Herzklopfen mit Bodenhaftung
Und plötzlich war ich viele Jahre jünger und es war Herbst. Wie jedes Jahr trafen wir uns mit unserer Jugendgruppe zum Kartoffelfeuer. Schon am Nachmittag begannen die Vorbereitungen. Die Jungs schleppten Holz heran und schichteten es für den Abend auf. Später, wenn das Feuer heruntergebrannt war und nur noch die heiße Glut blieb, würden darin unsere gesammelten Kartoffeln garen.
Wir anderen zogen währenddessen über das abgeerntete Feld und sammelten die Kartoffeln ein, die bei der Ernte liegen geblieben waren. Der Bauer hatte uns erlaubt, sie für diesen Abend aufzusammeln.
Die Vorfreude war schon am Nachmittag zu spüren. Es wurde gelacht und gekichert, und die Jungs ließen natürlich keine Gelegenheit aus, den starken Max zu markieren. Je mehr Holz einer auf einmal schleppen konnte, desto besser. Eine Muckibude brauchte es damals jedenfalls nicht. So ein Kartoffelfeuer wurde bei uns nicht einfach nur angezündet. Es wurde zelebriert.
Als alles für den Abend vorbereitet war, gingen wir nach Hause, um uns zurechtzumachen. Vor dem Kleiderschrank stellte sich dabei weniger die Frage, was wir anziehen sollten, sondern vielmehr, was sich aus dem Vorhandenen pfiffig kombinieren ließ. Schließlich wollten wir am Abend nicht einfach nur irgendwie auftauchen.
Tücher wurden ums Haar gebunden, die Karobluse kritisch betrachtet, und natürlich musste alles zunächst den prüfenden Blicken der Mutter standhalten. Also war Einfallsreichtum gefragt: Zu Hause brav – und sobald man außer Sichtweite war, wurde eben noch ein weiterer Knopf geöffnet. Für damalige Verhältnisse war das durchaus ein Wagnis. Und es sorgte für Herzklopfen.
Auch beim Schminken war die Auswahl überschaubar. Frische Luft und Sonne taten ihr Übriges, und die Wangen röteten sich ohnehin schnell genug. Wozu also Rouge? Dann noch Patschuli – und der Abend konnte kommen.
Als wir wieder am Stoppelfeld ankamen, brannte das Feuer bereits. Aber bevor es so weit heruntergebrannt war, dass die Kartoffeln in die Glut konnten, saßen oder standen wir rundherum. Zwei der heißbegehrtesten Jungs hatten ihre Gitarren dabei, und sobald sie zu spielen begannen, ging ein Raunen und Kichern durch die Mädelschar, das rückblickend durchaus etwas von der Hysterie bei einem Boyband-Auftritt hatte.
Zuerst erklangen Lieder wie „Jenseits des Tales“, „Aus grauer Städte Mauern“ und natürlich „Abendstille überall“, das wir sogar als Kanon sangen. Aber dann wurde es „wild“.„Eve of Destruction“, „House of the Rising Sun“, „Hey Jude“ und all die Songs, die sich auf einer Wandergitarre ohne Strom und Verstärker spielen ließen. Wir sangen mit, blickten verträumt ins Feuer und himmelten dabei natürlich auch unsere beiden „Stars“ an.
Und dann kamen die ersten wirklich spannenden Momente. Die Jungs holten die Bierflaschen hervor, die sie von zu Hause mitgebracht und an den wachsamen Augen ihrer Eltern vorbeigeschmuggelt hatten. Nun wurden die Flaschen geöffnet – betont lässig und möglichst männlich. Die Mädels wurden zusehends unruhiger.
Und da war Bernd …Obwohl wir bisher kaum mehr als ein „Hallo“ oder „Wie geht’s?“ miteinander gewechselt hatten, wurde mir bei seinem Anblick irgendwie anders. Sein Lächeln, seine Augen, sein Lachen … ich gerate heute noch ins Schwärmen. Es gab nur ein großes Problem …Bernd war der begehrteste Junge in unserem Dorf. Einer, dem sein Ruf vorauseilte und an dem sich wohl so manches Mädel gerne die Finger verbrannt hätte. Auch an diesem Abend waren die Mädels um ihn herum und versuchten, ihn mit den verschiedensten Tricks für sich zu gewinnen. Ich saß am Feuer und fand das alles irgendwie schrecklich. Und vor allem hoffnungslos. Bei all den Mädels um ihn herum würde er mich doch niemals bemerken. Da half auch der eine offene Knopf mehr nicht.
