Treffpunkt Amtsgericht
Der Angeklagte sieht erbärmlich aus. Tiefe Ringe hat er unter den Augen, ist schmal und blass. Aber von schwerer Krankheit ist zurzeit nicht die Rede – die Haft könnte es sein, die ihn so fertig macht.
Vor ein paar Jahren sah das anders aus. Da musste dem 36jährigen Kraftfahrer eine Niere entfernt werden, bösartig. Damit fing eigentlich die ganze Misere an, sagt er: Die Frau verließ ihn, er verlor eine Arbeitsstelle nach der anderen, versuchte sich „irgendwie“ über Wasser zu halten und handelte sich die ersten Haftstrafen wegen Betruges ein. Dann meldete sich die Krankheit zurück – er musste zur Chemotherapie ins Krankenhaus. Danach schien der Tiefpunkt erreicht. „Manchmal hab ich nur noch Haferflocken und Wasser gehabt.“ Da kam dem Mann die Idee: „Lebst erstmal im Krankenhaus. Da hast Du freies Bett und freies Essen.“ Und so geschah es.
Der Mann ging einfach aus seinem alten Leben fort, nahm nur die wenigen Dinge mit, die in den folgenden neun Monaten seine Habe darstellten: eine Reisetasche mit Schlaf- und Jogginganzug, mit Waschzeug und den Behandlungspapieren von der Nieren-OP und der Chemotherapie. So begann er seine Tour quer durchs Bundesgebiet.
Probleme gab es nicht. Der Mann pflegte sich mit schweren Nierenkoliken bei den Notaufnahmen zu melden. Und dann bezog er zufrieden ein weißes Bett in Rendsburg und Flensburg, in Eutin, in Dortmund und später auch in einigen schwäbischen und bayrischen Krankenhäusern. Nirgendwo wies man ihn ab.
Er war ein geduldiger Patient. Klaglos ließ er immer von neuem sowohl Routineuntersuchungen als auch gefährliche und schmerzhafte Eingriffe über sich ergehen. Am liebsten in Kreiskrankenhäusern. Dort waren – so seine Erfahrung – Betreuung und Unterbringung am besten. 27 Krankenhäuser gingen in den neun Monaten dem Pseudo-Patienten auf den Leim.
Der Wechsel von einem gastlichen Haus zum nächsten erfolgte zuweilen sehr plötzlich. Wenn zu genau nachgefragt wurde, hieß es, „auf französisch“ Abschied nehmen. Natürlich auch, wenn einem Mitpatienten unversehens Geld fehlte. Da blieb beim eiligen Aufbruch sogar hie und da die Reisetasche zurück. Dass der Mann seine Mitpatienten bestahl, um sich eine Fahrkarte zum nächsten Krankenhaus kaufen zu können, fand vor Gericht selbst die Verteidigerin unschön.
Endstation war in Gummersbach. In der Erkenntnis, „dass es ja schließlich egal ist, ob ich sechzig oder hundert Fälle hatte“, packte der Mann rücksichtslos aus. Er erinnert sich. „Der Kripobeamte kam richtig in Freudentaumel.“
Für die nächsten 33 Monate hat er nun erst mal wieder geregelte Verhältnisse...
Illustration: cohenbaum
Kommentare (2)
30. September 2026
Hallo Barbara,
vielen Dank für diese Geschichte.
Wenn ich so etwas lese, empfinde ich große Dankbarkeit dafür, dass es das Schicksal oder die Vorsehung bislang so gut mit mir und meinen Leuten gemeint hat.
Dem Mann, von dem Du berichtet hast, hat das Leben hart zugesetzt. Die „Lösung“, die er gefunden hat, hat ihn vielleicht vor noch größerem Elend bewahrt, wer weiß. Und dass er zum Dieb geworden ist, kann ich verstehen.
Herzliche Grüße, Kurt
Danke für Deine Gedanken, lieber Kurt,
ich habe in ca. 20 Jahren als Gerichtsreporterin tatsächlich von den unglaublichsten Schicksalen hinter Straftaten erfahren. Ein paar dieser Geschichten werde ich nach und nach in den Blog stellen. Ich meine, sie sind zeitlos. Barbara