Land des Lächelns ... aber der Novak
Anfang der 60er Jahre war alles prüde. (Doppel)Moral bestimmte die Gesellschaft.
Heiligabend.
Wie in jedem Jahr war Vater damit beschäftigt, den Christbaum kunstvoll zu schmücken und dabei wollte er bis zur Bescherung nicht gestört werden.
Mutter und ich bereiteten in der Zwischenzeit das Abendessen zu und warteten auf das Glöckchen, das uns einlud, das Wohnzimmer zu betreten.
Klingeling…..
Vater öffnete stolz die Tür und das Kerzenlicht fiel warm auf die bunten Kugeln und ließ das Lametta golden schimmern. Tannenduft erfüllte den Raum und im Hintergrund erklang „ Immer nur lächeln...PENG!“
Papa knallte quer vor uns auf das Parkett. „... und immer vergnügt“ sang der Tenor weiter. Mutter und ich konnten uns das Lachen nicht verkneifen, aber als sich der „Gestürzte“ von den Kabeln befreit hatte, stimmte er mit ein und der Überraschungseffekt war gerettet. Ich war überglücklich; denn ein Plattenspieler war schon lange mein Wunschtraum. Nicht gerade mit Operette ,wobei das „Land des Lächelns“ eigentlich in diesem Fall ein Volltreffer war. Viel besser hätten mir Songs von Elvis oder wenn schon soft, Pat Boone gefallen. Trotzdem überwog die Freude über dieses rot-weiße Gerät, das mir meine Idole ins Haus bringen würde.
Später trafen noch Verwandte und Oma ein. Sie war eine strenge, vom Schicksal bestrafte Frau, die mich jedesmal mit ihrem Adlerblick von oben bis unten fixierte, ob ich auch anständig aussah. Die Welt in der Zeit des Rock´n Roll war ja so wild geworden mit dieser …..musik( darf man jetzt nicht mehr so nennen).
Sie überreichte mir 1 Langspielplatte und eine Single. Geburtstag- und Weihnachstgeschenke, schön eingepackt. Auf der LP lächelte mich Peter Alexander glücklich an und lud zu Wiener Spaziergängen ein. Na ja…… war ja nicht schlecht, aber meinen Freundinnen würde ich das nicht vorspielen.
Gespannt öffnete ich die Single und legte sachte den Tonarm auf den Plattenteller.
Cissy Kraner „ Aber der Novak….“ kannte ich nicht. Weder die Interpretin, noch das Lied.
Meine Eltern sahen sich etwas bestürzt an und Oma´s Bäckchen färbten sich rot. Ich erinnere, sie später nie mehr so erwartungsvoll erlebt zu haben.
Wir hörten Cissy Kraner singen, bzw. vortragen, und da wusste ich , warum alle so verschämt grinsend neben mir saßen.
Später erfuhr ich, dass die Platte angeblich verboten war und nur unter der Hand verkauft wurde. Oma!!!!!
Die Elvis Platten erwarb ich dann später nach und nach vom Taschengeld und irgendwann kam ich sogar zu einem Autogramm von ihm.
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Text und Foto (C) Ingrid Bezold
Foto Cover C.K. Internetfound
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Hier der Text vom Novak…
Ich habe einen Mann, den viele möchten
Der immer mich bewahrt vor allem Schlechten
Ein jeder kennt ihn, Novak ist sein Name
Ihm dank' ich es, dass ich heut' ich eine Dame
Ob angezogen oder als a Nackter
Der Novak hat am ganzen Leib Charakter
Ich hätt' schon längst ein böses End' genommen
Aber der Novak lässt mich nicht verkommen
Ich hätt' an vielen Dingen mein Vergnügen
Ich möcht' so gerne in der Gosse liegen
Ich möchte einmal sinnlos mich besaufen
Ich möcht' mit einem Freudenmädchen raufen
Ich möchte einmal Männer toll verbrauchen
Ich möcht' statt Memphis Marihuana rauchen
Ich hätt' sogar schon Morphium genommen
Aber der Novak lässt mich nicht verkommen
Ich möcht' so gern bei Vollmond ein Vampir sein
Ich möcht' Geliebte von einem Fakir sein
Damit mich, wenn ich lieg' ohne Matratz'n
Von hinten noch die Nagelspitzen kratz'n
Ich möchte Austern mit der Schale essen
Ich möcht' mit einem Walfisch mich vergessen
Ich hab' mir das schon alles vorgenommen
Aber der Novak lässt mich nicht verkommen
Der Novak ist zwar einerseits ein Segen
Doch and'rerseits lässt er mich nicht bewegen
Da stand ein Inserat in einer Zeitung
Es sucht von einem Nachtlokal die Leitung
Ein junges Mädchen, brav mit nettem Wesen
Das nackert tanzt vor Negern und Chinesen
Den Posten hätt' sofort ich angenommen
Aber der Novak lässt mich nicht verkommen
Text und Musik: Hugo Wiener
Kommentare (15)
@Alpler
Stimmt lieber Cornelis,
Heute ist die Jugend viel weiter - in allem. Man kann die Zeiten nicht miteinander vergleichen, es ist viel passiert.....
