In London 1974 (Fortsetzung, Teil 5)


Eines Tages, Anfang Februar 1974 rief mich meine Personalchefin in ihr Büro. Ich hatte Magengrummeln, wusste ich ich doch, dass meine Kollegen sich beschwert hatten, da ich mein Pensum kaum schaffte. Die anderen waren schneller beim Einräumen. 

"Wir haben dich beobachtet" , eröffnete die Personalchefin das Gespräch. Mein Herz sank in die Hose. Ich rechnete mit Kündigung. "Haben sich die Kollegen beschwert?" , fragte ich. "Ja, das haben sie. Und ich denke auch nicht, dass dies der richtige Job für dich ist."  - Eine Pause entstand. "Kannst du kochen und Betten machen?" , fragte sie schließlich. "Ja, kann ich." , entgegnete ich und musste diesmal nicht mal schwindeln, denn ich hatte es in den Hotels gelernt, in denen ich gearbeitet hatte. 
"In unserem firmeneigenen Wohnheim in Fulham ist eine Stelle frei. Du kannst dort kostenfrei wohnen und essen und bekommst obendrauf noch einen Lohn. Dafür musst du den Bewohnern die Zimmer in Ordnung halten, Frühstück machen und in der Kantine helfen. Dein Zimmer musst du mit einer Kollegin teilen, welche die gleichen Aufgaben hat. Ihr seid also zu zweit. Könntest du dir vorstellen, diesen Job zu machen?" Was für eine Frage! Natürlich konnte ich das. Ich musste mich bremsen, sonst wäre ich ihr vor Freude um den Hals gefallen. Als ich an diesem Tag nach Hause kam, brachte ich Kuchen mit. "Gibt´s was zu Feiern?" , fragte Mahesh. "Ja" , antwortete ich, "ich habe einen neuen Live-in-Job."

In den nächsten Tagen zog ich nach Fulham um und lernte auch gleich meine Kollegin und die Wohnheim-Bewohner kennen. Es waren mehrheitlich junge Männer in Ausbildung, die dort wohnten. Die Zimmer waren hell und modern eingerichtet. Jedes Zimmer war mit zwei Personen belegt. Meine Kollegin und ich hatten zwei Arbeitsschichten im Wechsel. Die Frühschicht begann um 06:00 Uhr und endete um 14:00 Uhr. Die Spätschicht ging von 09:00 bis 14:00 Uhr und von 16:00 bis 19:00 Uhr. Auf diese Weise coverten wir Frühstücks- und Abendbrot-Zeiten. 

Während eines Einkaufsbummels in Fulham tippte mir jemand von hinten auf die Schulter und fragte mich direkt: "Wieso läufst du so komisch?" Wütend drehte ich mich um und wollte schon etwas Passendes sagen, das nicht nett gemeint war, da bemerkte ich, dass er selbst nicht richtig laufen konnte. Er war noch viel schlimmer dran als ich. Also erzählte ich ihm, was ich über meine Behinderung von den Ärzten erfahren hatte. Er erzählte mir von seiner Kinderlähmung und langen Aufenthalten im Krankenhaus. Gemeinsam standen wir auf der Straße und lästerten über Krankenhäuser und Ärzte im Besonderen. Zum Schluss fragte er mich, ob ich mir seinen neuen Song anhören wollte, den er gerade aufgenommen hatte und ihn demnächst veröffentlichen wollte. Ich sagte Ja und ging mit ihm. In einer chaotischen Wohnung, die sich nicht weit von meiner befand, saß ich kurze Zeit später auf einem Bett und hörte ihm zu, während er sang. Der Song hieß "Judy Teen" und als ich diesen Song ein paar Wochen später in der britischen Sendung "Top of the Pops" hörte, dämmerte mir, mit wem ich mich unterhalten hatte. Es war Steve Harley von "Cockney Rebel" .

Fortsetzung folgt.....

Kommentare (1)

chris33

Auf diese Fortsetzung habe ich gewartet, liebe Linzette. 

Sie geht mir nahe und ich kann nicht einmal genau sagen, warum :vielleicht weil sie etwas  berührt, was längst da war.

In London war ich übrigens  einmal vor einigen Jahren - nur kurz und doch bleibt manches, auch wenn es nur flüchtig war.

LG.

Chris33 

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