Restzeit
Ich bin eine Minimalistin. Ich bin sehr froh, nach dem Auszug der Kinder in diese ‚Ein-Raum-Wohnung‘ gezogen zu sein und sehr wenige Möbel mitgenommen zu haben. Fast kein Krimskrams. Trotzdem ist es mir immer noch zu viel, und ich bin auf der Suche nach Dingen, die ich weggeben oder wegwerfen kann. Ist das schon eine Art Abschiednehmen vom Leben? Oder ist das zu früh?
Meine Textilien. Viel besitze ich nicht, aber ich sehe Kleidung und Wäsche immer wieder kritisch durch. Was hatte ich lange nicht an? Was werde ich so bald nicht wieder anziehen? Unten in der Straße ist eine Art Kleiderkammer von der ‚Brücke‘. Diese soziale Einrichtung beschäftigt psychisch kranke Menschen und man freut sich immer sehr, wenn ich mit einem Paket vorbeikomme. Gehe ich die Straße hoch und um die Ecke, komme ich zum Secondhand Buchladen, der ebenfalls von der ‚Brücke‘ betrieben wird. Auch die nehmen meine Bücher sehr freundlich entgegen (was sie am Ende im Container im Hinterhof entsorgen, weiß ich ja nicht). Da nehme ich mir allerdings auch hin und wieder Bücher mit.
Dann gibt es das soziale Netzwerk ‚nebenan.de‘. Über die habe ich schon Bilder und Puzzles verschenkt, einen Schuhschrank, Kakteen, die mir zu groß geworden waren. Und ich werde wohl noch mehr verschenken.
Meine Enkelin Anna kommt zu Besuch. Sie schwärmt von Loriot. Ist glücklich über alles, was sie (noch) von ihm erwischen kann. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Wieder und wieder habe ich mich an seinen Werken erfreut. Aber nun stehen meine Loriotbücher schon seit Jahren eigentlich nur noch als Deko in meinem Bücherregal. Leichten Herzens gebe ich sie weg. Begeistert zieht Anna von dannen.
Schon vor Jahren habe ich meinem Sohn angeboten, von meinen Schallplatten mitzunehmen, was er wollte. Ich hatte keinen funktionierenden Plattenspieler mehr. Er hat sich sehr gerne die besten Stücke ausgesucht. Nun sage ich mir allerdings: Das war einfach zu früh. Es gibt jetzt wieder Retro-Plattenspieler mit modernem Innenleben. Würde ich mir sofort kaufen – wenn ich noch meine Lieblingsplatten hätte.
Zu früh habe ich auch meine Beerdigung geplant. Der Mann meiner thailändischen Freundin war gestorben, und ich erlebte mit, wie schwer es ihr fiel, alles zu organisieren und zu bewältigen. Da habe ich kurzentschlossen für mich einen Vertrag mit einer Bestattungsfirma gemacht und einen Pastor, den ich gut von meiner ehrenamtlichen Arbeit bei der Kieler Tafel kannte, gebeten die Trauerfeier zu übernehmen. Aber dann wurde ‚mein‘ Pastor Seemannspastor in Hamburg. Inzwischen machte er Karriere und ist in der ganzen Welt unterwegs. Wir hatten früher viel Kontakt, nun nicht mehr. Jetzt passt das alles nicht mehr zusammen.
Also, es ist gar nicht leicht zu entscheiden, wann es rechtzeitig, zu spät oder zu früh ist.
Aber Aufräumen und Wegschenken geht eigentlich immer.
Kommentare (11)
@Barbara90
kann deine Tochter mal hier reinschauen? Die würde gut passen zu KI Minimalismus-Grafiken.
😊
Servus
@Barbara90
haha, alles klar, allerdings heutzutage nur ein Problem von Millisekunden.
Servus😊
So gesehen hast Du natürlich recht.
Aber sie lebt (im Kopf) in einer anderen Welt als im Seniorentreff.
@JuergenS
@Barbara90
alles klar, nur ich persönlich würde mich über weitere minimalistisch hingeworfene Bilder freuen, mach dir bloss keinen Stress deswegen.😊
Liebe Barbara,
du hast Recht, wer sich dafür interessiert kann ja heute ziemlich schnell fündig werden, ins Internet rein und suchen.
Wichtig fände ich immer für mich, dass solche Möglichkeiten eben nicht weit weg sind, also Vorort. Ist dem nicht so, kann man ja, wie geschrieben auch durchaus über Ebay viel verkaufen.
