Meine 13 Umzüge – oder: Ein Leben voller Stolpersteine
Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, dann könnte man meinen, ich sei ständig umgezogen. Dreizehn Umzüge sind es geworden. Dreizehnmal Koffer packen, Abschied nehmen, Vertrautes zurücklassen und irgendwo anders wieder neu anfangen.
Aber eigentlich waren es nicht nur Umzüge.
Es waren dreizehn neue Kapitel meines Lebens.
Manche davon habe ich mir nicht ausgesucht. Manche wurden durch die Umstände bestimmt, andere habe ich selbst gewollt. Einige waren schmerzhaft, andere befreiend. Und fast jeder Umzug brachte seine eigenen Stolpersteine mit sich.
Mein erster Umzug
Mein erster Umzug fand mitten im Krieg statt.
Mein erstes Zuhause war die Wärme und Geborgenheit meiner Mutter. Dort war es gemütlich und warm. Doch kaum war ich geboren, wurde aus dieser Wärme ein kaltes Zimmer.
Bald darauf kam ich in den Kinderwagen, den mein Opa wohl selbst gebaut hatte. Dort lag ich nun, bis es wohl nicht mehr anders ging.
Mein Leben hatte gerade erst begonnen – und schon war ich unterwegs.
Mein zweiter Umzug
Auch mein zweiter Umzug erfolgte noch während des Krieges.
Es ging in ein kleines Dorf in Mecklenburg. Zwei Teiche gab es dort, einen Milchladen und rundherum vielleicht zehn Häuser.
Für mich war es eine kleine Welt. Mecklenburg wurde zu meiner Heimat.
Mein dritter Umzug
Noch immer war Krieg, als mein dritter Umzug kam.
Ich zog mit meinem jüngsten Bruder zu Oma und Opa in meine Geburtsstadt. Meine Eltern waren zusammen mit meinen zwei älteren Brüdern aus der Ostzone in den Westen, nach Nordrhein-Westfalen, „getürmt“.
Für ein Kind ist es schwer zu verstehen, warum plötzlich alles anders ist. Menschen, die einem vertraut sind, sind nicht mehr da. Ein Zuhause ist nicht mehr selbstverständlich.
Mein vierter Umzug
Neun Monate später folgte mein vierter Umzug.
Von meiner Geburtsstadt ging es nach Nordrhein-Westfalen, in unsere neue Heimat.
Doch dort erwartete uns zunächst noch kein richtiges Zuhause. Meine Eltern wohnten bis dahin nur in einem Zimmer beim Bruder meines Vaters.
Und so kam schon mein fünfter Umzug.
Mein fünfter Umzug
Wir drei älteren Kinder wurden auf unsere Paten verteilt.
Für mich begann damit eine schwierige Zeit voller Stolpersteine. Ein ganzes Jahr dauerte diese Zeit.
Ich litt unsäglich.
Sogar meinen evangelischen Glauben musste ich aufgeben, um meinem katholischen Paten genehm zu sein. Für ein Kind war das eine schwere Erfahrung. Ich musste mich anpassen, obwohl ich doch einfach nur dazugehören und bei meiner Familie sein wollte.
Dann endlich kam die Erlösung.
Mein sechster Umzug
Nach einem Jahr bekamen meine Eltern für sich und uns Kinder eine Nissenhütte vom Arbeitgeber Rheinpreussen zugewiesen.
Wir waren endlich wieder vereint.
Mein sechster Umzug war geschafft.
Und plötzlich begann eine schöne Zeit für uns Kinder.
Für meine Eltern war diese Zeit wahrscheinlich hart. Viel Arbeit, viele Entbehrungen, wenig Geld und ein einfaches Leben. Aber sie genossen es trotzdem, denn wir waren wieder zusammen – und wir lebten in Freiheit.
Natürlich weinte ich um Oma und Opa und um mein geliebtes Mecklenburg. Ich vermisste meine Heimat.
Doch die Zeit verging.
Wir Kinder gingen weite Wege zur evangelischen Schule. Mein Vater besuchte die Steigerschule und machte seinen Fahrsteiger. Meine Mutter versorgte die Nissenhütte, den Garten und uns Kinder.
Es war ein einfaches Leben.
Aber es war unser Leben.
Mein siebter Umzug
Und plötzlich stand der nächste Umzug vor der Tür.
Meinem Vater wurde ein Steigerhaus zur Verfügung gestellt.
Also packten wir wieder unsere Sachen.
Mein siebter Umzug.
Wir zogen um – und wieder kamen die Stolpersteine des Lebens auf uns zu.
Meine Brüder gingen nach und nach in ihre Berufe. Ich vollendete die Schule und verliebte mich in einen amerikanischen Soldaten.
Meine erste große Liebe.
Briefe gingen hin und her. Eine ganze Zeit lang waren diese Briefe mein größtes Glück.
Doch nach einem Jahr blieben sie plötzlich aus.
Ich jammerte, ich weinte und war auf einmal keine Halbstarke mehr, die lachend und unbeschwert durchs Leben ging.
Zwei Jahre vergingen.
Aber meine erste große Liebe blieb in meinem Herzen.
Eigentlich bis heute.
Mein achter Umzug
Dann trat ein neuer Mann in mein Leben.
Wir heirateten und blieben zunächst bei meinen Eltern wohnen.
