Menschen am Lebenswege (3)
Tante Erna, Berlinerin, Jahrgang 1895, war – wie es sich damals für eine unverheiratete Tochter aus bürgerlichem Hause gehörte – Lehrerin für Handarbeit und Turnen. 1943 mit ihrer Schule wegen der Bomben nach Wernigerode/Harz evakuiert, blieb sie dort auch nach Kriegsende und als Rentnerin. Wernigerode war DDR. Ihr Bruder, mein Vater, lebte im Westen.
Er kümmerte sich sehr um seine Schwester. Ich erinnere mich, dass er sie mehrmals besuchte (da er inzwischen im „grenznahen Gebiet“ lebte, durfte er Tagesfahrten in die DDR unternehmen) und in abenteuerliche Situationen geriet, weil für ihn, so meinte er, die strengen Grenzvorschriften nicht galten. Etwas außerhalb der Legalität war auch seine Idee, die Schwester zu sich in den Westen zu holen. Als Rentnerin durfte sie zu Besuch kommen. Mein Vater holte sie 1983 ab und beschloss einfach: Nun bleibt sie hier. Sie war nun schon 88 Jahre alt und schien nichts dagegen zu haben.
Was folgte, ist in einem dicken Packen Papier dokumentiert. Im Prinzip war man ja in der DDR nur zu gerne die Rentner los. Aber auch Tante Ernas Übersiedelung hätte natürlich zuvor genehmigt werden müssen. Zwei Jahre lang diskutierte und stritt mein Vater mit Ämtern und Behörden, dann endlich bekam Tante Erna ihre Pension im Westen und ich bekam den Auftrag, ihren Hausstand in Wernigerode aufzulösen und in den Westen transportieren zu lassen. Ihre wertvollen Möbel – geerbt von ihren Eltern – hatte mein Vater bereits ihrer Wirtin zugesprochen. Ihr Spargeld – für DDR-Verhältnisse ein kleines Vermögen - durfte nicht in den Westen mitgenommen werden. Es sollte „drüben“ verschenkt werden. Blieben Wäsche, Geschirr, Garderobe, Fotos, Bücher etc.
Als ich allerdings übernahm, ihren Haushalt – oder was davon noch übrig war – in die BRD zu transferieren, ahnte ich nicht, was da auf mich zu kam. So wie es sich mein ‚blauäugiger‘ Vater vorgestellt hatte (in einem Brief an die Behörde:“…hat meine Tochter die Absicht, einmal nach dort zu fahren, um für meine Schwester die wichtigsten Dinge nach hier zu holen“), war die Unternehmung keineswegs.
Einfach so in die DDR – das ging schon mal gar nicht. Ein DDR-Bürger musste mich einladen und für mich einen Berechtigungsschein beantragen. Mit dem durfte ich - aber auch nur zu dem Beantragenden und nur in dessen Wohnort – einreisen. Eine schriftliche Erklärung der mitgeführten Gegenstände (auch Geschenk) und Zahlungsmittel war Pflicht. Inge, eine Bekannte von Tante Erna, lud mich ein.
Ich fuhr also im August 1985 mit meinem kleinen Auto von Kiel zur Grenze Duderstadt/Worbis und sah schon das Unternehmen scheitern. Sehr misstrauisch, sehr skeptisch sah der Grenzer in meine Papiere. „Journalistin sind Sie? Was wollen Sie in Wernigerode?“ Ein Verhör folgte. Es dauerte Ewigkeiten bis ich weiterfahren durfte, in eine Luft, die ich fortan sofort als Ost-Luft identifizieren konnte. Braunkohlen-Luft. Die Häuser von dieser Luft schmutzig-grau vom Ruß. Farbe gab es nicht zu kaufen.
