Meine Spuren im Schnee (vor 50 Jahren)
Die Turmuhr von Stift Nonnberg schlug achtmal. Die Glockenschläge klangen gedämpft, als hätte der Schnee, der über der Stadt lag, beschlossen, für eine Weile nichts weiterzuerzählen. Alles wirkte still, beinahe friedvoll. Ich atmete tief durch und hatte das Gefühl, hier draußen eine bessere, reinere Luft zu bekommen als drinnen im Gefängnishof.
Von der Salzach her wehte kalter Wind. Er trieb die Flocken um den Brunnen am Kajetanerplatz, ließ sie tanzen, als hätten sie Zeit. Kein Mensch war zu sehen, außer dem Hausarbeiter, der – begleitet von einem Justizbeamten – Kies auf den schneeglatten Gehsteig streute. Er musterte mich und sagte warnend:
„Ganz schön glatt hier draußen. Pass’ auf, dass’d net glei wieder den Salto retour machst mit deine Sommerschucherl.“
Er hatte bemerkt, dass ich nur Sommerkleidung trug. Mokassins im Schnee, ein Sakko, das mehr nach Büro als nach Winter aussah. Mir war klar, dass das nicht passte. Aber was hätte ich tun sollen? Ich hatte keine anderen Schuhe. Ich stellte meine Tasche ab, drehte mich noch einmal um und sah hinüber zum Zellentrakt. Zwei Tage zuvor war mein letzter Hofgang gewesen.
„Mich seht ihr hier nie wieder“, hatte ich zu den Kollegen gesagt. Ich meinte es ernst. Sie lachten.
Ich hatte Mist gebaut. War straffällig geworden, ohne es wirklich begriffen zu haben. Die Situation, die zu meiner Verhaftung geführt hatte, war eindeutig dem Suff geschuldet. Die Frage, ob ich Alkoholiker sei, hatte ich immer verneint. Jetzt erst recht. Ich war Monate ohne Alkohol ausgekommen – nicht ganz freiwillig, aber immerhin.
Die Kälte kroch mir langsam die Beine hoch. Ich nahm meine Tasche und ging. Ich war frei.
Hinter mir blieb der erste Abdruck im Schnee zurück. Zu leicht, zu glatt, ohne Halt. Ein Schritt, der nicht viel versprach. Mir war klar, dass ich neue Wege finden musste, um nicht wieder in den Sog des Milieus zu geraten. Wie das gehen sollte, wusste ich nicht. Aber ich wusste, dass ich wollte.
Mein erstes Ziel war das Café Tomaselli in der Altstadt. Im Gefängnis gab es keinen Bohnenkaffee. Die Zeit der Entbehrungen war vorbei. Ich blickte über den Domplatz zu den dick vermummten Kirchgängern. Ihr festes Schuhwerk hinterließ tiefe, klare Muster im Neuschnee. Spuren mit Gewicht, mit Geschichte.
Meine eigenen Abdrücke waren noch ohne Profil. Der Schnee würde sie nicht lange behalten. Aber gehen musste ich trotzdem.
Übergang
Der Schnee lag noch lange über der Stadt.
Meine Spuren verschwanden schneller, als mir lieb war. Erst wurden sie weich, dann unkenntlich. Am Ende war nichts mehr zu sehen. Kein Abdruck, kein Beweis, dass ich hier gegangen war. Aber ich wusste es.
Ich hatte das Gefängnis hinter mir gelassen. Nicht nur den Ort, sondern auch eine Art zu leben, die mich dorthin geführt hatte. Frei zu sein bedeutete nicht, angekommen zu sein. Es bedeutete nur, wieder Entscheidungen treffen zu müssen. Und die Verantwortung dafür zu tragen.
Der Kaffee im Tomaselli war heiß und stark. Er schmeckte nach Anfang, nicht nach Erlösung. Ich saß am Rand, hielt die Tasse mit beiden Händen und sah den Menschen zu, die hereinkamen, ihre Mäntel ablegten, ihre Spuren vor der Tür ausschüttelten.
Ich hatte keine Ahnung, wie mein Leben weitergehen würde.
Aber ich wusste, wie es nicht weitergehen durfte.
Neustart klingt nach Technik. Nach einem Knopfdruck, nach Ordnung, nach einem sauberen System. In meinem Fall war es eher ein vorsichtiges Hochfahren. Schritt für Schritt. Mit alten Fehlern im Speicher und der ständigen Gefahr eines Absturzes.
Ich war frei, aber nicht stabil. Nüchtern, aber nicht geheilt. Entschlossen, aber ohne Plan.
Was ich hatte, war Zeit. Und die Ahnung, dass ich mir mein Profil erst noch erarbeiten musste – nicht im Schnee, sondern im Alltag.
Der Neustart begann nicht mit großen Vorsätzen. Er begann mit einfachen Dingen: aufstehen, hingehen, bleiben. Nicht ausweichen. Nicht zurück in die Wärme des Bekannten, auch wenn sie verführerisch war.
Ich hatte gelernt zu gehen.
Jetzt musste ich lernen, stehenzubleiben.
Wunderbar, hat mich sehr beeindruckt.
Liebe Grüße ❤️ lichst Marlen