Erstes Seniorendorf-Projekt im Vogelsbergkreis

Autor: ehemaliges Mitglied



Neue Wohnformen für Senioren stehen derzeit im Mittelpunkt der sozialpolitischen Diskussion. Das Altenheim als letzte Lebensstation kann sich die Generation 60Plus mittlerweile kaum noch vorstellen. Propagiert werden vor allem Mehrgenerationen-Modelle. Dies geschieht mit dem Hintergedanken, die Lasten der Altenbetreuung, die immer seltener von den Familien (sprich: i.d.R. den Ehefrauen oder Töchtern) geleistet werden kann, auf Ehrenamtliche abzuwälzen ("Alt hilft Jung..." usw.). Wo dies funktioniert, ist das auch so in Ordnung. Aber oft genug funktioniert es eben auch nicht. Das Bild des harmonischen Miteinanders der Generationen ist einfach zu sehr von ideologischem Zweckoptimismus geprägt und entspricht nicht der Realität. In der Praxis wird die gegenseitige Toleranz überstrapaziert. Insbesondere das Ruhebedürfnis älterer Menschen wird unterschätzt.

Seniorendörfer, die nicht lediglich eine Bauträgermaßnahme (Ziel: Verhökern kleiner Häuser auf kleinen Grundstücken zu großen Preisen) darstellen und vielleicht gerade mal mit einer "Kümmerin" ausgestattet sind oder Betreuungsleistungen teuer in Rechnung stellen, sondern die auf dem Prinzip der Nachbarschaftshilfe basieren, sind da innerhalb der propagierten neuen Wohnformen für Senioren eine sinnvolle - wenn auch noch sehr seltene - Alternative.

Ein solches Seniorendorf-Projekt (Wohnpark Burgblick Ulrichstein - WBU) habe ich zusammen mit Gleichgesinnten in der kleinen Stadt Ulrichstein im Hohen Vogelsberg auf den Weg gebracht. Grundlage ist ein ehemaliges Feriendorf, das überwiegend aus ca. 50m² großen Einzelhäusern und Haushälften besteht. 60 Prozent der Häuser wurden bereits vor Jahren an Privatleute verkauft, die hier überwiegend den Ruhestand verleben. Es wohnen aber auch Jüngere dort. Ca. 50 Wohneinheiten können noch angemietet oder durch (Miet-)Kauf erworben werden. Ein Selbsthilfe-Netzwerk freundlicher Nachbarn (Bürgernetzwerk "Wir für uns in Ulrichstein" - WifU) sorgt für Geselligkeit und Versorgungssicherheit. Gegenseitige Hilfen werden über die vogelsbergweit operierende Zeit- und Tauschbörse "Vulkania" auf der Grundlage von Zeiteinheiten getauscht.

Sicherlich ist es der Wunsch der meisten Senioren, möglichst lange im eigenen Haus, der zuletzt bewohnten Wohnung, dem gewohnten Stadtquartier usw. zu bleiben. Doch häufig erweist sich dies als zu anstrengend (Haus- und Grundstückspflege), perspektivlos (nicht barrierefrei, bei nachlassenden Kräften nicht mehr erreichbar oder zu bewirtschaften) oder schlichtweg - aufgrund explodierender Mieten und Immobilienpreise in den Ballungsgebieten - als kaum noch finanzierbar.
Die Mieten im Vogelsberg liegen bei 3,50 - 4,00 Euro/m², die Immobilienpreise sind aufgrund eines Überangebots an Hausgrundstücken erschwinglich. Die ehemaligen Ferienhäuser des Wohnparks (heute ein normales Wohn- und Baugebiet von Ulrichstein) sind überwiegend barrierefrei und mit geringem Aufwand seniorengerecht zu sanieren. Das gesamte Projekt ruht auf den Schultern der Privateigentümer, kann also nicht "pleite gehen", verspekuliert werden oder sich sonstwie in Luft auflösen. Und es lebt sich angenehm im Vogelsberg. Ulrichstein ist zwar kein (3000 Einwohner), aber eben doch mehr als ein Dorf. Nein, eine Oper gibt es nicht und auch kein Staatstheater. Aber es ist das Wichtigste an Infrastruktur vorhanden. Und was fehlt, findet man in den reizvollen Städten in 50 km Umkreis. Und wer die Frankfurter Skyline sehen will, braucht nur bestimmte Aussichtspunkte aufzusuchen.

Mein Rat: Mit dem Eintritt in den Ruhestand rechtzeitig die Weichen stellen für ein schöneres Leben in gesunder Mittelgebirgslandschaft. Die Wohnbedürfnisse anpassen und barrierefrei gestalten. Der Vereinsamung entgehen und Versorgungssicherheit in der Gemeinschaft erfahren - bei voller Autonomie und mit genügend Rückzugsmöglichkeiten im eigenen Häuschen oder 2-Zimmer-Appartement (Haushälfte). Selbst 1-Zimmer-Lösungen sind möglich. Natürlich muss man mit der Ferienpark-GmbH, die die Reste des ehemaligen Feriendorfs verwaltet, selbstbewusst verhandeln. Aber der Vogelsberg ist ein Käufer-/Mieter-Markt. 250 Euro Kaltmiete pro Wohneinheit sind keine Illusion. Da bleibt noch genug zum Leben. Das Bürgernetzwerk WifU ist ständig bemüht, Lösungen zu entwickeln, die das Leben zusätzlich leichter und preiswerter machen. Und wenn es wirklich nicht mehr anders geht: Das Pflegeheim ist gleich nebenan. Und die ehemaligen Nachbarn kommen weiterhin zu Besuch.

Hier ein Link auf die WBU-Webseite. Weitere Informationen gern über Tel. 06645 - 918789.
Hier noch ein Link zu einem Video der Vulkania-Tauschbörse:
(Vulkania-Song)

AVIB

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