Exotische Genusskultur


Exotische Genusskultur


Exotische Genusskultur

Vor nun etwa fünftausend Jahren,
so ist's in Rollen beschrieben,
hat Kaiser Shen Nung* es erfahren,
wie Wasser schmeckt zum Verlieben,
nachdem ein Wind frischgrüne Blätter
vom Teebaum in den Topf stiebte –
dort siedeten dann diese Dinger,
bevor man sie herausfischte.

Kaiser Shen Nung-2.jpg

Kaiser Shen Nung

Dem Kaiser schmeckte dieses Getränk –
bekannt als "Tschai" seit jener Zeit –
es wurde den Menschen zum Geschenk
als Inbegriff der Lieblichkeit,
das schließlich auch nach Europa kam
als exotische Rarität,
adlige Kreise nahmen es an
und frönten ihm von früh bis spät.

Anfang des achtzehnten Jahrhunderts
hörte man in Weimar vom Tschai,
höfische Kreise – ach wen wunderts –
waren gleich begeistert dabei,
dieses Getränk - man nannte es Tee –
in kleinen Runden zu reichen,
gar bald erwuchs die feine Idee,
beim Tee auch Künstlern zu lauschen.

Teegesellschaften wurden modern
mit hochfeiner Salonkultur –
zum Jour fixe* traf man sich sehr gern
bei Poesie, Literatur
und vielerlei Geselligkeiten. –
Herder, Goethe, Liszt und Wieland
man nicht selten zu Abendzeiten
beim Tee im Kirms-Krackow-Haus* fand.

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Weimar, Kirms-Krackow-Haus

Johanna Schopenhauer* empfing
im Salon zum "Tee littéraire"*
Persönlichkeiten von feinem Sinn
und gab Schriftstellern die Ehre.
Sie kredenzte den teueren Tee
auch Christiane von Goethe* –
von dieser wohlwollenden Geste*
erzählt man sich noch bis heute.

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Johanna Schopenhauer

In der Weimarer Geselligkeit
stand geistreiche Konversation
in Verbindung mit Gastfreundlichkeit
Pate bei feiner Diskussion.
Man sprach über Elektrizität,
Botanik und Farbenlehre,
über geistige Kapazität –
doch stets galt dem Tee die Ehre!


© Syrdal 2026

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Erklärungen:

*Kaiser Shen Nung = ist bekannt als der legendäre Urkaiser, der in der chinesischen Mythologie als Kulturheld gilt und den Menschen viele Erfindungen und Weisheiten gebracht hat
*Jour fixe (fz. fester Tag) = regelmäßig wiederkehrende feste Termine für einen ausgewählten Personenkreis
*Kirms-Krackow-Haus = Franz Kirms, Kammerrat am Hof von Herzog Carl August, heiratete 1823 Karoline Krackow, die als Kammerfrau für die Großherzogin Maria Pawlowna arbeitete, wodurch sich ein intensiver Austausch mit dem gesamten Hofstaat ergab. Das Kirms-Krackow-Anwesen gehörte in der Goethezeit zu den bedeutenden Treffpunkten der Weimarer Gesellschaft
*Johanna Schopenhauer = Schriftstellerin und Saloniere, wohnte in Weimar in der Schillerstraße 10 (damals Esplanade genannt) und führte dort mit höfischer Eleganz von 1806 bis 1813 ihren berühmten, sehr feinen Teesalon, der zu einem der wichtigsten gesellschaftlichen und literarischen Treffpunkte der Stadt wurde.
*Tee littéraire = eine literarische Teegesellschaf (früher bürgerlicher Literatursalon), in dem sich Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle zu Gesprächen über Literatur, Kunst und Zeitfragen trafen. Es war seinerzeit ein kulturelles Ereignis, das Weimars geistiges Leben bereicherte und Johanna Schopenhauer als Gastgeberin in die Rolle einer bedeutenden Salonière brachte.
*Christiane von Goethe = (* 1.6.1765 als Johanna Christiana Sophia Vulpius † 6.6.1816) war seit 1788 Goethes Geliebte und von 1806 bis zu ihrem Tod seine Ehefrau.
*Geste = Bei einem Empfang 1806 in ihrem Salon soll Johanna Schopenhauer zu Christiane von Goethe gesagt haben: „Wenn Göthe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr wohl eine Tasse Thee geben.“

