, von Sonne und Regen gebleicht – Treibgut, das seine Reise vorläufig beendet hat.
Ich trete näher.
Das freigelegte Wurzelwerk erinnert an die Adern einer gewaltigen Hand. Armdicke Stränge verlieren sich in filigranen Verästelungen, fein wie die Linien einer alten Landkarte. Einst haben sie Wasser und Leben nach oben getragen, bis in die höchsten Blätter. Jetzt erzählen sie schweigend von Kraft, Standhaftigkeit und Vergänglichkeit.
Vielleicht haben Holzfischer den Koloss einst mit Enterhaken ans Ufer gezogen. Vielleicht wurde er einfach vergessen. Oder er ist nur deshalb hier gelandet, damit jemand innehält und genauer hinsieht.
Je länger ich schaue, desto mehr beginnt das Holz zu leben. Zwischen den Wurzeln grinst ein Gnom mit herausgestreckter Zunge. Daneben schiebt sich das Gesicht eines bärtigen Alten aus dem Geflecht. Ein knurrender Hund, ein schlafender Drache, eine knorrige Hexe – sie alle warten geduldig darauf, entdeckt zu werden. Die Fantasie kennt Wege, die keine Landkarte verzeichnet.
Ich bin allein. Fast.
Am gegenüberliegenden Ufer zerschneidet das Rattern eines Güterzuges die Stille. Für einen Augenblick prallen zwei Welten aufeinander. Hier das unaufgeregte Fließen des Wassers. Dort Stahl, Geschwindigkeit und das Versprechen ferner Ziele. Der Lärm stört mich – und weckt gleichzeitig eine leise Sehnsucht nach Aufbruch. Manche Widersprüche wollen gar nicht gelöst werden.
Ich setze mich auf einen der großen Ufersteine.
Nichts geschieht.
Und gerade deshalb geschieht etwas.
Die Gedanken hören auf zu drängen. Sie treiben langsam vorbei wie kleine Blätter auf der Wasseroberfläche. Manche bleiben kurz hängen, andere verschwinden lautlos hinter der nächsten Biegung. Es tut gut, ihnen nicht hinterherlaufen zu müssen.
Als ich noch einmal zum Wurzelstock gehe, sitzt auf seiner höchsten Spitze ein Eisvogel. Sein Gefieder leuchtet für einen flüchtigen Augenblick wie ein Stück Himmel, das sich im Holz verfangen hat. Vorsichtig nähere ich mich. Doch schon schlägt er mit den Flügeln, zieht einen türkisblauen Bogen über den Fluss und ist verschwunden.
Zurück bleibt der Baum.
Oder vielmehr das, was aus ihm geworden ist.
Zwischen den Wurzeln wimmelt es von Ameisen, Käfern und Spinnen. Moose beginnen, das helle Holz zurückzuerobern. Aus dem, was tot scheint, wächst unbemerkt neues Leben. Die Natur kennt keinen Schlussstrich. Sie schreibt immer weiter.
Ich bleibe noch einen Augenblick stehen.
Dann wird mir klar, weshalb ich überhaupt hierhergekommen bin.
Nicht der Fluss hatte mir eine Geschichte geschenkt. Er hatte mir gezeigt, dass Gedanken dem Treibgut gleichen. Man kann sie nicht festhalten. Man muss ihnen erlauben, irgendwo anzulanden.
© text & foto by ferdinand
Kommentare (7)
@eisenwein
Gerade habe ich deine Geschichte gelesen und bin sehr beeindruckt. Sehr feinfühlig und filigran bis ins Detail und es fällt nicht schwer, sich in so mancher Schilderung selber wieder zu finden.
Wie wertvoll ist doch das Hinterfragen auch zu sich selbst. Das innere Gleichgewicht zu füttern
und wieder mehr bei sich selbst sein zu können.
Wie oft gehen wir im Alltag an so wundervollen Dingen vorbei, das Auge
streift es kurz und man nimmt es nicht richtig in sich auf, man bleibt in sich mit seinen Gedanken, die evtl. kontraproduktiv sind.
Selber suche und bekomme ich viel Kraft durch Mutter Natur, aber der eigene Kosmos ist doch sehr begrenzt. Wünsche werden geweckt. Wie gerne würde ich den Louvre einmal besuchen. Es ist keine Notwendigkeit, denn auch hier im Lande gibt es wunderschöne Museen. So rufe ich mich immer zurück.
Dankeschön für deine Momentaufnahme der sehr eindrücklichen Art. Sie hat mir sehr gefallen.
Es grüßt dich aus dem Norden
indeed
@indeed - Vielen Dank! Freut mich, wenn ich dich ein Stückweit mitnehmen konnte.
Liebe Grüße aus Salzburg
Ferdinand
Guten Morgen, lieber Ferdinand,
gerade bin ich aufgestanden, habe mein tägliches Foto beim ST abgesetzt und wandere die Blogs entlang- was gibt es Neues?
Da wird mir ein Spaziergang angeboten - die Stimmung fängt mich sofort ein, hier möchte ich verweilen.
Ich, die ich oft verzweifelt nach Motiven suche für ein Bild, möchte Papier und Pinsel rausholen und den kleinen und großen Anregungen malend lauschen.
Ich werde es vielleicht im Laufe des Tages versuchen, indem ich mich nochmals in die Melodie Deines Textes versenke.
Danke!
Mit herzlichen Grüßen
Ursula
@U. Petri Hoppala ... ich wollte noch sagen, dass ich gespannt bin, wie du das in deiner Kunst machst.
Liebe Grüße aus Salzburg
Ferdinnd
@U. Petri - Vielen Dank, liebe Ursula!
Es freut mich sehr, dass du in meinem Text die melodie erkennst
Habe Deine Treibgut-Erzählung gerne gelesen. Sie erinnert mich mit Freude an fein ausformulierte Passagen in Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ mit all den bildhaft "ausgemalten" Naturschilderungen… Sehr schön, sagt
Syrdal