Ralf, ein anderer Junge, bot mir einen Schluck Bier aus seiner Flasche an.Es schmeckte fürchterlich. Natürlich ließ ich mir das nicht anmerken. Ich tat so, als wäre dieses Zeug der reinste Nektar, wobei mir allein die Kontrolle meiner Gesichtsmuskeln einiges abverlangte. Nach dem dritten Schluck allerdings schmeckte es.Ob das nun am Bier lag oder daran, dass meine Geschmacksnerven langsam kapitulierten, sei dahingestellt. Und so saßen Ralf und ich da, tranken Bier und wechselten kein einziges Wort.
Unsere „Boyband“ war inzwischen bei den Songs angekommen, die zum Klammerblues einluden, und die ersten Pärchen verschwanden hinter den Büschen am Feldrain.
Dann kam der Moment …Mein großer Auftritt.
Ich wollte aufstehen. Natürlich nicht irgendwie. Lässig sollte es aussehen. Sexy. Meine Blicke suchten Bernd. Gerade sang er „The Sound of Silence“, und in diesem Moment sah er mir direkt in die Augen.
Zumindest dachte ich das. Nein – ich fühlte es. Für diesen einen Augenblick gab es nur diesen Blick, das Feuer und mein wild klopfendes Herz. Ich stand auf und ging auf ihn zu. Nein – ich schwebte.
Der Boden unter meinen Füßen schien mir Schwingungen zu geben, die ich noch nie zuvor gespürt hatte. Mein Blick blieb auf Bernd gerichtet. In meinem Kopf fühlte sich mein Gang unglaublich lässig, graziös und verführerisch an. Doch die Kraft dieser Schwingungen brachte plötzlich meine Füße durcheinander.
Und das Unausweichliche geschah …
Ich sah, wie Bernd die Gitarre weglegte und seine Arme ausbreitete. Mein Körper hingegen neigte sich mit Lichtgeschwindigkeit Richtung Boden. Und ehe ich überhaupt begriff, was geschah, lag ich da. Auf dem Boden .Mit dem Kopf direkt vor Bernds Füßen.
Mühsam versuchte ich, mich wieder hochzurappeln, was vermutlich alles andere als graziös aussah.
Bernd half mir hoch. Und dabei stellte ich fest, dass nicht nur der zweite Knopf meiner Bluse offen war.
Ich murmelte irgendetwas von Steinen, über die ich gestolpert sei, und wankte ziemlich zerrupft hinter einen Baum. Dort angekommen, gesellte sich zu allem Unglück schließlich auch noch das Bier neben mich.
Der Heimweg?
Wie genau dieser verlief, liegt heute im Nebel – und das lag ausnahmsweise nicht nur am Herbstwetter. Mir war noch immer übel, und auch meine Koordination ließ einiges zu wünschen übrig. Zum Feuer zurückzukehren kam für mich jedenfalls nicht mehr infrage. Ich hoffte nur, dass mir unterwegs niemand begegnen würde. Tatsächlich schaffte ich es, unbemerkt ins Haus zu schleichen. Kaum hatte ich mein Zimmer erreicht, ließ ich mich ins Bett fallen. Die anschließende Schiffschaukelei genoss ich noch eine Weile – vorsichtshalber mit einem Bein aus dem Bett. Zum Bremsen.
Am nächsten Morgen schellte es an der Tür. Meine Mutter öffnete und rief nach mir.
In meinem Kopf hämmerten Spechte, mir war noch immer flau, und eigentlich war ich alles andere als bereit für Besuch. Ich schleppte mich zur Tür – diesmal waren sämtliche Knöpfe meiner Bluse gewissenhaft geschlossen. Und dann stand er da. Bernd.
Ich brachte kaum ein vernünftiges Wort heraus und stammelte irgendetwas vor mich hin.
Bernd dagegen lächelte mich an und sagte in diesem warmen Tonfall, den ich so mochte:
„Du hast gestern deine Tasche vergessen.“ Von meinem grandiosen Auftritt erwähnte er kein einziges Wort. In meinem Kopfkino dagegen lief er in Dauerschleife .Ich nahm die Tasche entgegen, brachte gerade noch ein „Danke“ heraus – und knallte ihm die Tür vor der Nase zu .Peinlicher hätte mir dieser Morgen kaum sein können.
Unsere Wege kreuzten sich in der nächsten Zeit immer wieder – in einem Dorf ließ sich das schließlich kaum vermeiden. Irgendwann wurde aus diesen zufälligen Begegnungen mehr. Ja, sehr viel mehr!
Eine wundervolle Zeit, die so lange dauerte, wie es das Schicksal für uns vorgesehen hatte.
