In London 1974 (Fußball-Weltmeisterschaft)
Ich hatte keine Ahnung, dass Deutschland im Endspiel war und gegen die Niederlande antreten musste. Ich mochte überhaupt keinen Fußball! Jetzt saß ich mit 30 Jungs in einem Raum, die alle die Niederlande unterstützten und mich zwangen, das Spiel anzuschauen. 90 Minuten lang, gefesselt an einem Stuhl. Ich fasste es nicht! Womit hatten meine Kollegin und ich diese Strafe verdient? Die Jungs sagten es uns: "Erinnert ihr euch, wie ihr uns nach dem Baden in eure Wäschekörbe mit dem schmutzigen Bettzeug gepackt und zum Ausgang geschoben habt?" Meine Kollegin kicherte und auch ich musste grinsen. Ja, wir erinnerten uns. Das war jedes Mal ein Spaß gewesen. Wir hatten es Dutzende Male gemacht. Nun bezahlten wir dafür.
Als das Spiel begann, schauten alle Augen gebannt auf den Fernseher. Die Niederländer waren stark. Sie führten in der ersten Halbzeit. Die Jungs verpassten keine Gelegenheit, Deutschland durch den Kakao zu ziehen. Wenn ich niederländische Tore mit "BAH!" quittierte, äfften die Jungs mich nach, lachten und sagten: "Wir haben ein Schaf im Raum."
Die erste Halbzeit endete und meine Kollegin beklagte sich lautstark, dass sie hungrig und durstig war. Die Jungs fütterten sie mit Kartoffelchips und Bier und auch ich wurde zwangsgefüttert, obwohl ich keinen Hunger hatte. Dann begann die zweite Halbzeit. Die Deutschen holten auf. Voller Aufregung wippte ich auf meinem Stuhl auf und ab und schob mich Zentimeter um Zentimeter nach vorne, bis ich meinem Vordermann auf der Pelle saß. Als die Deutschen ein Tor schossen, brach es aus mir heraus: "TOOOOOR!" Halb durchgekaute Chips-Masse landete im Hemdkragen meines Vordermannes. Der drehte sich um und schimpfte angewidert: "Kannst du nicht mal vernünftig essen?" Die leichte Atmosphäre der ersten Halbzeit war verschwunden und machte einem dunklen Groll Platz. Die Jungs sahen, dass ihr Favorit dabei war, zu verlieren und das ärgerte sie. Manche verließen schon vor dem Ende des Spiels den Raum. Diese Schande wollten sie nicht am Fernseher miterleben. Die meisten aber blieben bis zum Ende. Wie geschlagene Hunde standen sie nach dem Sieg Deutschlands auf und verließen mit hängenden Köpfen den Raum, während die Letzten uns Mädchen die Fesseln lösten.
Den ganzen Abend über wurde keiner der Jungs mehr gesichtet, aber wir Mädels feierten die ganze Nacht.
ENDE.
Kommentare (11)
Liebe Linzette,
Ich habe alle deine Geschichten gelesen, finde sie sehr lesenswert.
Du bist eine starke Frau, ich glaube das wird man auch - wenn man so vieles erlebt und durchgestanden hat wie du.
Mit lieben Grüßen für dich ❤️ lichst Marlen
@Marlen13 ,
diese Geschichte ist zu Ende. Es folgen noch andere. Ich bleibe euch also erhalten.
Liebe Grüße.
Christine
Danke Linzette,
solltest du einen neuen Verlag suchen, dann wende dich doch mal an
Verlegerin
Dr. Beate Forsbach
Küchelstr. 9
96047 Bamberg
Te. +49 951 96439936
Sie war früher hier im ST, wo ich sie schätzen gelernt habe.
@pippa ,
Danke für deinen Tipp.
Ich habe die Webseite von Frau Dr. Forsbach gefunden und sehe mich dort gerade um.
Was du aushalten musstest, liebe Linzette, lässt meine Haare zu Berge stehen.
Du musst aber ungeheuer stark sein, dass du das alles ertragen hast.
Dass mit den Behinderungswerkstätten nix gut geregelt ist (oder wenig), glaube ich dir auf’s Wort.
