Mit Rollator zum Jobcenter.
Seit meiner frühesten Kindheit bin ich körperlich behindert. Man sieht es auf den ersten Blick an meinem unsicheren Watschelgang. Laufen lernte ich erst mit vier Jahren, aber brauchte bis zu meinem 54. Lebensjahr keine Gehhilfe. Erst als die Leute hinter mir herriefen, dass ich schon am frühen Morgen betrunken wäre, schaffte ich mir einen Rollator an. Fortan sah man mich nicht mehr ohne das Ding und auch zum Jobcenter nahm ich den Rollator mit.
Da ich kurz zuvor aus einem langjährigen Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückgekehrt war, suchte ich nun nach Arbeit. Ich bewarb mich online und klassisch per Bewerbungsmappe, die ich auf dem Postweg versendete, an Werbe-Agenturen in der Umgebung. Aber ich bekam nur Absagen. - Zu alt, sagte man mir.
Meine Sachbearbeiterin wollte mir die Behinderten-Werkstatt schmackhaft machen und wusste nicht, dass ich vehement dafür kämpfte, dass diese Ausbeuter-Werkstätten, in denen die dort Tätigen mit einem Stundenlohn von knapp über einem Euro abgespeist wurden, abgeschafft wurden. Im Ausland hatte ich nämlich immer in normalen Jobs gearbeitet und erhielt die gleiche Bezahlung wie meine gesunden Kollegen.
Da meine Sachbearbeiterin nichts mit mir anfangen konnte, schickte sie mich zum Amtsarzt. Der hob die Augenbraue hoch, als er mich mit meinem "roten Porsche" eintreten sah. Zuerst machte er ein paar Tests mit mir, um zu sehen, wie es mit meinen geistigen und körperlichen Fähigkeiten bestellt war. Dann warf einen Satz in den Raum : "SIE SIND FAUL!" Für mich klang es wie eine Ohrfeige. Ich winkte den Amtsarzt zum Fenster herüber: "Sehen Sie den ganzen Müll, der draußen liegt? - Geben Sie mir einen Behälter und einen Greifarm und ich räume das weg." - Der Amtsarzt guckte ungläubig. "Mit ROLLATOR???" - "Ich sehe da kein Problem" , antwortete ich. Er schaute mich entgeistert an und schwieg. Eine ganze Ewigkeit lang sagte er nichts. Schließlich meinte er, ich könne gehen.
Beim nächsten Termin mit meiner Sachbearbeiterin erfuhr ich, dass er mich für neun Monate krank geschrieben hatte.
Neun Monate, in der ich aus der Arbeitslosen-Statistik fiel......
Kommentare (2)
@indeed , ich habe immer normal gelebt, soweit mir das möglich war. Seit mehr als 20 Jahren kämpfe ich für die Abschaffung der Werkstätten; mit minimalen Erfolgen. Zumindest ist jetzt in der breiten Bevölkerung angekommen, dass 1,30 Euro Stundenlohn bei Vollzeitbeschäftigung ein Unding ist und dringend geändert werden muss. Ich bin gespannt, ob ich das noch zu meinen Lebzeiten erleben werde.
Meine erarbeitete Altersrente kommt übrigens größtenteils aus dem Ausland.
Gib nicht auf und kämpfe weiter für das, was dir wichtig ist. Vor allem verliere nicht deinen Mut und deine Zuversicht.
Ich drücke die meine Daumen, dass es klappt und du dein aufgedrücktes Wertegefühl durch Menschen, die im Klischee werten, wieder erlangen kannst.
LG indeed