KASNOCKN oder Käsespätzle
Kasnockn
Es war der Abend vor meiner Abreise in die Schweiz, an dem mich Pfarrer Vinzenz in das örtliche Pfarrhaus zum Essen eingeladen hatte.
Wir hatten uns auf der psychosomatischen Station der Nervenklinik Salzburg kennengelernt, in der ich meine Alkohol-Entgiftung hinter mich brachte und er als Seelsorger tätig war. Pfarrer Vinzenz wurde mein Vertrauensmensch in dieser sicher nicht einfachen Zeit. Er half mir, aus einem tiefen Loch zu klettern und an die Zukunft zu glauben.
In den vergangenen vier Wochen kam ich mit seiner Hilfe dem
erklärten Ziel, nämlich dem Alkohol-Reha-Zentrum in der Schweiz, in dessen 12 Monate-Therapieangebot ich all meine Hoffnung gesetzt hatte, näher, um endgültig vom Alkohol loszukommen.
Und jetzt kam diese unerwartete Einladung. Was für eine Ehre für einen völlig mittellosen Gestrandeten wie mich. „So was gibt´s ja gar nicht“, dachte ich. „Ein lange Zeit nicht ernst genommener Säufer, soll, darf mit dem geistlichen Rat des Ortes an einem Tisch speisen. Unglaublich!”
Ich betrat das kühle Vorhaus im altehrwürdigen Pfarrhof und war sofort von einer himmlischen Duftwolke umhüllt. Der unverkennbare schwere Duft warmen Käses. Fantastisch!
Es schien, als habe Pfarrer Vinzenz meine launige Antwort, auf die Frage nach meiner Leibspeise, ernst genommen. Er hatte bei seiner Einladung zum Abendessen gefragt, was denn meine Leibspeise sei. Offensichtlich hat er meine Präferenz für Kasnockn an seine Köchin weitergegeben. Was für eine Ehre! Das Abendessen heute wurde also mir zuliebe zubereitet. Und weil ich mich ja in einem Pfarrhaus befand, war der Himmel ganz nah, zumindest der kulinarische.
Pfarrersköchinnen sind sowieso genial. Sie zaubern aus dem langweiligsten Rezept ein Festmahl, genau wie heute. Ihr Name war Monika, sie sah genauso aus, wie eine Köchin in meiner Vorstellung auszusehen hatte, nämlich üppig in ihrer Rundlichkeit. Monika tischte dem hochwürdigen Herrn Pfarrer und meiner Wenigkeit die besten Kasnockn aller Zeiten auf. „Was, um Himmels Willen, haben Sie denn da alles hineingezaubert?”, fragte ich.
„Na ja”, sagte sie bescheiden lächelnd: „Es ist eigentlich ein Resteessen, drei verschiedene Käsesorten und noch mehr frische Kräuter aus dem Klostergarten.”
Was für eine Gaumenfreude!
Was die Käsespätzle für die Schwaben sind, sind für die Tiroler, die Salzburger und mich, die Kasnockn. Mein Traum vom Essen. Pfarrer Vinzenz ging in seiner Lobeshymne über dieses himmlische Gericht noch weiter, er sprach vom Vorgeschmack des Paradieses. Ich ging natürlich davon aus, dass er die vorzüglichen Kasnockn meinte. Als sich aber Monika mit hochrotem Kopf eiligst zurückzog, keimte bei mir der Gedanke, als hätte er an die Köchin gedacht, als er vom Paradies sprach.
Wir saßen noch lange beisammen und redeten nicht nur über das Essen. Es war eines jener Tischgespräche, das ich niemals vergessen werde. Was der Sinn des Lebens sei, fragte ich meinen Pfarrerfreund Vinzenz. Ich erwartete von einem geistlichen Herrn eigentlich die Antwort: „Gott zu huldigen”, oder Ähnliches. Pfarrer Vinzenz aber sagte:
„Ich denke, der Sinn des Lebens, ist das Leben selbst.”
Ich wusste nicht, ob er aus der Bibel zitierte oder ob es seine eigenen Gedanken waren. Jedenfalls waren das Worte, die ich unterschreiben konnte.
Es wurde mein Leitsatz bis zu heutigen Tag.
Kommentare (3)
Nach all den Jahren bin ich auch der Meinung:der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.
Und dieses Leben hast du nach der ueberstandenen Krankheit ein zweites Mal bekommen.
Grossartig und eine "strammen Leistung" ist's auch.
Dieser Pfarrer, der dir geholfen hat, war ein besonderer Mensch......
Ich freue mich fuer dich.
Chris33
Ich denke, der Sinn des Lebens , ist das Leben selbst
Kann ich unterschreiben
M;ein Prof.Pio sagte
" Für sich selbst und für Andere das Richtige zu tun."
Der Sinn ist so vielseitig, musst lang leben, IHN zu finden.
Gutes Thema
Distel1fink7
Sehr schön!
Was für Dich die Käsnocken sind,
sind für mich Schwäbin die Spatzen, handgeschabt und mit Bergkäs, bestenfalls noch mit Bärlauch.
Den Sinn des Lebens sehe ich etwas anders:
Was bleiben wird, ist die Wärme, die wir hinterlassen.