IMAGINE


IMAGINE
 
„Wieder so ein vermaledeiter Sonntag. Ein Tag, auf den sich andere freuen und im feinen Gewand durch den Festspielbezirk flanieren“, dachte ich.
Kein Tag für Leute wie mich.
 
Ich kam mir schäbig vor. Obwohl das Hemd aus dem Fundus der Caritas nach Lavendel roch, hatte ich das Gefühl, jeder konnte sehen, wie es um mich stand.
 
Ich zog tief Luft und schloss kurz die Augen.
„Irgendwie werde ich auch diesen Tag überstehen“, sagte ich mir. „Es ist Festspielzeit. Viele Touristen. Gut für die Anonymität.“
 
Ich ließ mich treiben und stand plötzlich hinter der Bühne der Jedermann-Aufführung auf dem Domplatz. Die Sonntagsmesse war längst vorbei – und doch hörte ich einen Chor singen.
 
„Ist das der Beginn eines Deliriums“, dachte ich, „oder höre ich wirklich einen Kinderchor?“
 
Und sie sangen keine Kirchenlieder.
 
„Das ist doch … na klar … Imagine.“
Mein Lieblingssong. Ich summte leise mit:


Imagine all the people, living for today …
 
Neben der Tribüne blieb ich stehen und lauschte.
Mitten auf der Bühne stand ein Klavier. Daneben eine Leinwand mit
Text:  
Imagine – Stell dir vor …
 
Keine Stars. Keine berühmten Künstler.
 
Nur Kinder.  ~~~~~~  Viele Kinder.
 
Da fiel mir ein, was auf den bunten Plakaten in der Stadt gestanden hatte: Palette 80. Kinder der katholischen Jungschar aus halb Europa waren nach Salzburg gekommen – zum Singen und Spielen.
 
Ich stand mitten unter den Zuschauern und sang mit. Die Luft vibrierte. Menschen wurden zum Klangkörper.
 
Und obwohl Imagine ein leiser Song ist, klang er plötzlich wie ein großes Bekenntnis: Stell dir vor, all die Menschen teilen sich die Welt.
 
Noch nie hatte ich so viele strahlende Kinderaugen gesehen. Ich war sicher: Sie wussten, wovon sie sangen. John Lennons Vision von einer besseren Welt trieb mir Tränen in die Augen. Ich hatte lange nicht mehr geweint. Und wunderte mich, dass ich das noch konnte.
 
Das Lied ist leicht zu verstehen. Aber schwer zu leben.
Denn es fordert etwas:
 
Stell dir vor …
 
Kein Himmel. Keine Hölle.
Keine Länder. Keine Kriege.
Nichts, wofür man töten müsste.
 
Aber auch: Kein Besitz. Keine Gier.
No possessions – das ist bei mir schon erfüllt.“

 
Wie schön könnte es sein, wenn der Habe-was mit dem Habe-nichts teilen würde.
 
In nüchternen Momenten wie an diesem Tag, mit Imagine im Ohr, spürte ich zum ersten Mal seit Langem Hoffnung.
Ich wusste: Ich musste raus aus diesem Zug namens Sucht. Sonst fährt der Alkoholexpress mit mir ohne Halt in den Abgrund.
 
Ich war bereit abzuspringen. Ich fürchtete nur den Aufprall.
 
Insgeheim hoffte ich auf ein Zeichen.
Und fragte mich: Gibt es jemanden, der mich auffängt?
 
Waren es die Kinderaugen?
Oder das Lied?
 
Stell dir vor …
~~~~~~
Ich schaffe es.

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©text by ferdinand
©photo by wikipedia

 

Kommentare (4)

cecile

"Imagine"  gehört auch zu den Songs, die ich nicht ohne eine gewisse Emotion hören kann. Genau wie "Bella Ciao" oder  "L'anarchiste" von Leo Ferré.
Ich glaube wirklich daran, dass solche Lieder bei einem Menschen den Willen und vor allem den Mut zu einer radikalen und positiven Änderung bewirken können.

Und dann gratuliere ich dir  gleich zwei Mal: zu deinem hervorragenden Text und zu dem damals gelungenen Absprung.

In der Hoffnung, dass ich hier noch viel von dir lesen kann ...

Gruß
Cécile
 

Eisenwein

@cecile
 
Merci Cécile!
Seit damals feiere ich zwei Mal im Jahr Geburtstag. Meinen tatsächlichen feuere ich schon lange nicht mehr. Der viel wichtigere ist übermorgen, denn am 3. April begehe ich mein 45. Jahr ohne fremd gesteuert zu sein.

Liebe Grüße
Ferdinand

LisaK

Wenn einer allein träumt.png
Wir sollten nie aufhören zu träumen und zu hoffen.
Herzliche Grüße,
Lisa 

Eisenwein

@LisaK  

Dankeschön Lisa!

Weil ich weiß, dass Träume wahr werden können,
ist es mir egal, wenn mich manche Leute
einen Träumer, Spinner oder Romantiker nennen.

Liebe Grüße
Ferdinand

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