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Ein Tag für mich – gestört durch ein Pflaumenmassaker
Bild KI generiert
Mein Sohn stellte mir morgens vor der Arbeit zwei Eimer Pflaumen hin. Die Früchte mussten vom Baum. Ein Kuchen war schon gebacken, und der Rest landete in zwei Eimern. Also kamen sie ins Auto und auf dem Weg zur Arbeit bei mir vorbei. Praktisch gedacht Pflaumenproblem gelöst. Mama macht. Und tschüss.
Ich sah erst die beiden Eimer an, dann ihm hinterher. Ob ich für diesen Tag vielleicht selbst etwas vorhatte, war in der kleinen Pflaumenlogistik nicht vorgesehen gewesen. Vielleicht wollte ich jemanden treffen. Vielleicht nur ein bisschen raus. Vielleicht hatte ich sogar eine ausgesprochen wichtige Verabredung mit meiner Couch. Mein erster Gedanke war deshalb wenig gelassen: Na prima. Mein Tag hatte sich gerade erledigt.
Ich seufzte. Dann musste ich lächeln. Er hatte es ja nicht böse gemeint. Vermutlich hatte er sich überhaupt nichts dabei gedacht. Die Pflaumen waren da, sie mussten verarbeitet werden – und Mama konnte welche brauchen. Fertig.
Also schüttelte ich mich einmal, krempelte die Ärmel hoch und machte mich an die Arbeit.
Stunden später standen die Gläser gefüllt auf der Arbeitsplatte, die letzten Pflaumen waren verarbeitet und meine Küche glänzte wieder, als hätte dort niemals ein kleines Pflaumenmassaker stattgefunden.
Erst jetzt meldeten sich meine Hände und Beine und teilten mir ziemlich eindeutig mit, dass sie für heute genug getan hatten. Was für ein Tag. Dabei hatte ich mit ihm eigentlich etwas ganz anderes vorgehabt. Ich seufzte noch einmal – diesmal mit einem Lächeln – und ließ mich in meinen ach so geliebten Gedanken-einfach-mal-laufen-lassen-Sessel sinken.
Eine Pflaume hatte das Massaker überlebt. Ich nahm sie, biss hinein und schloss die Augen.
Es dauerte einen Moment. Dann war ich dort.
In meinem Herbstwald.
Den Geschmack des Herbstes noch im Mund, die Farben vor meinem inneren Auge.Mein Herbstwald begleitet mich: Farben, die mich umhüllen, ein Geschmack, der mich lächeln lässt, ein Atemzug, der mich erdet.
Seine Wärme legt sich um mich, weich wie ein Schal, die Farben tief, satt und warm – voller Reife.
Und da ist sie, die Ruhe.
Eine Ruhe, die nicht bremst, sondern trägt. Eine Ruhe, die meinen eigenen Rhythmus atmet.
Und es tauchen Bilder auf von meinen Kindern, die längst ihren eigenen Weg gefunden haben.
Und doch greifen sie immer wieder auf Muttern zurück – ganz selbstverständlich.
Manchmal vergessen sie, dass ich nicht darauf warte, gebraucht zu werden. Nein, für mich ist mein Herbst kein Abschied, kein Ende. Eher ein Aufleuchten, das mich liebevoll daran erinnert, wie viel ich noch vorhabe.
Ich schaue den Blättern zu, während meine Gedanken weiterschweifen. Und ja – vielleicht ist auch die Liebe - Liebe ist wie ein Blatt. Sie wächst fest am Baum, wird vom Sommer getragen und löst sich irgendwann im Herbst. Sie fällt, vergeht. In der Stille und Ruhe des Winters bleibt etwas von ihr zurück – und im Frühjahr kann daraus wieder Neues wachsen.
Langsam öffne ich die Augen. Vor mir steht noch immer meine Küche. Die Gläser auf der Arbeitsplatte, sauber aufgereiht wie kleine Beweise dafür, womit ich diesen Tag verbracht habe. Ich muss lachen. Pflaumen. Zwei Eimer Pflaumen.
Heute Morgen hatte ich noch gedacht, mein Tag hätte sich gerade erledigt. War er das wirklich?
Zwei Eimer Pflaumen, die meinen Tag veränderten. Ohne Absicht. Sie standen einfach vor der Tür.
Ich schaue noch einmal aus dem Fenster hinaus.
Und morgen?
Morgen gehört der Tag mir.
Jedenfalls solange niemand mit zwei Eimern Pflaumen vor der Tür steht.
@Raphaela 29.09.2026
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