Spiegel


Was wären wir ohne Spiegel?
Heute war ich wieder mit dem Rad unterwegs. Ich hatte es nötig. Schon früh am Morgen war ich in Bregenz. Vorbei am Bregenzer Festspielhaus, wo zurzeit La Traviata aufgeführt wird. Das riesige Bühnenbild besteht aus einem großen, zerbrochenen Spiegel.

Schon beim Aufwachen war mir der Spiegel durch den Kopf gegangen. Ich fragte mich: Was bedeutet der Spiegel eigentlich für uns Menschen? Was sehen wir wirklich, wenn wir in einen Spiegel schauen? 
Wir sehen uns ja nicht genau wie wir sind. Immer im Spiegelbild.  Wenn man eine Auge zu mache sind  wir genauso platt wie ein Spiegel.

Und plötzlich kam ich auf das Thema Freundschaft. Eigentlich eine ziemlich blöde Frage, dachte ich zuerst.

Aber dann musste ich an meine verstorbene Frau denken.
Wie hatte ich sie kennengelernt? Und warum gerade sie?
Was hatte ich in ihr gesehen, was ich bei anderen nicht gesehen hatte?
Vielleicht ist Liebe am Anfang wie ein Spiegel. Man schaut einen Menschen an und sieht vor allem das Positive. Nein, noch mehr: Man liebt das Bild, das man in diesem Menschen sieht. Obwohl man eigentlich noch gar nicht weiß, warum und weshalb.

Und ihr ging es genauso. Auch sie projizierte ein Bild auf mich – wie in einem Spiegel sah sie vielleicht genau das, was ihr am besten gefiel.
Am Anfang ist dieses Spiegelbild vollkommen.
Man ist verliebt.
Und wenn man Glück hat, bleibt etwas davon ein Leben lang. Natürlich bekommt ein Spiegel mit der Zeit Kratzer. Vielleicht ein Sprung oder dunkle Stellen. So ist es eben mit Spiegeln – und so ist es auch mit Menschen. Auch unser Spiegelbild wurde älter. Aber wir haben es trotzdem genossen.

Als sie gehen musste, war es, als wäre dieser Spiegel in unzählige Stücke zerbrochen. Und plötzlich hatte jedes einzelne Stück seine eigene Geschichte. Nach so vielen Jahren tauchen manchmal einzelne Scherben dieses Spiegels wieder auf.
Und dann wird mir bewusst, welches Glück ich gehabt habe. Einen ganzen Spiegel gibt es nicht mehr. Aber vielleicht muss es ihn auch gar nicht mehr geben.

Und was hat das nun mit Freundschaft zu tun?

Vielleicht ist der Unterschied, dass sich in einer Freundschaft zwei Menschen begegnen, die einander nicht erst zu einem Bild machen müssen. Sie betrachten einander so, wie sie sind. Es wird nichts hineinprojiziert. Und es muss auch nichts perfekt sein. Niemand muss Angst haben, dass der andere die kleinen Kratzer sieht. Die feinen Sprünge. Die dunkleren Stellen. Man darf einfach Mensch sein. Vielleicht macht genau das Freundschaft so leicht.

In la traviata. geht es um Glück und Scherben. Und nur die Liebe macht die Spiegel ganz.
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