Kinderfreundliche KI



Eine Freundin von mir hat mich neulich angerufen, wie sie das fast täglich tut, diesmal ein wenig beunruhigt. Sie erzählte mir, dass sie am Tag davor mit ihrem 11-jährigen Enkel mit ihrem Auto unterwegs war. Der Junge begann mit jemandem per Telefon zu reden. Meine Freundin konnte eine sehr freundliche Männerstimme mitbekommen, die einige Fragen von dem Jungen beantwortete.

Als das Gespräch zu Ende war, fragte meine Freundin, mit wem sich der Kleine unterhalten hätte. Die Antwort war: mit der KI. Meine Freundin, meine Altersgenossin, weiß ungefähr, was das ist, und sie mag die KI nicht so sehr. Jetzt wirkte sie aber total besorgt, und fragte, was ich dazu meine. Ihr Enkel wird nun ja ganz in Cyberspace verschwinden!

Ich weiß, dass es ein Kind mit Problemen ist; vor allem kann er sich nicht gut mit anderen Kindern abfinden. Er mag sie nicht, sie mögen ihn nicht. Seine Eltern leben getrennt, die Mutter ist alles andere als mütterlich, der Vater ist es dafür wohl allzu sehr. Ob dem Kind auch noch die KI schaden könnte? Ich würde mir eher Gedanken machen, wäre das ein Gespräch mit einem realen, fremden Mann gewesen, der sehr freundlich sein wollte, und von dem die Erwachsenen aus dem Familienkreis des Jungen nichts wissen würden.

Es gab schon immer Kinder, die sich einsamer fühlen mussten, als man denken könnte. Früher suchten sie eine Freundin oder einen Freund unter den Buchhelden, oder entwickelten so eine Figur nur in ihrer Phantasie. Oder sie redeten mit dem eigenen Spiegelbild. Das konnte ihre Kindheit ein wenig bereichern, wahrscheinlich war aber die Anwesenheit von solchen imaginierten Freunden zu wenig spürbar, um das Kind wirklich trösten zu können.

Die KI bietet da viel mehr. Für kleine Kinder gibt es Kuscheltierchen, die dank dem eingebauten Gerät mit dem Kind reden können, Märchen erzählen, im Spiel eine Fremdsprache beibringen. Man könnte vielleicht behaupten, dass es viel besser wäre, wenn doch von den Eltern ausgeführt. Ja, das wäre ideal – wenn die Eltern auch ideale Menschen wären. Nie schlechter Laune, immer bereit, ein Stündchen mit dem Kind zu plappern, immer freundlich, usw. Da muss ich an die Worte von Renate – Distel1Fink7 denken, die in einem von ihren Einträgen mit Recht behauptet: die KI wird nie ungeduldig… Das brauchen die Kinder ja auch; niemand will sich abgelehnt fühlen.

Die KI in einem Smartphone kann zwar nicht ein Köpfchen streicheln, kann nicht umarmen, das tun aber auch die Eltern oder Betreuer oft nicht. Sonst kann man wohl annehmen, dass die KI kinderfreundlich ist, und dass auf sie Verlass ist. In dieser Telefonfreund - Rolle auf jeden Fall. Das kann eine echte, interaktive Freundschaft sein, obwohl keine reale.




(Titelbild aus dem Internet)

Kommentare (4)

Rosi65

Erlaube mir bitte anderer Meinung zu sein, liebe Christine. 

Dieser Junge ist wahrscheinlich ziemlich einsam und unglücklich.
Doch sein visueller Freund kann kein Ersatz für wichtige menschliche Beziehungen im realen Leben sein, denn damit isoliert sich das Kind ja noch mehr.

Auch werden, meines Wissens, Chatbots nicht mit psychologischer Fachliteratur trainiert.
Eigentlich führt der Junge nur eine Art Selbstgespräch, weil das KI-System eher dazu neigt (je nach der Eingabe) dem Nutzer zuzustimmen.

Dieses Kind braucht sicher Unterstützung, um die wichtigsten Schlüsselqualifikationen zu erlernen, und somit seine soziale Kompetenzen erst einmal aufzubauen.
Es sollte mit Gleichaltrigen deshalb gemeinsam spielen, lernen, sich unterhalten, und natürlich auch mal streiten, um seine Meinung durchzusetzen, und natürlich auch, um mehr Selbstbewusstsein zu bekommen. Ein schönes Hobby (Sport, Musik, usw.) würde ihm bestimmt helfen, damit er mit Freude aktiv am Leben teilhaben kann.

Ende 😉


Herzliche Grüße
    Rosi65

Christine62laechel

@Rosi65  

Liebe Rosi, wir müssen natürlich nicht immer gleicher Meinung sein, obwohl wir es doch meistens sind, und eigentlich auch diesmal. Nur - im Fall des von mir erwähnten Jungen hat es nicht funktioniert. 
Seine Eltern schicken ihn in beste Privatschulen (die Pluralform sagt auch etwas darüber...), muntern ihn immer wieder zu verschiedenen Aktivitäten auf, zum Sport auch (die meiste Reaktion ist Angst, eine echte), es gibt viele Möglichkeiten, an Kinderpartys teilzunehmen, es gibt Auslandsreisen mit befreundeten Familien mit Kindern, und vieles mehr. Das bringt so viel, wie gar nichts; im Gegenteil, die wenigen Freunde, mit denen es schon einen Kontakt gab, wollen es bald nicht mehr.

Ich glaube, der Junge wird in Zukunft entweder eine interessante Persönlichkeit, und immer allein und single, keine Seltenheit heutzutage, oder - Gott bewahre - wird er ganz asozial. Solche Menschen gibt es ja auch.

Was er wahrscheinlich braucht, nach vielen echt traumatischen Erlebnissen, mit der Trennung von seinen Eltern verbunden, ist so "jemand", wie ein KI-Moderator in seinem Smartphon. Einerseits verlangt er nichts von dem Jungen, andererseits wirkt er wie eine ruhige, selbstbewusste Autorität; diese Ruhe, mit der freundlichen Stimme begonnen, bringt eine Ordnung in die Seele des Kindes. So ist meine Theorie auf jeden Fall - und wie alle Theorie, kann sie natürlich grau sein. 😊


Mit herzlichen Grüßen
Christine

JuergenS

da ist ein interessanter Bericht, ich kann dazu nur sagen, wir kommen gerade in eine völlig neue Zeit, die aber, wie immer, voller positiver aber negativer Möglichkeiten ist. Kinder jedoch wachsen damit auf, gehen von diesem Neuen Standard aus, als wäre er immer schon da gewesen. 

Servus, grübel

Christine62laechel

@JuergenS  

Ich glaube, da kann mein Optimismus damit zusammenhängen, dass ich nicht emotional engagiert bin. Eine Theoretikerin einfach nur: ich habe ja keine eigenen Enkelkinder.
Ja, die Kinder von Heutzutage wachsen mit Erfindungen auf, von denen wir immer noch zu wenig wissen; viele von uns wollen es vielleicht auch gar nicht mehr wissen.
Trotzdem möchte ich hoffen, dass die KI nichts Schlimmeres, Dummeres, den kleinen Neugierigen sagen kann, als das, was wir früher von unseren nicht immer weisen Freunden im Hof erfahren konnten. 😏 

Grübel, ja.


 

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