Menschen am Wege



Um 16:29 Uhr springt mein Anrufbeantworter an. Eine mal stockende, mal gehetzte verhuschte dunkle Stimme. Worte, die sich fast überschlagen: „Hallo…ich hoffe, dass ich mit dem Anschluss von Frau K. verbunden bin. Hier ist Marie-Luise Scherer. Ich wollte nur gucken…Ich wollte nur fragen, ob Sie noch gut bei…den…Riemen sind. Sie waren eine beispielhafte Frau in Ihrer…also mir gegenüber. Ich bin ja furchtbar schlapp, viel schlapper. Ich bin ja ganz schlapp. Ich bin ja so dünn geworden…40 Pfund…Ich habe ja so schrecklich abgenommen. Ich kann jetzt die empfindlichsten Kleider tragen. Aber mit dem Wissen: Ich bin so dünn geworden. Der Arzt hat gesagt…
Frau K. melden Sie sich bei mir. Nur Bescheid geben, dass es Sie noch gibt. Auf Wiedersehen.“
Es hat kein Wiedersehen gegeben. Ein paar Tage später kam der neue SPIEGEL. Darin ein ganzseitiger Nachruf auf seine großartige Reporterin Marie-Luise Scherer. Das hat mich schwer getroffen.
Freundinnen waren wir nicht gewesen, das zu behaupten wäre übertrieben. Ich hätte ja nie gewagt, sie Freundin zu nennen. Diese Reporterin war ein leuchtendes Vorbild meines journalistischen Bemühens. Ihre meisterlich geformten und geschliffenen Texte kannte ich zum Teil wörtlich. Las manche ihrer Reportagen seit Jahrzehnten wieder und wieder. Es war mir klar, dass ich diese Meisterschaft nie würde erreichen können. Und dann beschäftigte mich irgendwann die Frage: Wie mag es einer so anerkannten und vielfach ausgezeichneten Person im Alter gehen? Ist sie noch immer warm gebettet in Lob und Bewunderung? Lebte sie im Alter einsam und vergessen? Ich fand ihre Adresse im Internet und schrieb an sie in das kleine Dorf im Wendland, wo sie nun wohnte. Sie antwortete sofort.
Sie erzählte und erzählte. Meine Anteilnahme und mein Interesse schienen sie zu beleben. Es ging ihr körperlich schlecht. Die jahrelange exzessive Arbeit, oft Nächte hindurch, hatte Spuren hinterlassen. Die Lunge… Nun auch die Grübelei, was mal aus ihrem schönen alten Haus werden sollte. Und sie wollte mich so gerne mal besuchen. Sie hatte anscheinend sonst niemanden mehr.
Zur Beerdigung ins Wendland bin ich nicht gefahren. Es soll lustig gewesen sein mit ihren alten Kollegen vom SPIEGEL. Nun waren sie alle gekommen. Wie ein Klassenausflug, schrieb die Süddeutsche.
PS. Die Stimme auf dem AB habe ich bisher noch nicht gelöscht.
 

Kommentare (4)

pippa

PS. Die Stimme auf dem AB habe ich bisher noch nicht gelöscht.

Das würde ich auch in Zukunft nicht machen, liebe Barbara.

Auch mich holt das Alter ein und viele unvergessene Menschen sind einfach gegangen, ohne sich zu verabschieden.

Erst letzte Woche musste ich plötzlich an meinen geschiedenen Mann denken. Wir hatten uns bereits in unserer Jugend wieder scheiden lassen. 

Ich suchte im Internet nach ihm und fand ......eine Todesanzeige. 
Das hat mich bis ins Mark getroffen obwohl unsere Scheidung bereits 60 Jahre her ist.
Das Einzige was ich noch tun konnte, war eine virtuelle Kerze anzünden.

Einen lieben Gruß sendet dir Heidi
 
 

Barbara90

Ja, so etwas trifft einen bis ins Mark, liebe Pippa
@pippa  

Agathe

Das klingt für mich gerade so nach den wahren Begebenheiten des alternden Lebens. Ich kann es gut nachvollziehen. 
Es geht vielen so, da bin ich mir sicher.
Der Lauf des Lebens...

Alles Gute von Agathe 

Barbara90

Danke für Deinen Kommentar, liebe Agathe
@Agathe  

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