Die Kunst, nicht gefallen zu wollen
Guten Tag allerseits!
Das Verlangen, von allen gemocht zu werden, kann extreme Formen annehmen. Eigentlich sollten wir uns davon freimachen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Der Wunsch, gemocht zu werden, ist tief in uns verankert; er stammt aus grauer Vorzeit.
Wenn es um knifflige Fragen geht, hole ich mir gern Rat bei Menschen, die intensiver darüber nachgedacht haben als ich. In diesem Fall bei Rolf Dobelli [1] und Oliver Burkeman [2].
Der Schweizer Autor Rolf Dobelli nennt dieses Verlangen Gefälligkeits- oder Zustimmungssyndrom. Langfristig, sagt er, untergräbt es unsere Freiheit und macht uns abhängig von der Meinung anderer.
Dobelli schlägt vor:
1. Wir sollten uns bewusst machen, dass Ablehnung zum Menschsein gehört.
(Meine Anmerkung: Kein Grund also, uns zu grämen.)
2. Wir sollten uns auf die wenigen Menschen konzentrieren, auf deren Urteil wir wirklich Wert legen.
(Meine Anmerkung: Je älter wir werden, desto überschaubarer wird dieser Kreis. Manche dieser Menschen sind nicht mehr auf der Welt, andere haben wir aus unserem Leben entfernt oder sie sich selbst. Übrig bleibt ein kleiner, aber erlesener Kreis von Menschen, die uns wirklich etwas bedeuten.)
3. Wir sollten Entscheidungen aus innerer Überzeugung treffen, nicht aus dem Wunsch heraus, jemandem zu gefallen.
(Meine Anmerkung: Das ist schwierig. Aber wenn wir es immer wieder versuchen, werden wir besser darin.)
Oliver Burkeman, ein britischer Autor und Journalist, sieht das Ganze etwas anders.
Sein wichtigstes Argument lautet: Unsere Lebenszeit ist zu kurz, um sie mit derartigen Sorgen zu verschwenden. Ablehnung ist letztlich nur ein Gefühl, nichts, was unsere Existenz bedroht. Wer dieses Unbehagen aushält, statt davor zu flüchten, gewinnt ein Stück Autonomie zurück.
(Meine Anmerkung: Person X ist uns nicht gewogen? Na und? Warum sollte uns das kümmern? Etwas daran zu ändern, gehört in die Rubrik „nutzlose Unterfangen“. Das sind selbst auferlegte Aufgaben, die uns Lebenszeit stehlen, ohne uns zu nützen. Also über Bord damit.)
Burkeman sagt uns, dass es mathematisch unmöglich ist, es allen recht zu machen. Wir müssen zwangsläufig Menschen enttäuschen, weil unsere Ressourcen begrenzt sind. Sein Rat: Wähle aktiv aus, wen du enttäuschst, anstatt es dem Zufall zu überlassen.
Zum Schluss noch eine Beobachtung Burkemans:
„Wir verbringen unser Leben damit, uns Sorgen darüber zu machen, was andere von uns denken, dabei denken sie in Wahrheit fast nie an uns. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich Sorgen darüber zu machen, was wir von ihnen denken.“
Hören wir also mit diesem Unfug auf und widmen uns stattdessen den wichtigen und schönen Dingen im Leben.
Herzliche Grüße,
Kurt
[1] Dobelli, Rolf. Die Kunst des klugen Handelns: 52 Irrwege, die Sie besser anderen überlassen. München: Carl Hanser Verlag, 2012.
[2] Burkeman, Oliver. 4000 Wochen: Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement. Aus dem Englischen von Karin Schuler. München: Piper Verlag, 2022.
Kommentare (9)
@Schmetterling04
15. März 2026
Liebe Moni,
vielen Dank für Deinen Kommentar.
Sich nicht verbiegen zu lassen, das liegt auch ganz auf meiner Linie. (Das musste ich im Laufe der Jahre erst mühsam lernen.)
Heute sehe ich das mit der „Freiheit“ und der „Authentizität“ aber etwas anders als früher.
Wenn ich mich entscheide, etwas zu tun, was anderen nicht gefällt, was sie provoziert oder ihnen Kummer bereitet, überlege ich mir heute öfter als früher: Ist es das wirklich wert?
„Alles im Leben hat seinen Preis.“
Freiheit bedeutet für mich nicht mehr unbedingt, aller Welt mitzuteilen, was ich denke, fühle oder meine (die berühmte „Authentizität“, die heutzutage so hoch im Kurs steht).