Liebe Grüße
Ingrid
Ja,...liebe Ingrid - Damals - ...
Wenn ich das alles so lese, fallen auch mir Weihnachtsabende ein, die sich sicherlich alle irgendwie ähnelten, aber mir fällt auf, dass es wohl doch auch "anders" war - irgendwie -.
Ich bin ja im Ostteil von Berlin aufgewachsen, kann mich nicht erinnern, dass mein Papi sehr streng war, im Gegenteil. Er war immer liebevoll, uns zugeneigt, wollte nur das Beste für seine beiden Mädels. Auch später ist mir nichts prüdes im Gedächtnis, immer schon sind wir offen erzogen worden.
Die Zeilen von "Novak", die ich nicht kenne, aber gerne gelesen habe, weil es mein Ding ist...sie erinnern mich eben genau daran - an die Unkompliziertheit, Offenheit. Ich kenne keine Prüderie, keine Beklemmungen, keine Strenge, ich durfte denken, was ich wollte.
Später als junge Frau lebte ich das weiter und bin sehr dankbar dafür, genauso erzogen zu sein. Das konnte ich auch weitergeben, was ja nicht selbstverständlich ist. Das alles ist mir inne, ich habe das immer gelebt und das wird nie weggehen - zum Glück !
Eine Frage an dich sei gestattet - war es dir denn möglich, diese sehr strenge Erziehung, Prüderie irgendwann einmal selbst in deinem Leben zu überwinden, würdest du sagen, das das in Gänze überhaupt möglich ist oder eher nur bedingt...bis garnicht vielleicht...?
Liebe Grüße
Kristine
@werderanerin
Liebe Kristine,
Du Glückliche! Ich glaube, diesbezüglich waren viele im Westen Deutschlands unfrei ( damals ). Erst ab Ende der 60er wurde dann die freie Liebe gelebt.
Mein sehr junger Vater erahnte Gefahren, weil er selbst kein Kostverächter war und ein Narzisst, der alles unter Kontrolle haben wollte.
Ich hatte das Glück, einfühlsam in die Liebe geführt zu werden und sie als wunderschön und frei von Prüderie erlebt zu haben.
Mit meinem Vater hatte ich immer ein schwieriges Verhältnis - er stellte mir viele Stolpersteine in den Weg, wenn es um Freunde ging. Es waren Rivalen.
Meine Mutter war klug und warmherzig, konnte sich aber diesbezüglich nicht durchsetzen. Sie war aber bei meinen " Verehrern" beliebt und geachtet. Somit war der Ausgleich wieder vorhanden.
Leider habe ich keine Kinder. Ich hätte versucht, sie zur Selbständigkeit zu erziehen und nicht an der kurzen Leine zu halten.
Liebe Grüße
von Ingrid
Liebe Ingrid,
das zeigt ja auch ganz deutlich, wie Systeme und damit die Menschen einen prägen können. Wir hatten die Mauer, ja...aber ich hatte das nicht so empfunden, war frei im Herzen für mich, auch als kleines Mädel, weil ich die Liebe meiner Eltern hatte.
Vor allem aber sind es ja Frauen und Männer, die Gefühle haben und meiner Meinung nach auch immer ausgelebt haben...
"Zu Hause" wehte vielleicht dann ein anderer Wind, sage ich mal - egal, heute ist es so, wie es ist.
Mein Sohnemann war ein Wunschkind und ich habe bis heute ein sehr schönes, offenes Verhältnis zu ihm, bin nach wie vor bei seiner "Klicke" beliebt. Wir kennen uns alle schon seit der Schulzeit meines Sohnes. So etwas gibt es nicht oft.
Ja, liebe Ingrid, das Leben spielt einem oft nicht gut, aber man kann vieles im Erwachsenenalter "noch" in andere, vielleicht bessere Bahnen leiten.
Zum Glück !
Herzlichst
Kristine
Das hätte ich nicht gedacht, dass ich den Text von dem Novak tatsächlich einmal lesen kann.
Es war 1958 oder 59 als uns die Freundin der Mutter meines Verlobten mit nach Schwabing in ein „verruchtes Lokal“ mit einer noch „verruchteren“ Sängerin mitnahm und ich überhaupt nicht verstand, was eigentlich so verrucht am Lokal und Sängerin war. Leider habe ich den Namen der Sängerin vergessen, die ziemlich bekannt war, aber ihre besonders tiefe Stimme habe ich nicht vergessen.
Gerade lese ich den Kommentar von Roxy, und sie war doch tatsächlich auch in diesem Lokal, dessen Name ich natürlich auch vergessen habe. Na klar, es war die verruchte Gisela, lach.
Und nun kann ich endlich mal lesen, was ich damals gar nicht verstanden habe (ich war 18 oder 19)
Danke für deine Geschichte und auch für den Novak, aber besonders dafür, dass plötzlich ganz viele Erinnerungen hervorkommen.
