Stadtstreicher




Ich habe Salzburg, meiner Stadt, den Rücken gekehrt und jetzt bin ich gewissermaßen als außenstehender Stadtstreicher zurückgekehrt.

Am Salzach-Kai herrscht dichtes Gewühl, Fußgänger und  Radfahrer rauschen vorbei. Von mir nimmt keiner Notiz, kein alter Bekannter kommt des Weges. Vielleicht halten mich die für einen Stadtstreicher? Das soll mir recht sein.

Nicht nur die bekannten Postkartenansichten machen diese Stadt aus. Für mich sind es vor allem die stummen Mauern, die mich mit ihr verbinden. Salzburg ist jene Stadt, die wie keine andere mein Leben geprägt hat. Im Moment mag sie für mich wie Staffage wirken, aber wenn ich mir die unbekannten Menschen wegdenke, ist mir plötzlich alles bestens vertraut. Auch weil ich weiß, dass hinter diesen Mauern viele meiner erlebten Geschichten hausen. Deshalb werde ich sie aufs Neue entdecken, aber nicht allein. Ich habe meine Freunde vom Literaturkreis eingeladen, die schönste aller Städte mit mir zu genießen. Für den Abend habe ich einen Raum im Georg Trakl-Haus reserviert. Ich bin sicher, dass wir im Nu mit den Fingern im Kunsthonig der Nostalgie kleben werden. 

Zunächst besuche ich an diesem Tag meinen alten Freund Otmar Schreyvogel. Otmar ist geprüfter Fremdenführer und steinalt. Trotz seines hohen Alters stellt er noch seinen Mann und trägt seine Plakette „Austria Guide” mit Stolz auf der Brust. Ich erhoffe mir von ihm einen Tipp für meine Altstadtrunde mit den Literaten. Lässt er sich zu einem humanen Preis überreden, ist er mein Mann.
Als er mich in seinem Häuschen im Schatten des Festungsberges begrüßt, weiß ich sofort, dass ich seine profunden Kenntnisse nicht in Anspruch nehmen kann. Otmar Schreyvogel hat seine Stimme verloren! Ich muss verdammt aufpassen, um seine krächzenden Töne zu verstehen.
„Kehlkopf”, sagt er nur und tippt auf seinen faltigen Hals.
„Contenance bewahren”, denke ich.
Auf keinen Fall will ich ihn mit meinem Mitleid beladen. Er seinerseits lacht wie ein Rabe und fragt, was er für mich tun könne. Otmar und ich, wir kennen uns seit Jahrzehnten. Er weiß um meine Vergangenheit, weiß von Obdachlosigkeit und Trunksucht, aber auch von der Aufholjagd in der Überholspur ins jetzige Leben. Also erzähle ich ihm von meinem Vorhaben mit den Leuten der schreibenden Kunst. Das gefällt ihm, und er gibt mir einen ungewöhnlichen Tipp: „Erzähl‘ doch deinen Freunden von der Zeit, als du in dieser reichen Stadt ganz unten warst, oder noch besser – zeige ihnen die Stätten der Unwürdigkeit.“
 „Nein Otmar, das will ich niemand zumuten, das ist doch keine Pilgerfahrt zu den Mauern, an denen meine Geschichte klebt.“
„Keine Sorge, Ferdinand, ihr werdet Spaß haben. Die alten Mauern sind tipptopp hergerichtet – im stillen Erwarten deiner Rückkehr.“


© text & foto by ferdinand
 



 
 

Kommentare (1)

Rosi65

Lieber Ferdinand,

obwohl ich leider noch niemals in Salzburg war, läßt aber schon Dein Titelbild die Schönheit der Stadt erahnen.
Was für eine prächtige Kulisse, mit der großen Vielfalt an Wasserreichtum, Bergen, grüner Idylle, historischen Häusern und einer trutzigen Festung, die sicher schon seit Jahrhunderten über diese Stadt wacht.
Salzburg, eine Stadt der gelebten Kultur, in der doch schon so viele berühmte Schriftsteller ihre Werke erarbeitet haben, ist doch genau der richtige Treffpunkt für einen Literaturkreis.👍
Deshalb wünsche ich Dir, sowie Deinen Freunden und Bekannten, dort einen schönen und interessanten Tag.

Herzliche Grüße
   Rosi65

Anzeige