Wenig schreibe ich, weil wir hier eine Mutter mit einer behinderten Tochter haben, für die solche Einrichtung wohl ganz gut ist.
Ich wünsche dir, dass dich deine Stärke nicht verlässt und du noch viele Geschichten schreibst.
Du schreibst nämlich sehr sehr gut, wie ich finde.
Grüße aus dem Harz von Pippa
@pippa ,
Danke für die Komplimente. Ich habe sie gerne gelesen. Das Schreiben von Geschichten lernt man mit der Zeit. Jeder kann es. Jeder hat seinen eigenen Schreibstil.
Im Moment habe ich keine Bücher zum Verkauf gelistet, da ich derzeit keinen Verlag habe und mein letzter Verlag bei seiner Umstellung alle meine E-Bücher gelöscht hat.
Ich kann dir aber ein Buch empfehlen, eine Anthologie (Sammlung von Geschichten und Gedichten verschiedener Autoren).
Das Buch heißt: "Einen Sommer lang."
Die Herausgeberin heißt "Gitta Rübsaat"
Dort bin ich mit einer Geschichte und einem Gedicht vertreten. Der Gewinn aus diesem Buch geht zu 100% an die Tierrettung.
Linzette, ich bin berührt.
Auch von deiner Antwort an pippa.
Doch Kraft hast du!
Und Reife auch.
Weiterhin das Beste für dich.
Agathe
Schade, dass deine spannende Erzählung schon zu Ende ist.
Ich habe sie sehr gern gelesen - danke.
Ich habe aber noch eine Frage: Hattest du eigentlich Kontakt zu deinen Eltern?
Alles Gute für dich und
harzliche Grüße von Pippa
@pippa , meine Eltern wollten einen gesunden Sohn, aber ich war 1) das zweite Kind, wieder eine Tochter und 2) noch behindert dazu. In einem Haushalt, in der die Nazi-Ideologie noch nachklang, hatten meine Eltern keine Verwendung für mich, sondern ich war ihnen lästig. Mit 19 ekelten sie mich aus dem Haus, weil ich ein Praktikum bei der Bahn nicht erfolgreich bestanden hatte. Die Bahn berief sich darauf, dass ich "Körperlich nicht in der Lage wäre und vermutlich auch nie sein würde." Das war zuviel für meinen Vater.
Sporadisch hatte ich Kontakt mit meinen Eltern, wenn es beiden Seiten nützte. Liebevoll wäre anders gegangen. Nun gut! Ab den 80er Jahren hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihnen, da ich geheiratet hatte und weit genug weggezogen war. Meine Mutter habe ich vor ihrem Tod noch einmal kurz gesehen. Bei dieser Gelegenheit gab sie indirekt zu, dass "man" Fehler gemacht habe. Davon konnte ich mir auch nix kaufen, denn die Behinderung wurde über ihre Seite an ihre Nachkommen weiter gegeben. Mein jüngster Sohn ist ebenfalls betroffen und kämpft mit genau den gleichen Problemen, wie ich sie hatte.
Das wirft natürlich die Frage auf: "Warum hast du Kinder in die Welt gesetzt?" Antwort: Weil bis 1997 Vergewaltigung in der Ehe kein Straftatbestand war. Außerdem werden Behinderte erheblich öfter Opfer häuslicher oder Institutioneller Gewalt. Auch aus diesem Grund ist die Abschaffung von Behindertenwerkstätten so enorm wichtig. Leider erleben wir derzeit Rückschritte im Behindertenrecht.
Mit meinen London-Erfahrungen habe ich das erzählt, was von Lesern am besten angenommen wird. Ich glaube nicht, dass die Leute hier die ganze Wahrheit lesen wollen, wie mit Behinderten umgegangen wird. Denn dann müssten sie sich damit auseinandersetzen, "wo doch alles gut geregelt ist." NIX ist gut geregelt und wer die Probleme kennt, der weiß das auch.
Liebe Christine,

deine London- Erlebnisse hast du
mit einer Leichtigkeit geschrieben, dass ich als Leserin das Gefühl hatte, dabei gewesen zu sein.
Prima!
Liebe Grüße Ingrid