"Eva, ich brauche dich. . ."


Er steht langsam auf und geht mit kleinen Schritten zum Spülbecken. Den flachen Teller und das Besteck stellt er unter das fließende Wasser. Damit wird er auch von allein gespült. Dann ruhen die Sachen auf der Ablage bis morgen, er braucht sie nicht abzutrocknen.
 
"Das haben wir geschafft", denkt er nach dem Frühstück, dessen Geschmack er sich nicht mal merkt. Er hätte auch nicht sagen können, ob es gut gewesen ist, oder nicht. Ihm war es jetzt sowieso alles egal, hat nur deswegen gegessen, weil er bald seinem Sohn ehrlich berichten muss, ob er gefrühstückt habe, oder nicht.

Er guckt nach unten zu seinen geschwollenen Beinen, und sein Blick kontrolliert, ob seine Füße - die er manchmal nicht mal fühlte - richtig in den abgetragenen Pantoffeln stecken. Das hatte er nämlich seinem Sohn versprochen: Er soll aufpassen nicht zu stürzen.

Er ist schon im Wohnzimmer angekommen und geht direkt zu seinem geliebten Ohrensessel. Dort kann er sich nun ausruhen, bis er angerufen wird. Gerade sitzt er ein paar Minuten, ruft sein Sohn ihn schon an.

"Papa, sag mal, hast du schon gefrühstückt? Was hast du denn gegessen? Erzähl mal!"

Hm, was soll er erzählen? Will sein Sohn etwa prüfen, ob er nicht Alzheimer bekommt?
Er sagt ihm trotzdem das Menu, eigentlich fast das gleiche wie gestern.

"Was machst du jetzt, Papa?", fragt sein Sohn weiter.
"Ach, ich sitze im Sessel, im Wohnzimmer."
"Geht es dir gut, Papa? Brauchst du etwas? Oder soll ich gar zu dir kommen?"
"Aber nein, mir geht es gut. . . ganz gut, Junge. . .  du brauchst nicht zu kommen."

"Gut, Papa. . . sag mal. . .  es sind nun bald schon vier Monate vergangen. . . hast du vielleicht geschafft, etwas. . . ich meine. . . etwas von den Klamotten weg zu geben, oder sie mindestens zu packen? Ich meine. . . du brauchst Platz und die Sachen brauchst du auch nicht. . ."
Er sagt nichts, kann nicht antworten. Man hört nur ein schweres Atmen in der Telefonmuschel.
"Papa, bist du noch da? Sag, bitte, was!  Soll ich nicht doch zu dir kommen, nach der Arbeit vielleicht?"
"Aber nein, mein Junge, alles ist gut. . . ich werde mal heute schauen. . . vielleicht klappt es heute, du brauchst nicht zu kommen."
Er legt auf und versucht aufzustehen. Es geht, Gott sei Dank. . .

Langsam und mutlos geht er ins Schlafzimmer. Dort steht der Kleiderschrank. Er öffnet die Schranktür und schaut hinein, während sein Gesicht von zwei Tränen reichlich gespült wird.
Er merkt es nicht mal.  . . 
Er steckt seine rechte Hand aus und streichelt die hängenden Kleider, all die Pullis, Mäntel und Damenblusen, eine nach der anderen und schaut auch mal hinten durch, als ob er dort s i e vermutete. Die Tränen auf seinem Gesicht fließen gewaltig, sein Hemd wird nun ganz nass.

"Ach, ja . . . auch die Schuhe müssen weg", denkt er, mit dem Blick nach unten im Schrank."

Mit der letzten Kraft umarmt er mit beiden Armen all die Kleider im Schrank mit voller Liebe, fällt auf die Knie und vergräbt sein Gesicht in den schönduftenden Stoffbündel. . .
 
"Warum, Eva, warum bist du gegangen? Wir wollten doch zusammen sterben, erinnerst du dich? So versprachen wir uns vor 64 Jahren, aber du wolltest leider schon vor mir gehen. . . und was soll ich hier noch ohne dich, Eva, mein Engel? Eva, ich brauche dich. . ."

"Komm, Papa, wir gehen zu uns", sagt sein Sohn sanft, hinter ihm stehend, den er nicht mal kommen gehört hat. "Papa, das muss bitte sein, komm, bitte. Mutti ist dort oben gut aufgehoben. . ."


Erste Veröffentlichung am 09.08.2015
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