ERSTES TV-KINDHEITSERLEBNIS
Der Fußweg zu meiner Tante, den ich gemeinsam mit meinen Eltern zurücklegen musste, dauerte fast eine Stunde. Doch das war die Sache wirklich wert, denn „die beste Tante der Welt“ hatte sich doch tatsächlich einen Fernseher gekauft. Was für ein Luxus!
Als Bergmannswitwe mit fünf Kindern konnte sie sich dieses moderne und teure Gerät eigentlich gar nicht leisten. Trotzdem war sie die erste Frau in der gesamten Bergmannssiedlung die einen Fernseher besaß, und konnte sich deshalb vor einem neugierigen Besucher-Run der Nachbarschaft kaum retten. Als Huldigung brachte man ihr, wie es sich bei einer richtigen Königin natürlich gehört, kleine Geschenke mit. Praktischer Weise handelte es sich dabei um Speisen und Getränkeflaschen, die man dann auch gleich vor dem laufenden TV-Gerät, also an Ort und Stelle, gemeinsam verzehrte, bzw. entleerte.
Als wir bei meiner Tante eintrafen war ihr Wohnzimmer schon mit vielen schaulustigen Besuchern gut gefüllt. Also rappelvoll! Die Kinder saßen vorne auf dem Fußboden, direkt vor dem kleinen S/W-Röhrengerät. Dieses Rudelgucken gab es also schon damals, und ist bestimmt keine Erfindung der Neuzeit.
Dann wurde es richtig aufregend, denn eine Folge der Serie „So weit die Füße tragen“, lief gerade an. Sicher einer der ersten klassischer Straßenfeger überhaupt.
Bei der Verfilmung handelte es sich um den Kriegsgefangenen Clemens Forell, der 1949 aus einem sibirischen Bleibergwerk geflüchtet war, und nun mühsam versuchte den langen Weg in seine Heimat zu Fuß zurückzulegen.
Ganz allein in der Trostlosigkeit Sibiriens, in klirrender Kälte, nur begleitet von Hunger und wahnsinniger Verzweiflung..., war er wohl der einsamste Mensch auf der ganzen Welt.
Als er dann in einer Szene noch von einem hungrigen Wolfsrudel umkreist wurde, ja da lagen meine kindlichen Nerven richtig blank vor Entsetzen. Im letzte Moment konnte Forell sich noch gerade auf einem mickrigen Baum in Sicherheit bringen. Doch der dünne Baumwipfel bog sich unter der Last des Mannes bedenklich nach unten...,würde das Gehölz brechen? Der erste Wolf stand schon mit gefletschten Zähnen direkt vor dem Baum, sprang hoch, und versuchte dabei die Füße des Kletterers zu fassen...
ENDE...
" NÄCHSTE FOLGE BITTE NICHT VERPASSEN. IHR ARD-STUDIO."
Da war der Sender aber richtig knallhart zu den Zuschauern.😳
Wenig später standen wir draußen in der Dunkelheit, denn das schwache Laternenlicht war in der Siedlung ausgefallen. Total übermüdet sah ich plötzlich überall die gefährliche Schatten der Wölfe auftauchen. Und ich wollte mich nur noch in meinem warmen und sicheren Bettchen verkriechen. Ich hakte mich links und rechts bei meinen Eltern ein und ließ mich von ihnen führen, denn meine Augen waren mir vor Müdigkeit schon zugefallen.
Doch der Rückweg war noch gnadenlos lang..., ähnlich dem Weg durch Sibirien.
Rosi65
Titelbild:www.emuseum-tetnang.de
Das Buch: "So weit die Füße tragen" wurde von Josef Martin Bauer geschrieben.
Es soll sich dabei um einen Tatsachenroman handeln.
Kommentare (11)
19. März 2026
Hallo Rosi,
ein schöner Text!
Da ich auf der anderen Seite aufgewachsen bin, hier ein kleiner Beitrag zum Thema aus der Ossi-Perspektive 😉.
In der DDR hatte das Fernsehen einen anderen Stellenwert als in Westdeutschland. Für uns war das „Westfernsehen“ – also ARD, ZDF und später auch die Privatsender – weit mehr als Unterhaltung. Es war unser Fenster zur Welt. Gerade nach dem Bau der Mauer konnten ja nur wenige selbst erkunden, was draußen los ist.
Verboten war der Empfang westlicher Programme nicht; ein ausdrückliches Verbot hätte zu sehr an das Dritte Reich erinnert. Damals konnte das Abhören sogenannter Feindsender mit Zuchthaus, KZ oder sogar der Todesstrafe enden.