Ich frage mich häufiger, ob mir meine Authentizität wirklich so wichtig ist, dass ich bereit bin, den möglichen Preis dafür zu zahlen: Konflikte, Missverständnisse, Zeit- und Energieverluste, das Zerbrechen von Freundschaften, … um nur einige Beispiele zu nennen.
Je älter ich werde, umso öfter sage ich mir: Das lohnt sich nicht und halte mich vornehm zurück.
Ein Beispiel: Wir sitzen mit Freunden beim Abendessen. Fröhliche Runde, gutes Essen, die Gläser großzügig mit „geistigen Getränken“ gefüllt. Irgendwann kommt ein „heikles“ Thema zur Sprache (was mit Sicherheit passiert!): Ukrainekrieg, „die heutige Jugend“, Gendern oder was auch immer.
Und schon ist sie da, die Situation, in der man sich entscheiden muss: Mische ich mich ein, und zwar mit Karacho, weil das meinem Wesen entspricht („Ihr habt ja alle keine Ahnung!“), oder schweige ich versonnen („Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben“)?
Mich für Letzteres zu entscheiden, bevorzuge ich inzwischen.
Immer? „Nicht immer, „aber immer öfter“. 😉
Bis demnächst, Moni,
herzliche Grüße
Kurt
@Kurt20
Ja, ich kann Dir da zustimmen, weil auch immer mehr die „Waffe“ stecken lasse und mir meinen „Frieden“ gönne , so ungefähr Ihr werdet es nicht erreichen …….. denk mir meinen Teil!
Das mit dem „immer öfter“ kann ich sehr überzeugt unterschreiben! Werde ich konfliktscheu? Nö eher demütig weil meine Zeit nicht unbegrenzt ist und ich sie
nicht mit unnützen Diskussionen vertun will🤔
Euch Allen einen schönen Sonntag Abend
in 1 Std gibt es Abendessen , in 8 Tagen bin ich wieder zurück! Es grüßt herzlich Euer 🦋
💥💥💥💥💥
Also, Kurt, das da oben sind fünf Sterne von mir für deinen Beitrag/ deine Gesprächs-Idee, und nicht etwa "Explosionen"!
Von mir persönlich "gebastelt", schätze dies bitte!
Die verdienst du.
Vielleicht schaffst du damit eine kleine. . . Galaxie zu machen😋
Es stimmt: Kluge Menschen (u.a. die von dir erwähnten) haben sich mit dem menschlichen Ur-Wunsch "von allen gemocht zu werden" (also durch und durch akzeptiert zu sein) näher beschäftigt.
So ein Wunsch ist zwar unrealistisch, ist aber stark in Mode. Speziell im Internet.
Bei Journalisten, Moderatoren, bei Otto-Normalen, von allerlei Takt-Geber im Politischem und vor allem bei der Spezies Influencer, die ihren "Online-Freunden" über jede ihrer intimen Aktivitäten "pflichtbewusst" berichten.
Im Wort und auch im Bild. . .
Es dürfte wohl sehr spannend für die Letzteren sein, warum sind sie sonst "Freunde"?
Da ich kein Freund des weltbekannten und (technisch-menschlich) weltbenutzten "Follower-Effekt", "Likes" u. ä. sein will, werde manchmal auch ich missverstanden.
Im Real-Leben wird sogar mein Humor nicht von jedem verstanden.
Unglaublich, aber ich lebe noch - und zwar gar nicht so schlecht.
Einfach weil ich den Grund dessen nicht wirklich bei mir finde und darin auch keine Notwendigkeit sehe.
Danke für die Links.
Gruß
Aurora borealis
@Aurora borealis
13. März 2026
Liebe Aurora borealis,
zuerst bedanke ich mich herzlich für die fünf Sterne, die Du für mich gebastelt hast.
***
Es handelt sich tatsächlich um einen dieser „Ur-Wünsche“, tief in uns verankert, wie das Verlangen nach Süßem oder die Angst vor Schlangen.
In der Steinzeit waren solche Reflexe überlebenswichtig, heute allerdings können sie ziemlich nerven.
Der von mir verehrte Dobelli schreibt:
Wir sind eigentlich Jäger und Sammler in Hugo-Boss-Anzügen.
(Zwar trage ich keine Boss-Anzüge, aber das Bild passt einfach zu gut!)
Wir können also erst einmal gar nichts für das tiefe Bedürfnis, gemocht zu werde. Es sitzt tief in unserem Steinzeit-Hirn, wir werden schon damit geboren (so stelle mich mir das jedenfalls, ganz laienhaft, vor).
