In London 1974 (Fortsetzung, 4.Teil)


Maheshs Zuhause war eine neue Welt. Eine ganz andere Welt, eine farbenfrohe Welt. Ich registrierte es beim Eintreten. Bunte Saris und Decken aufgestapelt im Flur in einem großen Regal, oder von dort herab hängend. Mahesh zeigte mir sein Zimmer und sagte, ich solle es mir bequem machen. "WO?" , fragte ich und schaute mich irritiert um. Das Zimmer war leer. Außer dem obligatorisch vorhandenen Teppichboden, den es in jedem englischen Haus gab, war da nichts. Kein Bett, kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett, kein Schrank. "Es ist doch Platz genug da" , meinte Mahesh, "such´ dir eine Ecke aus, wo du schlafen willst." Er ging hinaus in den Flur und kam mit einem Bulk Decken zurück. Er verteilte die Decken auf dem Boden; einen Teil für sich und einen für mich, legte sich hin und sagte, ich sollte mich auch Schlafen legen. Morgen müssten wir früh raus. Also legte ich mich zum Schlafen auf den Boden und deckte mich zu. Es war ungewohnt und unbequem in den ersten Nächten. Später gewöhnte ich mich daran und fand es sogar bequemer als im Bett. Man konnte sich drehen und wenden, wie man wollte, ohne aufpassen zu müssen, dass man aus dem Bett fiel. 

Am nächsten Morgen lernte ich Maheshs Schwester kennen, die mit ihrem Mann in einem anderen Zimmer lebte. Sie war in der Küche und kochte Milchtee. Einen Liter Milch in einem Topf zum Kochen bringen, 3 Teebeutel rein plus diverse Gewürze wie Ingwer und Kardamom und kräftig umrühren. Die Teebeutel und Gewürze nach 3 Minuten herausnehmen und den Tee servieren. Gemeinsam machten wir das Frühstück; Curry vom Vorabend mit Toastbrot. Dazu den Tee. Mahesh hatte inzwischen die Decken zusammengerollt und verstaut und eine Plastikdecke in die Mitte des Zimmers gelegt, worauf jetzt das Frühstück platziert wurde. Im Schneidersitz ließen wir uns rund um die Plastikdecke nieder und aßen. Nach dem Frühstück fuhr Mahesh mit der U-Bahn zum College, seine Schwester führte den Haushalt und ich begann mit meiner Live-in Jobsuche. Ich kaufte den Evening Standard. der jeden Tag 5 Rubriken mit Live-in-Jobs veröffentlichte. Dann suchte ich mir eine Teestube mit einer öffentlichen Telefonzelle in der Nähe, besorgte mir ausreichend Telefon-Geld und studierte die Anzeigen bei einer Tasse Tee. Mit einem Kugelschreiber umrandete ich die Anzeigen, auf denen ich mich bewerben wollte, ging zur Telefonzelle und rief an. Stadtgespräche innerhalb von London kosteten damals 2 Pence für 3 Minuten. Ich konzentrierte mich daher aufs Wesentliche. "Hello", die andere Seite begrüßte ebenfalls. "Ist der Job noch da?" - Es folgte ein Ja oder Nein von der anderen Seite. Wenn der Job noch da war, notierte ich mir die Adresse und fuhr mit der U-Bahn hin. Vor Ort sah man dann, ob die Bedingungen für beide Seiten passte oder nicht. Nachmittags ging ich zu meinem Auffüll-Job bei Sainsbury´s und abends kam ich mit Einkäufen heim. Reis, Tee, Milch, Zucker. Die frischen Sachen wie Gemüse, Obst und Fleisch kaufte Maheshs Schwester auf dem Straßenmarkt, den es in jedem Stadtteil gab. So verliefen die Tage und Wochen, ohne dass sich etwas änderte und inzwischen schrieb man das Jahr 1974.

Fortsetzung folgt...

Kommentare (2)

fraun

Du schreibst gut, liebe Linzette. Baust einen Spannungsbogen auf und ich bleibe neugierig, wie es weiter geht in Deinem jungen Leben. Lieben Gruß Anne🙋‍♀️

Linzette

@fraun  , danke schön. 

Dir ein schönes Wochenende und liebe Grüße aus dem Rheinland:
Christine

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