Danke
Kristine
Wir erleben das gerade in unserer Familie - unsere Tante (94), lebte knappe 70 Jahre in Berlin, immer in derselben Wohnung. Nun wollte, nein musste sie dann doch ins Heim. Es ging allein eben nicht mehr, trotz Hilfe.
Meine Schwester hatte "den Hut auf", war beim packen dabei und berichtete, wie sie fast alles an Klamotten mitnehmen wollte...obwohl sie wusste, da ist eben nur 1 Schrank. Es führte kein Weg rein. Letztlich lagen überall Kleidungsstücke, die sie auch schon Jahre zuvor garnicht mehr trug, unterm neuen Heimtisch standen (gefühlt) 10 Paar Hausschuhe
Nun ja..., das wird sich dann schon von selbst hinruckeln...manches, wie Küchenutensilien u.a. hatte sie Hausbewohnern hinterlassen oder es wurde über Ebay verkauft. Der Rest wird abgeholt.
Ich weiß es ja nun nicht genau, denke aber, dass man ja ein ganzes Leben nicht so einfach zurück lässt, denn das bedeutet ja etwas. Der letzte Weg !
Ich selbst könnte vieles zusammenraffen, verteilen und nur das Nötigste mitnehmen. Ich kenne mich, Altlasten brauche ich nicht. Bilder, ausgewählte Bücher aber würde ich mitnehmen.
Kristine
Lach, Jürgen, es ist sogar so minimalistisch, dass ein Finger fehlt; aber ich finde es trotzdem sehr schön.
Hast du das selbst gemalt, liebe Barbara?
Bücher verschenke ich nicht, zu denen habe ich ein besonderes Verhältnis. Ich weiß noch immer alle Titel, die bei meiner Mutter verschwunden sind als sie dement wurde.
Ich mach es genauso wie du, alle Kleidung, die ich 2 Jahre nicht getragen habe, wird aussortiert.
Jetzt bin ich wieder dran, aber ich muss abwarten, bis die Kirche wieder eine Sammelaktion macht.
Toll, dass es bei dir alle diese Organisationen gibt. Gäbe es sie hier, wären meine Schränke noch wesentlich leerer.
Momentan würde ich zu gern mein großes Boxspringbett loswerden, weil ich eines mit Motor benötige.Das tut mir allerdings etwas weh, weil es zu einem Bauernschlafzimmer aus gekälkter kanarischer Kiefer gehört. Aber watt mutt dat mutt.
Deine Berichte lese ich immer sehr gern - Danke.
Harzliche Grüße
Pippa
Wie recht Du hast, liebe Barbara.
Mir steht ein Umzug in betreutes Wohnen oder ins "Aus" bevor. . . wann?
Nach dem Tode meines Mannes begann ich, Fächer und Schränke zu leeren.
Ich freue mich über jedes leere Fach.
Leider ist es nicht leicht, Abnehmer zu finden. Wer will die Dutzende geschliffener Gläser, die wunderschönen Tischdecken - z,.T. noch von meiner Mutter. Wer will das rustikale Keramik-Geschirr. Von schönen alten Büchern zu schweigen.
Wer würde auch die Orient-Teppiche , z.T. sehr groß oder lang, nach meinem Auszug übernehmen? Heute nicht mehr modern.
Die tolle Sammlung von Schallplatten meines Sohnes, der in Australien lebt, habe ich allerdings zu früh verschenkt. . .
Nun ja - "es wird sich alles finden". . .
In diesem Sinne erfreue ich mich an dem, was ist und an dem, was geht
und grüße dich herzlich
Ursula
nachdem ich Bilder, meist mit KI mache, fällt mir vor allem dein minimalistisches Bild da oben auf.
Denn Minimalismus ist deutlich, symbolisch, klar.
Servus, auch deine individuellen Ausführen finde ich lesenswert.
Ich kann nur nochmal wärmstens die kostenlose soziale Plattform
nebenan.de
empfehlen. Es gibt sie (meine ich) in allen größeren Orten
in ganz Deutschland und verbindet die Nachbarschaften. Da gibt es zum Beispiel auch einen Marktplatz mit Gesuchen und Angeboten, gegen Geld oder zum Verschenken.
Die Zeichnungen macht übrigens meine Tochter, ein(e) Profi(in).