Eine Turmbegehung mit ganz besonderen Menschen


Eine Turmbegehung mit ganz besonderen Menschen

Nach meiner Rückkehr aus Frankreich habe ich noch einige Jahre in einem bedeutenden Museum hier in Deutschland gearbeitet, bis ich 2018 in Rente ging.
Zuständig war ich für die ausländischen Besucher. Aber gelegentlich fiel einer der Turmführer aus. In dem Fall bin ich immer gern eingesprungen. Eine kurze Abhandlung über die Ausstellung, einige Erklärungen zur Gegend, Fragen wurden gestellt, die ich gerne beantwortet habe. Gelegentlich gab es aber auch nette Unterhaltungen, die mit diesen Themen gar nichts zu tun hatten. Es kam vor, dass man eine ganze Stunde dort oben verbrachte.
Viele nette Leute sind mir begegnet, viele nette Unterhaltungen hat es gegeben. Ein Schauspieler, der ebenfalls aus dem Ruhrgebiet stammt und den ich sehr mag, war damals dort, mit Frau und Sohn. Er blieb bescheiden im Hintergrund, aber seine Frau und ich haben uns prima unterhalten. Über unsere Heimat, den Ruhrpott.

An diesem Tag kam ich zur Turmtür, viele Leute warteten bereits darauf, dass es endlich nach oben ging. Ganz an der Seite stand wieder einmal ein Grüppchen von Menschen mit Trisomie 21, bekannt als Down-Syndrom, mit ihrem Begleiter (Erwachsene von ca. 30 Jahren). Solche Gruppen kamen uns oft besuchen. Wie immer sah ich die Blicke der anderen Besucher, Abstand nehmend, Abstand haltend… Und wie immer stieg eine unendliche Wut in mir hoch.
Zunächst sprach ich kurz mit dem Begleiter der kleinen Gruppe, ich schlug ihm vor, dass ich zunächst mit allen anderen Besuchern nach oben gehen würde, danach mit ihm und seinen Leuten, denn oben sei nicht genug Platz für alle.
Die erste Begehung war so kurz wie eben möglich, Ausstellung und Gegend, ich habe keine Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen, dann habe ich die Herrschaften nach unten gebeten.
Und bin mit meinem kleinen Grüppchen wieder die Treppen zur Plattform hinauf.

Natürlich habe ich nicht über die Ausstellung oder Politik gesprochen, aber ihnen gezeigt, was man von dort oben erkennen konnte. Und plötzlich hatte ich ein richtig lustiges Völkchen um mich herum, man erzählte mir plötzlich etwas, es wurde gelacht, man merkte, wie sehr unsere Besucher den Moment genossen.
Nach 45 Minuten musste ich mich dann aber doch verabschieden, denn unten standen sicherlich bereits wieder Besucher, die auch in den Genuss einer Turmbegehung kommen wollten.
Ich habe mich verabschiedet, ihnen noch einen schönen Tag gewünscht. ALLE, wirklich alle diese lieben Menschen wollten mich anfassen, irgendwo, irgendwie, danke sagen, mir noch ein Lächeln schenken. Und ich hatte nur einen Gedanken: jetzt nur nicht heulen. Denn danach war mir.


Ich hatte nur einen Job gemacht, da waren „ganz besondere Menschen“ die sich so lieb bedankten, weil ich ihnen 45 Minuten meiner (Arbeits)Zeit geschenkt hatte.

Kommentare (2)

Rosi65


Liebe Anita,

Deine Emotionen bei Deiner Begegnung mit diesen freundlichen Menschen kann ich wirklich gut nachvollziehen.
So hatten wir mal, bei einer beruflichen Fortbildung zum Thema der Inklusion, eine Einladung von unserem Dozenten und Psychologen in einer Krefelder Werkstatt für behinderte Menschen erhalten. Wir fuhren mit gemischten Gefühlen dorthin.

Aber wie stolz diese Menschen doch waren, dass wir (unsere Gruppe) sie besucht haben, und ihnen bei ihrer Werktätigkeit und Teilhabe am Arbeitsleben zugesehen haben.
Diese Begegnung war für uns neu, aber sehr berührend.
Später, bei der Verabschiedung, hatten sogar einige der männlichen Kollegen ein paar Tränchen in den Augen.

Danke für Deine Erzählung.

Viele Grüße
  Rosi65

IndianSummer1952

@Rosi65  

Liebe Rosi,

danke für Deine lieben Worte. 
Wie sehr uns diese besonderen Menschen beeindruckt haben, zeigt ganz deutlich, da wir uns nach vielen Jahren immer noch deutlich daran erinnern.

Aber irgendwann musste ich mir ein Grinsen verkneifen. Eine Schülergruppe mit ihrem Lehrer wollte nach  der Führung auf den Turm, die jungen Leute waren ungefähr 16 Jahre alt. Einer der Knaben fiel besonders auf, er war laut, brachte alle zum Lachen, wohl der Klassenclown. Die Freundin hielt er fest an der Hand, gelegentlich legte er ihr den Arm um die Schulter, zog sie näher an sich heran. Der riesige  Knutschfleck an seinem Hals war nicht zu übersehen. Ich ging also vor, stand oben auf der Plattform, die jungen Leute kamen nach. Und dann kam ER ziemlich zum Schluss, sehr langsam, weiß wie die Wand,  er setzte nur einen Fuß nach links, zog sich verzweifelt am Geländer zur Treppe noch ein Schrittchen weiter und schloss die Augen. Der tolle Hecht hatte Höhenangst! Mein Mitleid hielt sich in Grenzen. 😁

Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag.
Viele Grüße
Anita

 

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