Eine Kette von Unglücksfällen – Teil 3


Eine Kette von Unglücksfällen – Teil 3
Vorweg vielleicht noch das: Natürlich haben wir auf dieser Reise unglaublich viel erlebt – schöne Momente, besondere Orte und Begegnungen, wegen denen man überhaupt unterwegs ist. Aber all das hat in dieser Geschichte keinen Platz. Das erzähle ich ein anderes Mal.

Hier geht es um etwas anderes.
Hier geht es um Pech.
Und darum, wie man sich damit durchschlägt.

Wir waren also mitten in Armenien unterwegs, mit einem kaputten Seitenspiegel, der mehr aus Tape und gutem Willen bestand als aus funktionierender Technik. Und als wäre das nicht genug, hatte sich inzwischen auch das Wetter gegen uns entschieden.

Es regnete. Nicht ein bisschen, sondern so, dass man irgendwann aufhört zu fragen, wann es wieder aufhört. Der Regen lief genau dorthin, wo er am wenigsten gebraucht wurde – in unser provisorisch zusammengebautes Spiegelgehäuse. Das Tape wurde weich, die Konstruktion instabil, und wir wurden immer geübter darin, unterwegs kleine Notreparaturen durchzuführen, die eigentlich nur dafür da waren, die nächste Etappe irgendwie zu überstehen.

Mit dieser Mischung aus Improvisation und Hoffnung schafften wir es schließlich zurück nach Georgien.

Dort hatten wir zumindest einen kleinen Vorteil: Wir wussten, wo wir hinmussten. Bei einer früheren Reise hatten wir schon einmal ein Problem mit unserem Fahrzeug gehabt und kannten die Werkstatt. Also Navi an, rein in den Verkehr und durch das übliche Großstadtchaos, bis wir schließlich vor einem großen, modernen Autohaus standen.

Alles wirkte geschniegelt und professionell. Und tatsächlich – sie hatten sogar noch geöffnet.

Nur helfen wollten sie uns an diesem Tag nicht mehr.

Einbauen? Leider nein, dafür sei es zu spät.
Aber sie könnten uns den passenden Spiegel verkaufen.

400 Euro.
Bar auf die Hand.
Zum Selbsteinbau.

Wir haben uns kurz angeschaut, dann den Spiegel, dann wieder uns – und ziemlich schnell entschieden, dass unser Minispiegel plötzlich doch wieder deutlich an Charme gewonnen hatte.

Also weiter.

Der Regen begleitete uns weiterhin zuverlässig und sorgte dafür, dass wir unsere Pläne für Georgien kurzerhand über Bord warfen. Alles, was wir uns vorgenommen hatten, wurde buchstäblich weggespült.

Also zurück in die Türkei.

Grenzübergang, Kontrollen, Warten – das übliche Programm – und dann weiter bis nach Kars.

Dort wollten wir unser Glück erneut versuchen. Der Plan war simpel: einen passenden Spiegel besorgen und jemanden finden, der ihn einbaut. In der Theorie eine Sache von einer Stunde.

In der Praxis wurden wir erst einmal von einem zum nächsten geschickt. Hier fragen, da fragen, noch mal zurück, vielleicht dort drüben – und plötzlich standen wir vor einem Sanitätshaus und waren uns ziemlich sicher, dass wir irgendwo falsch abgebogen waren.

Genau in diesem Moment kam ein Mann auf uns zu, der offenbar beschlossen hatte, dass wir jetzt seine Aufmerksamkeit bekommen.

Ohne große Vorrede erzählte er uns seine Lebensgeschichte: zwanzig Jahre in Düsseldorf gearbeitet, gespart, zurück in die Türkei, ein Stück Land gekauft – und jetzt nebenbei Bauer.

Und bevor wir überhaupt richtig reagieren konnten, war klar: Er würde uns helfen. Ob wir wollten oder nicht.

Zum Glück wollten wir.

Denn wie sich herausstellte, waren wir gar nicht so weit vom Ziel entfernt. Zwei Häuser weiter befand sich tatsächlich ein Laden für Ersatzteile.

Also los – mit unserem neuen Dolmetscher im Schlepptau.

Im Laden ging dann alles erstaunlich schnell. Der Chef kam heraus, musterte unser Fahrzeug kurz und verschwand wieder – nur um wenige Augenblicke später mit einem originalverpackten Spiegel zurückzukommen.

110 Euro für den Spiegel.
10 Euro für den Einbau.

Das war eindeutig der Deal des Tages.

Noch bevor wir richtig reagieren konnten, war auch schon ein Monteur zur Stelle und begann, unsere Konstruktion auseinanderzunehmen. Die Türverkleidung wurde abgeschraubt, Werkzeug lag bereit – und wir bekamen, wie selbstverständlich, erst einmal einen Çay in die Hand gedrückt.

Man arbeitet hier nicht ohne Tee.

Wir saßen daneben, tranken und schauten zu. Und sehr schnell wurde klar: Der Mann wusste genau, was er tat.

Dann kam der Moment, auf den wir gewartet hatten.

Der neue Spiegel wurde ausgepackt.

Wir waren innerlich schon beim Jubeln.

Und dann blieb uns genau dieser Jubel im Hals stecken.

Der Spiegel passte nicht.

Unser Fahrzeug war schlicht zu neu.

Es folgte eine kurze Pause – dann das, was man wohl als typisch bezeichnen kann: Plötzlich waren mehrere Männer beteiligt, es wurde diskutiert, gestikuliert, überlegt. Ein kleines Durcheinander, das aber keineswegs planlos wirkte.

Dann verschwanden sie.

Und kamen kurze Zeit später zurück – allerdings nur mit dem Spiegelglas.

Unser Dolmetscher grinste und erklärte uns, dass sie einfach das Glas einsetzen und den Rest passend machen würden.

Daraufhin gab es erst einmal eine weitere Runde Çay.

Wir beobachteten gespannt, wie gebogen, angepasst, geschraubt und gedrückt wurde. Und tatsächlich – das alte Gehäuse ließ sich wieder erstaunlich gut in Form bringen. In diesem Moment waren wir sehr froh, dass wir damals in Armenien wirklich alle Teile eingesammelt hatten.

Am Ende saß der Spiegel.

Fest.
Stabil.
Und funktionierend.

Was soll ich sagen: Die Reparatur war perfekt. Ein kleiner Riss im Gehäuse erinnerte noch an die ganze Geschichte, aber der Spiegel selbst war eine glatte Eins.

Kostenpunkt:
30 Euro für den Spiegel.
10 Euro für den Einbau.

Dazu ein paar kräftige Händedrücke, viele Grüße an unseren Dolmetscher – und fertig war die Sache.

Den kleinen Not-Spiegel wollten wir eigentlich entsorgen, aber unser Dolmetscher hatte sofort Interesse daran und freute sich ehrlich darüber, als hätte er gerade ein echtes Ersatzteil-Schätzchen bekommen.

So etwas erlebt man nicht überall.

In der Türkei schon.

Darauf einen Çay.

Wir fuhren weiter – erleichtert, zufrieden und ein kleines bisschen stolz darauf, dass wir uns auch aus dieser Situation wieder herausmanövriert hatten.

Und irgendwo unterwegs dachten wir tatsächlich:

Jetzt müsste es doch langsam reichen.

Tat es natürlich nicht.





Illustrationen mittels KI erstellt
 

Kommentare (2)

Wombat

Lach, wenn man eine Reise tut, dann kann man was erleben 😉😃🌞

Greetz from OZ

ginger.one

@Wombat  😁

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