 

Kommentare (6)

Boeuf

Lieber Syrdal
Zwischen dampfenden Tassen und stillen Momenten entfaltet sich meine kleine Routine des Alltags.
Tee ist für mich mehr als ein Getränk, nein, er ist Duft, Wärme und ein Gespräch mit der Zeit. Mal kräftig und wach wie ein Morgen im Herbst, mal sanft wie Regen an einem stillen Fenster.
Stimmungen, aufgegossen in feinem Porzellan. Und irgendwo zwischen der ersten und letzten Tasse wird selbst ein gewöhnlicher Tag ein wenig eleganter.

Ein leidenschaftlicher Teetrinker
Boeuf
 

Syrdal

@Boeuf

...und so gesehen, gehörst du, lieber Peter, zu der verschwindend kleinen Schar exklusiver Teekenner und -liebhaber, die prädestiniert sind für solche Raritäten wie "Matcha" (Japan – etliche hundert €/30 g) oder gar dem legendären "Da Hong Pao (China – fast 100.000 €/kg).
Dies gönnt dir neidlos mit Genießergrüßen

Syrdal 

Roxanna

Es ist interessant, lieber Syrdal, auf welch wunderbare Weise von Menschen Entdeckungen gemacht wurden wie den Tee vor langer, langer Zeit. Als Teetrinkerin bin ich für diese Entdeckung sehr dankbar. Was gibt es nicht für wundervolle Sorten. Schade, dass es keine Treffen mehr in einem Salon gibt, wo Tee kredenzt und sich über allerlei ausgetauscht wird. Aber in Japan wird aus der Teezubereitung immer noch ein Zeremoniell gemacht wie ich mal in einer Dokumentation gesehen habe. Auch bei den Briten ist der Five o'Clock Tea etwas besonderes zu dem allerlei  Köstlichkeiten gereicht werden. 

Dieser herrliche Duft, wenn man ein Teegeschäft betritt, ist einfach wunderbar.

Mit großem Interesse habe ich deine "Tee-Geschichten" gelesen und grüße herzlich

Brigitte

Syrdal

@Roxanna

Ja, liebe Brigitte, es ist sehr schade, dass es bei uns keine Teesalons mehr gibt. - Bis zum Beginn der Corona-Pandemie gab es hier in meinem Wohnstädtchen noch einen feinen, sehr schön und gediegen eingerichteten Teesalon. Dort habe ich alle zwei Monate einen Lyrikabend gestaltet... unvergessliche Abende mit einem hoch interessierten Publikum. Aber durch die Pandemie ist auch dieser Salon geschlossen worden - leider.

Und richtig, in Japan hat sich im Zen-Buddhismus eine ganz spezielle Teezeremonie entwickelt, die man auch heute noch in etlichen Zen-Tempeln und Kulturzentren finden kann. Auch gibt es in Kyoto noch drei Teeschulen mit speziellen Führungen (für ausländische Gäste) und traditionellen Teezeremonien.

Die Teekultur in England hat sich im 17. Jahrhundert zu einer feinen Tradition entwickelt – freilich damals wie später in Weimar auch – als Luxuszeremonie der Oberschicht. Inzwischen gehört sie zum britischen Altag, besitzt aber bei weitem nicht mehr die einstige Exquisität.

Man könnte viel schreiben über den Tee, der ja nun schon etwa seit 5000 Jahren die Kultur und Genüsslichkeit der Menschen in der ganzen Welt beflügelt.

So wünsche ich dir und allen Teeliebhabern fürderhin stets gediegenen Teegenuss und sende dazu abendliche Grüße
Syrdal 

werderanerin



Wie wunderbar..., lieber Syrdal,

... deine wortreiche , sehr interessante, kleine Reise durch die Geschichte des "Tee - Getränks" habe ich als besonders informativ empfunden und sehr viel hinzu gelernt.

Angenehme Pfingsttage

wünscht

Kristine



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Syrdal

@werderanerin

So ist zu hoffen, dass dir, liebe Kristine, fortan das feine Getränk in besonderer Weise munden wird.

...dazu herzliche Festtagsgrüße von
Syrdal  

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