Liebe harzliche Grüße
von Pippa/Heidi
@pippa
Liebe Heidi,
damals war ich 15 und sah eigentlich älter aus ( die Mode mit hochtoupiertem Haar). Mein Vater, der die Frauen zeit seines Lebens gerne sah, hatte wohl Bedenken, dass es auch andere Männer seinesgleichen gab und war extrem streng.
Gisela war zumindest in Bayern sehr bekannt und begehrt. Sie war eine gute Entertainerin mit dem Herzen am rechten Fleck. Ich hätte sie gerne live erlebt.
Herzlichen Dank auch für deinen schönen Kommentar.
Liebe Grüße Ingrid
Deine lustige Erzählung ist einfach zu köstlich, liebe Ingrid!
Ein toller Sketch, ähnlich der bekannten Weihnachtsfeier bei Hoppenstedts.😅
Diesen Parodie-Song habe ich zwar noch nie gehört, liegt aber sicher daran, dass das Lied damals gar nicht im Radio gespielt werden durfte.![]()
Novak scheint jetzt aber alle zu sein...
Viele Grüße
Rosi65
- Foto: pixabay.de-
@Rosi65
Liebe Rosi,
Das Leben bietet uns den Stoff, den wir dann gerne vertexten, liebe Rosi.
Das Lied war frivol, aber die Doppelmoral verbot, es öffentlich zu spielen.
Liebe Grüße
Ingrid
Deine weihnachtliche Erzählung hat mir sehr gut gefallen.
So oder ähnlich wird es wohl früher in vielen Familien zugegangen sein,
Schön, daß man Erinnerungen wieder mal ans Tageslicht holt.
Liebe Grüße ❤️ lichst Marlen
@Marlen13
das Schöne im Alter sind auch die Erinnerungen, weil wir die Zeit haben, sie her zu holen.
Herzlichen Dank liebe Marlen für dein nettes Feedback.
Liebe Grüße zu dir
von Ingrid
Welche Emotionen doch bei einem Treffen der Familienmitglieder zum Vorschein kommen, liebe Ingrid. Was wären wir ohne unsere Erinnerungen. Den Nowak, nicht so wirklich ein Lied für unter den Weihnachtsbaum, schmunzel, hörte ich zum ersten Mal in einer Bar in München, die sich "Schwabinger Laterne" nannte, gesungen von der Wirtin selbst, der Schwabinger Gisela. Diese Bar war damals sehr angesagt und es verkehrten auch Berühmtheiten dort. Was waren das für Zeiten und wie lange ist das her.
Wie ich zu meinem ersten Plattenspieler kam, erinnere ich mich gar nicht mehr. Von meinen Eltern bekam ich eine LP der Beatles zu Weihnachten. Aber ich mochte damals auch Operetten. Land des Lächelns mochte ich sehr: "Immer nur lächeln und immer vergnügt, immer zufrieden, wie's immer sich fügt. Lächeln trotz tausend Weh und Schmerzen, doch wie's da drinnen aussieht, geht niemand was an."
Danke für deine Erinnerung, die ich gerne gelesen habe.
Lieben Gruß
Brigitte
@Roxanna
Liebe Brigitte,
auch in Nürnberg kannte man " Gisela" und ich hätte sehr gern mal ihr Schwabinger Lokal besucht, aber ich schätze, du warst vielleicht 2, 3 Jahre weiter und hattest keinen so strengen Vater, wie ich.
In letzter Zeit hole ich öfter mal alte Fotos aus der Schatulle oder Alben und versinke ein bisschen in alte Zeiten.
Ja, Operetten waren damals sehr beliebt und ich mochte sie auch. Später hatte ich sogar einen " echten" Tenor bei mir, den ich jeden Tag hörte, wenn er sein Repertoire ( Oper, Oratorien, Kunstlied) und sein Steckenpferd Operette am laufenden hielt.
Dass ich dich zum Lächeln bringen konnte, freut mich aber am meisten; denn deine letzten Wochen waren traurig genug.
Liebe Grüße
Ingrid
@Winterbraut
Erst ungefähr 1970 war ich in der Schwabinger Laterne. Ich wusste gar nicht, dass es sie da schon so lange gab. Pippa war ja viel früher dort. Meine Eltern wussten das gar nicht, was ich erzählt habe, das weiß ich heute nicht mehr 😉.
Auf YouTube gibt es den Nowak von ihr gesungen. Ich bringe dieses Liedchen von ihr:
Im bayrischen Fernsehen gab es mal in der Reihe "Lebenslinien" eine Sendung mit ihr, in der ihre Geschichte erzählt wurde.
Liebe Grüße
Brigitte
@Roxanna
Liebe Brigitte,
über diesen Beitrag freue ich mich sehr; denn er trägt dazu bei, mit Schmunzeln an unsere Jugendjahre zurück zu denken, die uns auch zu mancher Notlüge " gezwungen " haben.
Herzlichen Dank!
Ingrid
P.S. Gisela hatte schon was!
Ja das war noch ein andere Welt.😊