Neulich beim Einkaufen


Neulich beim Einkaufen
Neulich war ich bei Lidl einkaufen.
Also eigentlich nicht direkt einkaufen. Eher dieser planlose Besuch der Nahrungsbeschaffung mit Einkaufswagen, bei dem man hofft, unterwegs spontan herauszufinden, was man überhaupt braucht.

Lebensmittel sollten es werden.
Mehr stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest.

Natürlich hatte ich – wie immer – vorher nicht in die App geschaut. Deshalb lief ich erst einmal orientierungslos am Gemüse vorbei Richtung Kühltheke, in der stillen Hoffnung, dass mich dort irgendeine Form von Eingebung anspringt.

Unterwegs fiel mir ein, dass Eier eigentlich keine schlechte Idee wären.

Vor dem Eierregal spielte sich allerdings bereits eine andere Entwicklung ab.

Dort stand eine ältere Mutter mit Einkaufswagen und ihrem Sohn, der offenbar auf den bemerkenswerten Namen Justin-Pascal hörte.

Justin-Pascal lag schreiend vor den Eiern.
Neben ihm ein geöffneter Karton und mehrere Exemplare, die ihre berufliche Laufbahn abrupt beendet hatten.

Offenbar hatte der Junge versucht, auf die Eierpalette zu klettern – ein Vorhaben, das sowohl physikalisch als auch landwirtschaftlich gewisse Schwächen hatte.

Die Mutter blieb erstaunlich ruhig. Fast zu ruhig.
So ruhig, dass ich kurz vermutete, sie arbeite entweder therapeutisch oder habe innerlich bereits vollständig gekündigt.

„Justin-Pascal“, sagte sie geduldig, „wir haben doch darüber gesprochen, dass Eier keine Kletterlandschaft sind.“

Justin-Pascal sah das anders und erhöhte seine Lautstärke auf startendes Düsenflugzeug.

„Außerdem“, erklärte die Mutter weiter, „ist das auch den Hühnern gegenüber nicht respektvoll.“

Das landwirtschaftliche Argument überzeugte ihn nur bedingt.
Er begann zusätzlich rhythmisch gegen den Boden zu treten, als würde er versuchen, ein kleines Erdbeben auszulösen.

Ich beschloss, meine Eierpläne vorerst zu verschieben.

Während ich weiter Richtung Kühlregal lief, versuchte ich zwei Dinge zu verdrängen:
erstens die Schreie von Justin-Pascal und zweitens die Frage, wie meine Eltern diese Situation früher gelöst hätten.

Vermutlich deutlich schneller.

Vor den Angeboten der Woche blieb ich kurz stehen und entschied mich spontan für Schnitzel. Nicht aus Überzeugung, sondern weil es sich wenigstens nach einer Entscheidung anfühlte.

Dann fiel mir ein, dass ich eigentlich Milch brauchte.
Also wieder quer durch den Laden.

Dort hinten war es angenehm ruhig. Zum ersten Mal hatte ich wieder Zugriff auf meine eigenen Gedanken. Ich erinnerte mich sogar daran, dass ich einen Einkaufszettel dabeihatte. Einen echten. Aus Papier. Mit Dingen darauf, die ich tatsächlich brauchte.

Voller neuer Hoffnung arbeitete ich mich Punkt für Punkt vor:
Milch.
Butter.
Essig.

Also wieder zurück.

Und natürlich stand dort erneut die Mutter von Justin-Pascal.

Diesmal allerdings friedlich. Sie unterhielt sich gerade mit einer anderen Frau, die ebenfalls ein Kind im Wagen sitzen hatte. Ein Mädchen mit einer Frisur, die aussah, als hätte man sie mit einem Laubbläser geformt.

„Stell dir vor“, sagte die Mutter empört, „die Mutter von Maximilian hat beim Kuchenbasar einfach einen Dubai-Schoko-Kuchen mit Gluten mitgebracht.“

Die andere Frau japste hörbar.

„Wo inzwischen wirklich jeder weiß, dass die halbe Kindergartengruppe Unverträglichkeiten hat!“

Sie deutete stolz auf ihr Kind.

„Also meine Angel-Sunshine hätte sowas niemals gegessen.“

Angel-Sunshine kaute in diesem Moment still auf einem Einkaufswagenchip herum und wirkte insgesamt nicht so, als würde sie ernährungsstrategische Entscheidungen allein treffen.

Ich blieb kurz stehen.
Nicht freiwillig. Mein Gehirn hatte kurzzeitig den Betrieb eingestellt.

Ich beschloss, den Einkauf zu rebooten und noch einmal von vorne anzufangen.

Denn ist euch eigentlich schon einmal aufgefallen, dass die Menschen, mit denen man gleichzeitig den Supermarkt betritt, einen den kompletten Einkauf lang begleiten?

Man begegnet ihnen immer wieder – zwischen Gemüse, Kühlregal und Tiefkühlpizza.
Als wären alle gemeinsam in derselben merkwürdigen Parallelhandlung gefangen.

Ich beschloss also, aus dieser Geschichte auszusteigen und neu zu starten.

Zurück zum Gemüse.

Dort parkte ich meinen Wagen zwischen Paprika und Salatgurken und versuchte erst einmal, meinen Blutdruck wieder auf gesellschaftlich akzeptable Werte zu bringen.

Dann stand ich einige Minuten schweigend vor den Tomaten.

Tomaten sind wunderbar.
Sie reden nicht.
Sie heißen nicht Justin-Pascal.
Und sie diskutieren auch nicht über glutenfreien Dubai-Schokokuchen.

Ich blieb noch kurz dort stehen.
Nur um sicherzugehen, dass es wirklich nur Tomaten sind.




Illustrationen mittels KI erstellt

Kommentare (2)

Rosi65

Hallo ginger.one,

über diese rätselhafte Mehrfach-Begegnung im Supermarkt habe ich mich auch schon gewundert.

Erst kürzlich, bei Netto, begegnete ich dort ständig einem älteren Kunden-Paar.
Die Frau hielt eine Fertigbrotmischung in der Hand und bat mich, ihr doch die Inhaltsangaben auf der Verpackung vorzulesen.
“Ist schon Hefe dabei, oder muss ich die extra kaufen?“ wollte sie von mir wissen. Nein, weder Hefe noch Backpulver waren dort aufgeführt, aber dafür viele chemische Begriffe. Ich gab ihr die Backmischung gleich wieder freundlich zurück.

Ach, ich wollte doch noch Bananen kaufen, also zurück zur Obstabteilung. Da stand das Paar tatsächlich schon wieder. Doch hier gab es nichts zum Vorlesen für mich.

Gleich darauf sahen wir uns vor dem Kaffeeregal wieder. Sofort hatten wir Gesprächsstoff und debattierten über die stolzen Kaffeepreise. Und ich bekam sofort den Tipp, von einem offensichtlich erfahrenden Hausmann, den Kaffee doch lieber auf dem Samstags-Flohmarkt zu kaufen, denn dort wäre er viel günstiger.

Klar, zum Schluss traf ich das Paar natürlich an der Kasse wieder.
Erst später fiel mir ein, dass die Hefe vielleicht doch, aber dann unter der schönen Bezeichnung „Saccharomyces cerevisiae“ aufgelistet gewesen war.
Dann hätte die Kundin ja später vielleicht die doppelte Menge Hefe für das Brot benutzt, aber sicher auch den doppelten Spaß beim Brotbacken gehabt.😉

Rosi65

ginger.one

@Rosi65  

Es beruhigt mich, dass ich offenbar nicht allein durch diese Zeit-/Raumverschiebungen im Supermarkt laufe 😄

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