Nun sitze ich auf der Bank am Feldrand und schaue über das Stoppelfeld.
Der Nebel liegt noch immer über den Feldern. Die feuchten Stoppeln glänzen, genau wie zuvor.
Und ich lächle. Stoppelfeld.
Ja … da war etwas.
Kommentare (11)
Lieber Peter,
natürlich darfst du deine Geschichte hier erzählen – und geschimpft wird schon gar nicht. 😊 Im Gegenteil, ich habe sie sehr gern gelesen.Aber weißt du, was ich noch viel schöner fände? Solche Geschichten – und vielleicht hast du ja noch einige davon – sollten einen eigenen Platz in deinem Blog bekommen. Dort können sie von vielen gelesen werden, und ich fände es schade, wenn sie hier unter meiner Geschichte irgendwann verschwinden und am Ende fast nur ich sie gelesen habe.Gerade deine Geburtstagsgeschichte zeigt doch, wie aus einer kleinen Erinnerung eine wunderbare Geschichte werden kann. Also nur Mut – ich würde mich freuen, mehr davon zu lesen.
LadySilbermond
Liebe Raphaela,
Großstädte haben ja kein Stoppelfeld, zum Glück hatte ich einen Schulweg.Damals hatten wir Schichtunterricht: morgens die Mädchen und nachmittags die Jungs im Wechsel.
Mein "Bernd" hieß Theo, unsere Augen fanden sich auf diesem Schulweg, eines Tages schauten Theos Augen zu lange rückwärts, dass er glatt gegen eine Laterne donnerte-päng"....diese, seine Peinlichkeit hat er bis heute nicht überwunden...
Deine Geschichte ist köstlich und frischte auch meine Erinnerung wieder auf,
mit Dank und lieben Gruß vom Rhein, Renate🐞-ladybird
Liebe Renate!
Ist es nicht herrlich, dass wir über solche Erinnerungen verfügen, die uns nun immer ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich glaube, dein Theo und ich können uns die Hand geben....Laternenmast trifft Flugeinlage...ja peinlich schön.
Liebe fast schon herbstliche Grüße mit dem Dank an Dich verbunden
Raphaela
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Was für eine herrliche Geschichte! 😂
Erst Kartoffeln aus der Glut, dann Bier aus der Flasche und schließlich ein spektakulärer Landeanflug direkt vor Bernds Füßen – romantischer hätte Amor seine Zielperson kaum zu Fall bringen können.
Der zusätzliche offene Blusenknopf war vermutlich nur die damalige Version von „Special Effects“. Und Bernd? Ein echter Gentleman: Er brachte am nächsten Morgen die Tasche zurück und verlor kein Wort über die nächtliche Flugshow.
Dass daraus später noch „sehr viel mehr“ wurde, beweist: Manchmal muss man seinem Traummann eben nicht nur vor die Füße treten, sondern gleich ganz davorliegen. 😄🍂🔥🍺❤️
Moin Raphaela,
du hast mal wieder mein Kopfkino mächtig angefacht.
Warum war man eigentlich immer zu den Jungen so abweisend in die man verknallt war?
Ach ja, an so wohlige Lagerfeuer erinnere ich mich auch, besonders an die Osterfeuer. Da war man von vorne immer schön warm und hinten eiskalt.
Es ist sehr schön, deine Erinnerungen zu lesen. Manchmal kommt es mir vor, als wären es meine.
Liebe Grüße aus dem Harz von Pippa
Liebe Pippa
,dann rutsch mal ein Stück näher ans Lagerfeuer. 🔥Ich glaube, da hätten zwei Damen einiges zu erzählen – von verknallten Jungs, die man natürlich keinesfalls wissen lassen durfte, dass man in sie verknallt war, von kalten Hintern am Osterfeuer und von all den kleinen Verrücktheiten, die uns heute noch zum Lachen bringen. Und wer weiß – vielleicht stellen wir irgendwann fest, dass wir damals zwar an verschiedenen Lagerfeuern saßen, aber irgendwie doch ähnliche Geschichten erlebt haben. Ich halte dir jedenfalls einen Platz frei.
Raphaela
gut ding will weile haben
ist mir dazu eingefallen
und
alles hat einen beginn und ein ende
oder so .
habs lächelnd gelesen
das waren zeiten
lieben gruß hade
@protes
Danke fürs Lesen .Jede Generation hat ihre Zeiten und ich hoffe, sie können später einmal genauso auf sie zurückblicken und lächeln..