Heute sind mir nicht mehr alle Details gegenwärtig. Ich erinnere mich aber sehr gut, dass Inge als Erstes mit mir zur Volkspolizei ging, um mich anzumelden und Geld umzutauschen. Pro Aufenthaltstag 25 Mark West in 25 Mark Ost. Die Ostmark war natürlich viiel weniger wert, Wechselkurs damals in den Wechselstuben in West-Berlin war 1:4. Das Warenangebot war dürftig (Für Ostmark gab‘s für uns eigentlich nur Bücher und Schallplatten zu kaufen).
Tante Ernas Wohnung war eine absolut spartanische Bleibe! Zwei Zimmer an einem speicherartigen leeren Raum. Bad und Toilette „jenseits des Ganges“. Die Vermieterin hatte schon kräftig „ausgeräumt“. Die besten Stücke fehlten.
Ich hatte meine kleine Reiseschreibmaschine mitgenommen, denn gemäß den Bestimmungen über „Ausfuhr von Umzugsgut aus der DDR“ musste jede Tasse, jede Gabel, jeder Eierbecher, jedes Taschentuch, jeder Schlüpfer, jeder Buch-Titel erst mal in eine Liste eingetragen und diese in doppelter Ausführung der Zollverwaltung zur Genehmigung vorgelegt werden. Die Liste habe ich bis heute: sie enthält die armseligen Relikte eines langen Lebens. Kostbare Dinge wie das teure Meißner Porzellanservice, der heißgeliebte Pelzmantel – längst vorher verschwunden.
Dann ging ich in Wernigerode als Geldbotin umher. Ziemlich mürrisch erschien mir der Pastor, den ich aufsuchte, um ihm das Klavier und 15 000 Ostmark zu übergeben. Da in Tante Ernas Verfügung (natürlich von meinem Vater verfasst) nicht stand, dass das Geld für die Gemeindearbeit gedacht war, vermutete ich Böses… Ein warmer Segen ging auch auf die hilfsbereite Inge nieder: 10 000 Ostmark. Bei ihr konnte ich übernachten. In den wenigen Tagen meines Aufenthaltes zeigte sie mir ein wenig von Wernigerode, und wir versuchten, für meine zwangsgetauschten Ostmark Bücher zu kaufen. Zudem musste der Auftrag zum Transport des Umzugsgutes „einem volkseigenen Kraftverkehrs- und Speditionsbetrieb erteilt werden“.
Dann die Rückreise. Ich war ziemlich kaputt. Der Grenzpolizist unfreundlich: „Na, dann bauen Sie mal die Rückbank aus.“ Man befürchtete, dass Besucher Flüchtlinge in den Westen schmuggelten. „Ich weiß nicht, ob ich das kann, hab ich noch nie….“ Die schneidende Stimme: „Das können Sie!“ Und irgendwie konnte ich es dann auch.
Ob Tante Erna – zunehmend dement - bei meinem Vater nochmal ihres Lebens froh wurde, weiß ich nicht. Ihr Bruder jedenfalls wurde es nicht. In einem Brief klagt er: „Es ist schwer mit ihr auszukommen. Alles, was man vor ihr nicht in Sicherheit bringt, verschwindet in ihrer Stube. Sie ist im Essen richtig gierig auf Süßigkeiten, und auch andere Dinge sind plötzlich verschwunden.“
Tante Erna zog schon bald in ein Pflegeheim um. Und das war ein Segen, denn sie überlebte ihren Bruder und blieb schließlich am fremden Ort allein zurück. Vielleicht hätte er sie einfach in Ruhe in ihrer gewohnten Umgebung lassen sollen.
Kommentare (5)
Die fürsorgliche Handlung Deines Vaters kann ich gut verstehen, denn er sorgte sich bestimmt sehr um seine Schwester. Bestimmt hätte er sich immer und ewig Vorwürfe gemacht, wenn er anders reagiert hätte.
Deine Erzählung von diesem Abenteuer finde ich sehr interessant, denn sie deckt sich mit der haarsträubenden Geschichte meiner Eltern, die damals zu der Jugendweihe ihrer Nichte in Wismar eingeladen waren.
