Jeden Morgen begegne ich dem Mann mit dem kleinen Hund.
Aus der Ferne hebt er seinen Arm,
als wolle er der Welt versichern,
dass wenigstens eine Gewohnheit noch zuverlässig funktioniert.
Seit Jahren dasselbe Ritual,
wortlos,
aber erstaunlich stabil in einer wankenden Zeit.
Manchmal genügt mir dieses stumme Zeichen.
Andere hingegen reden wie ein Wasserfall,
der nie gelernt hat, Pausen zu machen.
Ich denke erst nach, bevor ich frage –
und dann ist der Moment schon vorbei,
vom Redestrom weggespült.
Im frühen Licht gehe ich meinen üblichen Weg
durch das kleine Parkstück am Ende der Straße,
halb wach, halb in jenem Zustand,
in dem man sich fragt,
ob man überhaupt al wakker is.
Und doch spüre ich:
Es gibt mehr Raum für mich,
als die Routine mir gönnt.
Seit kurzem gehe ich anders.
Ich öffne die Tür
und schaue in eine andere Richtung,
als hätte ich plötzlich begriffen,
dass Freiheit manchmal einfach ein anderer Blickwinkel ist.
Die Straße mit den großen Häusern,
den schweigenden Autos,
den fleißig ladenden Batterien.
Nur wenn die Schulen öffnen,
wird die Stille von Eile zerknackt.
Eltern setzen ihre Kinder ab,
in schwarzen Wagen,
die alle aussehen,
als hätten sie dieselbe Designschule besucht.
Mütter mit Lastenrädern,
ein Morgenchor aus halben Sätzen,
Pflichten, die schon mit verschränkten Armen warten.
Ich erkenne sie,
wie ich mich selbst erkenne
in den langen Wegen meiner Vergangenheit.
Nach dem Ausführen meines Hundes, Mikos,
stehen die Zurückgebliebenen noch da,
die „Hängeplatz-Eltern“,
die letzten Funken des Morgens,
die sich gegenseitig wärmen,
bevor der Tag sie auseinanderreißt.
Sie tauschen Neuigkeiten aus,
oder erfinden welche –
beides funktioniert erstaunlich gut.
Abends, stelle ich mir vor,
wiederholt sich alles,
nur mit anderen Requisiten.
Liebe, Routine,
ein Seufzer,
ein Lächeln,
ein einfaches Essen,
weil die Hitze am Küchenblock
keine Geduld hatte.
Und irgendwo ein Kind,
das Aufmerksamkeit verlangt,
als wäre sie ein Grundrecht.
Ich weiß, wie das ist.
Ruhe ist selten ein Geschenk,
meist ein hart erkämpfter Zustand.
Später, an der Bushaltestelle,
steht der Mann mit dem Hund
mit einem Koffer,
der nach fernen Ländern riecht.
Bangkok, sagt er.
Schon morgen.
Ein freundlicher Mensch,
bereit für ein paar Worte,
als hätte er sie jahrelang gesammelt
und nun endlich ausgeben wollen.
Im Bus setzt sich eine Frau neben mich.
Sie möchte nach vorne schauen, sagt sie.
Doch der Koffer des Mannes
nimmt ihr die Sicht,
wie ein übermotivierter Berg.
Wir lachen —
ein kleiner Moment von Menschlichkeit
zwischen zwei Haltestellen,
zwischen zwei Leben,
zwischen zwei Bildschirmen,
die niemand wirklich braucht.
Bei Bakker Bart trinke ich Kaffee,
der Wind streicht über meine Gedanken.
Ein alter Mann stürzt vom Fahrrad,
direkt vor mir,
doch mein Geist ist fern,
vielleicht im nächsten Kapitel.
Andere eilen zu ihm.
Er steht wieder auf,
springt sogar,
und fährt davon
mit jener eigentümlichen Würde,
die nur alte Männer besitzen,
die schon öfter gefallen sind.
Die Stadt atmet früh,
Terrassen sind schon besetzt,
als wäre dies ein fremdes Land.
Und ich gehe weiter,
mit einer leisen Verwunderung
und einem Rest Kaffee
in meinem Inneren.

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