Jetzt 1988
Jetzt
Dort an der Strasse saß sie,wie jeden Tag.Die Menschen liefen an ihr vorbei,wie jeden Tag und schauten sie nicht an.Sie war unbekannt.Auch gehörte sie niemandem.Hupende Autos fuhren an ihr vorbei und hüllten sie in Staub.Sie hustete,dann starrten ihre Augen wieder leer geradeaus.Einige Kinder blickten sie verstohlen an.In andächtiger Haltung hielten sie in ihrem Hüpfspiel inne.Die Bettlerin beachtete sie nicht.Ihre sehnige Hand schloss sich nur fester um den Topf,den sie im Schoß hatte.Vielleicht geschah es unbewusst.Der Topf war leer.Für einen Augenblick senkten sich ihre Augenlider.Es war,als erwache eine Raupe zum Schmetterling,doch der Kokon schloss sich fester denn je zuvor.Sie merkte nicht einmal,als ein Hund sich an ihrem Bein rieb.Es gab viele Hunde,damals in der Zeit der Armut.Sie streunten herum,nirgendwo zu Hause.Aber es warenTiere und sie eine Frau.
Da wurden die nackten Füße wieder hörbar,als sie den Boden berührten.Die Kinder hatten die Armut aus den Augen geworfen und liessen nur noch die Gegenwart des Spieles gelten.Auch der Hund trottete weiter.Mit herunterhängender Zunge stierte er die Früchte an,die am Rand der Strasse angeboten wurden.Ein kleiner Mann versuchte,sie zu verkaufen.Es gelang ihm aber nicht.Die Menschen hasteten an dem mit Früchten reich dekorierten Boden vorbei.Sie sahen auch nicht das kleine Mädchen,dass mit flinken Fingern geschickt die Früchte zu Bildern anordnete.Dort entstand eine Blume,dort die Sonne.Aber dies war keine heitere Angelegenheit,das Spiel eines Kindes,nein,die apathische Stille umkroch die Bilder,wie sie langsam aus dem Nichts auftauchten,von unschuldigen Kinderhänden erschaffen,um zu gefallen.Ein trügerischer Frieden breitete sich aus,der den Touristen so gut bekannt ist,als idyllisch.Der Hund blieb mit wedelndem Schwanz vor dem Mädchen stehen.Das Mädchen hob den Kopf und suchte fast unbewusst die Augen des Hundes.Die kleinen Hände,die gerade noch beschäftigt gewesen waren,wurden jetzt wesentlich.Liebevoll fuhren sie über das Fell des Hundes und fühlten den lebendigen Körper eines stillen Wesens.Die Hände verstanden.Sie reichten dem Tier die schöne Frucht aus der Mitte der Sonne.Nun hatte die Sonne ein Loch,aber das Mädchen hatte gefühlt.Es brauchte nicht mehr zu füllen.Dort,wo nichts war,war das Wesentlichste.Die Unbewußtheit hatte die Zukunft verdrängt.Für den glücklichsten Moment hatten die Hände eine Leere geschaffen in der Sonnenmitte.Die Sonnenmitte war aufgegangen.Die Hände hatten geschenkt,indem die Sonnenmitte zum Geschenk wurde.
1988
Heidi Grünwedl
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