Restzeit

Der Meisterdieb

Ein Herr aus Glinde ruft mich an. Sein Nachbar Karl-Heinz F. sei in hohem Alter verstorben. Man habe in seinen Unterlagen meine Telefonnummer gefunden. Ach ja, der Meisterdieb!
Ich hatte ihn vor vielen Jahren als Reporterin in einem denkwürdigen Prozess kennengelernt. Vier Männer hatten Herrenhäuser in Schleswig-Holstein heimgesucht und teure Kunstschätze herausgetragen. Gestohlen hatten sie nur die wertvollsten Stücke. Und er war der große Spezialist gewesen. Seine profunden kunstgeschichtlichen Kenntnisse hatte er sich zuvor in langen Haftjahren angelesen. Hatte sich ein solches Fachwissen angeeignet, dass er nun im Strafprozess auf Augenhöhe mit der Gutachterin diskutieren und sie an einem Punkt sogar widerlegen konnte. Sowas hatte ich noch nie vor Gericht erlebt. Das imponierte mir. Aber der Angeklagte kassierte am Ende vier Jahre Knast. Ich glaube, insgesamt hatte er schon zwanzig Jahre abgesessen. Immer Einbruchsdiebstahl. Ich habe ihn in der Haft besucht und auch später noch jahrelang ein wenig betreut und unterstützt. Er wurde Freigänger, konnte noch ein paar Jahre in seinem Beruf als Korrektor arbeiten und lebte schließlich bescheiden von Grundsicherung. Ein unauffälliger alter Mann, der hilfsbereit die Villa seines Nachbarn hütete, wenn der verreist war.
Ja, sagte der Anrufer, der Herr F. sei absolut zuverlässig gewesen. Obwohl - er habe ihm ja gebeichtet, dass er als junger Mann mal ein wenig mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sei. Ob ich Näheres wisse. Als Herr L. meine Gerichtsreportagen las, muss ihm heiß und kalt geworden sein. 

Kommentare (4)

Kurt20

07. Juli 2026

Liebe Barbara,

man weiß nicht, wann und warum Karl-Heinz F. vom rechten Weg abgekommen ist. (Oder war es für ihn der richtige Weg?)

In meiner Jugend durfte ich knapp zwei Jahre als Gast der DDR-Staatssicherheit in verschiedenen Gefängnissen verbringen. (Details vielleicht später einmal).

Was ich dort unter anderem gelernt habe: (1) Die Menschen sind viel, viel komplizierter, als es den Anschein hat. Und (2): Es gibt in allen gesellschaftlichen Kreisen abgrundtief schlechte Menschen und anständige Kerle, auch unter Kriminellen. Aber wem erzähle ich das!

Andere Menschen zu bestehlen ist ja erstmal eher nicht besonders edel. Andererseits: Es kommt darauf an. Wenn jemand die Reichen beklaut und den Armen etwas von seiner Beute abgibt, wurde oder wird er manchmal sogar zum Volkshelden.

Wie dem auch sei, jedenfalls ist Karl-Heinz F. seinen Weg gegangen. Und vielleicht war es der einzig mögliche, den er gehen konnte. Wer weiß.

Die Geschichte selbst ist jedenfalls wieder einmal sehr interessant und sie liefert Stoff zum Nachdenken.

Bis demnächst,
herzliche Grüße
Kurt

Barbara90


@Kurt20
Danke, lieber Kurt, für Deine Gedanken zu Karl-Heinz. Dazu könnte ich natürlich noch viel mehr Details liefern (seine erste Verurteilung stufte ihn als 'Volksschädling' ein. Das war im Dritten Reich und er war Teenager), aber das würde hier vielleicht nicht der richtige Ort sein. Dass er im Alter nix 'Böses' mehr machte, hatte übrigens nicht nur mit seinem Charakter, sondern natürlich auch mit seiner körperlichen Konstitution zu tun. Er konnte einfach nicht mehr. Dass ich schließlich aufhörte, mich ein wenig um ihn zu kümmern, hing damit zusammen, dass er im Alter stramm nach rechts abdriftete und ich seine Tiraden irgendwann nicht mehr ertrug.
Du deutest Details aus Deiner Jugend an, die mich sehr berühren. Vielleicht erzählst Du mal ein wenig... irgendwann.
Es grüßt Dich Barbara 
   

Agathe

Wie gut ist es doch manchmal 
nicht alles zu wissen!
Wir sind entwicklungs- und anpassungsfähig.
Und im beschriebenen Fall noch lernfähig.

Herrlich beschrieben!


 

Barbara90

Danke, liebe Agathe
@Agathe  

Anzeige