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Menschen am Wege (2)
Bernhard
Wieder ist ein Mensch gegangen, mit dem ich ungewöhnliche Erinnerungen verbinde und den ich sehr vermisse – Bernhard S. Der Kunstprofessor begegnete mir persönlich das erste Mal vor ungefähr 20 Jahren. In unserer Region war er bekannt wie ein bunter Hund. Bunt sowieso. Seine Tochter nähte ihm die originellen farbenfrohen Ballonmützen, die sein Markenzeichen waren. Er fuhr mit einem gammeligen R4 in der Stadt herum, der war meist vollgestopft mit Kunstutensilien. Nun lernte ich ihn als sehr hilfsbereiten Mitmenschen kennen.
Beide gehörten wir ehrenamtlich dem Anstaltsbeirat an. Den gibt es in jedem Gefängnis als Bindeglied zwischen Justiz, Vollzugsbeamten und Gefangenen. Gefangene dürfen sich mit ihren Anliegen ohne Bewachung an Mitglieder des Anstaltsbeirates wenden. Ich hatte es übernommen, dem Redaktionsteam der Gefangenenzeitung unter die Arme zu greifen. Da saß ich dann alle vier Wochen bei den Redaktionssitzungen allein mit fünf oder sechs ‚gestandenen‘ Gefangenen. Mir war immer etwas mulmig dabei. Bis Bernhard anbot, mich zu begleiten. Eine große Erleichterung! Als ich später für die Kieler Tafel arbeitete, kam er auch dort vorbei und half. Er hatte Bücherkisten gebaut und gefüllt. Seine Idee war, die Kisten aufzustellen, zum freien Mitnehmen der Bücher für die Kunden. Er brachte noch ein paar Mal Nachschub. Irgendwann schlief die Aktion ein.
Seine größte Tat aber weiß ich noch in fast allen Einzelheiten. Das war eine großartige, irgendwie verrückte Tat! Und die ging so:
Tommy, Ehemann meiner thailändischen Freundin – geizig und eigentlich ein ziemliches Ekel, das sie aber heiß und innig liebte – hatte ein großes Problem. Seine Mutter starb in einem Hamburger Pflegeheim. Sie hatte nicht nur ihm, sondern auch ihren Verwandten wieder und wieder vor dem Tode anvertraut, dass sie unbedingt eine katholische Beerdigung haben wolle. Nun wollte Tommy ihre Urne in Kiel bestatten lassen, möglichst kostengünstig. Keine Trauerfeier (kostet ja), nur die Urne zum Gemeinschaftsgrab bringen, aber mit katholischem Priester. Alle Verwandten hatten ihr Erscheinen zugesagt. Und da begann sein Problem. Es gelang ihm nicht, einen Geistlichen zu ‚engagieren‘. Die katholischen Gemeinden in Kiel waren stark geschrumpft, es gab kaum noch Priester. Schon gar nicht für einen wie den Atheisten Tommy, der gemeint hatte, er könne einen Geistlichen einfach buchen wie einen Tisch im Restaurant.
Es waren nur noch wenige Tage bis zur Beerdigung, da flehte meine Freundin mich an: „Barbara, kannst Du helfen?“ Ich hatte keine Ahnung, wie ich helfen konnte. Mit ‚Katholen‘ hatte ich kaum Kontakte. Doch plötzlich die zündende Idee: Bernhard! Ich wusste, dass er in seiner katholischen Gemeinde sehr aktiv war. Ich rief ihn an und – tatsächlich, er wusste Rat. Ein Bekannter von ihm – ausgerechnet ein Informatiker! - war befugt, zu trauen und zu beerdigen. Bernhard hängte sich gleich ans Telefon und kam mit einer guten und einer schlechten Nachricht zurück: im Prinzip würde der Mann uns helfen, aber er sei leider gerade zu einer Fortbildung in der Schweiz. Käme erst am Tag vor der Beerdigung zurück.
Wir kriegten es hin. Tommy saß bei mir auf dem Sofa und erzählte mir von seiner Mutter, ich schrieb alles auf und mailte es in die Schweiz. Und dann erwartete uns auf dem Friedhof nicht nur ein ansehnlicher Geistlicher im schönen Ornat, er hatte sogar eine kleine Trauerfeier in einem Raum der Kapelle – kostenlos natürlich – möglich gemacht. Und erschienen waren nicht nur die Verwandten, sondern auch – Bernhard. Seine große, massige Gestalt in einen feinen schwarzen Anzug gekleidet. Eine große weiße Rose vor sich hertragend. Und so schritten wir beide als würdiges Paar hinter der Urne her zur Ruhestätte. Tief beeindruckt und hochzufrieden zeigten sich die Verwandten. Sie hätten dem ‚windigen‘ Tommy sowas gar nicht zugetraut, sagten sie. Zu Recht.
(Illustration: cohenbaum)
Kommentare (4)
Syrdal
Das sind die sehr Seltenen, deren Übergang wirklich einen spürbaren Verlust darstellt. Aber ihr uneigennütziges Wirken ist nicht verloren…
...weiß Syrdal
Roxanna
Was für ein Glück, so einem außergewöhnlichen Menschen begegnen zu dürfen. Und was für ein Verlust, wenn dieser Mensch geht. Er war sozusagen ein Mann für alle Fälle. Leider trifft man solche so selten.
Lieben Gruß
Brigitte
Barbara90
@Roxanna
Ja, das war ein außergewöhnlicher Mensch. Und ungewöhnlich menschlich dazu. Übrigens auch ein origineller Künstler.
Danke für Deinen Kommentar, liebe Brigitte
Wie wunderbar, solch einen Menschen nicht nur gekannt zu haben, sondern auch ihn bei seine "Taten" hier und da begleiten zu dürfen!
Schön und anschaulich erzählt 😊
Liebe Grüße
Ursula