Doch auch ohne Verbot war das Westfernsehen der SED-Führung ein Dorn im Auge. Vieles von dem, was man seinen "Untertanen" tagsüber einzureden versuchte, wurde abends durch den „Klassenfeind“, der über den Bildschirm in die Wohnzimmer gelangte, neutralisiert.
Immer wieder wurde von staatlicher Stelle versucht, den Empfang zu unterbinden. Angefangen mit verschiedensten Repressalien am Arbeitsplatz oder in der Schule bis hin zu handfesten Aktionen, wie der „Blitz kontra Nato-Sender“ der Freien Deutschen Jugend (FDJ) kurz nach dem Mauerbau.
In bestimmten Gegenden wurden damals FDJ-Trupps losgeschickt, um Westantennen („Lügen- und Hetzantennen“) auf Dächern abzusägen oder von Dachböden zu holen. Ich war damals noch zu jung für die FDJ, hätte mich aber, so glaube ich, auch nicht an solchen Aktionen beteiligt. Dafür hätten schon meine Eltern gesorgt, die mit dem System „DDR“ absolut nichts am Hut hatten.
Die SED-Staatsführung musste irgendwann erkennen, dass der Empfang westlicher Programme nicht zu verhindern war. Mit allen möglichen Mitteln versuchte sie, das DDR-Fernsehprogramm attraktiver zu machen, um Zuschauer bei der Stange zu halten.
Aber gegen den „Blauen Bock“, Hans-Joachim Kulenkampff („Einer wird gewinnen“), „Stahlnetz“, „Tatort“, die Fußballbundesliga oder Musiksendungen für junge Leute war schwer anzukommen.
Es ließe sich noch viel erzählen über „Westfernsehen im Osten“. Zum Beispiel über Karl-Eduard von Schnitzler, Chefkommentator des DDR-Fernsehens – eine ganz besondere Marke.
Oder über die genialen technischen Lösungen, mit denen es begnadeten Bastlern gelang, auch an Orten, an denen es eigentlich physikalisch unmöglich erschien, noch ein brauchbares „Westbild“ auf den Fernsehschirm zu bringen.
Vielleicht demnächst noch mehr von mir zu diesem Thema.
Für heute herzliche Grüße,
Kurt
Hallo Kurt,
Du hast in Deinem Beitrag das kleine Glück des Alltags in der ehemaligen DDR beschrieben, und erinnerst Dich dabei an das schöne „Fenster zur Welt.“
In einer Filmkomödie (Sonnenallee von L. Hausmann), die ich mal gesehen habe, wurde dieser wichtige Stellenwert des Westfernsehens auch mit verdeutlicht. Eine Art Symbol der Sehnsucht nach Freiheit, und auch nach einem moderneren Lebensstil, gerade bei den jungen Leuten.
Herzlichen Dank für Deinen tollen Kommentar, über den ich mich aber sehr gefreut habe.
Rosi65
Liebe Rosi,
jaaaaa.....Heinz Weiß hieß er, glaube ich, der mich in diesem Film fasziniert hat Und die anderen Straßenfeger damals. Auch Peter Frankenfeld und später der Charmeur Kuli...
Wir saßen erst bei den netten Nachbarn, dann saßen die bei uns.
Schön zu lesen, deine Erinnerung.
Mit lieben Grüßen
Ingrid
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Bild:Amazon.de
Und da ist er auch schon, der Heinz Weiss (+2010), liebe Ingrid!!!
Vor einigen Jahren habe ich doch zufällig das Buch auf dem Flohmarkt entdeckt, gekauft und mich riesig gefreut.
Herzliche Grüße
Rosi65
Liebe Rosi,
danke für Deine nette Erinnerung.
Mein erstes Fernseherlebnis werde ich nie vergessen. Ich war gerade vor wenigen Wochen 6 Jahre alt geworden. Meine Omi und ich haben ab und zu ihre Bekannte in Wanne-Eickel besucht. Und dort bestaunte ich dann dieses tolle Gerät. So etwas hatte ich noch nicht gesehen.
Am Abend schauten alle gebannt auf den Bildschirm. Und ich fing an zu schreien, eine Frau lag im Bett, ein Mann kam herein und stach auf sie ein. Omi verließ das Zimmer mit mir, aber es hat sehr lange gedauert, bis ich mich wieder beruhigt habe. Ich wollte nicht zurück in das Zimmer, ich hatte Angst.
Ich habe diese Geschichte nie vergessen, ich kann dieses Bild heute noch abrufen, ich sehe es vor mir. Immer mal wieder spukte es in meinem Kopf herum, Stahlnetz, eine Frau wird in ihrem Bett erstochen...
