In London (1973)
Jedenfalls wollte ich mir 1973 unbedingt die Hochzeit von Prinzessin Anne live angucken und reiste nach London mit nur einer Tasche mit Kleidung zum Wechseln und etwas Geld. Ich hatte meinen Plan gut geheim gehalten und als ich schließlich im Zug saß, empfand ich nur Freude über das gelungene Stück. Die Fahrt mit dem Zug über Köln und Brüssel endete in Ostende, wo die Fähre auf uns wartete, die uns nach England bringen sollte. Ich war noch nie übers Meer geschippert und dem entsprechend seekrank.
In Dover mussten wir durch Zoll und Passkontrolle und bestiegen schließlich den bereit gestellten Zug nach London. Als wir in Victoria Station einfuhren, erwartete uns die erste Maßnahme, die mir völlig fremd war. Das Zugticket musste am Ausgang abgegeben werden. Wer kein Zugticket hatte, war auf dem Gleis gefangen. Glücklicherweise hatte ich meins noch nicht entsorgt, wie ich es sonst immer machte, wenn ich aus dem Zug ausgestiegen war. Glück gehabt!
Draußen vor dem Bahnhof stand eine lange Reihe von schwarzen Taxis, aber die ignorierte ich, sondern ging zu Fuß, um mir ein billiges Bed-and-Breakfast-Hotel zu suchen. Aber eines zu finden, war die erste Schwierigkeit. Alles war ausgebucht.
Vom vielen Laufen durch die Londoner Straßen bekam ich Hunger und fand ein billiges Restaurant, das Englische Küche servierte. Steak-and Kidney Pie klang gut; also bestellte ich das. Dazu eine Tasse Milchtee, weil der am billigsten war. Der Tee war gut und brachte mir die Lebensgeister zurück Die Pie konnte man vergessen. Ich aß nur soviel, dass mein Magen Ruhe gab. Während ich mein Essen bezahlte, fragte ich die Bedienung, wo ich am besten nach einer billigen Unterkunft suchen sollte. Die Dame wusste, wo es noch freie Zimmer gab und dank ihr fand ich schließlich noch eine passende Unterkunft. Ich checkte also ein, bezahlte für eine Woche und bezog mein Zimmer im vierten Stock. Einen Aufzug gab es nicht; nur eine steile Treppe, die mir Mühe machte, aber zu bewältigen war. Auf dem Flur war das Bad für die ganze Etage und am Ende des langen Ganges mein Zimmer. Ich trat ein, legte meine Tasche ab, fiel aufs Bett und schlief sofort ein.
Fortsetzung folgt...
Kommentare (7)
Liebe Linzette,
da muss ich mal ganz dumm fragen, welche Art Behinderung hast du? Und manchmal schreibst du "wir" und manchmal "ich".
Mutig war es auf jeden Fall ohne Zimmerreservierung zu einer königlichen Hochzeit zu fahren.
Lg Globetrotter🙋♀️
@Globetrotter , meine Behinderung zeigt sich im Bewegungsapparat, verlangsamte, schwerfällige und unsichere Bewegungen und Spastik in den Beinen. Ich zähle aber zu den leichten Fällen. Trotzdem sieht man´s auf den ersten Blick.
Mir ist nicht aufgefallen, dass ich manchmal ich und manchmal wir benutze. Wenn ich wir benutze, waren da auch noch andere Leute dabei.
Liebe Linzette,
ein großer Applaus für Deinen unbeirrbaren Unternehmungsgeist. Ich bin sehr gespannt auf die Fortsetzung.
LG Anne 🙋♀️
@fraun , Danke schön.
Es war aber weniger Unternehmensgeist und mehr Überlebensstrategie.
Lieben Gruß aus dem Rheinland:
Christine
Hallo Linzette,
das war aber sehr mutig, ich hätte mich damals nicht getraut, alleine nach England zu reisen.
Bin gespannt auf die Fortsetzung.
Liebe Grüße Ingira
@Ingira , mit Mut hatte das wenig zu tun. Es war der Frust, von meinen Mitmenschen nicht ernst genommen zu werden und keine Chance auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu haben.
Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich mehr Glück als Verstand hatte. Da oben war immer jemand, der auf mich aufgepasst und beschützt hat.
Liebe Linzette,
Mutig, mutig....!!! Ich bin auf die Fortsetzung sehr gespannt.
Gruss
Jutta