Heißt das nun, wir sind diesem alten Programm hilflos ausgeliefert? Keine Ahnung. Vielleicht ist die Idee, wir hätten Einfluss darauf, pure Illusion und wir werden einfach nur gesteuert.
Aber bis das bewiesen ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als zu versuchen, unabhängiger zu werden von diesen Steinzeit-Programmen, sofern sie uns schaden.
Das heißt für mich auch, mich dem gängigen Unfug zu entziehen („Follower-Effekt“, „Likes“ u. ä. ) und gelassen zur Kenntnis zu nehmen, dass „mein Humor nicht von jedem verstanden“ wird.
Dazu passt ein Spruch von Burkeman:
„Es ist ein aussichtsloses Unterfangen, das eigene Wohlbefinden davon abhängig zu machen, dass alle anderen um einen herum zufrieden sind.“
***
Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende!
Herzliche Grüße,
Kurt
Naja, Kurt - ehrlich, ich mache mir schon lange keine Gedanken mehr über solch ein Blödsinn, sorry...entweder man mag mich oder nicht. Bin so, wie ich bin, werde immer höflich und freundlich sein, das öffnet manche Türen.
Meine Gedanken gehören anderen Dingen
Die Aussagen von Burkeman gefallen mir..., kurz , knapp und gut !
Kristine
@werderanerin
13. März 2026
Hallo Kristine,
glasklar, konsequent und nach meinem Geschmack.
Nur: Nicht jede und jeder kann das. Bei manchen Menschen lässt sich das tiefe Bedürfnis, es anderen recht zu machen, nicht einfach „abschalten“.
Die meisten von uns schätzen das Gefühl, gemocht, anerkannt und akzeptiert zu werden. Und daran ist ja auch nichts Verkehrtes.
Manche aber sind so stark davon abhängig, dass es ihr Leben beeinträchtigt.
Für solche geplagten Seelen können vielleicht Ratschläge, wie sie Dobelli, Burkeman und andere parat haben, nützlich sein.
***
Dir ein schönes Wochenende!
Herzliche Grüße
Kurt
Hallo Kurt,
ich denke auch, man kann nicht allen gefallen.
Für mich ist wichtig, authentisch zu bleiben, Interesse an anderen zu zeigen, und ein gesundes
Selbstwertgefühl zu entwickeln. Symphathie und Freundlichkeit, Zuhören und Lächeln, anstatt sich zu verbiegen.
Liebe Grüße von Ingrid
@Ingira
13. März 2026
Ja, liebe Ingrid, Du hast das Glück, so „gestrickt" zu sein.
Ich gebe mir ebenfalls Mühe, diesem Ideal näherzukommen. Aber selbstbewusst für sich selbst einzustehen, lernt man leider nicht in der Schule (dafür viel anderes, unnötiges Zeug).
Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der Individualität keine Rolle spielte, ja sogar verpönt war. Das „Kollektiv" stand im Mittelpunkt und Gehorsam gegenüber Autoritäten. Das hinterlässt Spuren; im Gehirn und im Verhalten.
Im Laufe der Zeit habe ich mir beigebracht, authentischer zu sein, ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln und mein Wohlbefinden weitgehend unabhängig vom Wohlwollen anderer zu machen. Oder besser gesagt: Das Leben hat es mir beigebracht.
Und heute? Dem Ideal nahezukommen gelingt mir noch längst nicht immer, und vielleicht ist das auch gar nicht nötig.
Aber, um einen meiner Lieblingssprüche zu zitieren: „Nicht immer. Aber immer öfter." 😉
Schönes Wochenende und liebe Grüße,
Kurt
Hallo Kurt
Oft erwische ich mich , etwas zu tun was aus der „Rolle“ fällt, nix mag ich weniger denn „Einheitsbrei“zu sein.
Z.B. ging ich mit einer Bekannten hier shoppen, eine neue Jeans sollte es sein, da sinnierte meine Bekannte dunkelblau sollte angemessen sein aber keine mit „Löchern“ , okay es wurde eine mit Flecken und zugesteppten Stellen, nix für eine 75jährige aber bin ICH das?
ICH bin Berlinerin, denen geht „Normal“ am A vorbei und wenn jemand mich nicht so mag wie ICH bin darf weiter ziehen , „Glück auf“ wünsche Jedem Gesundheit und ein langes Leben , mich zu genießen ist intensiv und explosiv. vielleicht erheiternd, niemals langweilig😉🦋 Gruß von Moni