In den 1960er Jahren war es für Wohnungssuchende nicht gerade einfach. Doch wir hatten Glück.
Mit inzwischen zwei Buben bekamen wir eine 64 Quadratmeter große Wohnung in einem anderen Ortsteil.
Mein achter Umzug.
Dort blieb ich ganze 24½ Jahre wohnen.
24½ Jahre – das war für mich fast schon eine Ewigkeit.
Mein neunter Umzug
Doch auch diese Zeit ging vorbei.
Mein neunter Umzug führte mich nach Krefeld.
Diesmal zog ich alleine.
Und plötzlich fühlte sich das Leben ganz anders an.
Freiheit!
Freiheit!
Ich tanzte förmlich durch Krefelds Straßen.
Nach all den Jahren fühlte sich das Alleinsein nicht einsam an. Es fühlte sich leicht an. Ich konnte wieder selbst entscheiden, wohin mein Weg ging.
Zwei Jahre blieb ich in Krefeld.
Dann zog es mich weiter.
Mein zehnter Umzug
Berlin!
Ich packte meinen zehnten Umzug an und beförderte mich nach Berlin.
Ein Jahr blieb ich dort.
Ein Jahr voller neuer Eindrücke, neuer Wege und neuer Erfahrungen.
Doch irgendwann zog es mich wieder zurück.
Mein elfter Umzug
Also hieß es wieder: Koffer packen.
Zurück nach Krefeld.
Mein elfter Umzug.
Und dann tat sich ein glücklicher Umstand auf.
Mein zwölfter Umzug
Ich bekam die Möglichkeit, in eine Wohngemeinschaft nach Passau zu ziehen.
Also nahm ich meinen zwölften Umzug in Angriff.
Und was für eine herrliche Zeit begann!
Passau wurde für mich eine Zeit voller Lebensfreude – und, fast unglaublich, ohne die sonst so vertrauten Stolpersteine.
Ich genoss das Leben, die Gemeinschaft und die Freiheit.
Es war eine unbeschwerte und glückliche Zeit.
Aber wie das Leben nun einmal spielt, sollte auch diese Zeit nicht für immer bleiben.
Mein dreizehnter Umzug
Ich heiratete erneut.
Nach fünf Jahren in Passau vollzog sich mein dreizehnter Umzug.
Es ging nach Franken.
Und hier bin ich nun.
Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich nicht nur dreizehn Umzüge.
Ich sehe dreizehnmal einen neuen Anfang.
Dreizehnmal Kisten packen.
Dreizehnmal Abschied nehmen.
Dreizehnmal etwas Vertrautes zurücklassen und mich auf etwas Neues einlassen.
Manchmal wurde ich geschoben.
Manchmal musste ich gehen.
Manchmal wollte ich einfach nur weg.
Manche Umzüge waren schmerzhaft, andere waren eine Befreiung. Einige führten mich in neue Lebensabschnitte, andere haben mich vielleicht sogar vor einem falschen Weg bewahrt.
Ich habe Menschen zurücklassen müssen und neue Menschen kennengelernt.
Ich habe geliebt.
Ich habe geheiratet.
Ich habe geweint.
Ich habe gelacht.
Ich habe verloren.
Ich habe gefunden.
Und immer wieder habe ich neu angefangen.
Wenn ich an Mecklenburg denke, spüre ich noch heute die Sehnsucht nach meiner Kindheit und nach Oma und Opa.
Wenn ich an meine erste große Liebe denke, ist da noch immer ein ganz besonderes Gefühl in meinem Herzen.
Wenn ich an Krefeld denke, sehe ich mich durch die Straßen tanzen – frei und voller Lebensfreude.
Und wenn ich an Passau denke, erinnere ich mich an eine herrliche Zeit ohne Stolpersteine.
So unterschiedlich waren meine Umzüge.
Aber eines hatten sie alle gemeinsam:
Sie brachten mich weiter.
Heute lebe ich in Franken.
Hier werde ich wohl eines Tages meinen letzten Umzug antreten.
Den Umzug in die Endlichkeit.
Wann das sein wird, weiß niemand.
Bis dahin aber möchte ich noch ein bisschen bleiben.
Noch ein bisschen lachen.
Noch ein bisschen lieben.
Noch ein bisschen leben.
Denn wenn ich auf meine dreizehn Umzüge zurückblicke, dann war mein größter Umzug nicht der von einem Ort zum anderen.
Mein größter Umzug war der Weg durch mein eigenes Leben.
Und diesen Weg bin ich gegangen.
Mit allen Stolpersteinen.
Mit allen Tränen.
Mit allen Abschieden.
Mit meinen großen Lieben.
Mit meiner Sehnsucht nach Mecklenburg.
Mit meiner Freiheit.
Und vor allem:
mit ganz viel Lebensfreude.
Dreizehn Umzüge – und jedes Mal ein neues Leben.
Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis:
Man kann ein Leben lang unterwegs sein und trotzdem irgendwann ankommen.
Ich glaube, ich bin angekommen.
Liebe Schnuck
Bei sich ankommen
es heißt wohl nicht, kein Gepäck mehr zu haben,
sondern das eigene tragen zu können.
nur das mitzunehmen was wirklich zu einem gehört,
und wenn es mit Hilfe des Rollators ist ...
Ich wünsche Dir weiterhin viel Lebensfreude!
Mareike