Irgendwann habe ich gegoogelt und bin fündig geworden. Stahlnetz vom 28, November 1958. Das zwölfte Messer "Im Ruhrgebiet wird eine Frau nachts in ihrem Bett von einem Einbrecher mit mehreren Messerstichen getötet."
Noch einen schönen Tag wünscht Dir
Anita
Liebe Anita,
da haben wir beide doch tatsächlich ähnlich unangenehme Kindheitsbegegnungen mit den ersten TV-Filmen erlebt.😲
Doch später, als wir dann endlich auch einen eigenen Fernseher besaßen, konnte ich mir aber zum Glück auch richtig schöne Kindersendungen anschauen: „Die Kinder von Bullerbü“ , "Augsburger Puppenkiste“, „Pan Tau“, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, und auch verschiedene Tierfilmserien.
Sogar die damaligen Erwachsenen schauten dabei ganz gern mal zu.😉
Danke, für Deine persönliche TV-Erinnerung.
Wünsche Dir einen sonnigen Tag...
Herzliche Grüße
Rosi65
ja liebe Rosi, schöne erinnerung
mein vater hat ganz früh fernseher verkauft und auch gleich angeschlossen und
deshalb hatten auch wir früh einen fernseher
ich erinnere mich am meisten an die damaligen opernsänger und opernsängerinnen
in schwraz weiß und dann später in farbe und natürich an die kleine Nachtmusik
danke für deine schöne erzählung
liebe grüße hade
Lieber Hade,
der Radio- und Fernsehtechniker war damals ein gefragter Beruf. Sicher hatte Dein Vater immer recht viel zu tun. Ich erinnere mich noch gut an die einfache Zimmerantenne, die man manuell drehen oder umstellen musste, damit die nervigen Bildstreifen endlich wieder verschwanden (vielleicht es hätte eine Rolle Draht ja auch getan).😊
Sehr beliebt waren zu der Zeit auch die ersten Quizsendungen, bei denen alle fleißig mitraten konnten.
Danke für Deine Erinnerungen...
Viele Grüße
Rosi65
Liebe Rosi, einen von den ersten TV-Empfänger zu haben, das war ein Privileg, und wirklich auch ein Grund, wieso man immer wieder am Abend Besuch von der Nachbarschaft hatte. Ich fand das sehr angenehm; meine Eltern nicht unbedingt, sie waren beide auf diese Weise nicht gesellig.
Ich kann mich auch an viele Sendungen und Filme erinnern, die mich sehr beeindruckt hatten - entweder war ich von einem Helden begeistert, oder mal furchtbare Angst gehabt. Ich finde es gar nicht dumm, dass es angesagt war, mit wievielen Jahren dürften sich Kinder und Jugendliche etwas anschauen. Natürlich war das nicht immer beachtet, selbst von ihren Eltern nicht. Deswegen konnte ich mir mal den Film über die Mumie anschauen - und mehrere Tage danach war die Dunkelheit für mich etwas Schreckliches, obwohl ich schon 13 oder 14 war. 😊
Heutzutage sind oft TV-Kindermärchen ziemlich schrecklich. Hoffentlich sind moderne Kinder nicht mehr so empfindlich; oder will man sie auf die nicht immer nur süße Realität gewöhnen...? 😏😉
Mit herzlichen Grüßen
Christine
Liebe Christine,
damals entwickelte sich der Fernseher sehr schnell zum gesellschaftlichen Mittelpunkt, den man im Kreise der Familie, mit den Freunden oder auch Nachbarn umlagerte. Sicher ähnelte dieser Treffpunkt auch dem Gemeinschaftserlebnis unserer früheren Vorfahren, die sich gemeinsam um ein wärmendes Lagerfeuer gruppierten.
Man konsumierte begierig, wenn auch noch sehr bescheiden, die gezeigten Nachrichten, Informationen und Filme, denn die Sendezeit war ja noch sehr begrenzt. Schließlich hatte der Sender auch mal Feierabend. Und dieser Umstand wurde dann den Zuschauern mit einem Testbild verdeutlicht.
Ein richtiges Volksfest fand aber immer in unseren umliegenden Kneipen statt, wenn zum Wochenende Fußballübertragungen liefen. Ja, da war dann richtig was los! Sicher auch zur großen Freude der früheren Gastwirte.😄
Viele Grüße
Rosi65
Für die netten Rückmeldungen meiner kleinen Nostalgie-Erzählung möchte ich hiermit allen 💖chengebern, sowie den Kommentatoren, ein kleines Dankeschön zusenden:

Songeur, christine62laechel, protes, IndianSummer1952,margit, cecil, pippa, ladybird, Winterbraut, Marlen13 und Kurt20.
Herzliche Grüße
Rosi65