In London 1973 (Fortsetzung, Teil 2)


Ich wurde wach, als es aus der Sprechanlage tönte: "Can you come down for breakfast?" (Übersetzung: " Kannst du zum Frühstück runterkommen?" 
Verschlafen schaute ich auf die Uhr. Es war 10:30 Uhr und die Frühstückszeit war eigentlich schon beendet. Schnell wusch ich mir den Schlaf aus den Augen und ging runter ins Frühstückszimmer. Die Hotel-Angestellte räumte gerade die Tische ab, als ich eintrat. Sie fragte, ob ich Tee oder Kaffee zu meinem Frühstück haben wollte. Ich wählte den Tee. Sie ging hinaus und am nach wenigen Minuten mit einem großen Tablett zurück. Ein typisch englisches Frühstück brachte sie mir, mit Bacon, pochiertem Ei, gebackenen Bohnen, gegrillten Champignons, Toast, Tee und Orangensaft. Ich war überwältigt. Noch nie hatte ich so gut gefrühstückt und ließ es mir schmecken. 

Da niemand mehr im Frühstücksraum saß, setzte sich die Hotel-Angestellte zu mir und fing ein Gespräch an. Sie wollte wissen, wo ich herkam und was ich in England vorhatte. Bereitwillig gab ich Auskunft. Sie machte mich auf die Broschüren aufmerksam, die am Eingang des Hotels auslagen. Aber die hatte ich schon selbst gesehen und einige davon mitgenommen. Nachdem ich aufgegessen hatte, wünschte mir Carol einen schönen Tag in London. 

Es war wirklich ein schöner Tag, obwohl es schon November war. Ein bisschen frisch vielleicht, aber nicht zu kalt. Ich beschloss, zu Fuß London zu erkunden. Da das Hotel, in dem ich abgestiegen war, zentral gelegen war, war es bis zum Buckingham Palast nicht weit. Wie groß und prächtig das alles war! Ich verstand nicht, wieso eine einzige Familie so einen großen Palast und halb London als Raum für sich selbst beanspruchen konnte. Von den Royals sah ich keinen; also ging ich weiter; in den Green Park und zur Oxford Street, der Haupt-Einkaufsmeile. Als ich müde war vom vielen Laufen, suchte ich ein Schnell-Restaurant, aß etwas und ging ins Hotel zurück. 

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Mit Carol hatte ich mich etwas angefreundet und gestand, dass ich gerne in London bleiben wollte, aber mir das Geld knapp wurde. Sie schlug vor, dass ich morgens beim Frühstück helfen sollte. Dafür würde sie einen satten Rabatt beim Zimmerpreis einräumen. - Phantastisch!
Am nächsten Morgen begrüßte ich die Frühstücksgäste mit der Frage, Kaffee oder Tee. 

Natürlich reichten die 2 Stunden Beschäftigung am Morgen nicht aus, um mein Leben in London zu finanzieren. Ich brauchte noch einen Job. Fortan klapperte ich sämtliche Hotels in der Umgebung ab und fragte nach Arbeit. In einem großen Hotel in Knightsbridge hatte ich Glück. Es waren Stellen als Zimmermädchen frei. Betten machen und Putzen. Der Job war mies bezahlt. Um zu überleben, brauchte ich noch einen Job und fand ihn beim Lebensmittel-Einkaufen. Sainsbury´s suchte Personal für die Aufstockung der Regale. Ich stellte mich vor und wurde genommen. - WOW! - Wie einfach sich hier die Jobbeschaffung gestaltete. Ich war fassungslos. Hatte ich mich doch in Deutschland endlos auf Jobs beworben und wurde von allen Arbeitgebern abgelehnt, wenn sie mich kommen sahen. Ja, meine Behinderung war auf den ersten Blick sichtbar. In Deutschland wurde mir die Behindertenwerkstatt empfohlen. In England fragte man: "Schaffst du das?" - Ich antwortete immer mit "Ja", auch wenn ich keine Ahnung hatte. Die Engländer räumten mir Chancen ein und ich nutzte sie. Das war der Unterschied zu deutschen Unternehmen. 

Fortsetzung folgt.....

Kommentare (2)

Agathe

Ist das Rad mal angestossen,
dann rollt's...
Herrlich!
Und sehr schön be- und geschrieben.
Lieben Gruss, Agathe 

Linzette

@Agathe , danke schön. 

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