Deine Geschichte habe ich gern gelesen, liebe Barbara.👍
Viele Grüße
Rosi65
17. August 2026
Liebe Barbara,
danke für diesen interessanten und lebensnahen Bericht. Genauso war es und manchmal noch viel absurder („Absurdistan auf deutschem Boden“, ich weiß davon ein Lied zu singen).
Heute lacht man über die meisten dieser Absurditäten oder schüttelt ungläubig den Kopf. Damals allerdings war einiges davon gar nicht zum Lachen. In der Erinnerung erscheint uns vieles rosiger als es war.
Was Deine Tante Erna betrifft: Dein Satz „Vielleicht hätte er [dein Vater] sie einfach in Ruhe in ihrer gewohnten Umgebung lassen sollen“ bringt mich kurz ins Grübeln.
Vielleicht konnte dein Vater als anständiger Mensch gar nicht anders handeln: „Die Erna muss da raus. Punkt.“
Aber auch wenn Deine Tante geblieben wäre, hätte sie dann ein besseres Leben gehabt in ihren letzten Lebensjahren? Niemand kann das wissen. Aber vorbei ist vorbei, „Schnee von gestern“.
Ich habe weiter unten in meiner Antwort auf Brigittes Kommentar kurz von meiner Großmutter erzählt.
Als sie bereits fast Mitte achtzig war, haben wir sie in den Westen „umgepflanzt“. Das war eine gute Entscheidung (was man ja im Voraus niemals wissen kann), sie hatte hier noch über zehn gute Jahre.
Danke, liebe Barbara, für diese Geschichte.
Viel Stoff zum Nachdenken und zum gelegentlichen Schmunzeln.
Bis demnächst,
herzliche Grüße,
Kurt
Man weiß nicht immer, was das Beste ist, weil man ja nicht in die Zukunft schauen kann, liebe Barbara. Es war fürsorglich gemeint von deinem Vater. Aber manchmal zeigen doch viele Widerstände, dass es nicht der richtige Weg ist, man will es aber nicht wahrhaben.
Meine Schwester und ich haben unsere Mutter auch an unseren Wohnort geholt, der ihr eigentlich von vielen Besuchen her vertraut war. Und doch konnte sie sich nicht wirklich einleben und im Nachhinein sagten wir uns auch, wir hätten sie dort, wo sie lebte, lassen sollen. Es hätten sich auch dort Lösungen finden lassen.
Manchmal frage ich mich, welchen Sinn solche Erfahrungen haben, für die man mit großer Sicherheit keine Verwendung mehr hat.
Wie unterschiedlich doch Lebensverläufe sind und nicht immer läuft alles nach Plan.
Lieben Gruß
Brigitte
@Roxanna
17. August 2026
So unterschiedlich spielt das Leben, liebe Brigitte. Wir, meine Frau Angelika und ich, hatten meine Großmutter Helene und meine Eltern kurz vor der Wende zu uns in den Westen geholt.
Bei der Großmutter mit etwas Bedenke: „Eine alten Baum verpflanzt man nicht mehr".
Die Bedenken waren unbegründet. Oma Helene hatte sich nach kurzer Zeit eingelebt, hat ihr Leben in der neuen Umgebung genossen (immerhin noch mehr als 10 Jahre) und es war einen Freude zu sehen, wie sie aufgeblüht ist.
„Die Weg des Hern sind wunderbar“, liebe Brigitte 😊
Herzliche Grüße,
Kurt
Danke für Eure Kommentare!
Ich hatte meine Erlebnisse mit Tante Ernas Umzug unter anderem auch deshalb aufgeschrieben, weil ich meine, dass die 'Absurditäten', wie Kurt sie nennt, auch für manche Menschen unserer Jahrgänge nicht richtig bekannt waren. Da weiß man unsere jetzigen Lebensumstände gleich doppelt zu schätzen. Findet jedenfalls Barbara90