Hab einen schönen Tag
Raphaela
Ja, ja, die Erinnerungen . . . und wohl die meisten können sehr gut nachfühlen, was du damals erlebt hast. Ich finde deine Erinnerungen sehr schön. Erzählt sie doch von den ersten Anfängen des Verliebtseins. Die Aufregung, das Herzklopfen, das Auftreten etc. :-))
Dankeschön für deine hier mit uns geteilten Erinnerungen. Mir hat deine Geschichte gut gefallen und ich habe gern gelesen.
Mit lieben Grüßen zu dir von
indeed
Hallo Lady Silbermond,

vielen Dank für diese schöne, mit viel Herzblut geschriebene Geschichte von Dir. Ich bin noch keine zwei Tage hier angemeldet und da stoße ich schon beim ersten Stöbern auf eine schöne sentimentale Erinnerung! Mit leisem Humor geschrieben und mit dem passenden Bild versehen. Solche Beiträge habe ich in den bekannten sozialen Netzwerken leider nie gesehen. Man hält inne und schon kommen eigene Erinnerungen hoch... "Stoppelfeld" - es ist sehr lange her, dass ich diesen Begriff das letzte Mal gehört habe. Ich selbst kann mich an kein Kortoffelfeuer erinnern. Aber jedes Jahr im Herbst ließen wir Kinder auf einem Stoppelfeld im Dorf unsere Drachen steigen. In meinem Fall meist mit eher wenig Erfolg (Schon das ist eine schamlose Übertreibung) . Wenn der Drachen mal wieder jämmerlich abgestürzt war, rannte man hin. Klar. Nur nicht fallen, denn das tat verdammt weh - auf einem Stoppelfeld.
Darf ich an dieser Stelle auch eine kleine Geschichte erzählen? Falls das unpassend ist, lasse es mich bitte wissen. Ich weiß wirklich noch nicht, wie hier die Gepflogenheiten sind. Ich wage es einfach. Kannst dann ja morgen schimpfen oder löschen.
Mein Geburtstag
Mein Leben begann, wie es sich für einen anständigen Nachtschwärmer gehört, mitten in einer frischen Frühlingsnacht des Jahres 1963. Völlig unbemerkt von der Weltöffentlichkeit erblickte ich im Klever Krankenhaus zum ersten Mal das Licht der Welt.
Was ich da sah, gefiel mir wohl nicht sonderlich. Deshalb begann ich mein Leben außerhalb des Mutterleibes erst einmal mit einem kräftigen Protestschrei. Zu meiner größten Überraschung freuten sich alle anderen im Zimmer über meine Unmutsbekundung. Da fühlte ich mich zum ersten Mal völlig unverstanden. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein...
Einige Stunden nach meiner Geburt schickte meine Mutter meinen Vater und meinen Opa zum Standesamt, um mich dort anzumelden. Thomas, das war schon lange abgemacht, sollte ich heißen.
Ob das nun zu Fuß oder per Rad geschah, ist nicht überliefert. Ein Auto stand auf alle Fälle nicht zur Verfügung.
Fatalerweise lag eine beliebte Gaststätte auf dem Weg. Und die beiden fanden es durchaus angebracht, zur Feier des Tages mit einem Bierchen auf mich anzustoßen. Besonders Opa fand das. Opa war sehr erfinderisch darin, Gelegenheiten zu entdecken, auf die man anstoßen konnte.
Und auf einem Bein kann man natürlich nicht stehen. Kurz: Der kleine Zwischenstop schien wohl recht feucht und fröhlich gewesen zu sein. Und nach einigen Klaren wurde meinem Großvater klar, dass Thomas kein guter Name für mich war. Da war er sich ganz sicher.
Und so machte er meinem Vater, der nur äußerst selten ein Glas Bier trank und deshalb auch entschuldigt ist, schließlich klar, dass der Junge unbedingt Peter heißen muss. Eine großartige Begründung brauchte mein Vater wohl nicht. Und schließlich hatte Schwiegervater meistens recht.
Kurze Zeit später war es amtlich und besiegelt: Es gab einen Peter mehr auf der Welt.
Mutter trug es wohl mit Fassung. Immerhin hatte sie ja ein paar Stunden ihren Thomas. Sie ist vor kurzem 98 Jahre alt geworden - und hat sich schon - fast - an meinen neuen Namen gewöhnt.
Meinen Opa habe ich sehr gemocht. Er war ein sehr friedlicher, liebenswürdiger Mensch. Wenn ich zu Besuch kam, sagte er immer so was wie "Dr kütt de Pittermann " (Er kam aus der Eifel. Da ist der Peter der Pitter). Deshalb wählte ich sehr viel später Pittermann sozusagen als meinen Künstlernamen.
Gute Nacht
Peter